Archiv für Februar 2013

Idiotisierung der Kirche

Nachdem kath.net einige Tage lang erkennbar um Fassung rang und die Folgen für das eigene Lager auslotete, hat man sich mittlerweile offenbar mit dem Rücktritt von Papst Benedikt abgefunden. Während Redakteur Johannes Graf den Bischöfen heute gutgemeinte Anweisungen gibt, wie sie mit der neuen Situation umzugehen haben, versucht sich Rom-Korrespondent Armin Schwibach am ca. hundertzweiundneunzigsten Nachruf auf Ratzinger. Er besingt „Benedikt XVI. und sein Vermächtnis für die Kirche“, die Taten „eines der bedeutendsten lebenden Intellektuellen“, das Werk „diese[s] kleine[n], liebenswürdige[n], milde[n] Mann[es] in Weiß“. Schwibach blickt zurück auf das Pontifikat, erinnert an Skandale und heroische Leistungen und bekennt seine Abscheu gegenüber „altbekannten und immer selben Kommentatoren mit ihrer immer gleichen und bis zum Erbrechen vorgetragenen Zeitgeistrhetorik“.

Es ist kein guter Text, und er wäre nicht weiter erwähnenswert, würde der folgende Abschnitt fehlen:

Er hat sich gegen das Teufelswerk des sexuellen Missbrauchs und der Homosexualisierung der Kirche und ihrer Diener gestemmt, gegen die Vergehen gegen das sechste Gebot und vor allem auch gegen die Sünden gegen das siebte Gebot.

„Das Teufelswerk des sexuellen Missbrauchs“ direkt neben „Homosexualisierung der Kirche“ --- Damit ist Armin Schwibach der mit Abstand dümmste Satz der kath.net-Woche gelungen. Und das ist eine bemerkenswerte Leistung, durfte doch erst vorgestern Andreas Laun seine bunten Gedanken verbreiten.

Laun war es übrigens auch, der die Marginalisierung von sexuellem Missbrauch 2010 einleitete. In einem auf kath.net veröffentlichten Text mutmaßte er damals über nicht ausreichend fundamentalistischen Religionsunterricht:

„Wegschauen“ und „Vertuschen“ in Fragen der Wahrheit ist heute noch häufiger als im Bereich des Missbrauchs – anders und doch ebenso gefährlich, vielleicht sogar schlimmer!

Andreas Laun und der Stein der Weisen

Es gibt drei Dinge, die man über Andreas Laun wissen sollte: Der Salzburger Weihbischof hat erstens (möglicherweise) einen Heiligenschein, der seinen Kopf auf ausgewählten Fotos krönt; er schreibt zweitens gerne rassistische Märchen und publiziert diese drittens, wenn die rechte Zeitschrift ‚Zur Zeit‘ keinen Platz für sie hat, auf kath.net.

Heute fischt Laun wieder in den trüben Gewässern, in denen Rechtspopulisten so gern ihre Köder auswerfen: Die EU zeige, empört sich Laun, „autodestruktive Tendenzen, eine Tendenz in die Richtung eines totalitären Unrechts-Staates“. Er kontrastiert die Europäische Union mit dem liebsten autoritären Regime der kath.net-Redaktion, Ungarn:

Ungarn hingegen ist viel eher ein Asyl für jene, die die Rechtsstaatlichkeit einfordern und darum verfolgt werden.

Ungarn unter der Fidesz-Regierung, ein Land, in dem Milch und Honig braune Soße fließt: Handlangern der Nazis werden Statuen errichtet, Theaterintendanten durch rechtsradikale Hetzer ersetzt, militante Bürgerwehren gestärkt, die Sinti und Roma einschüchtern und im Notfall wohl gewaltsam zum Schweigen bringen sollen. Zsolt Bayer, Mitbegründer der Fidesz-Partei, ist, wie Die Presse notierte, für seine „beispiellosen Hasstiraden gegen Juden“ bekannt: Missliebige Gremien stellt Bayer als „entartet“ oder „jüdisch unterwandert“ dar, eine Antisemitismusforscherin bezeichnete er als „Mistkäfer“. Bayer, ein Freund von Regierungschef Orban, schimpfte vor einigen Jahren in einem Artikel über linke Politiker und Künstler, man hätte sie im Wald von Orgovany verscharren sollen – dort fand nach dem 1. Weltkrieg tatsächlich ein Massaker statt.

Andreas Laun indes, der noch nie durch übermäßige Recherche aufgefallen ist, lenkt ein:

Ungarn ist wie ein rettendes Rückzugsgebiet, in dem das wahre Europa überleben könnte. Das heißt nicht, dass alle Gesetze im heutigen Ungarn ideal oder auch nur gut wären. Um das zu beurteilen, müsste man viele Einzelheiten wissen.

Weil Laun aber viele Einzelheiten tatsächlich nicht weiß, poltert er weiter. Die EU müsse sich auf ihre christlichen Wurzeln besinnen, sich von der verhassten „politischen Korrektheit“ distanzieren und endlich begreifen, dass Hitler nicht schlimmer als Stalin war. Bzw.:

Drittens bräuchte die EU den Mut zu sehen, wie und wo der Geist Hitlers und Stalins im heutigen Europa wirklich überlebt und von ihr, der angeblich so hochmoralischen EU, sogar gefördert wird.

Dass er damit natürlich nicht nur „die Euthanasiedebatte“ meint, sondern auch die Homo-Ehe – geschenkt, für kluge Gedanken war Laun schließlich noch nie besonders empfänglich. Immerhin ist er stets für einen guten Scherz zu haben:

„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“, formulierte B. Brecht

Mit dem Sozialisten Brecht gegen den Sozialismus argumentieren, das hat Stil.

Während die Betrachtung seines Kopfschmuckes für Launs aktuellsten Erguss keine besondere Relevanz hat, lohnt es durchaus, sich das eingangs zitierte Märchen vor Augen zu halten. Laun stilisierte damals in einem wirren Brunnengleichnis Migranten zu salzigem, ergo unbrauchbaren Wasser, das in Konkurrenz zu den guten einheimischen Brunnen steht. Auch seine Veröffentlichung im FPÖ-Magazin ‚Zur Zeit‘, in dem (nicht von Laun stammende) Artikel schon mal mit „Deutschland erwache!“ beendet werden, kommt nicht von ungefähr.

Laun versucht sich in Zeiten des zunehmenden Vertrauensverlustes in die katholische Kirche als „einer von uns“, der „endlich mal ausspricht, was alle denken, sich aber niemand zu sagen traut“, denn „armes Deutschland!“, bzw. Österreich. Ein durchaus erfolgsversprechender Versuch, politisch ungebildete PI-Leser zu binden; ein Gegenentwurf zu den von kath.net verabscheuten „Kartoffelsackbischöfen“ (O-Ton Reto Nay, ebenda). Während sich kath.net von der FPÖ distanziert, hat man den eigenen kleinen Rechtspopulisten in Salzburg sitzen, wo er seinen KLARTEXT in die Tastatur kippt.

Laun wirft mit Begriffen um sich, zu denen jedeR eine Meinung hat – wer wollte schon bezweifeln, dass die EU eine Diktatur plant, bei den ganzen absurden Gurkenrichtlinien, unchristlichen Schulkalendern, der vermaledeiten Bürokratie und Edmund Stoiber. Europäische Wurzeln sind ebenfalls ein Muss, auch wenn man, wie Laun, ganze Epochen am liebsten aus dem kollektiven Gedächtnis streichen möchte. Und wo die „vielen Einzelheiten“ fehlen, müssen eben mächtige Worte folgen: Stilblüten wie „autodestruktive Tendenzen“, „totalitärer Unrechts-Staat“ oder „Verbrechen der Nazis“, von denen man im Zusammenhang der Parole ‚Niemals vergessen‘ „eigenartigerweise […] fast nur“ rede, sprechen für sich.

Es ist bizarr: kath.net braucht keine ehrenamtlichen Beiträge von Laien, keine skandalträchtigen Gastkommentatoren aus der rechten Szene und keine peinlichen Rechtstreitigkeiten mit Kritikern: Den größten Schaden für das Image des Portals – und in diesem Fall auch und besonders für die katholische Kirche insgesamt, den schafft Weihbischof Andreas Laun immer noch selbst.

Expertenmeinung zu staatlicher Gewalt

kath.net-Forist und Mathematikstudent „el_presidente“ rechnet gern. Unvergessen ist sein seitenlanger Versuch, die Beziehung zwischen (missionierenden) Atheisten und rechtgläubigen Katholiken auf eine Formel herunterzubrechen, für die er mit den Begriffen „Raubpopulation R“ und „Beutepopulation B“ jonglierte. Nun gibt es Neuigkeiten – nach dem erfolglosen Ausflug in die Biologie demonstriert er aktuell seine historischen Kenntnisse:

1. Ja, ich bin davon überzeugt, daß jede staatliche Gewalt, auch die des NS-Regimes, von Gott kommt; in dieser Frage möchte ich sogar behaupten, daß ich die Wahrheit kenne. 2. Ja, ich bin davon überzeugt, daß Graf von Stauffenberg ein Mörder ist. Der Mann wurde übrigens vom Volk heilig gesprochen, nicht von der Kirche.

Ähnlichkeiten zum Fall des Deutschen Burschenschafters, der den Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer als „Landesverräter“ bezeichnete und sein Todesurteil für gerechtfertigt hielt, sind vermutlich nur rein zufällig.

Danke für den Hinweis an „Diskordianerpapst“.

Expertenmeinungen zum Rücktritt von Papst Benedikt

kath.net-Leser „krak des chevaliers“ hat die erste Trauer überwunden und analysiert gewohnt sachlich:

höhepunkt der Kirchenkrise
Mit dem Rücktritt des Heiligen Vaters hat die Kirchenkrise ihren irreversieblen Höhepunkt erreicht. Ein ungeheurer Vorgang! Jetzt triumphieren die Kräfte der Hölle, die besonders im deutschsprachigen Raum ihre Helfershelfer haben. Man braucht hier keine Namen zu nennen – sie sind bekannt. Schon immer war der Fels der Kirche umbrandet, jetzt aber haben es die Feinde geschafft, ihn zu Fall zu bringen. Man kann schon fast vom Ende der Katholischen Kirche sprechen. Die Bischöfe tragen eine ungeheure Schuld, für die sie einmal Rede und Antwort stehen müssen.

„Waldi“ findet:

Endlich haben es seine Feinde geschafft,
diesen guten Papst in die Knie zu zwingen. Sicher wird das Alter ihm zusetzen, aber nicht weniger haben ihm seine Feinde in der DBK, im ZdK, die Zusammenrottung in der Pfarrerinitiative um Schüller, Wir sind Kirche und noch viele andere. Die Kriegsfront der Ungehorsamen war für diesen guten Heiligen Vater zu brutal, um sie schadlos schultern zu können. Der nächste Papst, wer es auch immer sei, wird sich diesen Ungehorsamen Ketzern unterordnen müssen, um zu überleben. Von daher gesehen steht der katholischen Kirche eine schlimme und schwere Zeit bevor, wie wir sie uns kaum vorstellen können!

„st.michael“ seufzt:

Unfassbar – Sieg der Modernisten-
Lehmann und Zollitsch jubeln, sie haben den hl.Vater bekämpft wo sie konnten.
Die Modernisten jubeln, ich trete aus dem deutschen „Kirchensteuerverein“ aus und gebe mein Geld an eine der vielen romtreuen Gemeinschaften.
Mich hat der feste Glaube daran in der deutschen Kirche gehalten, der hl.Vater könnte den Modernismus aufhalten.
Er ist gescheitert.

„Tisserant“ verzweifelt:

Die linken Gesinnungsfaschisten jubel ja jetzt schon!
Das sollte uns aber am Barsche vorbeigehen! Das ZDK wird jetzt ne Trulla fordern und hoffen es wird sich alles am ZDK Kommunismus ändern!

Sogar der routinierte Rechtsausleger „Dismas“ verliert kurzzeitig die Contenance:

OH, ich bin total best6ürzt!! DAS darf doch nicht WAHSEIN11

„templariusz777″ war gerade mal für 2 Stunden weg, kommt wieder, schaltet das Internet an und muss feststellen, dass für ihn eine Welt zusammengebrochen ist:

unfassbar…
Da bin ich gerade mal für 2 Stunden weg, komme wieder, schalte das Internet an und muss feststellen, dass für mich eine Welt zusammengebrochen ist :( .
Die anti-katholischen Linksfaschisten meinen für den Moment einen Sieg errungen zu haben, aber die werden sich noch wunder, wenn ein noch „schlimmerer“ Papst gewählt wird.

„serafina“ fragt:

Könnte es nicht evtl. sein, dass irgendwelche dunklen Seilschaften im Vatikan den Hl. Vater zu diesem jetzigen Schritt gedrängt haben?

„Fides Mariae“ probt derweil gleich den Aufstand, möchte es den armen Sündern gleichtun und nackt durch die Welt stolpern:

Kleider zerreißen und Glocken sturmläuten!!!!!
Ja, seid ihr denn (fast) alle blauäugig oder was?????
Ein Papst tritt nicht einfach so zurück! Was soll das alles mit „Respekt“ und „Hochachtung“???
UNSER HIRTE hat uns verlassen! Weil er sein Amt nicht mehr ausüben konnte /wollte/durfte – was weiß ich? Es ist Zeit, die Kleider zu zerreißen, und die Glocken zu läuten !!!! Gott schütze die Kirche!!!!

kath.net-Autoren anderswo iii

kath.net-Autor Michael Hesemann ist studierter Historiker. Das merkt man seinem Kommentar auf der Facebookseite des Bistums Essen nicht unbedingt an: Auf die Frage, welchen Eindruck die gestrige Jauch-Talkhow, bei der u. a. der Hamburger Weihbischof Jaschke mitdiskutierte, hinterließ, schreibt Hesemann:

Schäbig war Jauch, einen aufrechten Katholiken in Abwesenheit vor einen Volksgerichtshof zu stellen mit seinem Bruder, einem Kains-Enkel, als Zeugen der Anklage.

Hesemann will hier offenbar Martin Lohmann verteidigen, schießt aber minimal über das Ziel hinaus. Der Volksgerichtshof wurde von den Nationalsozialisten ab 1934 zur Verurteilung von „Hoch- und Landesverrätern“ eingesetzt und ist für diverse politisch motivierte, undemokratische Schauprozesse bekannt. Insgesamt verhängte der Volksgerichtshof über 5.000 Todesurteile.

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Nachtrag: kath.net hat nun eine Nachkritik von Hesemann veröffentlicht, in der die Vokabel „Volksgerichtshof“ durch „Man fühlte sich an die Schauprozesse totalitärer Regime erinnert“ ersetzt wurde.