Archiv der Kategorie 'Gabriele Kuby'

She predicted a riot

Gabriele Kuby schrieb im Januar diesen Jahres anlässlich einer Großdemonstration gegen die Homo-Ehe in Frankreich, würde Präsident Hollande weiterhin die Proteste ignorieren, „dann schürt er Wut – berechtigte Wut, die sich früher oder später Bahn brechen wird.“

Das klang schon damals als Androhung von Gewalt und fand spätestens gestern Bestätigung: Nachdem es schon in den vorangegangenen Tagen immer wieder zu Scharmützeln konservativer bis rechtsradikaler Gegner der Homo-Ehe gekommen war, lieferten sich die aufrechten Lebensschützer am Dienstag eine Straßenschlacht mit der Polizei. Zuvor hatten u. a. Abgeordnete der konservativen UMP im Parlament Sozialisten handgreiflich attackiert, schon im März taten die Homophoben das, wofür sie Linke gerne schelten: Sie bewarfen die Polizei mit Gegenständen.

Dass kath.net darüber im Zweifel nie berichten und sich stattdessen über die mindestens hauchdünne Mehrheit pro Homo-Ehe im französischen Parlament (331 zu 225 Stimmen) beklagen wird, versteht sich dabei von selbst.

800.000 Luftschlösser

Gabriele Kuby ist immer für eine missverständliche Aussage zu haben. Da werden schon mal die Opfer des Loveparade-Unglücks posthum als unfähig zu lieben verunglimpft, Homo-Ehe und Abtreibung wenig dezent mit Auschwitz verglichen und über eine neue Weltordnung fabuliert, die von UN und EU im Dienste einer fiktiven Homo-Lobby und zum Zwecke einer „hypersexualisierten, promiskuitiven, kinder-und familienfeindlichen Gesellschaft“ errichtet würde.

In ihrem neuen Artikel – einem Erlebnisbericht über ihren Ausflug nach Paris – macht Kuby nun das, was fundamentalistische JournalistInnen besonders gerne tun: Sie wirft anderen Medien schlampigen Journalismus vor, was freilich an der Glashausproblematik scheitert. In der deutschen Presse seien falsche Teilnehmerzahlen kolportiert worden, beschwert sie sich, und bietet daraufhin mit 800.000 die falscheste Zahl überhaupt an, die zwar zur besseren Propagandawirkung von den Organisatoren des Anti-Homo-Ehe-Laufs angegeben wurde, aber um einiges von den tatsächlichen 340.000 (Polizei) entfernt ist.
Kuby wundert sich, dass – „das ist die Sensation“ – sogar Homosexuelle aufgetreten seien und sich gegen die Homo-Ehe ausgesprochen hätten, was ihnen, die irgendwie dann doch links zu verorten seien, natürlich „Morddrohungen von ihren Genossen“ einbringen werde. Dass es auch Migranten in der CDU, den „Arbeitskreis der Christen in der NPD“, antifeministische Frauen oder antisemitische Juden gibt und dass es auch unter Homosexuellen eher konservative Menschen gibt – wie soll Kuby das auch wissen, wo ihr Weltbild doch eine klare Trennung zwischen Schwarz und Pink verlangt.

Offenbar noch ausreichend euphorisiert vom Massenerlebnis, wird Kuby schließlich größenwahnsinnig: Dass es in Frankreich eine solide Mehrheit pro Homo-Ehe und Adoption durch Homosexuelle gibt, verschweigt sie und schwärmt stattdessen vom „Druck der Straße“, dem sich Präsident Hollande beugen müsse – andernfalls schüre er „Wut – berechtigte Wut, die sich früher oder später Bahn brechen wird.“

Vermutlich hat Kuby auch an dieser Stelle nur sehr, sehr schlecht formuliert, denn dieser Satz liest sich beinahe wie die Legitimation von Gewalt, um die Gleichberechtigung von Homosexuellen notfalls militant zu verhindern.

Strategische Frühverdummung

Gabriele Kuby ist eine ausgewiesene Expertin für problematische Gedankengänge. Sie hält „die globale sexuelle Revolution“ für ein „gewaltiges gesellschaftliches Umerziehungsprogramm“ und erkennt darin wiederum „lebensgefährlichen Kulturzerfall“. Dahinter vermutet sie, was ihre Thesen für ausgewiesene Verschwörungstheoretiker interessant macht, keine komplexen gesellschaftlichen Prozesse, sondern „UN und EU“.

Sie wettert gegen den „sexuellen Totalitarismus“, der nicht nur den „Kondom-Mythos vom ’safe sex‘“, sondern auch Homosexualität propagiere. Und das könne nun wirklich niemand wollen, schließlich stelle Homosexualität „einen Gebrauch des Körpers dar[…], der seinem Design nicht entspricht (gesunder Menschenverstand)“. Außerdem missachteten Homosexuelle neben dem göttlichen Schöpfungsplan auch Kants kategorischen Imperativ und gingen „ein erhebliches gesundheitliches und psychisches Risiko“ ein. Ohnehin sei Homosexualität „veränderbar“, habe „ihre Ursache in einer Störung der Geschlechtsidentität“ und würde „von manchen Betroffenen […] leidvoll erfahren“.

In einem Aufsatz namens „Vergiftung durch Bilder“ erdichtete Kuby zukünftige Dialoge zwischen den Generationen, die auf die Frage „Wie konnte das geschehen?“ hinauslaufen:

Wenn spätere Generationen, die wieder zu einer Kultur des Lebens zurückgefunden haben, auf diese Zivilisation zurückblicken und die Gründe beleuchten, warum sie untergegangen ist, dann werden sie in ihren Schulbüchern lesen:
- Frauen wollten keine Kinder mehr bekommen. Sie nahmen eine Pille ein, die Kinder „verhütete“.
- Millionen Mütter töteten die Babys in ihrem Bauch.
- Aus Embryos wurden Medikamente und Kosmetika gemacht.
- Homosexuelle Paare durften heiraten und Kinder adoptieren.
- Alte Menschen wurden getötet, wenn sie nicht mehr arbeiten konnten, weil es viel mehr alte als junge Menschen gab.

Darauf, seufzte Kuby, könne es „so wenig eine Antwort geben wie angesichts der Leichenberge von Auschwitz“.

Nun hat Gabriele Kuby einen Artikel zur „strategische[n] Frühsexualisierung von Kindern“ geschrieben, den kath.net gestern veröffentlichte. In diesem Beitrag fügt Kuby ihrem Œuvre keine neuen Gedanken hinzu, empört sich lediglich über Sexualkundeunterricht und erfindet den originellen Neologismus „Kommententar“. Sie bezieht sich, wie kürzlich bereits Gudrun Kugler, auf eine österreichische Broschüre, die nicht altersgerecht sei und die Kinder im Zweifelsfall verderbe. Ihre Ausführungen bewegen sich in den bekannten engen Grenzen aus Verschwörungstheorie und „Kritik“ an Homosexualität, sie warnt vor der „Auflösung der sexuellen Normen“ und demonstriert das in der rechtskatholischen Szene bekannte ahistorische Familienbild.

Wie wenig Kuby von der Materie versteht, wird in einem Satz deutlich, in dem sie fürchtet, Kinder könnten zukünftig „jede Form der Sexualität […] als gleichwertig empfinden“: „schwul, lesbisch, bi-, trans-, metro-sexuell“. Der Begriff Metrosexualität mag Fachleute wie Gabriele Kuby verwirren, bezeichnet aber keine sexuelle Vorliebe für die U-Bahn, sondern beschreibt einen Kleidungs- und Lebensstil.

Von Kubys Ausführungen in Rage versetzt, ruft kath.net-LeserIn „Passero“ unter dem Artikel auf:

Jagt sie fort!!!
Ihr „Sexualpädagogen“, die Ihr für dieses Machwerk verantwortlich seid, packt Eure Sachen und verschwindet, aber sofort! Ihr seid keine Pädagogen, sondern Verführer! Vor nicht allzu langer Zeit hätte man Euch eingesperrt, heute meint Ihr noch, alle Freiheiten zu haben, und schon bald werdet Ihr vor DEM stehen, der mit äußerst ernsten Worten vor dem Ärgernisgeben und Verführen gewarnt hat! Hoffentlich finden sich in Österreich viele Personen, die die Verantwortlichen vor den Kadi bringen!

Danke an Franz für den Hinweis.

Expertenmeinungen zu Holocaustvergleichen

Im kath.net-Kommentarbereich wird wieder einmal der Holocaust relativiert: „Stephan Karl“ stimmt dort zwar dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof zu, dass Massentierhaltung nicht mit Konzentrationslagern verglichen werden sollte, schränkt aber ein:

Also in dem SPEZIELLEN Falle, bin ich auch für das Verbot. Überhaupt das Auf-Eine-Stufe-Stellen von Menschen und Tieren ist allgem. schon abartig (und definitiv unchristlich!). Außerdem noch den Massenmord an den Juden für die Newage- und Vegetarismusideologie zu Propagandazwecken zu instrumentalisieren, grenzt an Perversion. Da gebe ich Herrn Graumann völlig recht. Soetwas gehört unterbunden!
Allerdings um künftig nicht auf eine falsche Linie zu gelangen: BEI THEMEN WIE Z.B. ABTREIBUNG UND ANDEREN MASSENMORDEN MÜSSEN SOLCHE VERGLEICHE ERLAUBT SEIN, DA SIE VOLL ZUTREFFEN!!! DAS WORT „BABYCAUST“ IST GERECHTFERTIGT!

Auch „willibald reichert“ hat so seine Zweifel, ob Holocaust-Vergleiche per se gefährlicher Unfug sind:

Wie kann man eigentlich guten Gewis-
sens sagen, der Holocaust sei einmalig gewesen,
wenn die Menschentötung als angebliches Recht
der Frau nunmehr schon seit Jahrzehnten mit
anderen Begründungen legitimiert ist und inzwi-
schen die jüdischen Opfer längst überschritten hat? Der damaligen Generation hat man vorgewor-
fen, daß sie so etwas zugelassen hat. Warum
schweigen dieselben Verurteiler des Judengenozids, wenn es in unseren Tagen möglich
ist, daß der Mutterleib der gefährlichste Ort für
das menschliche Leben überhaupt ist?

Diese geschichtsvergessene Banalisierung hat auf kath.net eine lange Tradition. „Chrysanthus“ etwa fühlte sich anlässlich des 60. Gründungtags des Zentralrats der Juden in Deutschland verpflichtet festzustellen:

Der Völkermord an den Juden ist keineswegs „das größte Verbrechen der Geschichte“. Dieses war die Kreuzigung Jesu Christi auf Golgotha. Aber auch quantitativ gesehen (so irgendwie beschämend solche Aufrechnungen und Vergleiche auch sind) gab es größere Verbrechen, wie die Ausrottung der Kulaken in Russland oder der Holodomor, ebenfalls von Stalin veranlasst.
Ganz zu schweigen vom Babycaust. Die millionenfache Ermordung von unschuldigen Ungeborenen ist das zahlenmäßig größte Verbrechen der Menschheit, und dieses geht täglich weiter.

Und „noir58″ fiel zur Fundamentalisten-Demo „Marsch für das Leben“ ein:

Ich danke allen die hier mitgehen, für ihren wichtigen Einsatz für unser Land.

Eines Tages wird man sich ihrer erinnern, wenn unsere Nachwelt sich fragen wird, wie diese Kultur des Todes diese ungeheueren Verbrechen begehen konnte. Und man wird dankbar sein, dass man dann Ereignisse vorzeigen kann, die beweisen, dass es auch andere Menschen gab. So wie heute viele Politiker stolz am 20 Juli der wenigen Widerstandskämpfer des 3. Reichs gedenken.

Im Juli dieses Jahres wurde ein russisch-orthodoxer Geistlicher zum Mittelpunkt eines kath.net-Artikels, in dem er unwidersprochen darüber plaudern durfte, dass Abtreibung „der schlimmste Holocaust der Geschichte“ sei.

Die auf kath.net für ihre Verschwörungstheorien gefeierte Gabriele Kuby schrieb in einem Aufsatz namens „Vergiftung durch Bilder“, auf die Frage „Wie konnte das geschehen?“ könne es „so wenig eine Antwort geben wie angesichts der Leichenberge von Auschwitz“. Dabei ging Kuby noch einen Schritt weiter als die zitierten kath.net-Leser: Das „Wie konnte das geschehen?“ bezog sie nicht nur auf Abtreibung, sondern auch auf Verhütungsmittel und Rechte für Homosexuelle.

Buchkritikkritik

Vielleicht hat Gabriele Kubys neuestes Buch einfach nicht genug LeserInnen gefunden – außer den „zweitausend Politiker[n] in Deutschland, Österreich, der Schweiz und der Europäischen Union“ sowie „alle[n] Bischöfe[n] und Vertreter[n] der Juden und Muslime in den deutschsprachigen Ländern“, an die Kuby ihre Gutenachtgeschichte fürs Abendland verschickte. Möglicherweise möchte auch nur kath.net noch einmal ein wenig Weihnachtsgeld verdienen; jedenfalls wird „Die globale sexuelle Revolution“ momentan erneut auf kath.net beworben.

Mechthild Löhr, Vorsitzende der „Christdemokraten für das Leben“, hat für kath.net einen Aufsatz über ihr schönstes Ferienerlebnis eine Rezension ihres aktuellen Lieblingsbuches verfasst. Sie bemüht sich, dem Werk in ihrer mit „Über den ‚Umbau‘ der Natur des Menschen“ überschriebenen Buchkritik neue Seiten abzugewinnen, tatsächlich hätte kath.net aber auch einfach noch einmal den Pressetext veröffentlichen können: Wo die Verlagswerbung davon schrieb, Kuby habe „den Mut, die Bedrohung unserer Freiheit durch eine antihumanistische Ideologie beim Namen zu nennen“, lobt Löhr Kubys sprichwörtlichen „beeindruckende[n] Mut“; während die Pressemitteilung frohlockte, es handle sich um ein „faktenreiches Buch“, schließt sich Löhr an: „beeindruckende Fülle der Fakten“.
Und während der Verlag warnte, „Die globale sexuelle Revolution“ „schockiert und zeigt auf, was auf uns zukommt, wenn wir uns nicht wehren“, heißt es bei Mechthild Löhr, dass Kuby Dinge aufdecke, die „viele Leser inhaltlich und innerlich bewegen, ja sogar erschüttern“ dürften.

Neben dem offensichtlichen Mangel an neuen Ideen überzeugt Löhrs Bericht auch durch die betont naive Herangehensweise. In der Tradition von Amazon-Kundenrezensionen mischen sich Platitüden („spannend“, „schonungslos“) mit verzweifelten Stilanalyse-Versuchen („mit sprachlicher Wucht“) und der äußerst unkritischen Übernahme von Kubys Thesen: Bei Gender-Mainstreaming, so schreibt Löhr – oder Kuby, so genau geht das aus dem Artikel nämlich nicht hervor – handle es sich um nichts Geringeres als „ein Zerstörungsprojekt der menschlichen und familiären Fundamente der Gesellschaft“. Außerdem seien „wir“ aktuell „Zeugen und Zeitgenossen einer beispiellosen kulturellen Revolution“, in der „bestens vernetzte, staatlich geförderte Lesben-und Schwulenorganisationen“ gemeinsam mit „ihre[n] zahllosen Kooperationspartner[n]“ und „unter Federführung radikaler Feministinnen“ eine „hypersexualisierte, promiskuitive, kinder-und familienfeindliche Gesellschaft“ anstrebten – duch „Umerziehung“, versteht sich.

Der Pressetext versprach in sarrazineskem Tonfall, das Buch enthalte Fakten über all das, „was man heute nicht mehr sagen darf“, und verriet damit, dass es sich bei „Die globale sexuelle Revolution“ um ein plumpes Best of der gängigen Verschwörungstheorien handelt. Die Lektüre hat einzig den Zweck, die vorhandenen Ressentiments der LeserInnen zu festigen; vermutlich ist es für den Erfolg des Buches sogar essenziell, dass die strikt antiintellektuellen Erklärungen ein „Hab ich mirs doch gedacht!“-Gefühl wecken.

Insofern ist es auch nicht erstaunlich, dass die rechtsradikale Seite kreuz.net – wir schreiben mittlerweile übrigens Tag 29 der Berichterstattung der gesamten deutschsprachigen Presse der gesamten deutschsprachigen Presse außer kath.net – Kubys Buch eine lobende Erwähnung in den „Kreuzmeldungen“ schenkte. Sie greife „viele heiße Eisen auf“ heißt es dort, sie zeige, „wie die UNO und die EU Drahtzieher der sexuellen Dekadenz sind“, warne „vor der Geschlechter-Gleichschaltung, vor der politischen Vergewaltigung der Sprache und der Seuche der Pornographie“ und entlarve schließlich „die Kotstecher-Bewegung und deren Hang zum Totalitarismus“.

Man kann sich seine Freunde eben nicht aussuchen.