Archiv der Kategorie 'Wirres'

#Glashaus ii

kath.net veröffentlicht heute einen Gastkommentar, in dem sich Autor Michael Schäfer Sorgen um die Karriere eines Journalisten macht: Der FAZ-Redakteur Daniel Deckers „dreht durch!“, verspricht die Überschrift. Deckers habe sich in unflätiger Weise über Homosexuelle im Vatikan geäußert, was Schäfer zu einem Rundumschlag nutzt: Schwule seien an allem Schuld, besonders am Missbrauchsskandal. Explizit erwähnt er dabei David Berger, der kreuz.net zu Fall brachte und der „seine Haut (und nicht nur diese) in einschlägigen Gay-Foren im Internet zu Markte getragen“ hätte. Es überrascht in diesem Zusammenhang nicht, dass Schäfer im letzten Dezember einen fast wehmütigen kreuz.net-Nachruf publizierte, in dem er zusammenfasste:

Unverkennbar hat der Feldzug von Berger, Beck und Genossen ein übergreifendes Ziel: die katholische Kirche in Deutschland auf Linie zu bringen und das heißt im konkreten Fall: ihre abweichende Meinung zum Thema „Homosexualität“ endgültig auf den Index der Political Correctness zu setzen.

Das wirklich Komische an Schäfers aktuellem Text ist aber die Scheinheiligkeit, mit der suggeriert wird, FAZ-Autor Deckers setze „seinen journalistischen Ruf aufs Spiel“. Ein solcher Satz auf kath.net, wo der journalistische Ruf mit Gastkommentaren eines deutschen Neonazis, Mordaufrufen in der Kommentarspalte oder von kreuz.net gemopsten Überschriften schon mehr als nur einmal aufs Spiel gesetzt wurde…
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Ich habe dann mal, der Schäferschen Logik folgend, die kath.net-Überschriften der nächsten Wochen gebastelt:
- FDP-Politiker Brüderle prangert Sexismus an – Lob von Kuby
- Gloria.TV-Chef Reto Nay lenkt ein: „Es tut mir alles so entsetzlich leid!“
- Laun konvertiert zu Scientology: „Einfach die besseren Argumente“
- ‚Die Priester‘: Doch nicht die beste Band aller Zeiten?
- ‚JungeChristin‘: „Einige meiner besten Freunde sind homosexuell“
- „Die Kommentarfunktion bleibt dauerhaft deaktiviert, weil ihr, geschätzte Leser und willige Spender, unserem guten journalistischen Ruf schadet.“

Dirndlgate und was Voltaire nie dazu sagte

Es gehört zu den Eigenheiten von Menschen mit Hang zum Rechtspopulismus, selbst hemmungslos auszuteilen und sich beim leisesten Anflug von Kritik ins Schneckenhaus der Opferrolle zurückzuziehen. Das tat Thilo Sarrazin, der seine rassistischen Thesen in den beiden auflagenstärksten Medien der Republik verbreiten durfte, sein Buch millionenfach verkaufte und sich trotzdem als von „deutschen Inquisatoren“ verfolgt ausgab.

Birgit Kelle, die es mit ihrem mäßig klugen Beitrag „Dann mach doch die Bluse zu!“ zur Sexismus-Debatte der letzten Wochen (vgl. hier) auch in die ZDF-Talkshow von Markus Lanz schaffte, wiederholt diesen unsinnigen Reflex. In einem nun auch auf kath.net veröffentlichten Artikel berichtet sie von der Rezeption ihres Beitrags, freut sich über „Post von Männern und Frauen“, empört sich über „wüste Beschimpfungen und Beleidigungen von der Toleranzfraktion“ und trägt, während Sexismus gegenüber Frauen von ihr konsequent verharmlost wird, Beispiele von Sexismus gegenüber Männern zusammen, die sie per Mail erreicht hätten. Zum Beispiel:

- Die Studentin, die halb ausgezogen zum Gespräch über die zu scheiternde Promotion kommt …
- Die Schülerinnen, die im Sommer „fast in Unterwäsche“ im Unterricht sitzen …

Nachdem sie einmal mehr impliziert hat, dass Frauen an Übergriffen selbst Schuld sind, pullt sie den Sarrazin und klagt, „die Political Correctness“ habe sich „wie Mehltau über den normalen demokratischen Austauch gelegt“:

Zweifeln Sie mal am menschgemachten Klimawandel. Argumentieren Sie mal sehr sachlich gegen ein Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare. Oder zitieren Sie in einer Talkshow mal ganz wertfrei Thilo Sarrazin.

Die schrecklichen Folgen: Hohe Auftrittsgagen, Millionenpublikum im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, Jobs bei (neu-)rechten Medien wie Kopp Verlag und Junge Freiheit.
Als Heilmittel empfiehlt sie einen französischen Aufklärer:

Wer Toleranz fordert, muss sie auch selber aufbringen. Im besten Sinne nach Voltaire: „Ich teile Ihre Meinung nicht, ich werde aber bis zu meinem letzten Atemzug kämpfen, dass Sie Ihre Meinung frei äußern können.“ Was für ein großartiger Satz!

Das vermeintliche Zitat Voltaires, ohne das auch kein Kommentarstrang unter PI-News-Artikeln auskommt, hat er nie in den Mund genommen. Es stammt von der britischen Schriftstellerin Evelyn Beatrice Hall, die den Satz in ihrer 1906 veröffentlichten Voltaire-Biographie benutzte, um dessen Geisteshaltung zu beschreiben.

Andererseits ist das Scheitern am korrekten Zitat, das zeigen ihre Ergüsse zur #Aufschrei-Diskussion, Birgit Kelles geringstes Problem.

Expertenmeinung zur Vanity Fair

Dass die hohen Auflagen von Boulevardzeitschriften eigentlich nur durch einen Deal mit dem Teufel erklärbar sind, ist eine Binsenweisheit. kath.net-LeserIn „Mysterium Ineffabile“ kann sich deshalb auch über den Vanity Fair-Coverboy Georg Gänswein nur so mittel freuen und hält dankenswerterweise fest, was in einer von linkslinksteufelsroten Medien dominierten Welt nur allzu oft verschwiegen wird:

Nein!
ic halte sowohl das Verhalten dieser Illustrierten als auch die Tatsache, dass so was von anderen Medien aufgenommen und „beschrieben“ wird, für unmöglich. Eine totale Respektlosigkeit gegenüber dem Erzbischof, der Präfekt des Päpstlichen Hauses und engster Mitarbeiter des Papstes ist. Ein für den Widersacher typisches Handeln.

Das Dagegen-Portal ii

Martin Werlen sollte sich einmal an eine größere Zeitung wenden und darum bitten, mit Lobeshymnen auf wahlweise Jesus, Maria oder Papst Benedikt zitiert zu werden. Es wäre keine große Überraschung, wenn kath.net auch diesen Äußerungen vehement widersprechen und einen Skandal daraus basteln würde – schließlich nimmt kath.net „Brandstifter“ Werlen jeden einzelnen Satz übel, seit er dem Linzer Portal Interview und Gastkommentar verweigerte. Alles Nötige zum aktuellen Fall steht bei Volker, an dieser Stelle nur kurz zu zwei Begriffsklärungen:

umstritten, wie in „in der katholischen Kirche selbst ist das Engagement von Abt Martin Werlen umstritten“, bedeutet auf kath.net: kath.net ist mit dem Engagement von Abt Martin Werlen nicht einverstanden, da er sich für so menschenverachtende Dinge wie die innerkirchliche Gleichberechtigung von Frauen einsetzt.

beliebt, wie in „der bekannte und bei vielen Gläubigen sehr beliebte polnische Priester Andreas Skoblicki“ bedeutet auf kath.net: Dieser Geistliche ist tatsächlich umstritten, weil er Schüler als ‚Schande und Bedrohung Gottes‘ beschimpft haben soll. Den linkslinkslinkslinksgrünen Medien zum Trotz entfacht kath.net in einem solchen Fall keinen Shitstorm, sondern gibt den betreffenden Priestern Rückendeckung und fährt mit ihnen gern in den Urlaub nach Polen.

Kein iPhone, kein Messias, (k)ein Grund zur Aufregung

Man kann über kath.net ja sagen, was man will, aber immerhin ist das Linzer Portal auch von Zeit zu Zeit für echte Überraschungen gut: Völkische Artikel eines Neonazis veröffentlichen, sie nach Bekanntwerden seiner Identität löschen und darauf bestehen, dass sie inhaltlich ok gewesen wären – das war schon ziemlich kreativ. Das Pochen darauf, dass Ausdrücke wie „Neger“ in Kinderbüchern kein Problem seien. Artikel über Antisemitismus, unter denen sich LeserInnen judenfeindlich äußern dürfen, das ist ebenfalls ganz großes Kino. Und Beiträge von Andreas Unterberger, der eine rechte Zeitung für „Neger“-Beschimpfungen von Migranten in Schutz nahm, neben Gastkommentaren, die angesichts der NSU-Terrorserie einen schärferen Kampf gegen links fordern --

Nein, langweilig wird es mit kath.net nie. Dazu trägt aktuell auch ein redaktioneller Beitrag von Johannes Graf bei. Graf beschwert sich über eine Karikatur im ‚Standard‘, wo die drei heiligen Könige in der Ausgabe vom 24. Dezember die Krippe zu Bethlehem besuchen, von Josef aber mit „Ohne I-Phone kein Messias!! Basta!!!“ abgewiesen werden. Das Bildchen ist so egal, wie es sich anhört, wird von Graf aber zu einer „antichristliche[n] Karikatur“ aufgeblasen, die „das Weihnachtsfest, die Heilige Familie und die Heiligen Drei Könige“ verhöhne, was „viele Christen“ schmerze. „Dem Karikaturisten“, stellt Graf fest, „ist eine Beziehung zwischen einem gläubigen Christen und Gott wahrscheinlich völlig fremd“, andernfalls „würde er eine solche Zeichnung, die gläubige Christen zumindest kränkt, hoffentlich nicht veröffentlichen.“

Weil Graf aber ahnt, dass diese Vorwürfe ziemlich unhaltbar sind, sucht er vorsichtshalber nach weiteren Kritikpunkten: Josef gehöre zur Gruppe „jüdischer Geschäftsleute (Zimmermann)“, weshalb der Wunsch nach einem iPhone „Habgier“ ausdrücken könne, was wiederum ein „beliebtes antisemitisches Vorurteil“ sei. Da der Verweis auf antisemitische Stereotype zwar grundsätzlich korrekt, in diesem Fall aber sehr, sehr weit hergeholt ist, sichert Graf sich vor etwaigen Klagen ab:

Dem Standard und seinem Karikaturisten soll hier kein Antisemitismus vorgeworfen werden. Dies würde im völligen Widerspruch zur Ausrichtung des Blattes und seines Gründers Oscar Bronner stehen.

Richtig liegt Graf indes bei seiner Bewertung der Darstellung des in der Mitte der Karikatur abgebildeten Königs „dunkler Hautfarbe“. Dieser wird mit überlebensgroßen Lippen und Augen gezeichnet, was Graf zu Recht mit „rassistischen Darstellungen“ vergleicht, bloß um den Vorwurf daraufhin ebenfalls rhetorisch abzumildern.

Der kath.net-Beitrag ist nicht nur aufgrund seiner Scheinheiligkeit bemerkenswert; der letzte Absatz beschäftigt sich mit ‚Standard‘-Werbespots im Programm des Wiener Kirchensenders ‚Radio Stephansdom‘: Die Spots seien „schwer zu erklären“ und „mögen einer persönlichen Verbindung geschuldet sein“, sollten aber „spätestens nach dieser Karikatur“ überdacht werden. Das wird in auf einer Seite namens kreuz-net.info, die erst gestern bekannt wurde, sehr ähnlich, wenn auch weniger diplomatisch formuliert. Dort findet sich ein Beitrag, der angeblich vom 26. Dezember stammen soll und sich, da antisemitisch, nur mit den vermeintlich antikatholischen und rassistischen Gesichtspunkten der Karikatur beschäftigt. kreuz-net.info fordert, dass Kardinal Schönborn „einmal den Medien gegenüber Rückgrat“ zeigen und „die unzumutbare „Standard“-Werbung“ abstellen solle – „Wir werden nachfragen!“.

In der kath.net-Kommentarspalte sind die Reaktionen gemischt. Während die bekannten Hardliner wie „Dismas“ oder „goegy“ über eine rote Diktatur nachgrübeln, gibt selbst „Morwen“ zu bedenken, dass es kontraproduktiv sei, „sich wegen jedem kleinen unfrommen Witz aufzuregen“. Und „Seramis“ schließt:

Meine Güte – man kann es auch übertreiben…
Die Zeichnung scheint zwar nicht besonders witzig zu sein, aber der Vorwurf, antichristlich zu sein, ist völlig überzogen. Auf die Idee, Joseph würde damit die Heiligkeit abgesprochen, muss wirklich erst mal kommen. Auch der Vorwurf, das antisemitische Klischee von habgierigen Geschäftsleuten würde hiermit bedient, wirkt konstruiert, zumal diese Stereotypen sich eher auf Bankiers und ähnliches bezogen. Einen Handwerksberuf wie den des Zimmermanns durften Juden nämlich im christlichen Europa jahrhundertelang gar nicht ausüben!

Die Weihnachtsgeschichte gehört nun mal zu unserer Kultur und ist auch Nichtchristen bestens bekannt. Folglich darf sie auch in Karikaturen verwendet werden, ohne dass sich daraus ein spezifisch religiöser Bezug ergäbe. Eine „Verhöhnung der Heiligen Familie“ kann ich somit nicht erkennen. Allerdings ist die beschriebene Zeichnung dann auch ziemlich beliebig: Man kann sie jedes Jahr mit einem neuen „must-have“ variieren: iPhone, Computer, HD-Tv et