Dann mach doch den Mund zu!

Es gab in den letzten Tagen schon viele sehr dumme Beiträge zur Sexismus-Debatte: Frauen sollten sich nicht so anstellen, hieß es in manchen, sie seien, in freizügige Kleidung gehüllt, doch selbst schuld an Belästigung und Schlimmerem, hieß es in anderen. Hätte nicht Rainer Brüderle, sondern George Clooney mit sabbernden Mund „Sie können ein Dirndl ausfüllen“ gesagt, wäre alles ok gewesen, schrieben einige Blätter, während sich andere darauf konzentrierten zu betonen, wie schwer es die armen Männer doch heutzutage hätten, dass der Artikel im Stern eine gegen die FDP gerichtete Kampagne sei, die dem Journalismus schade und überdies unglaubwürdig sei. Mit Erörterungen über soziale Machtgefüge oder tief in der Gesellschaft verankerten Sexismus, der sich nicht in unflätigen Annäherungen erschöpft, beschäftigte sich niemand. Stattdessen wurden alle TV-Sendungen zum Thema mit – in der Regel männlichen – Betonköpfen wie Jan Fleischhauer oder Helmut Karasek getrollt, die jede sachliche Diskussion naturgemäß verunmöglichten.

Birgit Kelle versammelt den ganzen Irrsinn der vergangenen Woche in ihrem auf kath.net erschienenen Beitrag, der auf die schöne Überschrift „Dann mach doch die Bluse zu!“ hört. Kelle, die bereits in der neurechten ‚Jungen Freiheit‘ und beim auf Verschwörungsliteratur spezialisierten Kopp Verlag gegen die Gleichberechtigung von Frauen anschreiben durfte und dort „Freiheit statt Quote“ forderte, ist not amused und arbeitet sämtliche oben angeführten Punkte ab. Mit George Clooney wäre alles anders gelaufen, dann hätte die Journalistin auf die erbärmlichen Sprüche begeistert reagiert und „bis an ihr Lebensende einen echten Clooney bei ihren Freundinnen zum Besten geben können“. „Persönliche Befindlichkeit“ sei kein „ausreichender Gradmesser für Sexismus“, wärmt Kelle dann endgültig den Karasekschen Herrenwitz über die Frau im Kino auf.

Auf groteske Art und Weise verzerrt sie die Realität und erklärt, in einer Folge der RTL-Serie „Der Bachelor“ könne man „mehr über Frauen“ erfahren „als durch 100 feministische Bücher“. Beim Thema Privatsender kommt Kelle auch auf Heidi Klum zu sprechen und versteigt sich zu der These, dass Männer, die Frauen auf körperliche Vorzüge reduzieren, „einpacken“ könnten. Es kann sich also nur noch um eine Frage von Stunden handeln, bis Rainer Brüderle in tiefer Demut um Entschuldigung bittet und seinen Rücktritt erklärt.

Kelle gibt alle Frauen, die jetzt den Mut gefasst haben, sich mit schlimmen Erinnerungen zu beschäftigen und diese zu artikulieren, der Lächerlichkeit preis, und ermahnt sie, sich nicht so anzustellen. Besonders beschämend ist dann noch der bewährte Kniff, die Schuld für die Übergriffe den Betroffenen anzulasten: In einer Gesellschaft, in der „schon kleine Mädchen in Lolita-Klamotten“ verpackt würden und Frauen für „das Recht, wie Schlampen herumlaufen zu dürfen“ kämpften, da könne es doch schon mal zu Sexismus kommen, wobei sich Kelle freilich nicht die Mühe macht, zwischen verbalen und körperlichen Übergriffen zu unterscheiden.

Weil Kelles Recherche erkennbar kaum über die Betrachtung des eigenen Lebenslaufs, des Fernsehprogramms und des Kiosks um die Ecke hinausging, diskutiert sie nicht über die Argumente der #Aufschrei-Aktivistinnen – die etwa hier nachzulesen wären. Stattdessen zitiert sie Schauspielerin Megan Fox, die „von ihrem sexy Image weg“ wolle, aber gleichzeitig „in Unterwäsche“ auf einem Zeitschriftcover abgebildet sei: „Dann mach doch die Bluse zu, möchte man ihr da zurufen!“, findet Kelle.

Den Artikel will Birgit Kelle indes nur widerstrebend verfasst haben: „Nein, ich wollte mich dazu nicht äußern. Weil ich diese ganze Brüderle-Sexismus-ich fühl-mich-ganz-doll-bedrängt-Diskussion aufgebauscht und heuchlerisch finde.“
Dann mach doch den Mund zu, möchte man ihr da zurufen.


5 Antworten auf „Dann mach doch den Mund zu!“


  1. 1 Apokatastasis 02. Februar 2013 um 0:20 Uhr

    Na ja, das ist mal wieder ein Beitrag, der typisch für kath.net ist.
    Wenn man die Seite der Organisation http://frau2000plus.net/?page_id=2 mal näher anschaut, deren Vorsitzende Birgit Kelle ist, findet man unter der Rubrik „Wer sind wir?“ die Themen Familie, Glaube, Lebensschutz, Abtreibung, Mediendiktatur und Gender Mainstreaming.
    Also alles das, worüber sich kath.net definiert. Und was dann als richtig katholisch ausgegeben wird- mit der jeweils richtigen Pro- und Kontra-Haltung, versteht sich.

    Was so cool in der Überschrift daher kommt mit dem Titel „Dann mach doch einfach die Bluse zu“, erweist sich als die übliche dort verbreitete Haltung „Feminismus ist doof, wenn er links ist“ und „Wenn Frauen zu Opfern werden, müssen sie wohl selbst schuld sein.“

    Daß sich damit kath.net als ins Religiöse hineinreichender Arm der politischen Rechten betätigt und damit Religion zum Anhängsel von politischer Ideologie macht, dürfte den wenigsten Hurra-Postern auf kath.net aufgefallen sein.

    Von daher möchte man den Machern – und meisten Postern- der Seite auch zurufen: „Schalt doch endlich mal Dein Hirn ein!“

  2. 2 Nike 02. Februar 2013 um 13:39 Uhr

    „Schalt doch endlich mal Dein Hirn ein!“

    Tja

    Diese seichte, traurig dürftige Schreibe steht ja wohl für den „Neuen Feminismus“, den Kelle öffentlich propagiert, im Gegensatz zum „alten“, den sie schematisch über de Beauvoir und Schwarzer abzuwickelt. Und fertig. Über diese Stereotype hinaus werde ich bei ihr zur komplexen (auch historischen) sozialen und gesellschafts-politischen Frauenbewegung und Frauengeschichte nicht fündig. Da ist sie offensichtlich nie angekommen; auch nicht annähernd bei der Einsicht, wo sie als Frau heute ohne diese Aktivistinnen stünde.

    Aber ein männlicher Sympathisant dürfte ihr doch sicher sein:
    Ich zitiere ihr geistliches Oberhaupt noch als Präfekt der Glaubenskongregation im Gespräch mit Messori aus seiner Stellungnahme zur Frau und zum Feminismus:

    „Ihrer Ansicht nach trügt somit der Schein, sage ich: Anstatt von der im Gang befindlichen „Revolution“ mit Wohltaten bedacht zu sein, wären die Frauen ihr Opfer?
    „Ja – antwortet er – gerade die Frau bezahlt am meisten. Mutterschaft und Jungfräulichkeit (die beiden hohen Werte, in denen sie ihre tiefste Berufung verwirklicht) sind zu Werten geworden, die den vorherrswchenden entgegengesetzt sind.“ (Ratzinger Benedikt XVI Zur Lage des Glaubens)

    Natürlich. Ich Tarzan – Du Jane.

  3. 3 Dr. Arnd 03. Februar 2013 um 22:52 Uhr

    @Apokatastasis:da haben Sie wohl recht, auch kath.net sieht die Kirche vornehmlich als politischen Akteur und projiziert das eigene konservative Denken in den religiösen Bereich. Ironischerweise tun dies aber heutzutage fast alle Zeitgenossen, aich diejenigen des entgegengesetzten Spektrums. Auch auf seiten der Kritiker der Kirche wird diese als politische Partei oder wie eine Gewerkschaft eingeschätzt und missverstanden.

    @Nike: Naja „Ich Tarzan-Du Jane“ passt wohl eher zum heutigen hedonistischen Bunga-Bunga.

  4. 4 Nike 04. Februar 2013 um 8:50 Uhr

    @Dr. Arnd Wie Sie meinen.

    Gerne auch eine fundamentaldämliche, sorry, fundamentaltheologische Version: Adam und Eva forever! :)

  5. 5 Dr. Arnd 04. Februar 2013 um 11:11 Uhr

    @Nike: Das ist schön, ja.

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