Archiv der Kategorie 'Rechter Rand'

Noch viel weniger wissen mit Kathpedia

Eine kleine Quellenkritik zum Kathpedia-Artikel über Freimaurer, anknüpfend an einen längeren Text aus dem Sommer 2012.

Karl Heise (1872-1939):
In der Kathpedia-Literaturliste wird Karl Heises Werk ‚Die Entente-Freimaurerei und der Weltkrieg‘ genannt. Das 1919 erschienene Buch stellt den Versuch einer Umdeutung des 1. Weltkriegs dar. Heise warf den Freimaurern vor, für den 1. Weltkrieg verantwortlich gewesen zu sein und dient im Kathpedia-Artikel ironischerweise als Kronzeuge für die den Freimaurern zugeschriebene Liebe zur Lüge. Er fantasierte von einer jüdischen Verbindung zu Großlogen, redete von der „geheimnisvolle[n] russische[n] Diplomatie, die den ganzen Westen Europas ständig in Aufregung hält, [und] von Juden organisiert“ sei und stellte fest, dass sich „unter diesem Gesichtspunkt auch manche russische Pogrome begreifen“ ließen.
‚Die Entente-Freimaurerei und der Weltkrieg‘ wurde in den 1980er-Jahren neu aufgelegt und vom „Verlag für ganzheitliche Forschung und Kultur“, der dem Umfeld des vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften „Bund für deutsche Gotterkenntnis“ zuzuordnen ist, vertrieben. In Rudolf Steiner fand Heise einen Freund und Förderer, der auch das Vorwort zum besagten Buch beisteuerte. Später verschrieb sich Heise der Rassenlehre, verfasste zusammen mit dem führenden NSDAP-Politiker Alfred Rosenberg Zeitungsbeiträge („Der rote Faden in der Freimaurerpolitik der Gegenwart“) und erhielt begeisterte Rezensionen im ‚Völkischen Beobachter‘.

Robert Prantner (1931-2010):
‚Freimaurerei und Kirche sind unvereinbar‘ wurde von Hans Baum und Robert Prantner verfasst. Während Informationen über dieses Buch praktisch nicht verfügbar sind, sprechen Prantners an anderer Stelle publizierten Ausfälle eine deutliche Sprache, die eine Einordnung ermöglichen. In der österreichischen Zeitschrift ‚Zur Zeit‘, für die auch Andreas Laun einen Gastkommentar schrieb, verbreitete Prantner im Jahr 2000 („55 Jahre nach Ende des blutigen Zweiten Weltkrieges, in dem in der Mehrzahl mit Gott verbundene gläubige Menschen den gottlosen Bolschewismus abzuwehren versuchten“) antisemitische Klischees und anderen gefährlichen Unfug: Er beklagte sich dort über fehlende Demut „jüdischer Persönlichkeiten“ für „sogar blutige Verbrechen jüdischer Vertreter (nicht „des Judentums“ an sich) an katholischen Christen“: „Es wäre eine Verfälschung der Geschichte, etwa bestimmte Ritualmorde zu mittelalterlicher Zeit dem phantasiebestimmten „Haß des Nationalsozialismus“ zuzuschreiben.“
2002 gab er in ‚Zur Zeit‘ eine Einschätzung zu den Anschlägen vom 11. September ab: Er hielt die Selbstmordattentate islamistischer Terroristen für „einen logistisch und generalstabsmäßig vorbereiteten amerikanischen „Selbstunfall“". Wenige Wochen später widerrief er diese Verschwörungstheorie und erklärte den israelischen Geheimdienst Mossad für verantwortlich – der habe die Taten begangen, „um die amerikanische öffentliche Meinung gegen die Araber und den Islam an sich aufzuwiegeln.“

Gary Allen (1936-1986):
Von Allen wird ‚Die Insider, Baumeister der Neuen Weltordnung‘ empfohlen, im Original heißt das Buch ‚None dare call it a conspiracy‘, der Untertitel lautet ‚The plan of the international bankers to create a world socialist super-state‘. Das strikt antikommunistische Werk verbreitet u. a. krude Verschwörungstheorien über jüdische Familien, die Adolph [sic!] Hitler finanziert hätten, folglich nicht in Konzentrationslagern gelandet seien und den Krieg aus „luxuriösen Hotels in Paris“ verfolgt hätten. Allen, Mitglied der amerikanischen Rechtsaußen von der John Birch Society, konstruiert in dem Buch eine „Gruppe amerikanischer Finanziers“ namens „Insider“, die nicht nur den Kommunismus in Russland etabliert, sondern auch in Versailles „die Weichen für den 2. Weltkrieg gestellt“ und Hitler nach Belieben jeweils gefördert oder bekämpft hätten. Zu diesen Insidern zählt Allen neben allerlei mittlerweile selbst unter eingefleischten Verschwörern aus der Mode gekommenen Gruppierungen wie dem Book of the Month Club auch Politiker wie John F. Kennedy, Dwight D. Eisenhower, Richard Nixon und Henry Kissinger sowie die Bilderberger. Im Schlusswort appelliert Allen, „Wake up America!“. Wenngleich einige nach der Lektüre des Buchs „in der gleichen Woche aufwachen und aufgeben“ würden, sei die Situation nicht hoffnungslos, denn die „Insider“ könnten bekämpft werden. „Ihr seid die Achillesferse der Insider“, ruft Allen aus und schließt: „Niemand kann sich gegen den Sozialismus wehren, solange Republikaner und Demokraten Sozialismus verbreiten. Und genau das wollen die Insider“.

Rudolf Graber (1903-1992):
Graber war von 1962 bis 1982 Bischof von Regensburg und hinterließ zahlreiche Veröffentlichungen, so auch zum Thema Freimaurerei; im Kathpedia-Artikel wird auf sein Buch ‚Athanasius und die Kirche unserer Zeit‘ verwiesen. Der Verlag preist das Werk folgendermaßen an: „Schon Papst Paul VI. sprach davon, daß der „Satan durch einen Spalt in den Tempel Gottes eingedrungen“ sei. Diesem satanischen Plan, Geheimbünden und Maulwürfen spürt dieses Buch nach und berührt damit die Frage nach den Ursachen.“
Wenngleich in seinem Kathpedia-Lebenslauf kein Wörtchen über sein Leben zwischen 1933-45 verloren wird, ist Graber ein Musterbeispiel für tatsächlich existente Verbindungen zwischen Katholiken und Nationalsozialisten. 1933 hielt er eine Rede, die als „Deutsche Sendung“ bekannt wurde. Darin verklärte er Hitler als „Retter, Vater und irdische[n] Heiland“, rief zu einem „Kampf gegen das Judentum“ auf, der die „instinktive Abneigung des ganzen deutschen Volkes“ zum Ausdruck bringen solle. Das dritte Reich sei die „Rettung des Abendlandes vor dem Chaos des Bolschewismus, asiatischer Barbarei“, und so solle Deutschland die Welt beherrschen, nicht „das verworfene Israel“. Auf Kathpedia heißt es ein wenig blumiger: „Mit einem feinen Gespür für den Pulsschlag der Zeit gelang es ihm [Graber], fruchtbare Beziehungen zu Persönlichkeiten und Bewegungen aufzubauen, die ebenso wie er, aus christlicher Schau die Zeitprobleme zu bewältigen suchten.“

Maurice Pinay alias Joaquín Sáenz y Arriaga (1899-1976):
Kathpedia nennt auch das unter Pseudonym veröffentlichte Buch ‚Verschwörung gegen die Kirche‘, für das Joaquín Sáenz y Arriaga verantwortlich zeichnete. Arriaga war ein katholischer Geistlicher, der 1972 exkommuniziert wurde, da er das zweite vatikanische Konzil ablehnte und sich dem Sedisvakantismus zuwandte. ‚Verschwörung gegen die Kirche‘ wurde im Verlag Anton Schmidt veröffentlicht, der auch Werke von Johannes Rothkranz führt, etwa ein Buch mit dem vielversprechenden Titel ‚Die Protokolle der Weisen von Zion – erfüllt‘. Rothkranz gehörte bis 2006 zur Piusbruderschaft, bis er selbst dort aneckte und ausgeschlossen wurde.
Das Buch ‚Verschwörung gegen die Kirche‘ wird vom Verlag mit Verweis auf „die jüdisch-freimaurerische Gefahr“ angepriesen, der Kampf gegen Freimaurer sei auch einer „gegen die Synagoge Satans“. ‚Verschwörung gegen die Kirche‘ sei von „eine[r] kleine[n] Gruppe entschieden glaubenstreuer Bischöfe und Priester im Herbst 1962″ verfasst worden, um „die Konzilsväter“ über „die inzwischen extrem bedrohlich gewordene «jüdisch-freimaurerische Gefahr» umfassend in Kenntnis zu setzten und eindringlich vor ihr zu warnen.“ Das Werk sei daraufhin an alle Konzilsväter ausgeteilt worden, aber „unter den bereits machtvoll vom jüdisch-freimaurerischen Zeitgeist erfaßten, bequem und lau gewordenen Priestern und Gläubigen“ auf keine große Resonanz gestoßen. „Der endzeitliche Große Abfall vom Glauben mit seiner gleichzeitigen Hinwendung zum kommenden jüdischen Pseudomessias, dem Antichristen“, sei nicht mehr aufzuhalten gewesen, weshalb das Buch auch von der Bildfläche und aus den Antiquariaten verschwunden sei. Während die Verlagsinfo die „Konzilskirche“ noch als „jüdisch-freimaurerisch inspirierte und gelenkte Gründungsversammlung einer neuen häretischen Großsekte apokalyptischer Prägung“ beschimpft, wird die Neuauflegung von ‚Verschwörung gegen die Kirche‘ als nichts geringeres als eine „Pioniertat“ gefeiert.

Manfred Adler (1928-2005):
Die Werke des auf Kathpedia hochverehrten Adler werden im Freimaurer-Artikel ausführlich genannt, u. a. wird auf seine Trilogie ‚Die Söhne der Finsternis‘ eingegangen, die in den 1970er-Jahren im Miriam Verlag erschienen und dort teilweise noch immer zu beziehen ist. Adler war Geistlicher und Lehrer, der nach Bekanntwerden seiner literarischen Betätigung vom Schuldienst suspendiert wurde. Seine Werke zur Freimaurerei sind von Verschwörungstheorien und Antisemitismus durchzogen, so hielt er etwa die ‚Protokolle der Weisen von Zion‘ für authentisch.
Den Auftakt der Trilogie machte ‚Die geplante Weltregierung‘, die der Verlagsinformation zufolge wahlweise aus der „Verschwörung der Insider-Imperialisten“ (vgl. Gary Allen), der „Bilderberg-Gruppe“ oder den „Weltherrscher[n] der Finsternis“ bestehe. Im zweiten Teil namens ‚Weltmacht Zionismus‘ wurde es dann offen judenfeindlich: Adler ließ sich über die „sprichwörtliche Geschäftstüchtigkeit und politische Skrupellosigkeit“ der Juden aus, prangerte die „freimaurerische Propaganda“ an, und sprach von „Vertretern der internationalen Hochfinanz“, die den „moralischen Bankrott“ sowie „den Untergang dieser Gesellschaft“ zum Ziel hätten. Außerdem wird über den Holocaust sinniert und darüber, wer daran die größere Schuld getragen habe: „Nazis oder Zionisten“?
Teil 3, ‚Theologische Finsternis‘ wird in einschlägigen Shops dahingehend beworben, dass Adler „gleich in mehrere Wespennester gestochen“ habe, was ihm „die Betroffenen“ auf „ihre Weise gedankt“ hätten: Ein angeblicher „Europadirektor der jüdischen Weltloge“ habe Adler als „„Lügenpriester“ und „Paranoiden“ bezeichnet“, während er von den wahren Kennern indes, jenen „Freunden der Wahrheit“, „viel Anerkennung und Dank“ erfahren habe. Das 1992 veröffentlichte Werk ‚Die Freimaurer und der Vatikan‘ wird vom Verlag schließlich und mutmaßlich nicht zu Unrecht als „in mehr als einer Hinsicht bestürzend“ angepriesen.
Bemerkenswert ist ein Thread im kathnews-Forum, das ebenfalls zu kath.net gehört. Dort wurde Manfred Adlers Werk ‚Kirche und Loge‘ zur weiteren Lektüre empfohlen. Tatsächlich griff Administrator Roland Noé alias „Gandalf“ auf derselben Seite tadelnd ein und löschte – allerdings nur die vermeintliche „Freimaurer-Propaganda“ eines anderen Users.

Der Kathpedia-Artikel wurde seit Erscheinen des oben verlinkten Beitrags im Juni 2012 nicht mehr nennenswert verändert, sämtliche Literaturempfehlungen wurden beibehalten, was Fragen aufwirft. Zum Beispiel diese: Wieso hat die kath.net-Redaktion augenscheinlich kein Problem damit, dass auf einem ihrer Portale für antisemitische und revisionistische Bücher geworben wird?

Kein iPhone, kein Messias, (k)ein Grund zur Aufregung

Man kann über kath.net ja sagen, was man will, aber immerhin ist das Linzer Portal auch von Zeit zu Zeit für echte Überraschungen gut: Völkische Artikel eines Neonazis veröffentlichen, sie nach Bekanntwerden seiner Identität löschen und darauf bestehen, dass sie inhaltlich ok gewesen wären – das war schon ziemlich kreativ. Das Pochen darauf, dass Ausdrücke wie „Neger“ in Kinderbüchern kein Problem seien. Artikel über Antisemitismus, unter denen sich LeserInnen judenfeindlich äußern dürfen, das ist ebenfalls ganz großes Kino. Und Beiträge von Andreas Unterberger, der eine rechte Zeitung für „Neger“-Beschimpfungen von Migranten in Schutz nahm, neben Gastkommentaren, die angesichts der NSU-Terrorserie einen schärferen Kampf gegen links fordern --

Nein, langweilig wird es mit kath.net nie. Dazu trägt aktuell auch ein redaktioneller Beitrag von Johannes Graf bei. Graf beschwert sich über eine Karikatur im ‚Standard‘, wo die drei heiligen Könige in der Ausgabe vom 24. Dezember die Krippe zu Bethlehem besuchen, von Josef aber mit „Ohne I-Phone kein Messias!! Basta!!!“ abgewiesen werden. Das Bildchen ist so egal, wie es sich anhört, wird von Graf aber zu einer „antichristliche[n] Karikatur“ aufgeblasen, die „das Weihnachtsfest, die Heilige Familie und die Heiligen Drei Könige“ verhöhne, was „viele Christen“ schmerze. „Dem Karikaturisten“, stellt Graf fest, „ist eine Beziehung zwischen einem gläubigen Christen und Gott wahrscheinlich völlig fremd“, andernfalls „würde er eine solche Zeichnung, die gläubige Christen zumindest kränkt, hoffentlich nicht veröffentlichen.“

Weil Graf aber ahnt, dass diese Vorwürfe ziemlich unhaltbar sind, sucht er vorsichtshalber nach weiteren Kritikpunkten: Josef gehöre zur Gruppe „jüdischer Geschäftsleute (Zimmermann)“, weshalb der Wunsch nach einem iPhone „Habgier“ ausdrücken könne, was wiederum ein „beliebtes antisemitisches Vorurteil“ sei. Da der Verweis auf antisemitische Stereotype zwar grundsätzlich korrekt, in diesem Fall aber sehr, sehr weit hergeholt ist, sichert Graf sich vor etwaigen Klagen ab:

Dem Standard und seinem Karikaturisten soll hier kein Antisemitismus vorgeworfen werden. Dies würde im völligen Widerspruch zur Ausrichtung des Blattes und seines Gründers Oscar Bronner stehen.

Richtig liegt Graf indes bei seiner Bewertung der Darstellung des in der Mitte der Karikatur abgebildeten Königs „dunkler Hautfarbe“. Dieser wird mit überlebensgroßen Lippen und Augen gezeichnet, was Graf zu Recht mit „rassistischen Darstellungen“ vergleicht, bloß um den Vorwurf daraufhin ebenfalls rhetorisch abzumildern.

Der kath.net-Beitrag ist nicht nur aufgrund seiner Scheinheiligkeit bemerkenswert; der letzte Absatz beschäftigt sich mit ‚Standard‘-Werbespots im Programm des Wiener Kirchensenders ‚Radio Stephansdom‘: Die Spots seien „schwer zu erklären“ und „mögen einer persönlichen Verbindung geschuldet sein“, sollten aber „spätestens nach dieser Karikatur“ überdacht werden. Das wird in auf einer Seite namens kreuz-net.info, die erst gestern bekannt wurde, sehr ähnlich, wenn auch weniger diplomatisch formuliert. Dort findet sich ein Beitrag, der angeblich vom 26. Dezember stammen soll und sich, da antisemitisch, nur mit den vermeintlich antikatholischen und rassistischen Gesichtspunkten der Karikatur beschäftigt. kreuz-net.info fordert, dass Kardinal Schönborn „einmal den Medien gegenüber Rückgrat“ zeigen und „die unzumutbare „Standard“-Werbung“ abstellen solle – „Wir werden nachfragen!“.

In der kath.net-Kommentarspalte sind die Reaktionen gemischt. Während die bekannten Hardliner wie „Dismas“ oder „goegy“ über eine rote Diktatur nachgrübeln, gibt selbst „Morwen“ zu bedenken, dass es kontraproduktiv sei, „sich wegen jedem kleinen unfrommen Witz aufzuregen“. Und „Seramis“ schließt:

Meine Güte – man kann es auch übertreiben…
Die Zeichnung scheint zwar nicht besonders witzig zu sein, aber der Vorwurf, antichristlich zu sein, ist völlig überzogen. Auf die Idee, Joseph würde damit die Heiligkeit abgesprochen, muss wirklich erst mal kommen. Auch der Vorwurf, das antisemitische Klischee von habgierigen Geschäftsleuten würde hiermit bedient, wirkt konstruiert, zumal diese Stereotypen sich eher auf Bankiers und ähnliches bezogen. Einen Handwerksberuf wie den des Zimmermanns durften Juden nämlich im christlichen Europa jahrhundertelang gar nicht ausüben!

Die Weihnachtsgeschichte gehört nun mal zu unserer Kultur und ist auch Nichtchristen bestens bekannt. Folglich darf sie auch in Karikaturen verwendet werden, ohne dass sich daraus ein spezifisch religiöser Bezug ergäbe. Eine „Verhöhnung der Heiligen Familie“ kann ich somit nicht erkennen. Allerdings ist die beschriebene Zeichnung dann auch ziemlich beliebig: Man kann sie jedes Jahr mit einem neuen „must-have“ variieren: iPhone, Computer, HD-Tv et

Die kath.net-Highlights 2012 – Platz 4

Platz 4: Gepflegter Revisionismus

Was war passiert?
Nachdem kath.net 2011 ein „lokales Medientheater“ überstehen musste, weil bekannt wurde, dass Artikel eines Neonazis veröffentlicht wurden, begann das Jahr 2012 mit zuvor nicht gekannter Vorsicht: Ein der Piusbruderschaft nahestehender Autor bot einen Gastkommentar an, was kath.net nach eingehender Google-Recherche nicht nur per Mail, sondern auch noch mit einem redaktionellen Beitrag ablehnte. Zu nah stehe der Jungjournalist Holocaustleugner Richard Williamson, und auf antisemitische oder revisionistische Äußerungen habe man so gar keine Lust.
Diese neue Richtlinie wurde in den vergangenen zwölf Monaten in der Kommentarspalte – worauf wir in den nächsten Tagen noch ausführlicher zu sprechen kommen werden – dutzendfach ignoriert; aber auch einige Artikel der kath.net-Redaktion lassen auf eine Schulzeit schließen, in der dem Geschichtsunterricht nicht die größte Priorität beigemessen wurde.
Im Juli 2011 wurde ein russisch-orthodoxer Geistlicher auf kath.net mit seiner bedingt klugen Meinung zitiert, Abtreibung sei „der schlimmste Holocaust der Geschichte“. Brav benutzte kath.net-Autor Johannes Graf den Konjunktiv, um den Anschein von Distanz zu wahren, was dann so klang: „[Abtreibung] habe mittlerweile mehr Menschenleben gefordert, als beide Weltkriege, sagte er“. Zur Kritik an der offensichtlichen Geschichtsklitterung fehlte Graf wohl die Zeit, denn die Worte des Geistlichen wurden unkommentiert im Raum stehen gelassen und fanden unter den LeserInnen so große Zustimmung, dass der Revisionist in der Kommentarspalte zu Demonstrationen eingeladen wurde.
Vor wenigen Tagen erst verblüffte kath.net dann mit einem Beitrag, in dem die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare mit rassenhygienischen Maßnahmen der Nazis verglichen wurde: Zwischen 1940 und 1941 wurden im Rahmen der sog. Aktion T4 mehr als 70.000 psychisch kranke oder behinderte Menschen getötet. Die päpstliche Kritik an der Homo-Ehe wurde von Autorin Lucetta Scaraffia explizit mit den „Worte[n] des Bischofs von Galen gegen die von Hitler gewollte Aktion T4″ verglichen. Beide sorgten sich, so Scaraffia, gleichermaßen um „eine Verteidigung der menschlichen Kultur, dessen, was sie an Höchstem hervorgebracht hat“.

Exemplarische Lesermeinung:

Holocaust als Vergleich der Schrecklichkeit passt – anders ist es auch nicht zu verstehen und ich denke es wird auch kein vernünftiger Mensch anders interpretieren.

Man kann die Abtreibung gar nicht überhart beschreiben – wir müssen diese Tötung laut anmahnen – umgekehrt sind Bezeichnungen wie Schwangerschaftsabruch eine perverse Verniedlichung.

In meiner Jugend hat man den älteren den Vorwurf gemacht – wie kann man nur Hitler gewählt haben und wie kann ein Volk nicht aufschreien bei all dieser elendigen Menschverachtung. Heute sind wir dran und wer jetzt schweigt wird in einigen Jahren von der nächsten Jugend das gleiche gefragt werden.

(„Sodale“ hier)

Nach- und weiterlesen:
- Eine unerwartete Wendung
- Über präpubertären Geschichtsrevisionismus muss man nicht diskutieren
- Das Höchste der menschlichen Kultur

Die kath.net-Highlights 2012 – Die Plätze 10-6

Platz 10: Eitelkeit und Selbstmitleid

Was war passiert?
Am Schweizer Abt Martin Werlen statuierte kath.net im November 2012 ein Exempel: Weil der als eher liberal bekannte Werlen weder ein Interview geben noch einen Gastkommentar schreiben wollte, reagierte die kath.net-Redaktion wie ein kleines Kind, dem man einen Lutscher wegnimmt ein kleiner katholischer Fundamentalist, dem man die signierte Erstausgabe von Gabriele Kubys Buch „Die globale sexuelle Revolution“ stibitzt. kath.net-Chef Roland Noé machte die zuvor ausgetauschten Emails daraufhin öffentlich und prangerte Werlen in gewohnt sachlicher Art und Weise als „Brandstifter“ und „Dialogverweigerer“ an.

Exemplarische Lesermeinung:

Warum ist Abt Martin noch im Amt?
Ja, warum?

(„Vonderwiege“ hier)

Nach- und weiterlesen:
- Eitelkeit und Selbstmitleid
- Eitelkeit und Selbstmitleid ii
-> Das verweigerte Interview (Lectio Brevior)

Platz 9: Die Oblinger-Affäre

Was war passiert?
Der katholische Priester Georg Oblinger hatte sich die ‚Junge Freiheit‘, wo er eine eigene Kolumne unterhielt, als ersten Zwischenposten auf dem Weg zur ganz großen publizistischen Karriere ausgesucht. Weil die ‚Junge Freiheit‘ aber auch ehemaligen Mitgliedern faschistischer Terrororganisationen, kath.net-Gastkommentatoren, NPD-Chefs und Autoren, die Zweifel an der offiziellen Holocaust-Opferzahl anmelden, eine Plattform bietet, war das Augsburger Bistum im Januar nicht besonders erfreut über Oblingers journalistische Betätigung und verbot dem Pfarrer weitere Veröffentlichungen in der JF. kath.net fand das, was angesichts der JF-Bannerwerbung und den vielen personellen wie inhaltlichen Übereinstimmungen kaum überrascht, nicht so toll. Wütend wurde über „Zensur“ respektive „Schreibverbot“ geschimpft, die Kontaktadresse des Bistums verlinkt und, um den Streit noch imposanter zu gestalten, erlogen, die JF sei die „zweitgrößte Wochenzeitung Deutschlands“. Das wäre bei einer Auflage von circa 21.000 Exemplaren gegenüber 930.000 beim Spiegel und etwa 500.000 bei der Zeit eine kleine Überraschung.
Der Fall war der erste große Aufreger des Jahres und führte sogar dazu, dass kath.net die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der UN, die Charta der Grundrechte der Europäischen Union und das deutsche Grundgesetz bemühte: Schließlich verletze das „Schreibverbot“ Oblingers Menschenrecht auf freie Meinungsäußerung.

Exemplarische Lesermeinung:

Ich sehe bei der JF auch keinen „Rechtsextemen Hintergrund“.
„Deutschnational“ entspricht nicht meiner Denkrichtung aber ich halte es für völligen Unfug, ja verleumderisch, diese Einstellung mit einem „Braunen Sumpf“ zu verbinden. Wenn man die heutige „Mainstream-Presselandschaft“ mit ihrer atheistischen oder gnostischen Linkslastigkeit betrachtet, könnte man fast der Meinung sein, die DDR hätte sich modernisiert und Westdeutschland übernommen!! Dem müssen wir als Katholiken verantwortungsbewusst entgegentreten!

(„Dismas“ hier)

Nach- und weiterlesen:
- Wer nicht passt, wird passend geschwiegen
- Wieso man die Junge Freiheit guten Gewissens doof finden darf
- Narrenfreiheit für einen Pfarrer?
- Beste Gesellschaft

Platz 8: Wirbel um ein Pfarrgemeinderatsmitglied

Was war passiert?
Irgendwo in der niederösterreichischen Provinz liegt Stützenhofen, das zur eher übersichtlichen Gemeinde Drasenhofen gehört. Dort gibt es nicht viel, außer einem Museum für alte Traktoren. Dennoch fand der Ort Erwähnung auf kath.net: Ein Stützenhofener Pfarrgemeinderatsmitglied lebt offen homosexuell, wofür ihn kath.net öffentlich bloßstellte und tadelte. Ihm sei es aufgrund seiner sexuellen Orientierung unmöglich, die Glaubenslehre der Kirche anzuerkennen. Die Proteste schienen erfolgreich, denn der mit kath.net eng vernetzte Wiener Kardinal Schönborn nahm sich der Sache persönlich an, die Messe schien gelesen. Dann die Überraschung: „Erlaubt Kardinal Schönborn homosexuellen Pfarrgemeinderat?“, titelte kath.net ungläubig und musste die Frage wenig später bejahen. Der kath.net-Kolumnist und im Netz als „Pfaffenheini“ bekannte Pfarrer Christian „I am not gay, although this may be politically incorrect / it’s a pleasure to live like this in fact“ Sieberer forderte das Pfarrgemeinderatsmitglied wenig subtil auf, der Homosexualität abzuschwören, andernfalls werde es Ärger aus Rom geben. Es half alles nichts, zähneknirschend gab kath.net klein bei und meidet Stützenhofen seitdem weiträumig.

Exemplarische Lesermeinung:

Verstehe ich das richtig: arbeitet tatsächlich ein Homosexueller, der in einer eingetragenen Partnerschaft lebt, bei der Caritas mit behinderten Kindern?
Mir scheint die hauptberufliche kirchliche Arbeit mit behinderten Kindern NOCH FRAGWÜRDIGER zu sein als der ehrenamtliche Einsatz.

(„Bene16″ hier)

Nach- und weiterlesen:
- The KKK took his schlimme Abirrung away
- The KKK took his schlimme Abirrung away ii

Platz 7: Dauerwerbesendung für die rechte Sache

Was war passiert?
Der Sommer war Ende September 2012, wie oft zuvor, dem Herbst gewichen, der wiederum eine Ahnung des bevorstehenden Winters ins Land warf. Vielleicht hatte kath.net die Bannerwerbung des Miriam-Verlags also nur wegen des unschlagbaren Sonderangebots für Weihnachten („Nussschalen-Krippe“, 1,80€) akzeptiert und dabei das Buchsortiment aus den Augen verloren. Der Miriam-Verlag führt in seinem Angebot nämlich unter anderem auch Werke von Manfred Adler. Adler war Autor antisemitischer und verschwörungstheoretischer Abhandlungen über „Die Söhne der Finsternis“, zu denen der frühere Lehrer vor allem Freimaurer und Juden zählte. Der Miriam-Verlag bietet, mutmaßlich aus rechtlichen Gründen, mittlerweile nur noch drei Bücher Adlers an. Dabei fehlen seine bekanntesten, in den Siebzigern ebenfalls bei Miriam erschienenen Bücher über die „internationale Hochfinanz“, die „sprichwörtliche Geschäftstüchtigkeit und politische Skrupellosigkeit“ der Juden und Fragen wie: Wer trägt die größere Schuld am Holocaust: „Nazis oder Zionisten?“
Weiterhin bietet der Miriam-Verlag indes ein Adlersches Werk an, das sich mit der „Verschwörung der Insider-Imperialisten“ ebenso eingehend beschäftigt wie mit der „Bilderberg-Gruppe“ und dem „Vatikan und die Weltherrscher der Finsternis“. Die Werbebanner sind bis heute nicht von kath.net verschwunden.

Exemplarische Lesermeinung:
-

Nach- und weiterlesen:
- Dauerwerbesendung ii
- Noch weniger wissen mit Kathpedia

Platz 6: Eine nicht ganz ideale Überschrift

Was war passiert?
„In Deutschland schrumpft die evangelische Kirche schneller als die katholische“, leitete kath.net im Juli einen von der evangelikalen Nachrichtenagentur idea verfassten Artikel ein. Wie so oft bestand die Eigenleistung der Redaktion im Bebildern und Überschreiben eines Pressetextes. Das misslang allerdings gründlich: Die Überschrift „ProtestUNTEN – Evangelische Kirche schrumpft schneller als katholische“ hielt sich, mutmaßlich aufgrund massiver Proteste, nicht lange. Das ist wohl nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass „Protestunten“ eine der liebsten Hassvokabeln im Diffarmierungsarsenal von kreuz.net war.

Exemplarische Lesermeinung:
-

Nach- und weiterlesen:
- Keine gute Überschrift
-> Screenshot

Das Höchste der menschlichen Kultur

Es ist nicht das erste Mal, dass kath.net einen Artikel veröffentlicht, in dem der Nationalsozialismus verharmlost wird. Osservatore Romano-Autorin Lucetta Scaraffia übt sich auf dem Linzer Portal heute im Geschichtsrevisionismus und lobt den Kampf gegen die Homo-Ehe, den Papst Benedikt führe, „um die Menschheit vor sich selbst zu retten, vor den Gefahren die sie läuft, wenn sie unvernünftigen und gefährlichen Utopien nachjagt“:

Es ist nicht das erste Mal, daß ein Papst die Zeitgenossen vor den Gefahren der von ihnen übernommenen Ideologien warnt, deren Gefahren sie nicht sehen. Es mag genügen an die anprangernden Hinweise Pius XI.’ gegenüber der Eugenik zu denken, die in jener Zeit von fast allen, auch den katholischen Wissenschaftlern vertreten wurde: Warnungen, die bestätigt wurden von den schrecklichen Formen der Selektion, die nicht nur von seiten des Naziregimes praktiziert wurden.

Und wie könnte man die Worte des Bischofs von Galen gegen die von Hitler gewollte Aktion T4 vergessen, mit der die psychisch Kranken ausgerottet werden sollten, unter dem Schweigen aller anderen Länder?
[…]
Es handelt sich um eine Verteidigung der menschlichen Kultur, dessen, was sie an Höchstem hervorgebracht hat – häufig, nicht immer, inspiriert von der Religion.

Die Homo-Ehe als neue Aktion T4, die systematische Ermordung von mehr als 70.000 Menschen auf einer Stufe mit der rechtlichen Gleichstellung von Homosexuellen.
Die Veröffentlichung eines solchen Artikels ist, auch unabhängig von der jüngst verstummten kreuz.net-Propaganda („Homo-Gestapo“, „Homo-Nazis“), mindestens dumm beschämend traurig jämmerlich verräterisch absurd mutig.