Dirndlgate und was Voltaire nie dazu sagte

Es gehört zu den Eigenheiten von Menschen mit Hang zum Rechtspopulismus, selbst hemmungslos auszuteilen und sich beim leisesten Anflug von Kritik ins Schneckenhaus der Opferrolle zurückzuziehen. Das tat Thilo Sarrazin, der seine rassistischen Thesen in den beiden auflagenstärksten Medien der Republik verbreiten durfte, sein Buch millionenfach verkaufte und sich trotzdem als von „deutschen Inquisatoren“ verfolgt ausgab.

Birgit Kelle, die es mit ihrem mäßig klugen Beitrag „Dann mach doch die Bluse zu!“ zur Sexismus-Debatte der letzten Wochen (vgl. hier) auch in die ZDF-Talkshow von Markus Lanz schaffte, wiederholt diesen unsinnigen Reflex. In einem nun auch auf kath.net veröffentlichten Artikel berichtet sie von der Rezeption ihres Beitrags, freut sich über „Post von Männern und Frauen“, empört sich über „wüste Beschimpfungen und Beleidigungen von der Toleranzfraktion“ und trägt, während Sexismus gegenüber Frauen von ihr konsequent verharmlost wird, Beispiele von Sexismus gegenüber Männern zusammen, die sie per Mail erreicht hätten. Zum Beispiel:

- Die Studentin, die halb ausgezogen zum Gespräch über die zu scheiternde Promotion kommt …
- Die Schülerinnen, die im Sommer „fast in Unterwäsche“ im Unterricht sitzen …

Nachdem sie einmal mehr impliziert hat, dass Frauen an Übergriffen selbst Schuld sind, pullt sie den Sarrazin und klagt, „die Political Correctness“ habe sich „wie Mehltau über den normalen demokratischen Austauch gelegt“:

Zweifeln Sie mal am menschgemachten Klimawandel. Argumentieren Sie mal sehr sachlich gegen ein Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare. Oder zitieren Sie in einer Talkshow mal ganz wertfrei Thilo Sarrazin.

Die schrecklichen Folgen: Hohe Auftrittsgagen, Millionenpublikum im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, Jobs bei (neu-)rechten Medien wie Kopp Verlag und Junge Freiheit.
Als Heilmittel empfiehlt sie einen französischen Aufklärer:

Wer Toleranz fordert, muss sie auch selber aufbringen. Im besten Sinne nach Voltaire: „Ich teile Ihre Meinung nicht, ich werde aber bis zu meinem letzten Atemzug kämpfen, dass Sie Ihre Meinung frei äußern können.“ Was für ein großartiger Satz!

Das vermeintliche Zitat Voltaires, ohne das auch kein Kommentarstrang unter PI-News-Artikeln auskommt, hat er nie in den Mund genommen. Es stammt von der britischen Schriftstellerin Evelyn Beatrice Hall, die den Satz in ihrer 1906 veröffentlichten Voltaire-Biographie benutzte, um dessen Geisteshaltung zu beschreiben.

Andererseits ist das Scheitern am korrekten Zitat, das zeigen ihre Ergüsse zur #Aufschrei-Diskussion, Birgit Kelles geringstes Problem.


6 Antworten auf „Dirndlgate und was Voltaire nie dazu sagte“


  1. 1 Cartello 10. Februar 2013 um 18:06 Uhr

    Voltaire…….Er wird von Katholiken zitiert, noch dazu falsch, aber genau die wollten den Denker nicht mal christlich begraben lassen.

  2. 2 Dr. Arnd 10. Februar 2013 um 20:24 Uhr

    hätte er bestimmt auch nicht gewollt.

  3. 3 Apokatastasis 10. Februar 2013 um 21:13 Uhr

    Hmmm…wenn Frau Kelle sich über die „Toleranzfraktion“ beklagt, wozu gehört dann sie?
    Zur „Intoleranzfraktion“?

  4. 4 Nike 10. Februar 2013 um 22:01 Uhr

    Es ist bei ihr ja wenig Struktur da! Sie bietet ein Sammelsurium von Eindrücken, eigenen Ansichten und Empfindungen, Gehörtem, Zuschriften, auch projektiven Unterstellungen, Mutmaßungen. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingtheiten, in die wir eingestellt sind und die uns auch überformen bleiben nicht von ungefähr bei ihr völlig außen vor.

  5. 5 Jean-Louis 10. Februar 2013 um 22:20 Uhr

    Voltaire ist äusserst schwer einzureihen. Einerseits kämpfte er für Toleranz (Affaire Calas, Kriegsgegner), andererseits war auch er intolerant z.B. gegen Juden oder Katholiken. Religiös gesehen war er Deist. Tiefe Ideen hat er nicht vertreten, aber er hatte eine spitze Feder und brillierte mehr als einmal durch viel gesunden Menschenverstand.
    Das erwähnte Zitat, das in der Tat nicht von Voltaire stammt, klingt auf den ersten Blick wunderbar, ist im Endeffekt aber doch nicht ganz ungefährlich. Es hängt immer noch in einem gewissen Sinne von der Idee des anderen ab. Eher halte doch es da mit Antoine de Saint-Exupéry, der sinngemäss und auf französisch geschrieben hat: wenn ich anders bin als du, so schade ich dir keineswegs, im Gegenteil, ich bereichere dich. Diesen Satz sollte man mal dem Herrn Sarrazin (nomen non est omen) unter die Nase halten. Ansonsten finde ich, dass Frau Kelle mit viel gesundem Menschenverstand argumentiert. Wer anderer Meinung ist, beherzige das Zitat von E. B. Hall.

  6. 6 Cartello 11. Februar 2013 um 9:19 Uhr

    Man jammert schon wieder über die intoleranten, weil sie sich wieder mal intolerant wehren und nicht tolerant auf das intolerante eingehen.

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