Archiv der Kategorie 'Rechter Rand'

Prioritäten setzen ii

Rückblick, November 2011: Die Taten des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) werden öffentlich bekannt – drei Nazis fuhren jahrelang ungehindert durch die Republik und töteten vornehmlich Migranten. 10 Menschen fielen ihnen zum Opfer, dazu ging ein Nagelbombenattentat in Köln 2004 auf das Konto der Rechtsradikalen.

Besonders schockiert wirkte kath.net damals nicht: Mit einigen Wochen Verspätung wurde am 25. November ein Gastbeitrag des idea-Chefredakteurs Helmut Matthies veröffentlicht, der „Jetzt kann alles nur besser werden!“ jauchzte, schließlich sinke „die Zahl Rechtsextremer seit Jahren“. Matthies relativierte damals die Gefahr von rechts, indem er sich die Bildung einer kirchlichen Arbeitsgemeinschaft gegen „Linksextremismus“ wünschte, die „besonders schlimme Fremdenfeindlichkeit“ namens Abtreibung anprangerte und rhetorisch fragte: „Haben „Rechte“ keine Menschenwürde?“

Einen Tag später prangerte Wolfgang Polzer die „Sehbehinderung“ der evangelischen Kirche an: Sie müsse angesichts der NSU-Mordserie „bitte gegen jeden […] menschenverachtenden Extremismus“ vorgehen, wobei auch er triumphierend die „Gewalt von linken Anarchisten“ hervorhob.

Eine tatsächliche Auseinandersetzung mit braunem Gedankengut fand freilich weder in diesen beiden noch in anderen kath.net-Beiträgen statt – wie auch, hielt doch die Redaktion die Gastkommentare eines Neonazis nur wenige Monate zuvor noch für unbedenklich.

Während sich die Betroffenheit damals also in recht engen Grenzen hielt, gibt man sich heute bestürzt: Im Gerichtssaal, wo das Verfahren gegen Beate Zschäpe ab dem 17. April stattfinden soll, wurde das Kreuz abgehängt, „in vorauseilendem Gehorsam“, wie kath.net pikiert feststellt. Die Leser halten das in souveräner Empörung für „Verrat“ (macie“), beschimpfen die Verhandlung als „Schauprozess“ (Prophylaxe) oder fordern gleich „OLG absetzen statt Kreuz abhängen!“ (rosengarten1997).
Womit das ganze Elend, das sich auf kath.net seit Jahren abspielt, anschaulich beschrieben wäre.

Andreas Laun und der Stein der Weisen

Es gibt drei Dinge, die man über Andreas Laun wissen sollte: Der Salzburger Weihbischof hat erstens (möglicherweise) einen Heiligenschein, der seinen Kopf auf ausgewählten Fotos krönt; er schreibt zweitens gerne rassistische Märchen und publiziert diese drittens, wenn die rechte Zeitschrift ‚Zur Zeit‘ keinen Platz für sie hat, auf kath.net.

Heute fischt Laun wieder in den trüben Gewässern, in denen Rechtspopulisten so gern ihre Köder auswerfen: Die EU zeige, empört sich Laun, „autodestruktive Tendenzen, eine Tendenz in die Richtung eines totalitären Unrechts-Staates“. Er kontrastiert die Europäische Union mit dem liebsten autoritären Regime der kath.net-Redaktion, Ungarn:

Ungarn hingegen ist viel eher ein Asyl für jene, die die Rechtsstaatlichkeit einfordern und darum verfolgt werden.

Ungarn unter der Fidesz-Regierung, ein Land, in dem Milch und Honig braune Soße fließt: Handlangern der Nazis werden Statuen errichtet, Theaterintendanten durch rechtsradikale Hetzer ersetzt, militante Bürgerwehren gestärkt, die Sinti und Roma einschüchtern und im Notfall wohl gewaltsam zum Schweigen bringen sollen. Zsolt Bayer, Mitbegründer der Fidesz-Partei, ist, wie Die Presse notierte, für seine „beispiellosen Hasstiraden gegen Juden“ bekannt: Missliebige Gremien stellt Bayer als „entartet“ oder „jüdisch unterwandert“ dar, eine Antisemitismusforscherin bezeichnete er als „Mistkäfer“. Bayer, ein Freund von Regierungschef Orban, schimpfte vor einigen Jahren in einem Artikel über linke Politiker und Künstler, man hätte sie im Wald von Orgovany verscharren sollen – dort fand nach dem 1. Weltkrieg tatsächlich ein Massaker statt.

Andreas Laun indes, der noch nie durch übermäßige Recherche aufgefallen ist, lenkt ein:

Ungarn ist wie ein rettendes Rückzugsgebiet, in dem das wahre Europa überleben könnte. Das heißt nicht, dass alle Gesetze im heutigen Ungarn ideal oder auch nur gut wären. Um das zu beurteilen, müsste man viele Einzelheiten wissen.

Weil Laun aber viele Einzelheiten tatsächlich nicht weiß, poltert er weiter. Die EU müsse sich auf ihre christlichen Wurzeln besinnen, sich von der verhassten „politischen Korrektheit“ distanzieren und endlich begreifen, dass Hitler nicht schlimmer als Stalin war. Bzw.:

Drittens bräuchte die EU den Mut zu sehen, wie und wo der Geist Hitlers und Stalins im heutigen Europa wirklich überlebt und von ihr, der angeblich so hochmoralischen EU, sogar gefördert wird.

Dass er damit natürlich nicht nur „die Euthanasiedebatte“ meint, sondern auch die Homo-Ehe – geschenkt, für kluge Gedanken war Laun schließlich noch nie besonders empfänglich. Immerhin ist er stets für einen guten Scherz zu haben:

„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“, formulierte B. Brecht

Mit dem Sozialisten Brecht gegen den Sozialismus argumentieren, das hat Stil.

Während die Betrachtung seines Kopfschmuckes für Launs aktuellsten Erguss keine besondere Relevanz hat, lohnt es durchaus, sich das eingangs zitierte Märchen vor Augen zu halten. Laun stilisierte damals in einem wirren Brunnengleichnis Migranten zu salzigem, ergo unbrauchbaren Wasser, das in Konkurrenz zu den guten einheimischen Brunnen steht. Auch seine Veröffentlichung im FPÖ-Magazin ‚Zur Zeit‘, in dem (nicht von Laun stammende) Artikel schon mal mit „Deutschland erwache!“ beendet werden, kommt nicht von ungefähr.

Laun versucht sich in Zeiten des zunehmenden Vertrauensverlustes in die katholische Kirche als „einer von uns“, der „endlich mal ausspricht, was alle denken, sich aber niemand zu sagen traut“, denn „armes Deutschland!“, bzw. Österreich. Ein durchaus erfolgsversprechender Versuch, politisch ungebildete PI-Leser zu binden; ein Gegenentwurf zu den von kath.net verabscheuten „Kartoffelsackbischöfen“ (O-Ton Reto Nay, ebenda). Während sich kath.net von der FPÖ distanziert, hat man den eigenen kleinen Rechtspopulisten in Salzburg sitzen, wo er seinen KLARTEXT in die Tastatur kippt.

Laun wirft mit Begriffen um sich, zu denen jedeR eine Meinung hat – wer wollte schon bezweifeln, dass die EU eine Diktatur plant, bei den ganzen absurden Gurkenrichtlinien, unchristlichen Schulkalendern, der vermaledeiten Bürokratie und Edmund Stoiber. Europäische Wurzeln sind ebenfalls ein Muss, auch wenn man, wie Laun, ganze Epochen am liebsten aus dem kollektiven Gedächtnis streichen möchte. Und wo die „vielen Einzelheiten“ fehlen, müssen eben mächtige Worte folgen: Stilblüten wie „autodestruktive Tendenzen“, „totalitärer Unrechts-Staat“ oder „Verbrechen der Nazis“, von denen man im Zusammenhang der Parole ‚Niemals vergessen‘ „eigenartigerweise […] fast nur“ rede, sprechen für sich.

Es ist bizarr: kath.net braucht keine ehrenamtlichen Beiträge von Laien, keine skandalträchtigen Gastkommentatoren aus der rechten Szene und keine peinlichen Rechtstreitigkeiten mit Kritikern: Den größten Schaden für das Image des Portals – und in diesem Fall auch und besonders für die katholische Kirche insgesamt, den schafft Weihbischof Andreas Laun immer noch selbst.

Expertenmeinung zu staatlicher Gewalt

kath.net-Forist und Mathematikstudent „el_presidente“ rechnet gern. Unvergessen ist sein seitenlanger Versuch, die Beziehung zwischen (missionierenden) Atheisten und rechtgläubigen Katholiken auf eine Formel herunterzubrechen, für die er mit den Begriffen „Raubpopulation R“ und „Beutepopulation B“ jonglierte. Nun gibt es Neuigkeiten – nach dem erfolglosen Ausflug in die Biologie demonstriert er aktuell seine historischen Kenntnisse:

1. Ja, ich bin davon überzeugt, daß jede staatliche Gewalt, auch die des NS-Regimes, von Gott kommt; in dieser Frage möchte ich sogar behaupten, daß ich die Wahrheit kenne. 2. Ja, ich bin davon überzeugt, daß Graf von Stauffenberg ein Mörder ist. Der Mann wurde übrigens vom Volk heilig gesprochen, nicht von der Kirche.

Ähnlichkeiten zum Fall des Deutschen Burschenschafters, der den Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer als „Landesverräter“ bezeichnete und sein Todesurteil für gerechtfertigt hielt, sind vermutlich nur rein zufällig.

Danke für den Hinweis an „Diskordianerpapst“.

Expertenmeinung zum Nazideutschland 2.0

Weil Martin Lohmann mit seiner etwas „verstaubten“ (Linda Noé) Sicht der Dinge durch die Talkshowlandschaft tingelte und aneckte, zog die Macromedia Hochschule für Medien die nötigen Konsequenzen und kündigte das Arbeitsverhältnis. kath.net erklärt das jetzt mit routinierter Empörung zu einem schweren Fall von „Kathophobie“, und Leser „templariusz777″ lässt sich zu einem interessanten Vergleich verleiten:

Willkommen…
im Nazi-Deutschland 2.0. Früher waren es die Juden, welche an öffentlichen Bildungsorten nicht mehr erwünscht waren, jetzt müssen alle gewissenhaften Katholiken damit rechnen, ihre Jobs zu verlieren, weil sie glauben, was sie glauben.
Ich schließe meine Ausbildung ab und wandere so schnell wie möglich aus.

„Null8fünfzehn“ pflichtet bei:

Unfassbar!
Christenverfolgung und Religionsfeindlichkeit sind nach 60 Jahren wieder salonfähig in Deutschland. Martin Lohmann ist ein tapferer Mann – viele Märtyrer (noch nicht des Lebens, aber des guten Rufes) werden folgen!!

„Dottrina“ gibt zu bedenken:

Das ist ein himmelschreiender Skandal!!!
Ein Unrecht, was Herrn Lohmann da widerfährt! Mir kommt es immer mehr so vor, als hätten die Deutschen aus dem 3. Reich nichts gelernt! Und alle Gutmenschen schreien immer so gerne bzgl. der Nazi-Ära: „Nie wieder“. Was, bitte schön, ist denn hier anders? Wehret den Anfängen!

„krak des chevaliers“ warnt:

Homo-Diktatur
Was ich schon immer gesagt habe: Wir steuern mit Riesenschritten auf eine Homo-Diktatur in Europa zu. Wer es noch wagt, eine gegenteilige Meinung zu vertreten, wird eiskalt rausgeworfen. Demnächst müssen alle, die sich gegen diesen Homo-Unsinn aussprechen, mit Strafverfolgung rechnen. Gut, dass man in Russland Gesetze erlassen hat, die eine Homo-Propaganda verbieten.

„Waldi“ analysiert:

Deutschland scheint ein besonderer Nährboden…
für Diktaturen zu sein. Zuerst die braune, dann die rote und nun die multicolorierte, die Meinungsdiktatur, weil alle und jeder gegen jeden mitmacht. Besonnene, auf moralischer Grundlage von Menschenrechten und Lebensschutz vorgetragene Argumente, wie die von Martin Lohmann, werden niedergemacht, ins Lächerliche gezogen und von den Medien und den Moderatoren auch noch als angemessener Protest gut und willkommen geheißen. Dabei hat Herr Lohmann mehr Mut und Sachkenntnis bewiesen als seine Gegner, das Publikum eingeschlossen. Denn ihm ging es um grundlegende Werte und die Wahrheit, zu der jeder Rechtstaat verpflichtet ist, und nicht um verschwommene Meinungen und Beliebigkeiten eines aufgeputschen Auditoriums!

„Bodmann“ findet:

Der Fall Lohmann zeigt , wie unsere Gesellschaft , zumindest in Gestalt der veröffentlichten Meinung und deren Epigonen(= Gutmenschendiktatur), schon deart linksgrün versifft ist,daß einem die Haare zu Berge stehen […] Dieser Fall zeigt m.E. eindeutig , daß hierzulande eine offene Diskussion um strittige Ansichten und Sachverhalte nicht mehr möglich ist .Fällt in diesem Zusammenhang auch nur ein Wort , was die Meinungsoligarchie eigenmächtig auf den Index gesetzt hat,ist jede kritische Stellungnahme abgewürgt,weil sofort die Nazikeule geschwungen wird .

Und „Dismas“ fasst zusammen:

Katholophobie
ja, wir sind beretis in einer Christenverfolgung. Wer sich zur Lehre CHRISTI bekennt wird -zumindest vorerst noch- psychisch bedrängt, verfolgt, gemobbt und fertiggemacht. Man will uns zwingen die gelebte Homosexualität zu bejahen – das ist intolerant und diktatorisch. Eine kleine Minderheit will einem Volk seine Ansichten aufzwingen.. Eine Diktatur beginnt in unserem Land…. Die Freiheit schwindet…..

Expertenmeinung zum amerikanisch besetzten Deutschland

kath.net-Leserin „Morwen“ demonstriert ein bemerkenswertes Geschichtsverständnis:

Fremde Soldaten im eigenen Land? – Niemals
Deutschland ist ein von einer fremden Macht besetztes Land, seit 1945 stehen dort US-Soldaten bis heute.

Das ist freilich komplett ahistorischer Unfug, der anno 2013 fast ausschließlich von braunen Verschwörungstheoretikern und anderen rechtsradikalen Spinnern vertreten wird. Folgt man aber „Morwen“s Logik, war auch ihr Buddy Udo Voigt, seines Zeichens ehemaliger NPD-Chef, auf einer One-Man-Besatzungsmission: Als (deutscher) Luftwaffenoffizier war er im texanischen El Paso stationiert und scheiterte offenbar kläglich beim Versuch, die USA zu erobern.