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Noch viel weniger wissen mit Kathpedia

Eine kleine Quellenkritik zum Kathpedia-Artikel über Freimaurer, anknüpfend an einen längeren Text aus dem Sommer 2012.

Karl Heise (1872-1939):
In der Kathpedia-Literaturliste wird Karl Heises Werk ‚Die Entente-Freimaurerei und der Weltkrieg‘ genannt. Das 1919 erschienene Buch stellt den Versuch einer Umdeutung des 1. Weltkriegs dar. Heise warf den Freimaurern vor, für den 1. Weltkrieg verantwortlich gewesen zu sein und dient im Kathpedia-Artikel ironischerweise als Kronzeuge für die den Freimaurern zugeschriebene Liebe zur Lüge. Er fantasierte von einer jüdischen Verbindung zu Großlogen, redete von der „geheimnisvolle[n] russische[n] Diplomatie, die den ganzen Westen Europas ständig in Aufregung hält, [und] von Juden organisiert“ sei und stellte fest, dass sich „unter diesem Gesichtspunkt auch manche russische Pogrome begreifen“ ließen.
‚Die Entente-Freimaurerei und der Weltkrieg‘ wurde in den 1980er-Jahren neu aufgelegt und vom „Verlag für ganzheitliche Forschung und Kultur“, der dem Umfeld des vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften „Bund für deutsche Gotterkenntnis“ zuzuordnen ist, vertrieben. In Rudolf Steiner fand Heise einen Freund und Förderer, der auch das Vorwort zum besagten Buch beisteuerte. Später verschrieb sich Heise der Rassenlehre, verfasste zusammen mit dem führenden NSDAP-Politiker Alfred Rosenberg Zeitungsbeiträge („Der rote Faden in der Freimaurerpolitik der Gegenwart“) und erhielt begeisterte Rezensionen im ‚Völkischen Beobachter‘.

Robert Prantner (1931-2010):
‚Freimaurerei und Kirche sind unvereinbar‘ wurde von Hans Baum und Robert Prantner verfasst. Während Informationen über dieses Buch praktisch nicht verfügbar sind, sprechen Prantners an anderer Stelle publizierten Ausfälle eine deutliche Sprache, die eine Einordnung ermöglichen. In der österreichischen Zeitschrift ‚Zur Zeit‘, für die auch Andreas Laun einen Gastkommentar schrieb, verbreitete Prantner im Jahr 2000 („55 Jahre nach Ende des blutigen Zweiten Weltkrieges, in dem in der Mehrzahl mit Gott verbundene gläubige Menschen den gottlosen Bolschewismus abzuwehren versuchten“) antisemitische Klischees und anderen gefährlichen Unfug: Er beklagte sich dort über fehlende Demut „jüdischer Persönlichkeiten“ für „sogar blutige Verbrechen jüdischer Vertreter (nicht „des Judentums“ an sich) an katholischen Christen“: „Es wäre eine Verfälschung der Geschichte, etwa bestimmte Ritualmorde zu mittelalterlicher Zeit dem phantasiebestimmten „Haß des Nationalsozialismus“ zuzuschreiben.“
2002 gab er in ‚Zur Zeit‘ eine Einschätzung zu den Anschlägen vom 11. September ab: Er hielt die Selbstmordattentate islamistischer Terroristen für „einen logistisch und generalstabsmäßig vorbereiteten amerikanischen „Selbstunfall“". Wenige Wochen später widerrief er diese Verschwörungstheorie und erklärte den israelischen Geheimdienst Mossad für verantwortlich – der habe die Taten begangen, „um die amerikanische öffentliche Meinung gegen die Araber und den Islam an sich aufzuwiegeln.“

Gary Allen (1936-1986):
Von Allen wird ‚Die Insider, Baumeister der Neuen Weltordnung‘ empfohlen, im Original heißt das Buch ‚None dare call it a conspiracy‘, der Untertitel lautet ‚The plan of the international bankers to create a world socialist super-state‘. Das strikt antikommunistische Werk verbreitet u. a. krude Verschwörungstheorien über jüdische Familien, die Adolph [sic!] Hitler finanziert hätten, folglich nicht in Konzentrationslagern gelandet seien und den Krieg aus „luxuriösen Hotels in Paris“ verfolgt hätten. Allen, Mitglied der amerikanischen Rechtsaußen von der John Birch Society, konstruiert in dem Buch eine „Gruppe amerikanischer Finanziers“ namens „Insider“, die nicht nur den Kommunismus in Russland etabliert, sondern auch in Versailles „die Weichen für den 2. Weltkrieg gestellt“ und Hitler nach Belieben jeweils gefördert oder bekämpft hätten. Zu diesen Insidern zählt Allen neben allerlei mittlerweile selbst unter eingefleischten Verschwörern aus der Mode gekommenen Gruppierungen wie dem Book of the Month Club auch Politiker wie John F. Kennedy, Dwight D. Eisenhower, Richard Nixon und Henry Kissinger sowie die Bilderberger. Im Schlusswort appelliert Allen, „Wake up America!“. Wenngleich einige nach der Lektüre des Buchs „in der gleichen Woche aufwachen und aufgeben“ würden, sei die Situation nicht hoffnungslos, denn die „Insider“ könnten bekämpft werden. „Ihr seid die Achillesferse der Insider“, ruft Allen aus und schließt: „Niemand kann sich gegen den Sozialismus wehren, solange Republikaner und Demokraten Sozialismus verbreiten. Und genau das wollen die Insider“.

Rudolf Graber (1903-1992):
Graber war von 1962 bis 1982 Bischof von Regensburg und hinterließ zahlreiche Veröffentlichungen, so auch zum Thema Freimaurerei; im Kathpedia-Artikel wird auf sein Buch ‚Athanasius und die Kirche unserer Zeit‘ verwiesen. Der Verlag preist das Werk folgendermaßen an: „Schon Papst Paul VI. sprach davon, daß der „Satan durch einen Spalt in den Tempel Gottes eingedrungen“ sei. Diesem satanischen Plan, Geheimbünden und Maulwürfen spürt dieses Buch nach und berührt damit die Frage nach den Ursachen.“
Wenngleich in seinem Kathpedia-Lebenslauf kein Wörtchen über sein Leben zwischen 1933-45 verloren wird, ist Graber ein Musterbeispiel für tatsächlich existente Verbindungen zwischen Katholiken und Nationalsozialisten. 1933 hielt er eine Rede, die als „Deutsche Sendung“ bekannt wurde. Darin verklärte er Hitler als „Retter, Vater und irdische[n] Heiland“, rief zu einem „Kampf gegen das Judentum“ auf, der die „instinktive Abneigung des ganzen deutschen Volkes“ zum Ausdruck bringen solle. Das dritte Reich sei die „Rettung des Abendlandes vor dem Chaos des Bolschewismus, asiatischer Barbarei“, und so solle Deutschland die Welt beherrschen, nicht „das verworfene Israel“. Auf Kathpedia heißt es ein wenig blumiger: „Mit einem feinen Gespür für den Pulsschlag der Zeit gelang es ihm [Graber], fruchtbare Beziehungen zu Persönlichkeiten und Bewegungen aufzubauen, die ebenso wie er, aus christlicher Schau die Zeitprobleme zu bewältigen suchten.“

Maurice Pinay alias Joaquín Sáenz y Arriaga (1899-1976):
Kathpedia nennt auch das unter Pseudonym veröffentlichte Buch ‚Verschwörung gegen die Kirche‘, für das Joaquín Sáenz y Arriaga verantwortlich zeichnete. Arriaga war ein katholischer Geistlicher, der 1972 exkommuniziert wurde, da er das zweite vatikanische Konzil ablehnte und sich dem Sedisvakantismus zuwandte. ‚Verschwörung gegen die Kirche‘ wurde im Verlag Anton Schmidt veröffentlicht, der auch Werke von Johannes Rothkranz führt, etwa ein Buch mit dem vielversprechenden Titel ‚Die Protokolle der Weisen von Zion – erfüllt‘. Rothkranz gehörte bis 2006 zur Piusbruderschaft, bis er selbst dort aneckte und ausgeschlossen wurde.
Das Buch ‚Verschwörung gegen die Kirche‘ wird vom Verlag mit Verweis auf „die jüdisch-freimaurerische Gefahr“ angepriesen, der Kampf gegen Freimaurer sei auch einer „gegen die Synagoge Satans“. ‚Verschwörung gegen die Kirche‘ sei von „eine[r] kleine[n] Gruppe entschieden glaubenstreuer Bischöfe und Priester im Herbst 1962″ verfasst worden, um „die Konzilsväter“ über „die inzwischen extrem bedrohlich gewordene «jüdisch-freimaurerische Gefahr» umfassend in Kenntnis zu setzten und eindringlich vor ihr zu warnen.“ Das Werk sei daraufhin an alle Konzilsväter ausgeteilt worden, aber „unter den bereits machtvoll vom jüdisch-freimaurerischen Zeitgeist erfaßten, bequem und lau gewordenen Priestern und Gläubigen“ auf keine große Resonanz gestoßen. „Der endzeitliche Große Abfall vom Glauben mit seiner gleichzeitigen Hinwendung zum kommenden jüdischen Pseudomessias, dem Antichristen“, sei nicht mehr aufzuhalten gewesen, weshalb das Buch auch von der Bildfläche und aus den Antiquariaten verschwunden sei. Während die Verlagsinfo die „Konzilskirche“ noch als „jüdisch-freimaurerisch inspirierte und gelenkte Gründungsversammlung einer neuen häretischen Großsekte apokalyptischer Prägung“ beschimpft, wird die Neuauflegung von ‚Verschwörung gegen die Kirche‘ als nichts geringeres als eine „Pioniertat“ gefeiert.

Manfred Adler (1928-2005):
Die Werke des auf Kathpedia hochverehrten Adler werden im Freimaurer-Artikel ausführlich genannt, u. a. wird auf seine Trilogie ‚Die Söhne der Finsternis‘ eingegangen, die in den 1970er-Jahren im Miriam Verlag erschienen und dort teilweise noch immer zu beziehen ist. Adler war Geistlicher und Lehrer, der nach Bekanntwerden seiner literarischen Betätigung vom Schuldienst suspendiert wurde. Seine Werke zur Freimaurerei sind von Verschwörungstheorien und Antisemitismus durchzogen, so hielt er etwa die ‚Protokolle der Weisen von Zion‘ für authentisch.
Den Auftakt der Trilogie machte ‚Die geplante Weltregierung‘, die der Verlagsinformation zufolge wahlweise aus der „Verschwörung der Insider-Imperialisten“ (vgl. Gary Allen), der „Bilderberg-Gruppe“ oder den „Weltherrscher[n] der Finsternis“ bestehe. Im zweiten Teil namens ‚Weltmacht Zionismus‘ wurde es dann offen judenfeindlich: Adler ließ sich über die „sprichwörtliche Geschäftstüchtigkeit und politische Skrupellosigkeit“ der Juden aus, prangerte die „freimaurerische Propaganda“ an, und sprach von „Vertretern der internationalen Hochfinanz“, die den „moralischen Bankrott“ sowie „den Untergang dieser Gesellschaft“ zum Ziel hätten. Außerdem wird über den Holocaust sinniert und darüber, wer daran die größere Schuld getragen habe: „Nazis oder Zionisten“?
Teil 3, ‚Theologische Finsternis‘ wird in einschlägigen Shops dahingehend beworben, dass Adler „gleich in mehrere Wespennester gestochen“ habe, was ihm „die Betroffenen“ auf „ihre Weise gedankt“ hätten: Ein angeblicher „Europadirektor der jüdischen Weltloge“ habe Adler als „„Lügenpriester“ und „Paranoiden“ bezeichnet“, während er von den wahren Kennern indes, jenen „Freunden der Wahrheit“, „viel Anerkennung und Dank“ erfahren habe. Das 1992 veröffentlichte Werk ‚Die Freimaurer und der Vatikan‘ wird vom Verlag schließlich und mutmaßlich nicht zu Unrecht als „in mehr als einer Hinsicht bestürzend“ angepriesen.
Bemerkenswert ist ein Thread im kathnews-Forum, das ebenfalls zu kath.net gehört. Dort wurde Manfred Adlers Werk ‚Kirche und Loge‘ zur weiteren Lektüre empfohlen. Tatsächlich griff Administrator Roland Noé alias „Gandalf“ auf derselben Seite tadelnd ein und löschte – allerdings nur die vermeintliche „Freimaurer-Propaganda“ eines anderen Users.

Der Kathpedia-Artikel wurde seit Erscheinen des oben verlinkten Beitrags im Juni 2012 nicht mehr nennenswert verändert, sämtliche Literaturempfehlungen wurden beibehalten, was Fragen aufwirft. Zum Beispiel diese: Wieso hat die kath.net-Redaktion augenscheinlich kein Problem damit, dass auf einem ihrer Portale für antisemitische und revisionistische Bücher geworben wird?

Dauerwerbesendung ii

Allgemein bekannt sein dürfte, dass kath.net seit Jahren für die Zeitschrift Junge Freiheit wirbt, sowohl in Artikeln (etwa während der Oblinger-Affäre) als auch per Banner. Neben weiteren Werbeflächen für outgesourcte Gebete, gemäß Hildegard von Bingen hergestellte Naturprodukte und kreationistische Internetportale lässt sich auf kath.net auch Werbung für den Miriam-Verlag finden.

Im Kathpedia-Artikel über den Miriam-Verlag wird erläutert, dass er 1972 gegründet worden sei und großen Wert darauf lege, „dass alle von ihm vertriebenen Schriften marianisch, katholisch und papsttreu sind“. Der Miriam-Verlag rühmt sich auf dem Werbebanner, „katholische Presse, Bücher, Filme, Accessoires, Schmuck u.v.m.“ anzubieten, tatsächlich ist der auf der Verlagsseite befindliche Shop vergleichsweise umfangreich: Neben den erwähnten Erzeugnissen werden (christliche) Gesellschaftsspiele, (christliche) Puzzles, (christliche) Statuen und sogar (christliche) Kassetten angeboten.

Wer mit einer Nussschalen-Krippe für 1,80€ aber nichts anfangen kann, wird unter Umständen im Buchsortiment fündig. Dort gibt es nicht nur allerlei verlagsfremde Titel, sondern auch im Miriam-Verlag publizierte Bücher. Besonders bemerkenswert ist die Sparte „Freimaurerei“, wo auch drei Titel von Manfred Adler angezeigt werden.

Der Name Manfred Adler könnte aufmerksamen Leser_innen dieses Blogs bereits bekannt sein: Er ist einer der Kronzeugen im Kathpedia-Artikel über die Weltverschwörung der Freimaurer. Adler war Priester und Lehrer, musste letztere Tätigkeit allerdings 1978 beenden, nachdem seine publizistische Vergangenheit bekannt geworden war. In seinem Kathpedia-Artikel wird verschwörerisch von „einer Pressekampagne eines Boulevardmagazins“ gesprochen, auch kreuz.net schrieb 2006 anlässlich seines Todes von einer „Pressekampagne“.

Interessant ist Manfred Adler in diesem Kontext vor allem, weil sein Werk beispielhaft ist für das rechtskatholische Verhältnis zur Freimaurerei – und zum Judentum.

Adlers erstes nennenswertes Buch, „Die geplante Weltregierung“, erschien 1975 und war Teil einer Trilogie namens „Die Söhne der Finsternis“, die im Miriam-Verlag erschien. Aus gutem Grund bietet der Miriam-Verlag online heute nur noch den ersten Teil an: Mag schon der nur 70-seitige Auftakt mit allerlei Enthüllungen über den „Traum von der One-World“, „die Verschwörung der Insider-Imperialisten“ oder „die Bilderberg-Gruppe“ kruder Unfug sein, wird es spätestens mit dem Nachfolger auch strafrechtlich relevant: Teil 2 der Trilogie hört auf den Namen „Weltmacht Zionismus“ und bietet genau das, was der Titel verspricht.

1978 berichtete der Spiegel über „Weltmacht Zionismus“ und zitierte einige Passagen. So schrieb Adler über die „sprichwörtliche Geschäftstüchtigkeit und politische Skrupellosigkeit“ der Juden, die von der „freimaurerischen Propaganda“ unterstützt würden und dichtete ihnen und „Vertretern der internationalen Hochfinanz“ das Ziel an, eine „Weltregierung“ zu planen, die nicht nur „die totale Diktatur“ oder „moralische[n] Bankrott“ zum Ziel habe, sondern den „Untergang dieser Gesellschaft“.
Außerdem überlegte Adler, wer die größere Schuld am Holocaust gehabt habe: „Nazis oder Zionisten“?

Auf einer Holocaust-Gedenkseite wird Adlers Trilogie ebenfalls besprochen. So schrieb Adler etwa: „Die Medien der Kommunikation [werden] in unserer Welt vorwiegend von Freimaurern und Zionisten beherrscht“, er griff auf die antisemitische Hetzschrift ‚Protokolle der Weisen von Zion‘ zurück und zitierte Neonazi-Publikationen. Adlers Ausführungen legten nahe, dass die Nazis weniger als 6 Millionen Juden getötet haben sollen, und er war sich auch nicht zu schade, das deutsche Handeln mit dem Erfinden einer „jüdischen Kriegserklärung“ zu relativieren.

Im erwähnten kreuz.net-Artikel wird über Adlers „große menschliche Milde“ gestaunt, seine „Baskenmütze“ wird bewundert und von seinem „augenzwinkernden Lächeln“ geschwärmt; bei Kathpedia wird berichtet, er habe „täglich das Heilige Messopfer im Seniorenheim St. Bonifatius in Limburgerhof“ gefeiert. Über seine antisemitischen Ausfälle wird auf beiden Seiten geschwiegen.

Im Miriam-Shop werden neben dem Auftakt von „Die Söhne der Finsternis“ nur zwei weitere Bücher Adlers angeboten: „Kirche und Loge“ sowie „Die antichristliche Revolution der Freimaurerei“. Dass sich der Verlag offenbar bis heute noch nicht von einem Autor antisemitischer Schriften distanziert hat, der seine Werke bei Miriam veröffentlichen konnte, und dass dort im Gegenteil weiterhin seine verschwörungstheoretischen Bücher verkauft werden, spricht für sich.
Dass es kath.net augenscheinlich egal ist, ebenfalls.

Noch weniger wissen mit Kathpedia

Dass Kathpedia keine annähernd seriöse Quelle darstellt, ist keine neue Erkenntnis. Die laut Impressum von kath.net geführte „freie katholische Enzyklopädie“ verbreitet haarsträubend falsche Behauptungen über die bekannten Feindbilder reaktionärer Christen. Eine Eigenheit katholischer Fundamentalisten ist die Ablehnung von Freimaurerei, die sich wesentlich auf Vorurteile und Lügen wie den sog. Taxil-Schwindel stützt.

Der Kathpedia-Artikel zur Freimaurerei soll im Folgenden genauer beleuchtet werden, besonders inwiefern Tatsachen mit Verschwörungstheorien und Klischees vermengt werden. Dabei sind es aber nicht nur die Inhalte des Artikels, die Fragen aufwerfen. Auch einige der zitierten Autoren schreiben nicht bloß ideologisch gefärbten Unsinn, sondern sind in der Vergangenheit auch durch revisionistische Behauptungen aufgefallen.

Karl Heise etwa, der wie selbstverständlich als Kronzeuge für vermeintliche systematische Lügen der Freimaurer angeführt wird, war ein Anhänger des Nationalsozialismus und Autor verschwörungstheoretischer Bücher. Er behauptete unter anderem, dass der 1. Weltkrieg von den Freimaurern ausgelöst worden sei; begeisterte Leser seiner Werke fand er beispielsweise in NSDAP-Politiker Alfred Rosenberg und Reichsführer-SS Heinrich Himmler.

Ebenfalls wird sich auf Rudolf Graber berufen, laut Kathpedia immerhin „einer der begabtesten Theologen des 20. Jahrhunderts“, ein „eifriger Seelsorger, ein hervorragender Wissenschaftler, Autor und ein frommer Beter“. Mit „einem feinen Gespür für den Pulsschlag der Zeit“ habe er „fruchtbare Beziehungen zu Persönlichkeiten und Bewegungen“ aufgebaut, „die ebenso wie er, aus christlicher Schau die Zeitprobleme zu bewältigen suchten“. Freilich fehlt bei Kathpedia der Hinweis darauf, dass eine dieser Personen, die Zeitprobleme „aus christlicher Schau“ zu bewältigen suchte, Adolf Hitler hieß. Den nannte Graber, ganz Widerstandskämpfer, 1933 „Retter, Vater und irdischer Heiland“, der „die instinktive Abneigung des deutschen Volkes“ mit dem „Kampf gegen das Judentum“ bediene, schließlich solle „das verworfene Israel“ nicht die Welt beherrschen. Graber sah das dritte Reich „als Rettung des Abendlandes vor dem Chaos des Bolschewismus, asiatischer Barbarei“. Kardinal Ratzinger wird übrigens mit der Meinung zitiert, Gruber habe „wie nur ganz wenige“ gegen „den Ungeist des Dritten Reichs“ standgehalten.

Schließlich wird auch Manfred Adler ohne Einordnung zitiert. In seinem Kathpedia-Artikel heißt es, der ehemalige Religionslehrer sei „aufgrund einer Pressekampagne eines Boulevardmagazins“ aus dem Schuldienst suspendiert worden. Seine letzten Jahre habe er damit verbracht, „täglich das Heilige Messopfer im Seniorenheim St. Bonifatius in Limburgerhof“ zu feiern. Mit keinem Wort wird darauf eingegangen, dass Adler mit antisemitischen Verschwörungstheorien aufgefallen war. In seinem im katholischen Miriam-Verlag veröffentlichten Buch „Die Söhne der Finsternis“ sprach er dem Zionismus „brutale und rücksichtslose Machtpolitik“ und „erbarmungslosen Terror“ zu, schwadronierte davon, dass „die Medien“ vorwiegend „von Freimaurern und Zionisten beherrscht“ würden und reproduzierte damit die bekannten Weltverschwörungstheorien. Er zitierte wiederholt Rechtsextremisten und Holocaustleugner und berief sich auf eine angeblich 1933 erklärte jüdische Kriegserklärung.

Eine atheistische neue Weltordnung?

Der Kathpedia-Artikel hebt vielversprechend an: Der „Bund der Freimaurerei“ sei eine „Pseudo-Religion“, die alle „früheren“ Religionen „zu ersetzen und aufzusaugen“ suche. Außerdem sei sie auf eine „permanente atheistische und antichristliche Revolution in allen Gebieten der Kultur ausgerichtet“, ferner sei der (?) „bröckelnde Kommunismus […] ein Abkömmling der Freimaurerei“.
Belege für diese Behauptungen gibt es freilich keine, die hohe Frequenz an Unfug gibt aber die Stoßrichtung vor: Mit Fakten wird sich hier nicht aufgehalten, stattdessen wird den Verschwörungstheorien gefrönt: „Ziel der Freimaurer: Die Neue Weltordnung“ lautet eine Kapitelüberschrift, die nicht zufällig an Werke der neurechten Truther-Bewegung erinnert.

Es sei „das Ziel“ der Freimaurer, eine „einheitliche Regierung“ zu etablieren, einen „ein Welt-Super-Staat“, der auch die Katholische Kirche mit einer „Gegenkirche“ überflüssig machen wolle. Das solle geschehen, indem die bestehenden Institutionen von Freimaurern „unterminiert“ würden, durch „einen Marsch durch die Institutionen“. Dabei wird, eine Abgrenzung von den typischen „Wahrheitsbewegungen“, der Fokus weniger auf angebliche Bevölkerungsdezimierungssysteme gelegt, sondern auf einen „Synkretismus der Religionen“, der eine Voraussetzung für die vermeintliche neue Weltordnung sei. Als Beweise für das Wirken der Logen werden die üblichen lächerlichen „Beweise“ angeführt – die Freimaurer würden ihr Ziel mit einer „Herrschaft des Geldes“ anstreben:

Sie wird bildlich in der „1-Dollar-Note“ mit der Aufschrift: „Novus ordo saeculorum“ dargestellt. In der Mitte steht „In God we trust“ (in den pantheistischen Gott wird Hoffnung gesetzt), links daneben die Pyramide der Iluminaten mit dem freimaurerischen allsehenden Auge Gottes.

„Die Pyramide der Illuminaten“ auf dem US-Dollar hat mit dem Geheimorden freilich ebensowenig zu tun wie das Auge mit den Freimaurern. Vielmehr ist die nicht fertig gestellte Pyramide ein Zeichen für die zum Entstehungszeitpunkt noch unvollendeten USA, das allsehende Auge Gottes ist christlichen Ursprungs. „Novus ordo saeculorum“ bezieht sich auf die Abspaltung der ehemaligen britischen Siedler von ihrer Heimat; und auch „In God we trust“ hat keinerlei Bezug zur Freimaurerei.

Zitiert wird ferner eine Erklärung der Argentinischen Bischofskonferenz von 1959, in der die tendenziell antisemitische Vorstellung einer „Hochfinanz“ bedient wird, die die Welt beherrsche; in diesem Fall wird sie als von Freimaurern beherrscht angesehen.
Ebenfalls haltlos und bekannten Deutungsmustern antiamerikanischen Verschwörungstheorien nachempfunden ist die Behauptung, hinter den Kriegen in Afghanistan und im Irak steckten andere Gründe als die offiziellen:

Es soll ein weltweites finanzielles Kontrollsystem geben, das fähig ist, das politische System jedes Landes und die Wirtschaft der ganzen Welt zu beherrschen. Da das Vorpreschen der Freimaurerei in islamische Staaten verboten ist, kommen manche Staatssituationen wie gerufen, dort „notwendigerweise“ die Demokratie einführen zu müssen, welche ihre Daseinsberechtigung ermöglicht und garantiert.

Während die meisten anderen Behauptungen völlig ohne Quelle auskommen, wird als Kronzeuge für die angestrebte Weltherrschaft der Freimaurer ausgerechnet der oben erwähnte Manfred Adler angegeben.

In dem mit „Programm“ überschriebenen Abschnitt wird erneut ein herbeifantasierter Weg zur neuen Weltordnung genannt: „Das Programm zum Ziel der „Neuen Weltordnung“ ist die Säkularisierung.“ Der „allgemeine Humanitäts- und Toleranzgedanke“, wie es weiterhin heißt, stelle keine Überzeugung der Freimaurer dar, „sondern dient als Täuschungsmanöver ihrer Ziele“. Damit überträgt man die antisemitischen Vorstellungen von lügenden Juden auf die Freimaurer, denen zur Durchsetzung ihrer Absichten jedes Mittel recht sei.

Als Belege werden später aus dem Kontext gerissene Zitate aus hundert Jahre alten Werken vorgezaubert, wobei den Autoren bereits der Titel „Die Entstehung und der wahre Endzweck der Freimaurerei“ als Beweis für die üblen Absichten ausreicht. Der Verfasser dieses Buches, Ferdinand Katsch, sei von einem anderen Schriftsteller als „gewissenhafter, emsiger Forscher“ bezeichnet worden, was in Verbindung mit einem ganz offensichtlich inkorrekten weiteren Buchtitel wohl alle Zweifel beseitigen soll. Auch der oben genannte Karl Heise kommt zu Wort, es wird aus seinem Werk über die wahren Gründe des 1. Weltkrieges zitiert.

Stadtführungen und Radiosendungen statt wissenschaftlichen Quellen

Dass die neue Weltordnung nicht bloß ein Ziel für die ferne Zukunft sei, wird im Artikel ebenfalls nachdrücklich behauptet. So gingen „viel (sic!) politische Umstürze der Neuzeit […] auf das Ideengut der Freimaurerei zurück, und wurde (sic!) von Freimaurern geprägt“, wie es zu Beginn heißt. Als Belege werden „Z.B. Simon Bolivar in Kolumbien, Miranda in Venezuela, Magalhaes in Portugal, Mazzini und Garbaldi in Italien, Bela Kun und Kossuth in Ungarn, Kemal Pascha Atatürk in der Türkei, Jose Rizal auf den Philippinen, Mirabeu, Robespierre, Danton in Frankreich“ genannt. Dabei wird bewusst unklar gelassen, inwiefern die einzelnen „Umstürze“ mit der Freimaurerei zu tun gehabt haben sollen. Quellen fehlen natürlich ebenfalls. In der Kategorie „Ereignisse zur Freimaurerei“ wird dann auch zur Französischen Revolution festgestellt:

1789 Die Französische Revolution wurde im wesentlichen von Freimaurern geplant und durchgeführt. 1/3 der französischen Klerus wurde bestialisch dahingeschlachtet.

Gerne und ausführlich wird sich auf Burkhardt Gorissen gestützt, einen ehemaligen Freimaurer, der seine Mitgliedschaft nicht mit seinem christlichen Glauben vereinbaren konnte und schließlich aus dem Orden austrat. Seine Zitate machen fast ein Drittel der Belege aus, wobei nicht seine Bücher zitiert werden, sondern ein Radioauftritt aus dem Jahr 2001. Gorissen gibt an, dass die Freimaurerei einer der „zerstörendsten und zermürbendsten Einflüsse“ der Moderne sei:

Burkhardt Gorissen meint, dass die Unterwanderung des Christentums durch die Freimaurer einer der zerstörendsten und zermürbensten Einflüsse ist, mit denen wir heute zu kämpfen haben. Der Einfluss der Freimaurerei ist zum Großteil auch am Mangel geistlicher Leiterschaft und am mangelnden geistlichen Unterscheidungsvermögen schuld, unter dem wir heute so sehr leiden.

Weiterhin wird versucht, die Freimaurer mithilfe dreier Sätze einer Frankfurter Loge zur Atomenergie zu diskreditieren:

In den „Thesen bis zum Jahr 2000″ der Großloge A.F. u. A.M. v.D. Frankfurt heisst es in Nr. 12: „Die Kernkraft nutzen heißt die Energieproduktion der Sonne auf die Erde holen. Die Geburt dieser Idee dauert noch an. Die Zeit wird kommen, in der jeder neue Gedanke die Nutzung von Kernenergie auf der Erde bereits so voraussetzt wie jeder im Abendland entstandene Gedanke das Christentum.“

Obwohl (oder gerade weil) die Jahreszahl fehlt und somit die Möglichkeit einer Einordnung in den zeitgeschichtlichen Kontext verunmöglicht wird, werden diese Sätze in allerlei Verschwörerforen umhergereicht.

Die kurioseste Quelle zum angeblichen Einfluss der Freimaurer ist allerdings eine Brüsseler Stadtführung. Das Vorkommen von 30 Freimaurerlogen wird als Grund für die (zu) liberale Gesetzgebung der EU betrachtet:

Bei der Stadtführung in Brüssel wird informiert, dass es 30 Freimaurerlogen gebe. Dort werde die Europäische Politik gemacht. So ist Europa im Jahre 2010 schon fest im Diktatorengriff. Die Schweiz setzt Mitte 2010 die nicht öffentlich diskutierte Gender-Ideologie um, und wird in Zukunft in staatlichen Papieren nicht mehr Vater und Mutter schreiben, sondern Eltern 1 und Eltern 2. Da die staatlichen Organe durch Freimaurer fast weltweit unterwandert sind, wird die Ideologie relativ einfach umgesetzt. Dies ist nicht so zu verstehen, als ob ein Maurer stets der Vorsitzende einer Organisation wäre, sondern dass sie in Arbeitsplätze mit Lenkungsfunktion drängen. So sind sie in der fünffachen Gewaltenteilung des Staates vertreten: der gesetzgebenden, der richterlichen, der ausführenden, der medialen und der wirtschaftlichen Gewalt. Judikative Manipulation wäre z.B., dass ein Richter oder Anwalt (auch Staatsanwalt) ein mildes Urteil für seinen Mauererbruder erwirkt.

Klempner vs. Marienerscheinung

Die Begeisterung für vermeintlich magische und/oder satanistische Rituale wird im Kathpedia-Artikel zur Freimaurerei natürlich auch bedient. So ist etwa von einer Totenbeschwörung die Rede, die zur Erreichung eines Meistergrades innerhalb des Ordens notwendig sei. Webexklusiv berichtet man über jedes angebliche Detail:

Der Kandidat wird auf den Boden gelegt, in manchen Logen in einen Sarg. Dann wird der Kandidat mit einem Tuch bedeckt. Es wird ihm gesagt, dass er den Totenmeister Hiram darstelle. Drei Meister, der Meister vom Stuhl, der erste und zweite Aufseher gehen um den Sarg herum und stellen fest: Hier liegt ein Toter. Ein Zweiter antwortet dann: Das Fleisch lösst sich vom Bein. Daraufhin entgegnet der Stuhlmeister: So will ich ihn mit den fünf Punkten der Meisterschaft erheben. Daraufhin setzt der Meister vom Stuhl, Fuss gegen Fuss, Knie gegen Knie, legt Hand in Hand, Brust an Brust, den linken Arm um den Nacken des Bruders der aufgenommen bzw. erhoben werden soll und sagt ihm das Meisterwort: Mack Binack ins Ohr, was übersetzt heissen soll: „Er lebt im Sohne“. Die Freimaurer bezeichnen diese Ritual offiziell als „Todeserlebnis“. Dieses Ritual wurde früher in der Aufnahmeurkunde mit Blut unterzeichnet. Heute, als eingetragene Vereine, unterlassen die Freimaurer tunlichst, was gegen die gesellschaftlichen Regeln verstösst

Briefen, die ebenfalls nur Kathpedia-Autoren vorliegen, wird „luziferischer Geist“ zugeschrieben, wobei wahrscheinlich bewusst die bekannten, aber längst widerlegten Vorstellungen eines Satans- respektive Baphometkults aufgegriffen werden sollen. Bei den „Ereignissen zur Freimaurerei“ wird die mutmaßlich etwas dramatisierte Fassung eines dem Internet ebenfalls völlig unbekannten Vorkommnisses festgehalten:

Im Oktober 1917 entrollten Freimaurer auf dem Petersplatz in Rom, unter den Fenstern des Vatikans, ein Satansbanner, auf dem in grässlicher Verzerrung der Erzengel Michael dargestellt war, der sich in den Klauen Luzifers befand und von diesem zu Boden geworfen wurde. Auf einem Transparent standen die Worte: „Satan muss herrschen im Vatikan und der Papst muss sein Sklave sein!“ Dabei wurde die Satanshymne Carduccis (vgl. Tiara) gesungen.

Der Einfluss der Freimaurer habe 1917 im Übrigen auch vor der Verspätung einer Marienerscheinung nicht Halt gemacht, wie es direkt davor heißt:

24. Juni 1917: Die Freimaurerei feiert in aller Welt das 200-jährige Bestehen ihres Bundes. Als die Antwort des Himmels gilt Katholiken die Ankündigung des Triumphzuges des Unbefleckten HERZENS MARIENS in Fatima. Hier muss man wissen, dass Portugal 1917 nahezu ganz in den Händen der (30) Loge war und dass diese sich bemühte, als die Erscheinungen in Fatima bekannt wurden, mit allen Mitteln diesen angeblichen religiösen Aberglauben im Keime zu ersticken. Und besonders hatte es der freimaurerische Bezirksvorsitzende der Gegend von Fatima, der sogenannte Klempner, auf die drei Hirten-Seher-Kinder abgesehen. Kurz vor dem 13. August 1917 ließ er die Kinder entführen und einsperren und versuchte ihnen unter Todesandrohungen das Geheimnis zu entreißen, um sie dann als hysterisch oder psychopathisch, psychisch belastet, hinstellen zu können. Aber alles misslang, und wutentbrannt musste er die Kinder zurückbringen lassen. Das war der Grund, warum die Gottesmutter im August nicht am 13., sondern erst am 19. erschien.

Um ziemlich offensichtliche Lügen bei nachprüfbaren Themen ist man auch nicht verlegen: Der Eid zur Aufnahme in einen Orden wird mit „Dann wird damit gedroht, dass die Gurgel abgeschnitten würde, wenn man sich als Verräter erweisen sollte“ nur unzureichend wiedergegeben – diese Form ist seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr in Gebrauch.

Die heutige Bedeutung von Verschwörungstheorien wird am Beispiel dieses Freimaurer-Artikels auf Kathpedia gut sichtbar: In einer zusehends unübersichtlicheren Welt wird auf eine simple und angenehme Erklärung zurückgegriffen. Kritik von der Außenwelt kann damit noch nachdrücklicher als voreingenommen abgewiesen werden. Die völlig irrationale Ablehnung von Freimaurern nimmt dabei eine Sonderstellung ein: Sie ist von der Katholischen Kirche legitimiert und gebietet geradezu, komplexe Prozesse mit einer von Freimaurern gesteuerten „Hochfinanz“ zu erklären und Revolutionen sowie Kriege auf das Wirken einiger angeblich verschworener Heimlichtuer zurückzuführen.

Der Kathpedia-Artikel bildet übrigens durchaus die Meinung von kath.net ab: Als 2011 Breiviks christliche Motivation bekannt wurde, reagierte man prompt und panisch mit mehreren Beiträgen, die seine Nähe zur Freimaurerei betonten und damit beweisen sollten, dass es sich beim norwegischen Massenmörder keinesfalls um einen Christen handeln könne.
Dass Autoren wie Karl Heise und Manfred Adler auf einer von kath.net geführten Seite derart unkritisch zitiert werden, spricht ebenfalls für sich.

Weniger Wissen mit Kathpedia

kath.net! Es ist schön und berechtigt, wenn ihr Andere auf ihre Fehler aufmerksam macht. Heute war es endlich einmal so weit: Die Süddeutsche hatte in einem Artikel am Wochenende kath.net mit den fundamentalistischen Legionären Christi in Verbindung gebracht, was kath.net eilig dementiert:

In der Süddeutschen heißt es dazu wörtlich: „Die Ordensschwester der Gemeinschaft ‚Verbum Dei’ hat bei der katholischen Nachrichtenagentur Zenit mitgearbeitet, ein Projekt von Legionären, wie auch das Internetportal kath.net.“
[…]
Dass KATH.NET kein „Projekt der Legionäre Christi“ ist, wäre bei minimaler journalistischer Recherche leicht feststellbar, ein Blick in das Impressum von Kath.Net hätte genügt. Vertiefende Informationen findet man auch auf kathpedia. KATH.NET hat im Zusammenhang mit dieser Behauptung die Süddeutsche Zeitung um eine Stellungnahme ersucht und bis jetzt noch keine Antworten erhalten.

Abgesehen vom ziemlich unsinnigen Hinweis auf die „minimale journalistische Recherche“, der ja auch kath.net ziemlich wenig Zeit widmet, kann man das prinzipiell so stehen lassen.

Ein schönes Stichwort allerdings ist Kathpedia. Das Wiki-Projekt, das von kath.net gegründet wurde, wollte ich seit ein paar Tagen sowieso genauer beleuchten und brauchte noch einen Grund dafür – nun ist es also so weit.

Auf der Hauptseite von Kathpedia jedenfalls lernt der geneigte Leser:

Die Kathpedia ist ein Projekt zum Aufbau einer freien katholischen Enzyklopädie. Jeder kann mit seinem Wissen beitragen und die Artikel direkt im Browser bearbeiten. – Die ersten Schritte sind sehr einfach.

Primär sind katholische Christen zur aktiven Mitarbeit eingeladen. Oberste Richtschnur in allen Zweifelsfällen sind die Heilige Schrift zusammen mit der Tradition der Kirche, wie sie in den kirchlichen Lehrdokumenten, dem Katechismus der Katholischen Kirche sowie dem Kompendium des Katechismus dargelegt werden.

Im Moment enthält die Kathpedia 6.192 Artikel in deutscher Sprache.

Eine Wissenssammlung also soll Kathpedia sein – im Zweifelsfall hat aber nicht die Wirklichkeit Recht, sondern die Bibel oder der Papst. Das ist u. a. auch deshalb bemerkenswert, weil kath.net vor nicht allzulanger Zeit – am selben Tag wie kreuz.net – gegen Wikipedia polemisierte und dem Portal vorwarf, parteiisch zu sein, weil die User die fundamentalistische Sichtweise rechter Christen nicht als Wissen akzeptierten.
Der von idea verfasste Artikel erklärte den Lesern damals, „Wikipedia-Artikel muss man kritisch lesen!“ und wusste zu berichten: „Die Mehrheit denkt linksliberal“. Ferner wies man darauf hin, dass falsche Informationen „vor allem [dem] „Mainstream“ der Meinungsmacher“ dienten.

Wem die Kathpedia-Artikel hingegen dienen sollen, ist ziemlich eindeutig: Im Zweifelsfall kath.net selbst und allen Verbündeten. So erläutert der Text über kath.net, dass „das interne Motto der kath.net-Redaktion ‚All the news, all the time‘“ laute, dazu wird jeder einzelne Kommentar katholischer Würdenträger fein säuberlich aufgelistet – manchmal sogar doppelt, wie im Falle von Kardinal Meisner:

„In der Vielfalt der Stimmen zeigt kath.net sein eigenständiges Profil und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Meinungsbildung.“ Und weiter: Kath.net leistet „einen wichtigen Beitrag zur Meinungsbildung“

Weniger komisch, dafür umso falscher kommen Artikel über die Feindbilder daher. Zur Homosexualität etwa steht schon im ersten Satz geschrieben, sie widerspreche „der menschlichen Natur“. Weil das mutmaßlich nicht heftig genug war, wird Homosexualität gleich danach mit dem Sodomie-Artikel verlinkt. Es folgen aus der Bibel hergeleitete Gründe, Homosexuelle böse zu finden.
Weil die Wissenschaft Homosexualität tendenziell anders beurteilt, als rechte Christen es gern sehen würden, schreibt man:

Die Ursachen für Homosexualität sind bis heute nicht geklärt.

Was nicht so ganz stimmt. Der schönste Satz zum Thema folgt aber erst noch:

Gelebte Homosexualität erscheint auch aus gesellschaftlichen Gründen wenig wünschenswert, da sie Nachkommenschaft aus ihrem Wesen heraus ausschließt.

Dieser Satz fehlt im Artikel über das Zölibat natürlich. Dort steht stattdessen aber:

Dem sexuellen Missbrauchsunwesen von einigen Priestern, mit der Lockerung des Zölibats begegnen zu wollen, also mit vermehrter Sexualität zu bekämpfen, würde ein Feuer mit Benzin zu löschen bedeuten.

Ja, das macht Sinn. Ebenso wie der Artikel über den Nationalsozialismus, in dem gleich zu Beginn festgehalten wird:

Die Ideologie verband den Rückgriff auf archaische, pseudo-germanische Mythen und einen verdrehten Darwinismus mit dem modernen „wissenschaftlichen“ Rassismus (zusammen mit ausgeprägtem Antisemitismus). Hinzu trat typisch deutscher Hass auf die katholische Religion

Der typisch deutsche Hass auf die katholische Religion, der sich in der Verfolgung der Juden äußerte, ist das Hauptthema des Artikels. Wie es mittlerweile usus geworden ist, wird Hitlers Regime als atheistisch dargestellt – in diesem Absatz findet sich der einzige halbwegs erfreuliche Fehler von ganz Kathpedia:

Adolf Hitler rottete die Juden aus, brachte christlich führende Persönlichkeiten wie Geistliche, Ordensleute und Journalisten um.

Die Ausrottung der Juden gelang Hitler bekanntlich zum Glück nicht völlig; umso bezeichnender allerdings, dass direkt nach der Erwähnung des Holocaust die christlichen Opfer erwähnt werden.
Besonders absurd ist der Absatz über den 2. Weltkrieg – die wichtigen Wendungen und Entscheidungen werden mit katholischen Feiertagen in Zusammenhang gesetzt:

Papst Pius XII. weihte am 31. Oktober 1942 in der Radioansprache Regina del santissimo rosario an das portugiesische Volk, die Welt dem Unbefleckten Herz Mariens. Sr. Lúcia dos Santos hatte den Heiligen Vater mehrmals darum gebeten „um die Greuel des Krieges abzukürzen“. Nach dieser Weihe musste die deutsche Wehrmacht die schwersten Niederlagen hinnehmen, und zwar an Marienfesten (der „Frau, die der Schlange den Kopf zertritt“):

2. Februar 1943: Fest Maria Lichtmess: Stalingrad fällt. Die eingeschlossene Armee ergibt sich.
13. Mai 1943: Fatimatag: Ende des Krieges in Nordafrika.
15. August 1943: Fest Aufnahme Mariens in den Himmel: Sizilien fällt.
8. September 1943: Fest Mariä Geburt: Italien kapituliert.
15. August 1944: Fest Aufnahme Mariens in den Himmel: Landung der Aliierten bei Toulon. Die deutsche Westfront wird von Südfrankreich aus in ihrer Läge aufgerollt.
12. September 1944: Fest Mariä Namen: Die Aliierten überschreiten die deutsche Reichsgrenze.
8. Mai 1945: Fest der Erscheinung des heiligen Erzengels Michael, des Schutzpatrons Deutschlands: Kapitulation der letzten deutschen Heerestruppe.
15. August 1945: Fest Aufnahme Mariens in den Himmel: Japan kapituliert. Ende des Zweiten Weltkrieges.

Weil Rechte Nazidiktatur und Sozialismus mittlerweile fast gleichstellen, ist auch der Artikel über die DDR nicht besonders lesenswert. So schreibt man davon, das Regime habe „auch unverhohlen Bezüge zum deutschen Nationalismus und Protestantismus“ propagiert – und „den Großteil der Staatsunterworfenen zu seelisch verarmten und wirtschaftlich ruinierten Menschen gemacht“.
Ebenso weiß der/die Autor_in:

Ideologische Sympathien, die der DDR inzwischen auch „im Westen“ rückblickend entgegengebracht werden, bis in Kreise der SPD hinein, entbehren jeder historischen Grundlage.

Über die Evolution hat Kathpedia nicht besonders viel mitzuteilen, verwendet aber den unter Fundamentalisten beliebten Begriff Evolutionismus, es wird großes Wissen demonstriert:

Philosophisch ist es jedoch nicht möglich, dass Leben eine materielle Ursache hat. Nur Gott kann Leben hervorbringen.

Und:

Bei der Entstehung eines neuen Menschen ist immer die Intervention Gottes zur Erschaffung einer vernünftigen Seele notwendig.

Immerhin steht nicht nur dieser Artikel in der Kategorie Irrlehren, dort finden sich auch die Texte über Kreationismus und Intelligent Design – eine Kathpedia zufolge ebenso namhafte „Irrlehre“ ist die vom päpstlichen Irrtum:

Ein Irrtum des Papstes in einer wichtigen Entscheidung ist in der Kirchengeschichte noch nicht vorgekommen, weit über den Anspruch auf Unfehlbarkeit in endgültigen Lehrdefinitionen hinaus.

Weiterhin weiß man dort:

Die beiden kritischen Vorgänge aus der Frühzeit der Kirche sind eher als strategische Fehlleistungen der Kirchenpolitik einzuordnen. Als solche muss auch die Entscheidung im Fall Galileo Galilei (überdies nicht eine Entscheidung des Papstes Urban VIII. selbst) angesehen werden, die überaus komplex ist, aber nicht einfach „schlicht falsch“.

Man ahnte es.
Über Atheisten schreibt Kathpedia:

Die Lebensmaxime ist hier der Pragmatismus, bei dem der Stärkere (wie im Tierreich) die Oberhand gewinnt und der Materialismus, der sich im irdischen einen Götzen, statt Gott sucht (vgl. Evangelli praecones 17). Dadurch werden die gottgeschaffenen Naturgesetze verkehrt, welche durch einen kämpferischen Atheismus eine „Kultur des Todes“ schaffen und bei Extremismus auch über Leichen geht. So sind es z.B. beim Nationalsozialismus 58 Millionen Tote, beim Kommunismus 300 Millionen Tote, oder auch bei der Freimaurerei.

Besonders die Freimaurer haben es dem/der Autor_in angetan, und so ergießt man sich in einer formvollendeten Verschwörungstheorie:

Diese [die Freimaurer] haben Absicht weniger körperlich zu töten, sondern vor allem moralisch (vgl. Gesetzlosigkeit, Neuheidentum, Esoterik, Satanismus und Terror), jedoch wird eine internationale Diktatur vorbereitet, zu der die Finanzkrise der ersten Dekade des 21. Jahrhundert gehört. David Rockefeller sagt: „Wir befinden uns am Anfang einer globalen Umwälzung. Alles, was uns (Freimaurern) noch fehlt, ist eine große weltweite Krise, bevor die Nationen die Neue Weltordnung (des Antichrists) akzeptieren.“

Und als progressive Denkwerkstatt ist man sich gewiss:

Unterstützt von einem bestimmten Erkenntnisstand der Wissenschaften, der heute jedoch überwunden ist, galt der Atheismus als die fortschrittliche, humanistische Konzeption.

Die CDU wird, wie es sich für ein Wiki gehört, betont neutral bewertet:

Einzelne katholische Politiker, die hier werte-orientiert agieren (wie etwa Hubert Hüppe und Friedrich Merz) stehen auf verlorenem Posten bzw. wurden von der Kanzlerin „kaltgestellt“. So hat die CDU stetig an Substanz verloren. Ob sie eine Volkspartei der „Mitte“ bleiben wird, ist nicht selbstverständlich, auch wenn die Wahlergebnisse von 2009 ihr dazu noch eine Chance einräumen.

Die Zukunft der SPD bleibt ähnlich spekulativ:

Das progressive Image der Partei wurde zunächst in den 1980-er Jahren von den GRÜNEN überboten und ist seit der rot-grünen Regierung 1998-2005 einer harten, destruktiven Opposition von „links“ ausgesetzt. Diese „LINKE“ setzt sich zusammen aus staatsautoritären DDR-Nostalgikern und populistischen Interessenvertretern des (noch verbliebenen) „Industrieproletariats“, zuzüglich einiger ideologisch motivierter Intellektueller. Ob die SPD zukünftig noch Volkspartei bleiben kann ist zur Zeit also offen, insbesondere angesichts der Wahlergebnisse von 2009, der überalterten, schrumpfenden Mitgliedschaft und der knappen Personaldecke.

Abschließend sei noch auf das Thema Sexualität hingewiesen – so kann man etwa lernen:

Das Wort Geschlechtlichkeit kommt etymologisch nicht von „schlecht“, wie manche ältere Personen denken, sondern von „in eine Art schlagen“.

Manche ältere Personen erfahren dann:

Sexualität muss begrenzt werden, wenn man sie gesund und glücklich leben will. Es bedarf der persönlichen Anstrengung, um keusch zu leben. Sexuelle Gewalt und Pädophilie zeigen, dass Sexualität nicht schrankenlos gelebt werden kann, nicht immer gut oder harmlos ist. Trotzdem träumen viele von einem solchen Zustand und glauben, das sei die heile Welt. Das kommt besonders aus der Ideologie der 68er Bewegung. Dass die Repression von Sexualität zur Perversion gerät, das ist ein sehr plumpes, mechanistisches Menschenbild, das an Sigmund Freud angelehnt ist und noch in vielen Köpfen herumspukt, obwohl es längst überholt ist. Seit der sexuellen Revolution sind vor allem Männer der Meinung, dass sie sich sexuell verwirklichen müssen, weil sie sonst krank würden. Sexualität wird hier als dranghaft notwendig erlebt, nicht mehr als kultivierbar und steuerbar durch die Vernunft.

Zum Schluss wird es noch diffuser:

In der Grundschule finden die Kinder es total cool zu entdecken, wie ein Baby im Bauch der Mama wächst, was die Kinder schon alles können (am Daumen lutschen, Purzelbäume schlagen, Fruchtwasser schlucken, Mama treten) und wie eng es da drin kurz vor der Geburt ist. Ich kenne dagegen kein einziges Kind, das in der dritten Klasse detailliert wissen will, wie die Kinder in den Bauch hineinkommen. Dafür sorgen unsere frühsexualisierenden Lehrpläne und Lehrer, die offenbar das Gefühl dafür verloren haben, wann der richtige Zeitpunkt für solche Themen ist und wann nicht.

Wobei die für ein Wiki eher unübliche Formulierung im letzten Absatz wohl noch das kleinste Übel von Kathpedia ist.