Post an Wagner

Ob eine Diskussion bereits an ihrem Tiefpunkt angelangt sind, lässt sich daran ablesen, ob sich Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner schon zu Wort gemeldet hat. Dessen offene Briefe, die ebenso belanglos wie stilsicher sind (an Jogi Löw und seine Mannschaft: „Sie spielt schön wie Ihr weißes Hemd, wie Ihr Schal.“; an die Bundestagsabgeordneten Uhl und Montag: „Es war einmal ein Deutschland, von dem ich träumte. Die Neonazis machen es jetzt kaputt.“; an Lukas Podolski: „Was für ein Mensch bin ich? Hören wir auf, darüber nachzudenken. Es führt zu nichts.“), haben ihm den Beinamen „Gossen-Goethe“ eingebracht.

Dass sich Franz Josef Wagner nun auch zum Titanic-Titelbild äußern würde, war abzusehen. Dass kath.net ihn als seriösen Verteidiger des Papstes ansieht, ist nicht nur wegen der Tittenbilder und opulenten Telefonsexwerbung in der Bildzeitung lustig, sondern auch und vor allem wegen Wagners Erguss selber.

Wie viele andere Kritiker des Titanic-Covers lässt sich auch Wagner zum denkbar dämlichsten Argument hinreißen: Nie würde sich das Satiremagazin trauen, den Propheten Mohammed auf den Titel zu hieven – denn davor sei „Euer Arsch“ aus Angst vor „Scharia, Todesdrohungen auf Grundeis“ gegangen. Mit dem Papst könnte man es ja machen, wie kath.net Wagner zu rezitieren versucht: „Er schicke keine Todesschwadronen. Er setze auch kein Kopfgeld auf den Chefredakteur aus. Der Papst klage gegen seine beschmutzten Bilder.“

Das Perfide an dieser Argumentation ist zunächst, dass sie vollkommen ohne Recherche zustande gekommen ist. 2006 setzte die Titanic Religionen im Vergleich auf den Titel, man veröffentlichte eigene Mohammed-Karikaturen, teilte auch im Heft immer wieder gegen Islamisten aus und zeigte 2011 zwei küssende Männer auf dem Cover, der Slogan: „Der Westen in Angst: Die Muslimbrüder kommen!“. Zur Frankfurter Buchmesse 2008 organisierte die Titanic sogar einen Mohammed-Ähnlichkeitswettbewerb, der allerdings aus Sicherheitsgründen abgesagt werden musste.

Zweitens ist problematisch, dass diese Verteidigungsstrategie tief blicken lässt: Obwohl z. B. einige kath.net-Leser beteuern, sie würden sich für jede Person einsetzen, die wie der Papst dargestellt würden, zeigt das beständige Pochen auf Islam-Satire eine tiefe Sehnsucht: Solange sich andere Menschen in ihrem Glauben verletzt fühlen – und darauf liefe es bei Mohammed-Bildern mit Urinfleck wohl hinaus – scheint es ok zu sein. Hauptsache, es trifft nicht die eigenen Überzeugungen.

Überdies wird dabei auch übersehen, wieso es ausgerechnet der Papst immer wieder auf den Titanic-Titel schafft und nicht Mohammed: Es könnte mit dem gesellschaftlichen Einfluss zusammenhängen. Und auch der Hinweis, zur Beleidigung des Papstes brauche es keinen Mut, weil sie kein Tabu mehr darstelle, ist, wie sich an der großen Empörung ablesen lässt, nachweislich falsch. Womit wir beim dritten Problem wären:

Während Muslime, die sich über die dänischen Mohammed-Karikaturen beschweren, von christlicher Seite immer wieder darüber belehrt werden, das sei eben üblich im Westen und sie müssten die „Beleidigung“ ihres Propheten aushalten, wird die sonst stets angemahnte Kunst- und Meinungsfreiheit in diesem Fall missachtet. Natürlich kann und darf man die Urin- und Kotflecke auf der Kleidung des Papstes geschmacklos finden, zumal wenn man in Benedikt (anders als die Titanic-Redaktion) nicht nur eine Person des öffentlichen Lebens sieht, sondern eine (religiöse) Autorität.

Und in der Tat gab es in den letzten Jahren lustigere Titelbilder als das aktuelle – z. B. das, das, das, das oder das (die Frequenz von Hitler-Titeln ist tatsächlich fast so hoch wie die des Spiegels). Aber die Verbindung von „Vatileaks“ zu „undichtem Vater“ ist, wie der im Internet bekannte Anwalt Udo Vetter festhält, eben ein naheliegender, pubertärer Wortwitz und kein tiefgreifender Angriff auf Benedikt. Außerdem ist die Kunstfreiheit in Deutschland, man kann es heutzutage nicht oft genug sagen, grenzenlos.

Und wo, das wird man doch noch fragen dürfen!!1, waren Franz Josef Wagner und die vielen anderen Grenzschützer der Kunstfreiheit übrigens in den vergangenen Monaten und Jahren, als die Titanic auf dem Titel u. a. Bundespräsident Gauck als Drogenabhängigen, Kanzlerin Merkel mit Kopfschuss, Guttenberg als „Sex-Ekel“ oder den Dalai Lama mit Rauch aus Nase und Ohren darstellte?
Die Titanic wird sich jedenfalls über die gelungene Provokation freuen – und über die damit verbundene mediale Öffentlichkeit.


6 Antworten auf „Post an Wagner“


  1. 1 Administrator 12. Juli 2012 um 9:22 Uhr

    Keine Angst, das war der (vermutlich) vorerst letzte Beitrag zum Thema.

  2. 2 F. J. Wagner 12. Juli 2012 um 10:21 Uhr

    Lieber Herr Episodenfisch,

    Sie befinden sich nun schon so lange im tapferen Kampf gegen das heilige Kreuz, da frage ich mich: Sehen Sie gar nicht mehr das Schöne im Leben?

    Für Sie gibt es nur das Internet und seine Nutzer, tanzen Sie doch mal barfuss nach einem Sommerregen über eine noch nasse Alpenwiese!

    Ich mag Wiesen. Ich mag auch Tim Wiese. Der trägt immer ein Kreuz um den Hals. Verachten Sie auch Tim Wiese? Woher der Hass? Woher diese Obsession?

    Mit Wut im Bauch lebt es sich kurz, sagt der Volksmund. Und schlau ist er, dieser Volksmund. Aber Sie fühlen sich wohl nicht als einfaches Volk. Sie fühlen sich als überlegener Mensch ohne Herr im Himmel. Aber was mit Menschen ohne Glaube passiert, sahen wir vor einigen Jahrzehnten: Sie erklären sich selber zu Herren. Sie erheben in Ihrem Unglauben den moralischen Zeigefinger. Das ist nicht nur gefährlich, sondern auch schäbig.

    Denken Sie an Deutschland.

    Und Denken Sie lieber einmal auch an sich. Und die Sommerwiese.

    Herzlichst,

    F. J. Wagner

  3. 3 Nike 12. Juli 2012 um 11:20 Uhr

    Nach dem Lesen Ihres Posts @Herrn Wagner, nach diesem Sommerregen und der nassen Alpenwiese,nach Deutschland und was mit Menschen ohne Glauben passiert, brauche ich ihn, jetzt und sofort:

    meinen Blümchentee! Herzlichst!

  4. 4 diskordianerpapst 12. Juli 2012 um 12:44 Uhr

    Könnte glatt der echte Wagner sein, wenn man seine sonstigen Absonderungen so liest:

    http://de.wikiquote.org/wiki/Franz_Josef_Wagner
    http://www.quotez.net/german/franz_josef_wagner.htm

    Nur von wegen Hass und so: Man fragt sich ja wie seine Texte ohne „unaufhörliches Pochen“ eines „Staatsanwalts bzw. Gott[es]“ in ihm aussähen.

  5. 5 Kathole 12. Juli 2012 um 13:06 Uhr

    Sollte es sich tatsächlich um den richtigen Wagner handeln, dann wären seine Ausführungen hier umso unverschämter, weil er als Jourlalist doch die Aufgabe hätte sachlich und differenziert zu berichten. Davon kann bei Bild jedoch keine Rede sein. So sollte er sich auf diesem Blog ein paar Anregungen für einen Journalismus holen, der diesen Namen verdient. Ein bisschen mehr katholische Demut bitte, Herr Wagner!

  6. 6 Administrator 12. Juli 2012 um 13:10 Uhr

    @Kathole: Keine Sorge, das war nur eine (sehr gelungene) Parodie von einem Freund ;)

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