Anschläge im Wandel der Zeit

Es spricht viel dafür, dass die Anschläge beim Boston Marathon islamistisch motiviert waren; Genaueres wird sich aber vermutlich erst im Verhör mit dem 19-jährigen Überlebenden herausstellen. kath.net fragt heute dennoch händereibend: „Boston: Hat der Islam die Attentäter von Boston beeinflusst?“

Vor knapp zwei Jahren, als Anders Breivik in Norwegen Bomben legte, Jagd auf Jugendliche machte und sich in seinem irren Manifest als Christ bezeichnete, reagierte kath.net etwas anders:

25. Juli 2011: Anschläge in Norwegen: Der Täter ist kein frommer Christ

26. Juli 2011: Norwegischer Attentäter definitiv kein gläubiger Christ

26. Juli 2011: ‚Fundamentalistische Christen gibt es nicht!‘

Otterbeck übt noch

Andreas Englisch muss dem kath.net-Team bei einem Vatikanbesuch die letzte Oblate weggeschnappt haben, anders ist der jüngste Ausfall von Franz Norbert Otterbeck kaum zu erklären:

Englisch übt noch
Englisch ist der meistüberschätzte Nichtkenner des Vatikans […] der dürftige Katholik aus Werl […] der kirchlich nur halb-gebildete Schnüffler mit der guten Nase […] der flotte Schreiber […] der sicherlich keinen Zugang zum inneren Zirkel hat, sondern sich die „Fakten“ in Bars und an Hoteltresen zusammenlauschen muss […] der Hektiker […] der Edeldilettant […] die eigentlich religiöse Dimension kann der Wahlrömer vor lauter „Lutherzorn“ kaum empfinden […] der rasende Reporter […] Andreas Englisch – vielleicht doch ein Logenbruder auf Urlaub im Heiligen Bezirk? Ich sage nur: Bertelsmann!

Bemerkenswert ist, dass sich die angedeutete Verschwörungstheorie um Bertelsmann und Freimaurerei fast ausschließlich auf so schrecklichen Seiten wie „DerHonigmannsagt“, „Luebeck-kunterbunt“ oder „die-rote-pille“ findet. Andererseits: Wahrscheinlich war Otterbeck, wie Englisch, gerade in Eile und musste sein Pamphlet fristgerecht abschicken.

Prioritäten setzen ii

Rückblick, November 2011: Die Taten des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) werden öffentlich bekannt – drei Nazis fuhren jahrelang ungehindert durch die Republik und töteten vornehmlich Migranten. 10 Menschen fielen ihnen zum Opfer, dazu ging ein Nagelbombenattentat in Köln 2004 auf das Konto der Rechtsradikalen.

Besonders schockiert wirkte kath.net damals nicht: Mit einigen Wochen Verspätung wurde am 25. November ein Gastbeitrag des idea-Chefredakteurs Helmut Matthies veröffentlicht, der „Jetzt kann alles nur besser werden!“ jauchzte, schließlich sinke „die Zahl Rechtsextremer seit Jahren“. Matthies relativierte damals die Gefahr von rechts, indem er sich die Bildung einer kirchlichen Arbeitsgemeinschaft gegen „Linksextremismus“ wünschte, die „besonders schlimme Fremdenfeindlichkeit“ namens Abtreibung anprangerte und rhetorisch fragte: „Haben „Rechte“ keine Menschenwürde?“

Einen Tag später prangerte Wolfgang Polzer die „Sehbehinderung“ der evangelischen Kirche an: Sie müsse angesichts der NSU-Mordserie „bitte gegen jeden […] menschenverachtenden Extremismus“ vorgehen, wobei auch er triumphierend die „Gewalt von linken Anarchisten“ hervorhob.

Eine tatsächliche Auseinandersetzung mit braunem Gedankengut fand freilich weder in diesen beiden noch in anderen kath.net-Beiträgen statt – wie auch, hielt doch die Redaktion die Gastkommentare eines Neonazis nur wenige Monate zuvor noch für unbedenklich.

Während sich die Betroffenheit damals also in recht engen Grenzen hielt, gibt man sich heute bestürzt: Im Gerichtssaal, wo das Verfahren gegen Beate Zschäpe ab dem 17. April stattfinden soll, wurde das Kreuz abgehängt, „in vorauseilendem Gehorsam“, wie kath.net pikiert feststellt. Die Leser halten das in souveräner Empörung für „Verrat“ (macie“), beschimpfen die Verhandlung als „Schauprozess“ (Prophylaxe) oder fordern gleich „OLG absetzen statt Kreuz abhängen!“ (rosengarten1997).
Womit das ganze Elend, das sich auf kath.net seit Jahren abspielt, anschaulich beschrieben wäre.

All the news, all the time ii

9. April, 7:50 Uhr in der kath.net-Redaktion, es wird händeringend nach einem Artikel für einen guten Start in den Tag gesucht: Gähnen allseits, es ist früh, man will zurück ins Bett (allein). Aber, wirft da ein Redakteur schließlich ein, war nicht neulich irgendein Typ von den Evangelen beim Papst? Nach kurzer Recherche fällt den müden Recken ein KNA-Beitrag auf, der am Tag zuvor auf katholisch.de erschien und den Vatikanbesuch des EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider behandelt – besser als nichts. Schnell die beiden goldenen Regeln des Onlinejournalismus (Strg+C, Strg+V) beherzigt, dann gibts endlich Kaffee. Mhm, Kaffee.

Weil die weiteren Nachrichten des Vormittags aber nur wenig Substanz bieten, surft ein gelangweilter Redakteur nach dem ausgiebigen Frühstück noch einmal auf den KNA-Artikel – und erschrickt. „Unter Brüdern“ heißt der und berichtet davon, wie begeistert Schneider vom Treffen gewesen sei. Man habe gemeinsam das Vaterunser gebetet und auch wenn nicht alle Fragen geklärt wurden, verspreche sich Schneider nun einen „ökumenischen Frühling“, da Franziskus in diesem Punkt nicht in der Tradition Benedikts stehe und außerdem Hölderlin liebe, einen „einstigen Studenten der evangelischen Theologie“ – – -
[Die alte Version des kath.net-Artikels lässt sich über die Google Cache-Funktion finden]

Aufgelöst macht der Redakteur den Inhalt des Artikels bekannt, durch die ausgeklügelte Rohrpostanlage sind binnen 20 Minuten alle Redaktionsmitglieder informiert. In einer Krisensitzung entscheidet man sich zur einzig richtigen Notlösung: Der KNA-Artikel wird ersatzlos gestrichen, an seine Stelle kommt ein Gemeinschaftswerk aus kath.net, KNA, KAP und Idea, die alte URL wird übernommen. Statt „Unter Brüdern“ heißt es nun ein wenig nüchterner „Deutscher evangelischer Ratsvorsitzender trifft Papst“, Schneiders Schwärmerei wird ebenso gestrichen wie eine Schilderung seiner Berührungspunkte mit Franziskus.

Stattdessen werden die Ereignisse in Rom in aller Kürze und betont humorlos geschildert, ehe es dann endlich lustig wird: In drei Absätzen kommt der Publizist Hubert Windisch zu Wort, der alle Hoffnungen auf Ökumene ausschlägt: „Die Zahl der Fehlentwicklungen in der evangelischen Kirche sei zu groß“, klatscht kath.net Beifall und zitiert genüsslich Windischs Diagnose: „gravierende theologische und ethische Defekte“ seien in der evangelischen Kirche festzustellen. Außerdem informiert er die geneigten Leser, dass Luther Antisemit war – und weil in der Katholischen Kirche judenfeindliche Bestrebungen zweifellos zu keiner Zeit festzustellen waren, führt er den Punkt dann auch nicht weiter aus.

Um alle Zweifel auszuräumen, dass es sich beim vorliegenden Text tatsächlich um einen echten kath.net-Artikel handelt, werden noch einige Reizworte eingebaut: In der evangelischen Kirche werde „die sogenannte „Homoehe“" anerkannt; und als sei das noch nicht genug, wird an das „Pfarrdienstgesetz, das schwulen und lesbischen Pfarrern und Pfarrerinnen das Zusammenleben und Wirken in einem evangelischen Pfarrhaus ermöglicht“, erinnert. Schrecklich, das. Die Redakteure schütteln sich und nicken anschließend anerkennd: Jetzt können sie guten Gewissens zu Mittag essen. Mhm, Mittagessen.

Danke für die Hinweise an Heinrich und seine Unheiligkeit.

Mit Heraklit und Holey gegen den Klimawandel

Es ist Frühling, zumindest theoretisch. Die Krokusse könnten bereits in voller Blüte stehen, die Seen zum Anbaden einladen, die Tauben im Park fröhliche Lieder schmetternd vergiftet werden.

Wäre da nicht der Schnee, der kath.net Jahr für Jahr zu mäßig klugen Artikeln inspiriert, in denen der Klimawandel geleugnet wird. 2008 wurde „die quasi-religiöse Sicht des Klimawandels“ kritisiert, 2009 dazu aufgerufen, „einen kühlen Kopf“ zu bewahren. 2011 stellte idea-Chef Helmut Matthies fest: „Klimawandel: Aber der Herr lachet ihrer…“, einige Monate später wurde die „Überraschung“ publiziert, dass „die Sonne […] in den Winterschlaf“ gehe.

Auch in diesem Jahr ist es ein Text von idea, der die bewusst offene Frage „Gibt es den von Menschen gemachten Klimawandel gar nicht?“ erörtern soll und der, um es mit den Worten von kath.net-Chef Roland Noé alias „Gandalf“ zu sagen, „aus „pro“ und „contra“" besteht: „Zum Thema „Klimawandel“ etc.“ gäbe „es inbes. in der Fachwelt auch immer pro und contra“, weshalb die Rolle des Klimawandelskeptikers dann auch von Wolfgang Thüne gespielt wird.

Der Text von Thüne, der als ehemaliger „Fernseh-Meteorologe beim ZDF“ beworben wird, ist weniger bemerkenswert als das Medienleben des Autors – mehr dazu gleich. Thüne schreibt, der Klimawandel sei „ein Werk des Schöpfers“, zieht Pythagoras und Aristoteles heran und nennt abschließend Heraklit, der sicher kein dummer Mann war, zur Erderwärmung im 20. und 21. Jahrhundert allerdings nur bedingt zitierfähig ist.

Tatsächlich war Wolfgang Thüne von 1971 bis 1986 Meteorologe im ZDF, bekam aber bereits 1988 schlechte Presse, als sich die ZEIT mit der Vergabe von Doktortiteln in Würzburg beschäftigte. Thüne hatte dort gerade promoviert und problematische Quellen benutzt: Er habe sich in der Arbeit, so die ZEIT, auf den Rassenkundler und NS-Minister Wilhelm Frick bezogen und eine Publikation aus einem Neonazi-Verlag genutzt, um zu beweisen, „daß Politik „ein Kampf um Raum“ ist.“ Während er diese Quellen direkt angab, habe er bei Zitaten von Hesse und Hemingway auf eine „längst verschollene „Kleine Geschichte der modernen Weltliteratur“ von 1950″ zurückgegriffen, bei Fontane auf ein Werk des „einstigen NS-Barden Karl Götz“.

Seit den 1990er Jahren tritt Thüne, wie Psiram (ehemals Esowatch) notiert, als Gegner des Klimawandels auf und nutzte nicht nur semi-seriöse Portale wie kath.net zur Verbreitung seiner Thesen:
2004 soll Thüne laut Psiram beim sogenannten „Regentreff“, einer Konferenz von Verschwörungstheoretikern, aufgetreten sein. Tatsächlich werben die Seiten des „Regentreffs“ noch heute für DVDs von Thüne, zu seinem Vortrag lässt sich allerdings nichts Genaues finden. Das ZDF-Magazin „Aspekte“ soll damals folgendermaßen berichtet haben:

Regelmäßig treffen sich überall in Deutschland esoterische Verschwörungstheoretiker, auch im Städtchen Regen. Letzten Samstag waren dort knapp 200 Besucher anwesend. Von Rechtsextremismus distanziert man sich. Zumindest offiziell.

Hier in Regen zirkuliert das neueste Werk Jan van Helsings. Ganz offen werden daneben auch Bücher bekannter Rechtsextremer vertrieben. Auch der braune UFO-Wahn wird hier vermarktet. Und bereits am Eingang findet sich sogar Werbung für verfassungsfeindliche Bücher, die den Massenmord an Juden leugnen. Zynisch heißt es in einem Prospekt: „Wussten Sie schon – dass die SS in den Konzentrationslagern mit teuerster High Tech versuchte, das Leben der dortigen Häftlinge zu retten?“

Der auf pseudowissenschaftliche Medien spezialisierte Schild Verlag vertreibt ein Video mit Thüne namens „Die Klima-Lüge“ – direkt neben DVDs mit formschönen Titeln wie „ChemTrails – Griff nach der Weltherrschaft?“, „Kann man Seelen wiegen?“ oder „HAARP – eine Erdbeben- und Tsunamiwaffe?“. 2012 veröffentlichte Thüne, mittlerweile im Präsidium des Bundes der Vertriebenen, den Aufsatz „Zum Mysterium und Martyrium Ostpreußens“ in den Eckartschriften der Österreichischen Landsmannschaft, wo 2005 eines Nazi-Kriegsverbrecher gedacht wurde. Ein aus der Berliner Zeitung kopierter Leserbrief Thünes findet sich auf einer Seite namens neue-medizin.com, auf der die unwissenschaftliche und braun angehauchte sog. „Germanische neue Medizin“ propagiert wird.

Ob Thünes Leserbrief dort mit seiner Erlaubnis auftauchte, ist unklar; und auch sein vermeintlicher Auftritt beim „Regentreff“ macht ihn nicht notwendigerweise zum Antisemiten oder Revisionisten. Offenbar wird allerdings eine Nähe zu der komplett realitätsfremden Szene der Esoteriker und Verschwörungstheoretiker – und die Erkenntnis, dass Thüne mit der von Noé erwähnten „Fachwelt“ nicht viel am Hut haben kann.

Bei Youtube gibt es Videos von Thüne, die für den Internetsender „Secret TV“ produziert wurden. „Secret TV“ wurde 2007 von Jan Udo Holey und Familienmitgliedern ins Leben gerufen – Holey ist Autor von „durchgängig antisemitischen Schrift[en]“ (Staatsanwaltschaft Mannheim, 1996), in denen von einer jüdischen Weltherrschaft fabuliert wird. Holey wehrte sich damals, sein Buch richte sich weniger gegen Juden als „vielmehr ausschließlich gegen die Hintergrundmächte, Weltverschwörer, Freimaurer, Rotarier“. Eine Rhetorik, die auch aus kath.net- und Kathpedia-Artikeln über Freimaurer nicht völlig unbekannt ist.