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Vergangenheitsbewältigung

Vor genau einem Jahr, am 6. Oktober 2011, gab der ORF bekannt, dass sich der deutsche (ehemalige?) Neonazi Marcus B. auf kath.net eingeschlichen und mehrere Gastbeiträge geschrieben hatte. Marcus B. teilte auf kath.net gegen Migranten und „menschenverachtende Multikulti-Ideologen“ aus und beschimpfte „Masseneinwanderung“ sowie die „Propagandaabteilungen der Meinungsindustrie“. Er erklärte, dass der „kulturelle Hintergrund“ Einfluss auf „die individuelle Tüchtigkeit“ habe und träumte von einer Volksgemeinschaft: „Menschen sind verschieden und suchen die Gemeinschaft mit Ihresgleichen. Kein Supernanny-Staat und keine UNO-Behörde wird sie dazu zwingen können, sich ineinander aufzulösen. Bisweilen erhalten Grenzen auch die Freundschaft.“

kath.net reagierte auf die Vorwürfe des ORF so unsouverän wie nur irgend möglich. In einem trotzig formulierten Artikel namens „kath.net und ein lokales Medientheater“ wies man jede Schuld von sich und erklärte, nach Rücksprache mit Marcus B. habe man die Beiträge „vorläufig bis zur weiteren Prüfung der Sachlage“ deaktiviert, da man „grundsätzlich keine Kommentare aus dem rechtsradikalen Bereich“ publiziere.
Um das Debakel komplett zu machen, führte Roland Noé dem ORF gegenüber zu seiner Verteidigung an, dass man an den fraglichen Texten „nichts Bedenkliches“ gefunden habe.

Für kath.net endete diese Angelegenheit doppelt ärgerlich: Liberalere Leser_innen wurden durch den Vorfall abgeschreckt, die rechtsradikalen Fundis reagierten entsetzt. kreuz.net deutete Noés Entschuldigung als „Winseln“ und unkte, das „feige Portal“ sei „erwartungsgemäß“ und „wie auf Kommando in Sack und Asche“ versunken. Auf PI schrieb Krawallmacher „kewil“, kath.net habe Marcus B. „auf Befehl von ORF“ gefeuert, weshalb die Seite nun „bei den Roten Socken“ angelangt sei. „kewil“ sorgte auch für den ersten echten Shitstorm in der Geschichte dieses Blogs, indem er mich als „Marburger Antifant“ beschimpfte und verlinkte. Die zahlreichen verbalen Entgleisungen selbsternannter Vaterlandsbeschützer sind hier nachzulesen.

Dass kath.net die fünf Gastkommentare des rechten Autors in den vergangenen 365 Tagen nicht mehr freischaltete und den Vorfall nie wieder erwähnen sollte, spricht für sich. Vorübergehend schien man aus der Angelegenheit sogar gelernt zu haben und verweigerte im Februar 2012 einem den Piusbrüdern nahestehenden Journalisten öffentlichkeitswirksam die Möglichkeit eines Gastbeitrags: Er hatte sich, das ergab eine intensive Google-Recherche der kath.net-Redaktion, nicht ausdrücklich genug vom Holocaust-Leugner Richard Williamson distanziert.

Berührungsängste zur extremen Rechten bestehen auf kath.net aber nach wie vor nur punktuell: Im Kommentarbereich wird die vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestufte Kleinstpartei Pro NRW bejubelt, nach Bekanntwerden der NSU-Mordserie wurde in einem Gastbeitrag der verstärkte Kampf gegen Links statt Rechts angemahnt, auf der von kath.net betriebenen „Wissenssammlung“ Kathpedia werden Nazis und andere Antisemiten zustimmend und ohne kritische Einordnung zitiert. Und während der Wunsch eines Lesers, Homo-, Trans- und Asexuelle in ein KZ zu verfrachten, immerhin nach einigen Stunden gelöscht wurde, ist der Mordaufruf eines Lesers aus dem Frühjahr 2011 noch immer auf kath.net einsehbar.

Der Fall Marcus B. wäre für kath.net eine wirklich gute Gelegenheit gewesen, sich endgültig vom rechten Rand zu distanzieren und zu lösen. Die Chance wurde grandios vertan.

Wieso man die Junge Freiheit guten Gewissens doof finden darf

Das „Schreibverbot“, das der Augsburger Bischof Konrad Zdarsa dem Ichenhausener Pfarrer Georg Alois Oblinger auferlegt haben soll, wird von kath.net zur neuen Kampagne, zum nächsten Kräftemessen aufgebauscht. Kaum war die Nachricht mit einem ersten Artikel in die Welt gesetzt (vgl. auch hier), schon folgte der zweite Streich. Atemlos berichtete kath.net am Nachmittag von „Zensur im Bistum Augsburg“. Um den Vorfall noch weiter zu skandalisieren, erklärte man gleich im ersten Satz, es gebe „weiterhin“ – nicht einmal einen halben Tag nach Bekanntwerden der Meldung – „Aufregung“ im Bistum Augsburg. kath.net will „erfahren“ haben, dass Oblinger eigentlich weiterhin Artikel verfassen dürfe – nur nicht für die Junge Freiheit. Zudem müssten sie dem Ordinariat Augsburg vorgelegt werden. Ferner wird Martin Lohmann, Sprecher des Arbeitskreises Engagierter Katholiken in der CDU, zitiert, der die Zeitschrift vehement verteidigt. Dass er selbst Autor der JF war, verschweigt kath.net sicherheitshalber.

Dass es sich beim von kath.net herbeigeschriebenen „Schreibverbot“ also um gar keines handelt, soll aber nicht Thema dieses Postings sein. Vielmehr möchte ich auf Roland Noés Kommentare unter den Artikeln eingehen. Noé, Chef von kath.net und im Community-Bereich als „Gandalf“ unterwegs, versteht nämlich die Welt nicht mehr. Und auch keinen Spaß. Als Leser „Friedemann Bach“ dem Bischof dankt und sich gegen eine Zusammenarbeit von Katholiken und Rechtsextremisten ausspricht, reagiert „Gandalf“ etwas säuerlich:

@Bach: Du behauptest hier folgendes: „Wir haben es doch gar nicht nötig, mit Presseorganen zusammenzuarbeiten, die Schwierigkeiten haben, sich vom Rechtsextremismus abzugrenzen.“ Bach, Du wirst hier sicherlich einen Nachweis bringen, denn für Verleumdungen könntest Du auch rechtlich belangt werden und da wird man sich nicht auf irgendwelche einseitigen Wikipediaartikel rausreden können.

Und kurz darauf schreibt Noé:

Bin auch mal gespannt, ob Bach & Konsorten jetzt auch Radio Vatikan boykottieren, denn die arbeiten ja auch mit der linken TAZ zusammen.

Eine tolle Serviceleistung, Leser auf mögliche strafrechtliche Konsequenzen ihrer Kommentare aufmerksam zu machen. Weil man aber kaum erwarten kann, dass in der kath.net-Kommentarspalte eine offene Diskussion über die rechten Verflechtungen der Jungen Freiheit erfolgt, werde ich hier ein paar Indizien sammeln.

Zunächst ein dezenter Hinweis darauf, welche Internetseiten sich ebenfalls darüber empören, dass der Augsburger Bischof die Zeitschrift als kein so gutes Medium betrachtet: PI faselt von einem „Kirchenk(r)ampf gegen rechts“, während kreuz.net „linke Medienbosse“ am Werk vermutet. Sowohl kreuz.net als auch PI darf man vorwerfen, sich nicht entschieden genug von rechtsradikalem Gedankengut zu distanzieren (im Gegenteil).

Weil sich Roland Noé davon aber kaum beeindrucken lassen dürfte, werfen wir einmal einen Blick auf die Autorenliste, die die Junge Freiheit online dankenswerterweise anbietet. Dort finden sich einige illustre Namen.
Da wäre etwa der französische Publizist Alain de Benoist zu nennen. Dessen politische Karriere begann schon vielversprechend mit der Mitgliedschaft in der rechtsterroristischen Organisation Jeune Nation, nach deren Verbot gründete er in seiner Studienzeit die militante neofaschistische Fédération des Étudiants Nationalistes. Er war eng mit dem 1980 gegründeten rechtsextremen deutschen Thule-Seminar verbunden und wurde Beiratsmitglied der Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung, der NPD-Mäzen Jürgen Rieger vorstand. Im Verlag Junge Freiheit erschienen von de Benoist Bücher mit so schönen Titeln wie Kritik der Menschenrechte, Die Schlacht um den Irak. Die wahren Motive der USA bei Ihrem Kampf um Vorherrschaft oder Aufstand der Kulturen. Außerdem wirkte er in Zeitschriften wie Europa vorn oder Nation und Europa mit, den Holocaust-Leugnern von Journal of Historical Reviews gab er mehrfach Interviews.

Oder JF-Autor Alfred Schickel. Der Historiker erhielt noch 1989 das Bundestverdienstkreuz am Bande, 1996 erklärte die Bundesregierung, Schickel vertrete Auffassungen, die „teilweise denen entsprechen, wie sie von Rechtsextremisten vertreten werden“. Ja, das kann man schon so sehen: Schickel ist Leiter der Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt, in dieser Funktion erklärte er 1980, dem Holocaust seien keine 6 Millionen Juden zum Opfer gefallen, diese Zahl würde „heute in der zeitgeschichtlichen Wissenschaft nicht mehr ernsthaft vertreten“.

Alles nicht rechts genug? Wie wäre es dann mit Horst Rudolf Übelacker? Der ehemalige Direktor der Bundesbank war bis 2006 Vorsitzender des Witikobundes, einer sudetendeutschen Organisation, die wie viele andere auf die Rechte der „Vertriebenen“ pochen und damit aus deutschen Tätern Opfer machen. Übelacker schreibt nicht nur für die JF, sondern auch für die rechten österreichischen Zeitschriften Die Aula und Zur Zeit und den Hohenrain-Verlag.

Oder Claus Wolfschlag. Der promovierte 2001 mit der vielsagenden Arbeit Das antifaschistische Milieu. Vom ’schwarzen Block‘ zur ‚Lichterkette‘– Die politische Repression gegen ‚Rechtsextremismus‘ in der Bundesrepublik Deutschland, die sogar von der Jungen Union Berlin kritisiert wurde. Dazu kamen Beiträge in Europa, dem Organ des NPD-nahen Nationaleuropäischen Jugendwerkes. JF-Autor Wolfschlag nennt sich selbst einen „Bewahrer nationaler Identität“.

Usw. Albrecht Jebsens schrieb für die Junge Freiheit und war Referent für die NPD-nahe Gesellschaft für Freie Publizistik. Auch Heinrich Lummer, in den 80gern Bürgermeister von Berlin, wird von der JF als Autor geführt. Er ist Mitglied des vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften Vereins Die Deutschen Konservativen. 1999 erschien sein dem Titel nach ziemlich ausgewogenes Buch Deutschland soll deutsch bleiben: kein Einwanderungsland, kein Doppelpaß, kein Bodenrecht im rechten Hohenrain-Verlag. Günter Zehm schrieb an einer Festschrift für den Holocaust-Leugner David Irving mit. Als sich das Kriegsende zum 50. mal jährte, meldete sich JF-Autor Karlheinz Weißmann zu Wort und kritisierte, dass dieser Tag zu „einseitig“ als Befreiung aufgefasst würde.
Achja: und kath.net-Gastautor Marcus B..
Unter den Interviewpartnern der Jungen Freiheit finden sich Namen wie Udo Voigt – zu dem Zeitpunkt noch NPD-Parteivorsitzender.

Eine sehr detaillierte Liste mit fragwürdigen JF-Autoren und ein ausführliches Glossar finden sich übrigens hier.

Nein, die Junge Freiheit kann man guten Gewissens als eine rechte Zeitschrift bezeichnen, die mit der Mischung aus knallhartem Revisionismus, auch unter PI-Lesern mehrheitsfähigem Rassismus und vorgeschobener Bürgerlichkeit das Kunststück vollbringt, gleichzeitig Neonazis wie CDU-Lokalpolitiker für sich zu begeistern.
Fairerweise muss erwähnt werden, dass nicht alle JF-Autoren eine explizit rechte Karriere oder Gesinnung vorzuweisen haben. Dass der Augsburger Bischof Zdarsa aber keinen seiner Pfarrer in der Nähe von Rassisten sehen will, ist verständlich. Und es ist ein gutes Zeichen, wo viele andere Katholiken doch ganz offenbar auf dem rechten Auge blind sind.

Wer nicht passt, wird passend geschwiegen

Dass die Junge Freiheit eine Zeitschrift ist, die gleichermaßen CDU-Rechtsaußen wie NPD-Kader anzieht, ist keine Neuigkeit. Der Augsburger Bischof Konrad Zdarsa scheint das allerdings erst jetzt gemerkt haben – kath.net zufolge rief er nun einen Pfarrer zur Ordnung, der für die Junge Freiheit schrieb:

Der Augsburger Bischof Konrad Zdarsa hat den Stadtpfarrer von Ichenhausen (Kreis Günzburg), Georg Alois Oblinger, wegen dessen Tätigkeit bei der rechtsgerichteten Wochenzeitung „Junge Freiheit“ zurechtgewiesen. Oblinger hat seit einigen Jahren Beiträge für diese Zeitung verfasst. Das berichtet die Augsburger Allgemeine Zeitung.
[…]
„Selbstverständlich werde ich mich an die Weisungen der Diözese halten“, sagt dazu Pfarrer Oblinger. Das Wochenblatt sei eine dezidiert konservative Zeitung, aber „klar auf demokratischem Boden stehend“, verteidigte er sein bisheriges Engagement.

Die Junge Freiheit ist die zweitgrößte Wochenzeitung Deutschlands. Zahlreiche bekannte katholische Autoren publizieren in der JF, beispielsweise Professor Wolfgang Ockenfels, Jürgen Liminski, Martin Lohmann und Gabriele Kuby, Johanna Gräfin von Westphalen und Mechthild Löhr, Bundesvorsitzende der Christdemokraten für das Leben und Dame des Silvesterordens.

Gabriele Kuby ist ein schönes Beispiel: Die Autorin, die Harry Potter für das personifizierte Böse hält, Homosexuelle aus acht guten Gründen verachtet und die dann und wann den Holocaust relativiert, veranschaulicht ziemlich deutlich, dass intellektuell und/oder moralisch redliche Menschen der Zeitschrift besser fern bleiben sollten.

Einen weiteren „bekannten katholischen Autor“ der Jungen Freiheit hat kath.net – und das kann in der Eile natürlich schon einmal passieren – allerdings vergessen: Den „dezidiert konservativen, aber klar auf demokratischem Boden stehenden“ Historiker, im EDV-Dienstleistungsgewerbe tätigen Freizeitrassisten, Großdeutschland-Träumer, Horst-Wessel-Lied-Fan, Neonazi und ehemaligen kath.net-Gastkommentator Marcus B..

Dass die Junge Freiheit übrigens die „zweitgrößte“ deutschsprachige Wochenzeitung sein soll, ist ein wenig übertrieben: Während der Spiegel wöchentlich ~930.000 Exemplare und die ZEIT ca. 500.000 verkaufen kann, liegt die Auflage bei der JF bei übersichtlicheren 21.000.

Die kath.net-Highlights 2011 – Platz 1

Platz 1: Der braune Gastkommentator Marcus B.

Was war passiert?
Als am 10. August ein Gastkommentator namens Marcus B. auf kath.net in Erscheinung trat, war kaum abzusehen, welche Welle seine fünf Beiträge schlagen würden. Er wurde den Lesern als „Historiker, Absolvent der Katholischen Uni Eichstätt und derzeit im EDV-Dienstleistungsgewerbe tätig“ vorgestellt – was offenbar der Wahrheit entsprach, dennoch einige Kapitel seines Lebens aussparte. Denn Marcus B. war/ist, was die rassistischen Kommentare erklären mag, ein deutscher Neonazi, der sich bei den Republikanern engagierte, an einem Buch über Großdeutschland mitwirkte und ein Faible für das Horst Wessel-Lied besitzt. Zudem schrieb er für diverse rechte Gazetten wie die Junge Freiheit, Europa vorn oder die von der NPD-Jugendorganisation gegründete Wir selbst.
Seine fünf auf kath.net veröffentlichten Artikel hatten teils kirchliche, teils weltliche Themen zum Inhalt. Der erwähnte erste, am 10. August publizierte Beitrag, arbeitete sich an den London Riots ab. B. stellte fest, dass „die Propagandaabteilungen der Meinungsindustrie“ mit ihrer Beobachtung falsch lägen, die Unruhen resultierten aus sozialen Spannungen einer gescheiterten Sozialpolitik. Dabei fabuliert er von einer „Umerziehung der autochthonen Bevölkerung“ – bei dieser Formulierung hätte kath.net aufhorchen können. Tat man aber nicht, weil B. sogleich eine unfassbar gute Verteidigung auffährt:

Als Katholiken sind wir dankenswerterweise in einer Position, uns freimütiger zu Multikulti-Problemen äußern zu dürfen, wird uns als Angehörigen einer Raum und Zeit großzügig umspannenden Universalkirche, die im nordisch-germanischen Europa verkümmert, in vielen farbigen Erdteilen jedoch blüht, niemand, so er noch halbwegs bei Verstand ist, mit der Rassismus-Keule begegnen.

Die NPD könnte ein Parteiverbot also bequem umgehen, sofern man geschlossen zum Katholizismus übertreten würde. Das ist so schlüssig, dass sich B. damit lieber nicht allzu lange aufhält. Er nennt die wahren Schuldigen, die „geistigen Brandstifter solcher Mißstände und Gewaltexzesse“: „die menschenverachtenden Multikulti-Ideologen, Utopisten, Schönredner, Verharmloser, Dialogverweigerer und Ausgrenzer „unkorrekter“ Gegenmeinungen“. Die Perspektivlosigkeit der jungen Menschen in England erklärt B. also mit einem „Gesellschaftsexperiment“, das, so der wenig subtile Unterton, aufgrund der vielen Migranten nicht funktionieren könne. Dass die neoliberale Sozialpolitik Schuld an der Unzufriedenheit der Jugend sein könnte, will ihm nicht in den Sinn kommen. Passt auch schlecht in eine rechtsradikale Argumentation.
B.s zweiter eindeutig rassistischer Ausfall behandelte den Islam. Unter dem Titel „Die rosa Islamlegende“ leitet kath.net ein:

Gemäß den inoffiziell-offiziellen Vorgaben zur Selbstzensur in Wahrnehmung, Denken und Sprechen darf Fremdes nur als „Bereicherung“ rezipiert werden

B. verzweifelt daran, dass Begriffe wie „DAS christliche Abendland“ oder „DER Islam“ fern der rechten Szene differenziert diskutiert werden und bedauert, dass „alles Fremde zwanghaft nur von einer rosigen Seite“ betrachtet würde. Wie es in der perfekten Welt des Neonazis Marcus B. aussehen würde, möchte ich mir nicht ausmalen. Da sich kath.net später allerdings vom Autor, nicht aber vom Inhalt seiner Texte distanzierte, lässt sich auch für die ideale Welt Roland Noés eher Unschönes erahnen.
Die anderen Artikel B.s behandelten innerkirliche Thematiken, er übt Kritik am „progressiven Flügel“ und wundert sich, dass „kirchlich ‚konservative‘ Ideen […] nur einige unter vielen denkbaren“ seien. In einem anderen Beitrag fordert er die Aufhebung von „Tabus und Denkverboten“, um „vermeintliche Selbstverständlichkeiten“ zu hinterfragen. B. wendet sich damit explizit gegen die „Protestkatholiken“, die „Linkskatholiken“ und das „post-68er-Deutschland der rot-grünen Mehrheiten“. Auffällig ist hier, wie auch in den anderen Texten, eine pseudo-intellektuelle Ausdrucksweise, die die Schwäche seiner seltsamen Argumentationen und Positionen offenbar verdecken soll. Exemplarisch für seine wirren Worte dieser Auszug:

Bedingt nur taugt Jesus als Ökofreak. Wer nicht nur auf die Vögel des Himmels und die Lilien im Felde verweist, sondern auch Dämonen in eine Schweineherde fahren lässt, die sich dann geschlossen in den Tod stürzt, landet unweigerlich auf der Abschussliste militanter Tierschützer. Und zu behaupten, der Mensch sei mehr als ein Sperling, besagt nichts anderes als einer hierarchisch-diskriminatorischen Weltsicht das Wort zu reden – heutzutage DIE ultimative Todsünde wider den Geist der Zeit schlechthin.

Mir fiel dann am 10. September bei einer kleinen Google-Recherche auf, dass es einen deutschen Neonazi gleichen Namens gibt, der in den oben aufgezählten rechten Zeitschriften publizierte. Zugegeben: Diesen mit dem auf kath.net aktiven Marcus B. zu identifizieren, war etwas gewagt, ist der Name doch vermutlich durchaus ein wenig verbreiteter. Die Geschichte gab mir allerdings recht – der ORF folgte knapp einen Monat später und stellte kath.net vor gewisse Probleme. Roland Noé beeilte sich in unnachahmlicher Manier klarzustellen, dass man keinen Rechtsextremisten eine Plattform bieten wolle und löschte alle seine Beiträge. Den zugehörigen Artikel nannte man allerdings „kath.net und ein lokales Medientheater“, kürzte Marcus B. nur noch mit „M. B.“ ab und erweckte auch sonst nicht den Eindruck, als hätte man ein gesteigertes Interesse an einer lückenlosen Aufklärung.
Der Imageschaden allerdings war gewaltig: Die liberalen Leser dürften aufgeschreckt worden sein, die rechten reagierten enttäuscht. „kewil“ etwa empörte sich bei PI, kath.net habe einen „Rechten auf Befehl des ORF“ gefeuert“, kreuz.net amüsierte sich über den Trubel.

Der Preis für den schlechtesten Gastkommentator des Jahres, für den erbärmlichsten Umgang mit Gegenwind und für die größte Unbedarftheit im Umgang mit Rechtsradikalen geht damit an Marcus B. & kath.net. Herzlichen Glückwunsch.

Funfact:
- Als der ORF am 6.10. berichtete, dass ein „mutmaßlicher Rechtsextremist“ bei kath.net geschrieben habe, erwischte man mich denkbar unvorbereitet: Meine Mutter feierte Geburtstag, sodass ich mir immer wieder gute Ausreden suchen musste, um an das Notebook zu rennen und die aktuelle Situation zu beobachten. Die Verlinkung durch PI am folgenden Tag brachte mir dann mit mehreren tausend Leser_innen nicht nur meine bisherige Höchstmarke ein, sondern auch einige der freundlichsten Kommentare aller Zeiten und katapultierte mich für einen Tag in die Top 10 der Blogsport-Blogs.

Exemplarischer Leserkommentar:

Entschuldigung, was heißt „rechtsradikal“? Ich konnte in keinem einzigen kath.net-Artikel
„rechtsradikales“ Gedankengut entdecken.

Aus der Sicht der Marxisten ist aber alles, was nicht links ist, schon „rechtsradikal“.

Irgendwo war zu lesen, dieser Kommentarschreiber sei bei den „Jungen Republikanern“ gewesen. So what? Eine demokratische Partei, die für Wahlen kandidiert.

Ich rege an, die Sperrung der Artikel wieder aufzuheben, sonst wird man die Druckausübung durch die anderen nur ermutigen.

(„Marcus“ am 7.10. hier)

Nach-/ Weiterlesen:
- Lass den Nazi reden
- Lass den Nazi reden?
- Lass den Nazi doch nicht reden!
- Was M. B. hinterlässt (die Links funktionieren nicht mehr)
- fyi
- Die Ausnahme Marcus B.
- Die Ausnahme Marcus B. ii

-> ORF: Mutmaßlicher Rechtsextremer bei „kath.net“

Da war doch noch was

Es sind mittlerweile beinahe drei Wochen ins (großdeutsche) Land gegangen, seitdem der ORF die von mir bereits im Monat zuvor recherchierte rechtsradikale Vorgeschichte des kath.net-Gastkommentators Marcus B.s publik machte.
Was ist in der Zwischenzeit geschehen?

Eine vollständige Klärung der Umstände, wie ein Neonazi auf kath.net gelangen konnte, ist bisher jedenfalls ausgeblieben. Und dabei versprach es doch ein offener Umgang mit den eigenen Fehlern zu werden! Wir erinnern uns an die auf dem Portal erschienene und betont sachlich mit „kath.net und ein lokales Medientheater“ überschriebene Klarstellung:

„Mein Name ist M.B. (Name Kath.Net bekannt), Jahrgang 1966,[…] wohnend, von Beruf selbständiger EDVler (Hauptkunde …). Studiert hatte ich nach dem Abi Geschichte mit dem Nebenfächern Politik und Mediävistik. Während des Studiums begann auch das Interesse am Katholizismus. So suchte ich mir für die Magisterarbeit (Uni Bochum) wie für meine Promotion (Katholische Uni Eichstätt 1999) kirchengeschichtliche Themen (politischer Katholizismus, katholische Publizistik, Josef Görres).“

So stellte sich vor einigen Monaten bei KATH.NET ein Autor vor, der einen Gastkommentar anbot, der in der Folge auch publiziert wurde. Themen waren u. a. der Dialog in der deutschen Kirche. KATH.NET bekommt täglich Angebote für Gastkommentare; diese werden nicht finanziell abgegolten.

Am 6. Oktober wurde in mehreren Medien behauptet, M. B. sei Autor in rechtsradikalen Organen und sei früher in der rechtsradikalen Szene gewesen. KATH.NET recherchierte umgehend und fragte bei M. B. nach. Dieser schickte eine Stellungnahme, in der er die aktuellen medialen Berichte teilweise bestätigte.

KATH.NET publiziert allerdings grundsätzlich keine Kommentare aus dem rechtsradikalen Bereich; die Redaktion deaktivierte vorläufig bis zur weiteren Prüfung der Sachlage die Gastkommentare von M. B.

Dass der Name des Autors auf die Initialen verkürzt und die Zeit der Veröffentlichung von 20:00 auf 16:00 Uhr manipuliert wurde, konnte nur eines heißen: Hier drängte Roland Noé tatsächlich auf eine schnelle und transparente Lösung. Auch das implizierte „Wer konnte das denn ahnen?“ schien verständlich: Wie sollte man heutzutage auch an nähere Informationen über einen Menschen gelangen? Und wieso sollte es einen stutzig machen, dass der (großdeutsche) Autor ausländerfeindlicher Artikel für kath.net den selben Namen besaß wie ein deutscher Neonazi, der auch für Blätter wie die Junge Freiheit schrieb? Eben.

Dass man tatsächlich alles Menschenmögliche unternahm, um die Sache schnell aus der Welt zu schaffen, versicherte Noé am 7.10. unter seinem Usernamen „Gandalf“ in der Kommentarspalte:

Liebe Leute! Bitte um eure Geduld, wir überprüfen gerade vers. Sachtatbestände und dann könnten weitere Schritte in die eine oder andere Richtung folgen.

Und auf erneutes Drängen im Forum erklärte er am nächsten Tag:

Nur soviel: Wir überprüfen derzeit intensiv den Sachverhalt auf allen Ebenen. Es geht nicht um die Texte an sich sondern um den Autor, dh. bitte hier um etwas Geduld, aber wir müssen uns hier doppelt und dreifach absichern. Alles ist möglich, auch eine Wiederaktivierung der Beiträge.

Dass indes auch nach beinahe drei Wochen nichts passiert ist: kein weiteres Wort verloren, kein Artikel wieder freigeschaltet wurde, dafür aber eine massive Kampagne gegen den Weltbild-Verlag gefahren wurde, heißt--- Ja, was bedeutet das? Dass kath.net am Ende doch nicht so viel an Transparenz liegt? Dass es Roland Noé eigentlich völlig wumpe ist, ob ein Autor nun rechtsradikal, rechtsextrem, rechtspopulistisch oder rechtskonservativ ist, solange die Medien nichts mitbekommen?

Vermutlich möchte kath.net die Geschichte am liebsten in den Untiefen des Internets versinken lassen. Das allerdings wird auch in Zukunft misslingen.