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Interview mit David Berger

Der Theologe David Berger war mehrere Jahre lang Teil der rechtskatholischen Szene und Herausgeber von ‚Theologisches‘. Er outete sich 2010 als homosexuell und deckte die menschenverachtenden Ansichten von Teilen der katholischen Kirche auf. 2011 entließ ihn der Kölner Kardinal Meisner aus seinem Beruf als Religionslehrer.
Im vergangenen Jahr erschien von ihm das Buch „Der heilige Schein“, in dem Berger mit den Rechten abrechnet.

Episodenfisch: Herr Berger, bei kath.net artikulierte sich vor einigen Monaten tatsächlich laute Wut, als der Österreicher Alfons Haider bei der Tanzshow „Dancing Star“ mit einem anderen Mann tanzte. Repräsentiert dieser irrationale Hass Ihrer Erfahrung nach große Teile der katholischen Kirche, oder ist es bloß eine besonders laute Minderheit, die dort ihrem Ärger Luft macht?
David Berger: Es ist gesamtkirchlich gesehen zunächst natürlich erst einmal nur eine kleine Minderheit – das Problem ist jedoch, dass kath.net und seine größere Schwester kreuz.net genau den neuen Kurs Roms und der ihm treu ergebenen Bischöfe fahren: hier hat ein strammer Neo-Anti-Modernismus Einzug gehalten, der mit teils diktatorischen Mitteln durchgesetzt wird. Im Unterschied zum Anti-Modernismus des frühen 20. Jahrhunderts ist er nämlich keineswegs technikfeindlich, sondern hat sich in der modernen Medienwelt erfolgreich eingenistet.
Das Kirchenvolk denkt natürlich anders als die Führungsetage und deren Propagandamedien. Aber wen interessiert das in der Amtskirche schon? Das ist doch nur die disponible Masse, die beim Papstbesuch in Berlin jubeln, die Kirchensteuer zahlen und – wenn es Frauen sind – die Kirchen putzen und möglichst viel katholischen Nachwuchs auf die Welt bringen soll. Was Sache ist, bestimmen einige wenige Kardinäle zusammen mit dem Papst, die nach dem Motto handeln: Die Kirche sind wir …

Wie sehr traf bzw. überraschte Sie die Begründung Ihrer Amtsenthebung durch das Kölner Erzbistum? Dort hieß es, Sie würden „in Lehre und Lebensführung mit den moralischen und gesetzlichen Normen der Kirche nicht übereinstimmen“.
Dass es so kam, hat mich nicht überrascht. Ich habe dies ja genau in meinem Buch aufgezeigt: wer heimlich das wildeste Leben führt, wird toleriert, so lange er loyal ist. Sobald er illoyal wird, wird sein eifrig ausspioniertes Privatleben als Erpressungsmittel eingesetzt. Und wenn er dann auch noch selbstbewusst ehrlich auftritt und dadurch die Erpressungsmöglichkeit wegfällt, wird er gnadenlos diszipliniert. Es zeigt das durchaus Kafkaeske der ganzen Situation, dass ich genau für das Buch „Der heilige Schein“, in dem ich diese These vertreten habe, diszipliniert wurde. Kardinal Meisner hat also mit seinem Vorgehen – coram publico – den Beweis geliefert, dass ich mit der Grundaussage meines Buches recht habe …
Was mich überrascht hat, dass Kardinal Meisners Schritt auch als das Anbiedern eines Kardinals erzreaktionäre Internetseite mit einem selbst kirchenrechtlich gesehen fragwürdigen Hintergrund gesehen werden muss, die diesen Schritt gefordert haben. Schämt sich der Kardinal nicht, sich zum Handlanger perfider Fanatiker, die selbst Johannes Paul II. als Modernisten beschimpfen, zu machen?

Als Sie im vergangenen Jahr mit ihren Erlebnissen an die Öffentlichkeit traten, stellte ich mir, wie vermutlich viele andere, die Frage, wieso sie sich der katholischen Kirche noch immer verbunden fühlen. Nachdem Kardinal Meisner Sie nun von Ihrem Beruf als Religionslehrer „befreite“, frage ich mich noch mehr als zuvor: Wieso tun Sie sich das an und wechseln nicht einfach zur evangelischen Kirche, die in Sachen Homosexualität ja als fortschrittlicher gilt?
Ich habe meine Homosexualität nie als entscheidend im Hinblick auf meine konfessionelle Gebundenheit betrachtet. In einer Kirche freilich, die den Kampf der Homosexualität zu ihrem wichtigsten Ziel und Kernpunkt ihres Glaubens macht, während ihre eigenen Diener bis in höchste Ränge diese heimlich praktizieren, kann ich mich schwer zuhause fühlen. Mein Kirchenbild geht aber weit über diese Herrschaft homphob-homophiler Kleingeister hinaus, die die derzeite Situation – gut ablesbar an kath und kreuz.net – bestimmt.

Ist es überhaupt noch zeitgemäß und sinnvoll, dass die Kirchen Religionslehrer selbst bestimmen können?
Nein, das ist natürlich ein mittelalterliches Modell, das eine Überordnung der Kirche über den Staat – zumindest noch für einige Fragen – tradiert. Das mag in den 50er Jahren der Adenauer-Ära, wo es noch eine deutliche kirchliche gebundene Majorität in der Bevölkerung gab und wo Restbestände faschistisch angehauchten Denkens und ein verstaubter Konerservativismus der katholischen Kirche noch einen großen Raum gönnten, eine gewisse Berechtigung gehabt haben. Angesichts der Tatsache, dass die katholische Kirche zahlenmäßig wesentlich unbedeutender geworden ist, dass diese Gruppe sich zunehmend von den Werten entfernt, die unsere offene Gesellschaft prägen, ja diese Werte – wo es um Toleranz und Gleichberechtigung aller Menschen geht – direkt bekämpft und so zunehmend einen sektenhaften Charakter gewinnt, müssen diese Privilegien einfach neu diskutiert werden.

Nachdem Sie aus dem Amt entfernt wurden, solidarisierten sich große Teile Ihrer Schüler mit Ihnen, es gab Demonstrationen für Sie. Welche Hoffnungen haben Sie, dass Kardinal Meisner seine Entscheidung überdenken könnte?
Kardinal Meisner hat sich offensichtlich in seiner Sakristei versteckt, als die immerhin gut 500 Personen starke Demonstration an seinem Amtssitz vorüberzog. Die Bedürfnisse des Kirchenvolkes interessieren ihn schon lange nicht mehr. Er lebt in seiner ganz eigenen katholischen Männer- und Märchenwelt, die ihre Informationen und Argumentationsmuster v.a. von kath. und kreuz.net bezieht …

Viel Wirbel entfachte auch Ihr Interview mit einem Gay-Magazin, in dem Sie Gerüchte ansprachen, der Papst sei eventuell selbst homosexuell. Bei kath.net mutmaßte man daraufhin, dass Sie der Kirche schaden wollten. War Ihnen nicht klar, dass Sie mit den Aussagen Ihre Position nicht unbedingt verbessern würden?
Ja, das war es mir. Je ehrlicher und weniger diplomatisch man mit solchen Themen in der real existierenden katholischen Kirche umgeht, umso mehr muss man damit rechnen, dass man diszipliniert wird: Offenheit und Ehrlichkeit ist das schlechteste, was man machen kann. Nur mit Scheinheiligkeit und Bigotterie kommt man weiter … Aber nachdem ich so lange bei dieser Bigotterie mitgemacht habe, bin ich jetzt in solchen Dingen besonders pedantisch, auch wenn es mir dann Schläge einbringt. Verwundert hat mich freilich, dass es auch in Teilen der schwulen Welt ein Entsetzen über dieses offene Wort und dann sogar ein gewisses Einverständnis mit Meisners Schritt gab. Besonders eine seltsame Buchbesprechung in der jüngsten „Du&Ich“ von einem homosexuellen Journalisten hat sich hier hervorgetan. Von einem Schreiber, der stolz Bilder von sich bei einer Papstaudienz präsentiert und aus seiner Freundschaft zu Martin Lohmann, dem erzkonservativen CDU-Mitglied und engen Mitarbeiter Kardinal Meisners, kein Hehl macht. Dieser Artikel scheut sich nicht einmal Äußerungen, die ich nie getätigt habe, frei zu erfinden und als direkte Zitate von mir auszugebe.

Sie sprechen in Interviews besonders häufig über das offensichtlich antisemitische und rassistische Portal kreuz.net, das ja eine gewisse Feindschaft zu kath.net inszeniert. Ist kath.net vielleicht noch gefährlicher, weil es die homophoben Äußerungen in akzeptablere Worte fasst, und statt Holocaustleugnung nur Sarrazins mehrheitsfähige Islamophobie zelebriert?
Sie haben richtig davon gesprochen, dass diese Feindschaft inszeniert ist. Es ist doch auffällig, dass meine Bitte an kath.net (zu der Zeit als man von deren Seite mich immer wieder um Mitarbeit angefragt hat!), sich deutlich und unüberhörbar von kreuz.net zu distanzieren, dort auf taube Ohren gestoßen ist. In Wirklichkeit sagt doch kreuz.net nur undiplomatisch und mit dem Barbarismus des Vulgärtraditionalismus, was kath.net eher verschleiert ausdrückt, um die Gelder, die man von kirchlichen Spendensammlern und aus Kirchensteuermitteln erhält, nicht aufs Spiel zu setzen. Aber jeder, der zwischen den Zeilen lesen kann, versteht sehr wohl, dass man bei der kleinen Linzer Schwester kaum anders denkt als beim pianischen Kreuz.net. Durch dieses diplomatische Verschleiern wird kath.net nicht nur langweiliger, sondern natürlich auf für die Neo-Konservativen attraktiv – daher ja auch dir größeren Geldsummen, die kirchlich anerkannte Vereinigungen an diese Seite fließen lassen und die Bewunderung Benedikts XVI und Meisners für diese Seite.

kath.net gilt als sehr papsttreu und ist vermutlich überaus glücklich darüber, in Benedikt einen extrem konservativen Papst zu haben. Gibt es aussichtsreiche Kandidaten für seine Nachfolge, die die Situation von Homosexuellen in der Kirche verbessern könnten und die generell liberalere Position vertreten?
Nein, alle Vaticanisti, mit denen ich gesprochen habe, sagen: der nächste Papst wird wohl aus Afrika und Lateinamerika kommen. Er wird vielleicht in Sachen tridentinische Liturgie (je nach seinem persönlichen Ästhetizismus, der auch mit seiner sexuellen Veranlagung zusammenhängt) die Äste wieder etwas zurückschneiden, wenn er merkt, wie die Tridentisierung der Liturgie die Kirchen rapide leert. Aber er wird gerade in moraltheologischen Fragen noch konservativer als sein Vorgänger sein – und damit die Kirche in Europa weiter „gesundschrumpfen“. Das heißt , sie wird dann auch in Deutschland noch mehr zu einer Art traditionsreicher Sekte werden. Die Politiker, die jetzt noch zum allergrößten Teil hinter der aus dem vergangenen Jahrhundert stammenden Zuordnung von Staat und Großkirchen stehen – werden dann immer mehr in Erklärungsnöte kommen, wenn man sie fragt, warum diese Gruppe eine der privilegiertesten überhaupt ist …

Was kann man in dieser Situation tun?
Natürlich kann man bei den Kirchenoberen protestieren, man wird bei dem Papstbesuch im Herbst in Berlin ein eindeutiges Zeichen setzen können gegen die Glorifizierung eines teilweise menschenverachtenden Papstes, die von Bild bis kreuz. und kath.net betrieben werden wird. Aber aus meiner Arbeit in der katholischen Kirche bis hinein in den Vatikan weiß ich, dass man dort solche Aktionen, die zwar in den Medien gewürdigt werden, einfach ignoriert und sich in sein Weihrauchmilieu zurückzieht. Das einzige, was die Kirchenoberen wirklich berührt ist, wenn Gelder und Privilegien entfallen. Ein deutliches Votum auf den Amtsgerichten wäre hier tatsächlich etwas, was zum Umdenken zwingen würde. Dabei darf man nie vergessen: ein Abmelden von der Kirchensteuer bedeutet nach dem Kirchenrecht nicht automatisch einen Kirchenaustritt. Man kann als durch aus vor einer staatlichen Stelle diesen erklären und damit Männern wie Meisner und indirekt Seiten wie kath.net den Geldhahn abdrehen und dennoch Mitglied der Kirche bleiben.

Vielen Dank für das Interview!

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