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Mit Heraklit und Holey gegen den Klimawandel

Es ist Frühling, zumindest theoretisch. Die Krokusse könnten bereits in voller Blüte stehen, die Seen zum Anbaden einladen, die Tauben im Park fröhliche Lieder schmetternd vergiftet werden.

Wäre da nicht der Schnee, der kath.net Jahr für Jahr zu mäßig klugen Artikeln inspiriert, in denen der Klimawandel geleugnet wird. 2008 wurde „die quasi-religiöse Sicht des Klimawandels“ kritisiert, 2009 dazu aufgerufen, „einen kühlen Kopf“ zu bewahren. 2011 stellte idea-Chef Helmut Matthies fest: „Klimawandel: Aber der Herr lachet ihrer…“, einige Monate später wurde die „Überraschung“ publiziert, dass „die Sonne […] in den Winterschlaf“ gehe.

Auch in diesem Jahr ist es ein Text von idea, der die bewusst offene Frage „Gibt es den von Menschen gemachten Klimawandel gar nicht?“ erörtern soll und der, um es mit den Worten von kath.net-Chef Roland Noé alias „Gandalf“ zu sagen, „aus „pro“ und „contra“" besteht: „Zum Thema „Klimawandel“ etc.“ gäbe „es inbes. in der Fachwelt auch immer pro und contra“, weshalb die Rolle des Klimawandelskeptikers dann auch von Wolfgang Thüne gespielt wird.

Der Text von Thüne, der als ehemaliger „Fernseh-Meteorologe beim ZDF“ beworben wird, ist weniger bemerkenswert als das Medienleben des Autors – mehr dazu gleich. Thüne schreibt, der Klimawandel sei „ein Werk des Schöpfers“, zieht Pythagoras und Aristoteles heran und nennt abschließend Heraklit, der sicher kein dummer Mann war, zur Erderwärmung im 20. und 21. Jahrhundert allerdings nur bedingt zitierfähig ist.

Tatsächlich war Wolfgang Thüne von 1971 bis 1986 Meteorologe im ZDF, bekam aber bereits 1988 schlechte Presse, als sich die ZEIT mit der Vergabe von Doktortiteln in Würzburg beschäftigte. Thüne hatte dort gerade promoviert und problematische Quellen benutzt: Er habe sich in der Arbeit, so die ZEIT, auf den Rassenkundler und NS-Minister Wilhelm Frick bezogen und eine Publikation aus einem Neonazi-Verlag genutzt, um zu beweisen, „daß Politik „ein Kampf um Raum“ ist.“ Während er diese Quellen direkt angab, habe er bei Zitaten von Hesse und Hemingway auf eine „längst verschollene „Kleine Geschichte der modernen Weltliteratur“ von 1950″ zurückgegriffen, bei Fontane auf ein Werk des „einstigen NS-Barden Karl Götz“.

Seit den 1990er Jahren tritt Thüne, wie Psiram (ehemals Esowatch) notiert, als Gegner des Klimawandels auf und nutzte nicht nur semi-seriöse Portale wie kath.net zur Verbreitung seiner Thesen:
2004 soll Thüne laut Psiram beim sogenannten „Regentreff“, einer Konferenz von Verschwörungstheoretikern, aufgetreten sein. Tatsächlich werben die Seiten des „Regentreffs“ noch heute für DVDs von Thüne, zu seinem Vortrag lässt sich allerdings nichts Genaues finden. Das ZDF-Magazin „Aspekte“ soll damals folgendermaßen berichtet haben:

Regelmäßig treffen sich überall in Deutschland esoterische Verschwörungstheoretiker, auch im Städtchen Regen. Letzten Samstag waren dort knapp 200 Besucher anwesend. Von Rechtsextremismus distanziert man sich. Zumindest offiziell.

Hier in Regen zirkuliert das neueste Werk Jan van Helsings. Ganz offen werden daneben auch Bücher bekannter Rechtsextremer vertrieben. Auch der braune UFO-Wahn wird hier vermarktet. Und bereits am Eingang findet sich sogar Werbung für verfassungsfeindliche Bücher, die den Massenmord an Juden leugnen. Zynisch heißt es in einem Prospekt: „Wussten Sie schon – dass die SS in den Konzentrationslagern mit teuerster High Tech versuchte, das Leben der dortigen Häftlinge zu retten?“

Der auf pseudowissenschaftliche Medien spezialisierte Schild Verlag vertreibt ein Video mit Thüne namens „Die Klima-Lüge“ – direkt neben DVDs mit formschönen Titeln wie „ChemTrails – Griff nach der Weltherrschaft?“, „Kann man Seelen wiegen?“ oder „HAARP – eine Erdbeben- und Tsunamiwaffe?“. 2012 veröffentlichte Thüne, mittlerweile im Präsidium des Bundes der Vertriebenen, den Aufsatz „Zum Mysterium und Martyrium Ostpreußens“ in den Eckartschriften der Österreichischen Landsmannschaft, wo 2005 eines Nazi-Kriegsverbrecher gedacht wurde. Ein aus der Berliner Zeitung kopierter Leserbrief Thünes findet sich auf einer Seite namens neue-medizin.com, auf der die unwissenschaftliche und braun angehauchte sog. „Germanische neue Medizin“ propagiert wird.

Ob Thünes Leserbrief dort mit seiner Erlaubnis auftauchte, ist unklar; und auch sein vermeintlicher Auftritt beim „Regentreff“ macht ihn nicht notwendigerweise zum Antisemiten oder Revisionisten. Offenbar wird allerdings eine Nähe zu der komplett realitätsfremden Szene der Esoteriker und Verschwörungstheoretiker – und die Erkenntnis, dass Thüne mit der von Noé erwähnten „Fachwelt“ nicht viel am Hut haben kann.

Bei Youtube gibt es Videos von Thüne, die für den Internetsender „Secret TV“ produziert wurden. „Secret TV“ wurde 2007 von Jan Udo Holey und Familienmitgliedern ins Leben gerufen – Holey ist Autor von „durchgängig antisemitischen Schrift[en]“ (Staatsanwaltschaft Mannheim, 1996), in denen von einer jüdischen Weltherrschaft fabuliert wird. Holey wehrte sich damals, sein Buch richte sich weniger gegen Juden als „vielmehr ausschließlich gegen die Hintergrundmächte, Weltverschwörer, Freimaurer, Rotarier“. Eine Rhetorik, die auch aus kath.net- und Kathpedia-Artikeln über Freimaurer nicht völlig unbekannt ist.

Laun goes on

Man hat es als katholischer Fundamentalist dieser Tage wahrlich nicht leicht, schrieb ich gestern und meinte damit den Salzburger Weihbischof Andreas Laun, der einmal mehr an der Realität verzweifelte. Nach seinem neuen Erguss, in dem er sich vom Austrofaschismus (nicht so schlimm wie Hitler) über den Marxismus (so schlimm wie Hitler) bis zu Fernsehkommissarinnen (schlimmer als Hitler) alle möglichen Themen unserer Zeit und vorangegangener Epochen vorknüpft, muss eine Lanze für die wahren Opfer der linksgrünroten Meinungsdiktatur gebrochen werden: Für arme kath.net-Watchblogger wie z. B. mich, die dem geballten Irrsinn, den Laun produziert, hilflos gegenüberstehen.

Was soll man einem Trollbischof wie Laun, der sich von gegenderten Büchern verfolgt fühlt, denn noch entgegnen? Der das alte Märchen reproduziert, Frauen seien durch aufreizende Kleidung selbst an Übergriffen schuld und hätten in Krimis bestenfalls die Opfer zu spielen? Der, wie alle rechtspopulistischen Wirrköpfe, von Freiheit spricht und Unterdrückung meint?

Statt einer ausufernden Erklärung, wie falsch MC Ändi liegt: So etwas ähnliches wie Kunst. Das mit der Metrik muss Laun zwar noch üben, aber er scheint ja über ausreichend Freizeit zu verfügen:

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Die (..) Freiheit der Menschen ist das Problem von heute. (..)
Wir brauchen möglichst viele kleine (..) „Kinder“, die rufen: „Diese Leute
sind ja nackt.“ (..) Wir (..) sind (..) sexy (..) und siegreich wie „James Bond“.
Man (..) tut (..) und „quetscht“ (..) und (..) will nicht Hüte (..), sond-

ern (..) Druck und (..) Gewalt (..) und die Müllabfuhr. (..)
Politiker: (..) Freiheit, gebt Freiheit (!..) Gesetze auch, aber nur (..)
zur (..) Drachenbrut (..), Kaiser, mit unsichtbaren „Kleidern“ (..), tut uns leid,
wie wir leben (..) wollen: (..) Mit (..) Sanktionen (..) und (..) Freizügigkeit. (..)

Das Gesundheitssystem (:..) Nazis (..) und (..) Allmachtswahn. (..)
Schamlose Sexual-Erziehung (..) und (..) Goethe (..). Man (..), man (..), man.

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Andreas Laun und die mimosenhaften Reaktionen

Man hat es als katholischer Fundamentalist dieser Tage wahrlich nicht leicht: kreuz.net ist dicht, Gloria.tv macht sich mit Hakenkreuzbildern und Prügelvideos noch unmöglicher als sonst, und nun scheint auch noch kath.net den Kommentarbereich entgegen früheren Beschwichtigungen endgültig abgeschafft zu haben. Schwer zu sagen, was den Ausschlag gab: Hat die kath.net-Redaktion Angst vor neuer römischer Aufmerksamkeit? Fürchtet man die mühevolle Moderation von mehrheitlich sedisvakantischen Leserkommentaren, obwohl man den „Lesern seit Tagen nur eine Botschaft einzuhämmern versucht: Es bestehe vollkommene Kontinuität zwischen Benedikt XVI. und Franziskus“.

Man weiß es nicht. Und es ist ja auch nicht so, als wäre das Ende der Kommentarspalte eine bedauerliche Angelegenheit, allein: User wie „M.Schn-Fl“ pöbeln mittlerweile auf anderen Seiten unter Klarnamen, ein Teil der Kommentatoren wird sich in die „Blogozese“ zurückziehen und andere auf Portale wie katholisches.info. Der Quatsch ist also nicht aus der Welt, er findet bloß neue Sprachrohre. Für kath.net könnte die Experimentierfreude allerdings schiefgehen. Leser, die zuvor sekündlich F5 betätigten, um neue Reaktionen und Verschiebungen auf der Bewertungsampel (RIP) zu begutachten, gibt es nicht mehr. Damit dürfte ein Großteil des Traffics fehlen, die Klickzahlen brechen ein, Werbekunden springen ab, die kath.net-Redaktion muss sich vernünftige Jobs suchen Stellen nach Moldawien outsourcen zurückrudern.

Als Salzburger Weihbischof hat Andreas Laun unterdessen einen vergleichsweise krisensicheren Job mit Aufstiegschancen, seinen Unfug kann er weiterhin bei kath.net veröffentlichen und gegenwärtig hat er sowieso andere Sorgen: Denn Andreas Laun wird gerade Zeuge und Opfer einer Dauer-Gehirnwäsche, von Propagandaveranstaltungen, Schau- bzw.: Stierkämpfen – Fernsehsendungen also, in denen über Homosexualität diskutiert wird.

Das für Laun Unvorstellbare: „Sachliche Argumente gegen Homosexualität spielen in der öffentlichen Diskussion keine Rolle, wirkliche Bildung und Suche nach Wahrheit sind nicht gefragt“. Ein nachvollziehbarer Ärger, bietet die homophobe Szene doch brillante Köpfe mit glänzenden Argumenten. Zum Beispiel Gabriele Kuby, die gegen Homosexualität nicht nur Bibelverse ins Feld führt, sondern auch Kants Imperativ, die „demografische Krise“ oder „ein erhebliches gesundheitliches und psychisches Risiko“.

Und nicht bloß, dass intellektuelle Größen wie Kuby keinen Erfolg mit ihren mutigen Einwürfen haben: Es „vergeht kein Tag, an dem nicht irgendein Sender ein Homosexuellen-Thema abhandelt und zugleich vorgibt, „Was man denken sollte“ und kein Tag, indem nicht ein Printmedium mit einer Schlagzeile in der gleichen Richtung zuschlägt“. Eine Vorgehensweise, die kath.net freilich nie einfallen würde – 1883 tendenziösen Artikeln über Homosexualität stehen lediglich 1139 über Kardinal Meisner gegenüber, 46 über die Vatikanbank oder 2760 (!), in denen das Wort ‚Bibel‘ vorkommt.

Andererseits kann man Laun aber auch nicht vorwerfen, nur die Fähigkeiten der eigenen Basis falsch einzuschätzen:

Ja, es ist Menschen mit homosexuellen Neigungen in der Geschichte oft auch schweres Unrecht zugefügt worden! Aber das ist längst vorbei, sie können wie alle Bürger in Frieden leben und das soll so sein und bleiben! Aber sie sollen aufhören, allen anderen einreden zu wollen, sie wären benachteiligt und aufhören mit so mancher mimosenhaften Reaktion.

Also alles in Butter. Abgesehen u. a. von homosexuellen Jugendlichen, die an ihrem homophoben Umfeld verzweifeln; von in der kath.net-Kommentarspalte publizierten Wünschen, Homosexuelle in Konzentrationslager zu verfrachten; von Verfolgungen Homosexueller in mehrheitlich muslimisch, aber auch christlich geprägten Staaten bis hin zur Haft- oder gar Todesstrafe, was man selbst als kath.net-Chef öffentlich für gar nicht so schlecht befinden darf.

Man hat es als katholischer Fundamentalist dieser Tage wahrlich nicht leicht.

Expertenmeinung zum gesunden Volksgeist

kath.net-Chef Roland Noé alias „Gandalf“ im kath.net-Forum, wir schreiben (immer noch) das Jahr 2008:

Und in Europa gibt es keine Homophobie sondern eine widerliche Überwertung und Überhomosexualisierung, die weit schlimmer für den gesunden Volksgeist ist. Diese schwule Gleichmacherei-Ideologie bis zur Homo-Ehe, die hier auch von paar Zeitgeistler anscheinend unterstützt wird, das ist das wirkliche Problem.

Expertenmeinung zu Haftstrafen für Homosexuelle ii

Aus dem kath.net-Forum von 2008: „Guaneri“ antwortet einem User, der seine Homophobie nicht aufgeben möchte:

Ein Bekannter von mir aus Kenia regt sich ständig über unsere „liberale“ Haltung gegenüber der Homosexualität auf. In Kenia würde man Schwule 10 Jahre in den Knast schicken und damit hätte sich die Sache.
Auch in vielen islamischen Ländern kommt es zu schwersten Menschenrechtsverletzungen gegenüber Homosexuellen, teilweise steht sogar die Todestrafe darauf, so zum Beispiel in Libyen.

Und genau aus diesen Gründen muss die weltweite „Ächtung“ Homosexueller irgendwann mal ein Ende finden.

Auf diese Aufzählung – wir wiederholen noch einmal: 10 Jahre Gefängnisstrafe, schwerste Menschenrechtsverletzungen, Todesstrafe – reagiert kath.net-Chef Roland Noé alias „Gandalf“ nur einen Post später folgendermaßen (mutmaßlich fehlt im ersten Teil ein „nicht“):

@Guaneri: Die Afrikaner haben bei solchen Dingen halt noch soviel (mediale) Gehirnwäsche und können dadurch auch noch selbständig den Verstand einsetzen, der jeden normalen Menschen sagt, dass Homosexualität etwas Widernatürliches ist.

Dem ungläubigen Einwurf von „valentina“ entgegnet Noé dann noch:

Ich bin gegen Menschenrechtsverletzungen, ich aber aber auch gegen Gottesrechtsverletzungen und Homosexualität ist etwas Widernatürliches und eine Beleidigung vom Plan Gottes für die Welt. Ein Blick in die Genesis genügt dazu und was Gott zur Homosexualität denkt, steht unter anderem im Römerbrief, Kap. 1.

Keine Fragen mehr.