Archiv der Kategorie 'Buchtipps'

Die schiefe Ebene

Während es bereits bei normalen kath.net-Artikeln über retuschierte Gipfelkreuze oder Kiss-and-ride-Schilder eine gewisse Übung erfordert, herauszufinden ob sie tatsächlich ernst gemeint sind, braucht es bei Texten von oder über Gabriele Kuby schon äußerst geschulte Augen.

Zu ähnlich sind Kubys Positionen einer schlechten Parodie auf alle gängigen Klischees über Katholiken: Harry Potter hält sie für das Böse schlechthin, der Kampf gegen Schwule und Lesben ist ihr so wichtig, dass sie eine Liste von Gründen gegen Homosexualität veröffentlichte. In schlimmster „Babycaust“-Tradition verglich sie Abtreibung mit den „Leichenberge[n] von Auschwitz“ und das Loveparade-Unglück 2010 nutzte sie zu einem Rundumschlag gegen „eine Gesellschaft, die auf der Basis des materiellen Überflusses zwei Generationen Spaß als Lebenssinn gepredigt und verkauft hat.“

Nun hat Gabriele Kuby ein neues Buch geschrieben, das kath.net heute in unnachahmlicher Weise und in der gewohnten Symbiose aus Pressetext und Kaufangebot als Buchtipp bewirbt: Es heißt „Die globale sexuelle Revolution“ und bewegt sich allem Anschein nach im bekannten Rahmen zwischen Verschwörungstheorie, rechtspopulistischem Dagegensein und reaktionärem Durchblick.

„Die globale sexuelle Revolution“ habe sich „hinter dem Rücken der Öffentlichkeit“ in alle Institutionen „eingeschlichen“, verspricht der kath.net-Artikel faktenschwer. Sie sei „ein gewaltiges gesellschaftliches Umerziehungsprogramm“, das „immer totalitärer“ werde und, als sei das noch nicht Unglück genug, zu allem Überfluss auch noch „das Wertefundament unserer Gesellschaft“ zerstöre. In dieser dunklen Stunde tauchte glücklicherweise Gabriele Kuby auf, die „den Mut“ habe, mit ihrem „faktenreiche[n] Buch“ die „Bedrohung unserer Freiheit durch eine antihumanistische Ideologie beim Namen zu nennen“. Kuby kläre mit ihrem „erschütternde[n] Zeugnis“ auf über den mindestens „lebensgefährlichen Kulturzerfall“ und hat dabei gottlob auch Zeit, sich „die systematische Zerstörung unserer Freiheit im Namen der Freiheit“ genauer anzuschauen. Ein Teil des ersten Absatzes im kath.net-Werbetext stimmt indes vermutlich tatsächlich: „Dieses Buch schockiert“.

Stichpunktartig werden sodann die einzelnen Themen des Buches benannt: Kuby erkennt in „UN und EU“ die Schuldigen hinter der sexuellen Revolution, spricht „die Seuche der Pornografie“ ebenso an wie „die politische Vergewaltigung der Sprache“ und findet auch noch den Mut, über „die große Umerziehung zum sexualisierten Gender-Menschen“ zu berichten.
Weil sie diesem kurzen Überblick zufolge wahrlich stolz sein kann auf ein intellektuell überragendes Standardwerk gegen die Moderne, wird das Buch dann auch „an zweitausend Politiker in Deutschland, Österreich, der Schweiz und der Europäischen Union geschickt, außerdem an alle Bischöfe und Vertreter der Juden und Muslime in den deutschsprachigen Ländern“.

Da die meisten kath.net-Leser allerdings nicht zu diesem privilegierten Kreis zählen, wird ihnen das Werk einer Frau, „die sagt, was sie für wahr hält, ohne sich den postmodernen Tabus der politischen Korrektheit zu fügen“, unter dem Artikel angeboten. Das ist besonders für in Deutschland Lebende nicht bloß wegen des Inhalts kein besonders guter Deal: Nicht nur, dass man die 20,50€ besser in Facebook- oder Telekomaktien investieren könnte; weil kath.net in Österreich sitzt, bezahlen Deutsche auch noch die dortige höhere Mehrwertsteuer mit.
Das ist allerdings mutmaßlich das kleinste Problem aller Käufer.

Kein Wunder

Die Buchtipps auf kath.net erinnern stark an die von Bildzeitung und Lidl organisierten Aktionen zu Großveranstaltungen: Sie sind (mittlerweile recht) selten zu bewundern (ha!), preisen marktschreierisch fragwürdige Produkte an und werden nicht als das deklariert, was sie eigentlich sind: Werbung.

Ein aktuelles Beispiel ist das Buch „Wunder … passieren jeden Tag“, das in den letzten Wochen schon auf einem Banner beworben wurde. Der heutige Artikel wurde 1 zu 1 aus einer Pressemitteilung des Sankt Ulrich-Verlags entnommen, wo das Werk auch erschien. Unter diesem Text steht der für kath.net-Buchtipps übliche Hinweis, wie man das Buch am besten erwerben kann: natürlich über kath.net selbst.

Auf arglose Leser muss auch dieser Buchtipp wie eine (begeisterte) Rezension wirken: Die Autorin habe hier, so der Pressetext, „vor allem die scheinbar unscheinbaren Geschichten von Gebetserhörungen und spontan erlebten Wundern zusammengetragen“, und zeige, „dass [Gott] mit seiner „Geheimtinte“ Botschaften in unserem Leben hinterlässt, die es für uns zu entziffern gilt“.

Die Qualität des Buchs lässt sich schon an einem der „Wunder“ ablesen, die angerissen werden: Eine Frau, die an Multipler Sklerose gelitten habe, sei auf einer Pilgerfahrt „überraschend“ geheilt worden. Dabei wird die Krankheit als „todbringend“ beschrieben – und das ist nachweislich falsch.
Abgesehen vom kaum überprüfbaren Wahrheitsgehalt dieser Story findet sich dann doch noch ein schönes Detail: Nachdem die Frau ihrer Heilung gewahr geworden sei,

telegrafiert [sie] ihren Kindern ganz lapidar die vier Worte: „Bin geheilt. Eure Mutti“.

Und immerhin das wäre in Zeiten von Skype, SMS und Email tatsächlich ein Wunder.

Der verfolgte Papst

Den Papst zieht es bald nach Großbritannien. Die kath.net-Leser haben Angst / Angst.
Die Kirche steht in der Kritik. Den kath.net-Lesern gefällt das nicht.

Kath.net selbst kommt die immer mal wieder vorscheinende mediale Kritik hingegen sehr gelegen, und auch wenn es Herrn Noé das ein oder andere Mal vor Wut zerreißen mag, so weiß er doch: Jedes Wort, das in den größeren Zeitungen gegen Benedikt oder katholische Priester geschrieben wird, kommt ihm gerade recht. Um weitere Angst zu schüren. Um die „linken Medien“ zu kritisieren, die „gottlose Gesellschaft“.

So wird dann heute auch ein Buch zweier italienischer Journalisten (es handelt sich weniger um unabhängige Schreiber, sondern um „Vatikan-Berichterstatter“) vorgestellt. Die Beiden wollen die Gründe für Kritik an Papst und Kirche gefunden haben:

Papst Benedikt XVI. ist nach Ansicht der italienischen Journalisten Andrea Tornielli und Paolo Rodari systematischen Attacken der internationalen Medien ausgesetzt. Es bestünden „negative Vorurteile“ gegenüber allem, was der Papst tue oder sage; seine Botschaft und seine Initiativen würden dadurch an den Rand gedrängt, schreiben die Vatikanisten in ihrem am Mittwoch in Italien erschienenen Buch „Attacco a Ratzinger“ (Angriff auf Ratzinger). Ein Komplott oder eine einheitliche Regie stehe nicht dahinter, meinen die Autoren, auch wenn es durchaus gemeinsame Interessen von Gruppen oder Strömungen gebe, die den Papst diskreditieren und die moralische Autorität der Kirche schwächen wollten.

Das ist insofern bemerkenswert, als dass jegliche Kritik an päpstlichen Äußerungen als von „negative[n] Vorturteilen“ getrieben angesehen wird. Und auch insofern, als dass die „Zuerkennung des heroischen Tugendgrades für Pius XII.“ in einem kausalen Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal diesen Jahres stehen soll.
Fragen wir Wikipedia einmal, wie es 2010 zu der „medialen Hetze“ kam:

Nachdem der Rektor des Canisius-Kollegs Berlin, der Jesuit Klaus Mertes, wegen mehrerer ihm bekannt gewordener Missbrauchsfälle aus den 1970er und 1980er Jahren einen Brief an die Absolventen der betroffenen Jahrgänge gerichtet hatte, um damit „beizutragen, dass das Schweigen gebrochen wird“, wurde dieser Brief am 28. Januar 2010 über die Medien der Öffentlichkeit bekannt. Aufgrund des mit dem Brief verbundenen Aufrufs, sich zu melden, wurden kurz darauf auch Fälle an den ebenfalls von den Jesuiten geleiteten Gymnasien Kolleg St. Blasien im Schwarzwald und Aloisiuskolleg in Bonn bekannt. Am 18. Februar 2010 stellte die Anwältin Ursula Raue, die seit 2005 Beauftragte des Jesuitenordens für sexuellen Missbrauch ist, einen Zwischenbericht vor. Demnach wurden ihr 115 bis 120 sexuelle Übergriffe gegen Schüler gemeldet.

Usw.
Aber bequemer ist es natürlich, vermeintlich linke Medien zu kritisieren, als zu hinterfragen, ob es in der katholischen Kirche gewisse Mechanismen geben könnte, welche die Vertuschung von Missbrauchsfällen begünstigen könnten.
Dass Kritik nach „wichtigen vatikanischen Entscheidungen“ laut wird, könnte zudem daran liegen, dass diese „wichtigen vatikanischen Entscheidungen“ – Verzeihung – ab und an ziemlicher Käse sind?