kath.net und der Lebensschützer des Jahres

Klaus Günter Annen gilt als Leitfigur der deutschen ‚Pro Life‘-Szene. Konservative und weiter rechtsaußen stehende Gruppierungen und Medien wie die CDL (Christdemokraten für das Leben), ‚Junge Freiheit‘, kreuz.net und Altermedia berichteten über ihn, der islamistischen und antisemitischen Seite Muslim-Markt gab er 2006 ein Interview. Bekannt wurde Annen durch seine Seite babycaust.de, auf der er bis ca. 2009 etliche Bilder angeblich oder tatsächlich abgetriebener Föten ausstellte. Umrahmt wurden diese Fotos von Sätzen, die Abtreibung mit dem deutschen Massenmord an den Juden gleichzusetzen versuchten.

Für dieses Engagement sprach ihm die evangelikale Nachrichtenagentur ‚idea‘ 2003 den Titel ‚Lebensschützer des Jahres‘ zu. Im selben Jahr hatte er vor dem Oberlandesgericht Karlsruhe das Recht erstritten, Schwangerschaftsabbrüche mit dem Holocaust vergleichen zu dürfen.
Drei Jahre später, 2006, beantragte die Kommission für den Jugendmedienschutz der Landesmedienanstalten bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, babycaust.de zu indizieren. Die Gleichsetzung von Holocaust und Abtreibung sei potenziell jugendgefährdend, schließlich könnte die Melange aus pornografischer Darstellung toter Föten und den entsprechenden Textbausteinen schwangeren Mädchen suggerieren, sie handelten zumindest ansatzweise so schlimm wie die Nationalsozialisten. Dem Ersuch wurde stattgegeben, babycaust.de in Teil C der Liste jugendgefährdender Medien eingetragen. Das hatte nicht nur zur Folge, dass die Seite Kindern und Jugendlichen nicht mehr zugänglich gemacht werden durfte: Auch jede Werbung und Verlinkung war fortan verboten. 2009 meldete ein Verein aus dem Umfeld von babycaust.de, das Urteil sei aufgehoben worden – alle Bilder wurden gestrichen und auf babycaust.at outgesourct.

Um das Verbot, babycaust.de zu verlinken, hat sich kath.net in all den Jahren nicht geschert. Die ersten Jubelartikel auf Klaus Günter Annen erschienen in den Anfangsjahren von kath.net, insgesamt wurde und wird babycaust.de in acht Artikeln angepriesen. Auch während die Seite indiziert war, berichtete kath.net äußerst wohlwollend und nannte die komplette URL. Bis 2005 verlinkte kath.net die Seite direkt und änderte die Links auch nach der Indizierung nicht.
Das mag ein rechtliches Problem sein, vor allem aber ein moralisches, wie eine kleine Zusammenstellung des Inhalts von babycaust.de zeigen soll:

Aktuell steht auf babycaust.de „Damals KZ’s, heute OP’s“ oder „Wir leben in einer demokratischen Diktatur“. Annens Liebe zur Demokratie wird auch in Sätzen wie diesem deutlich: „Die Nazi`s selektierten die Menschen. Die Demokraten selektieren die Meinung und die Menschen (PID)“. Annen bekundet, er wolle „alle Daten und Fakten über das große Unrecht der Ermordung ungeborener Kinder“ erfassen, um künftigen Historikergenerationen die Arbeit zu erleichtern: „Bedenken Sie, welche Schwierigkeiten es bei der Aufarbeitung der NAZI – Verbrechen gegeben hat… dem wollen wir vorbeugen!“

Er gibt Tipps für spontane Gebetsaktionen („Die Religionsfreiheit ist grundsätzlich nach Artikel 4 GG zugesagt. Aber Vorsicht: Polizei und Ordnungsamt können dies ab 3 Personen auch anders sehen!!!“), hadert mit den geltenden Gesetzen und stellt fest: „Die Angeklagten im Nürnberger Prozess beriefen sich auf geltendes Recht !“ 2010, 65 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges, veröffentlichte er zusammen mit „Pornojäger“ Martin Humer, dem kath.net einen Nachruf widmete, ein „Zeitdokument“. Darin wird an den „Tag der Befreiung von der Schreckensherrschaft der Nazi“ erinnert und nach Aufzählung einiger Folgen derselben gefragt: „und was haben die sog. Demokraten daraus gelernt?“ – Nichts, glauben Humer und Annen, zitieren Abtreibungsstatistiken („2,6 Milliarden Menschen weltweit“) und fragen ergebnisoffen: „Kam die Menschheit nicht vom Regen in die Traufe ?!!“

In einem Unterartikel über Euthanasie („Willkommen im 4. Reich!“) fragt Annen, dem seine spannenden Rechtschreibungsabenteuer eine gewisse Unschuld verleihen: „Sind nur die NAZIS die Bösen? oder gibt es da heute nicht noch Welche?“ Sollte es sie auch heute noch geben, so arbeiten sie Annen zufolge mit einiger Sicherheit in den Medien. Er empört sich über „Christenverhöhnung als Volkssport“ und den „Hessische[n] Rotfunk“, „Beleidigungsfreiheit“ und „Hetzkampagnen“, und stellt fest, dass nicht etwa plumper Revisionismus, sondern „Blasphemie […] einer Kulturnation unwürdig“ sei.

Scheinheilig fragt Annen auf der Startseite, ob es „eine Steigerungsform“ des „Holocaust der Nazis“ gäbe, bloß um sie selbst mit „Ja, es gibt sie!“ zu beantworten und die Bilder einer KZ-Pforte und einer Frau auf einem Operationstisch daneben zu setzen.

Mit all dem Quatsch hat kath.net offenbar kein Problem, andernfalls wären die Links wohl nie erschienen oder wenigstens im Nachhinein gelöscht worden.


6 Antworten auf „kath.net und der Lebensschützer des Jahres“


  1. 1 Jean-Louis 15. Januar 2013 um 17:27 Uhr

    Klaus Günter Annen ist für seine Engagement zu beglückwünschen. Ich finde den Vergleich „babycaust“-Holocaust zwar auch überhaupt nicht gut, aber der Mann wollte wohl so auf die Schwere des Abtreibungsverbrechens aufmerksam machen, und er hat nach der Indexierung ja auch nicht mehr darauf zurückgegiffen. Ansonsten kann ich ihm nur recht geben, und diese Gesinnungsschnüffelei und Indexierung politisch unkorrekter Aussagen gibt mir ein ungutes Gefühl. Das Gefühl nämlich, dass wir am Anfang einer Meinungsdiktatur stehen, wo jeder, der sich nicht im Sinne der politischen Correctness äussert, schon mit einem Bein im Gefängnis steht. Wehet den Anfängen!

  2. 2 Max 15. Januar 2013 um 18:47 Uhr

    Jean-Louis,
    wenn ich sowas wie Ihren Kommentar hier lese, fällt es mir tatsächlich schwer, nicht aus der Haut zu fahren. Es ist nicht nur völlig absurd, Abtreibungen unterschiedslos und unabhängig von den individuellen Gründen mit dem geschichtlichen Ereignis des Holocaust zu vergleichen, sondern zum Glück auch politisch nicht korrekt. Es ist gar nicht so schlecht, dass es ein weit reichendes gesellschaftliches Einverständnis darüber gibt, welche Dinge man aus Respekt vor seinen Mitmenschen und Mitbürgern nicht sagen sollte. Es ist völlig in Ordnung, dass es eben nicht okay ist, Mitmenschen unter Berufung auf die Meinungsfreiheit zu beleidigen und mit Worten zu verletzen. Oder zum Beispiel Hitler toll zu finden. Und das hat gar nichts, aber auch gar nichts mit „Meinungsdiktatur“ zu tun. Mit dem gleichen Recht könnte man die Lehre von Jesus Christus als Mitmenschlichkeitsdiktatur verdammen. Oder, anders gesprochen: Meinungsfreiheit ist eben nicht gleichbedeutend mit dem Recht, alles zu sagen, und Demokratie ist nicht das Recht der Mehrheit, zu tun und zu lassen, was sie will. Wehret kathnet und seinen Hasspredigern.

  3. 3 Jean-Louis 15. Januar 2013 um 20:09 Uhr

    Max,
    Theoretisch gesehen, gebe ich Ihnen durchaus recht. Natürlich darf man seine Mitmenschen nicht beleidigen. Auf die groteske Hitler-Anspielung hätten Sie in diesem Sinne allerdings selbst verzichten sollen. Ausser ein paar Verrückten findet nämlich niemand Hitler „toll“. Darum geht es doch nicht. Wer eine abweichende Meinung zu den (von Medien gesteuerten) Mainstream-Auffassungen hat, besonders zu den Themen Homosexualität, Abtreibung, usw, wird gerne ausgegrenzt und mundtot gemacht. Er riskiert, auch heute schon, seinen Job, oder er muss ihn quittieren, weil er sein Gewissen nicht vergewaltigen kann. Bei Gewissenskonflikten, die sich für „Unangepasste“ ergeben, kennen diese sonst so sensiblen Ideologen nämlich keine Gnade, selbst wenn sich alternative Lösungen anbieten. Das Gleiche gilt für Eltern, die ihren Kindern Perversitäten im Sexualkunde-Unterricht ersparen wollen. Sie riskieren Gefängnis. Diese gesellschaftliche oder institutionnelle Gewalt erzeugt eben zum Teil verbale Gegengewalt. Das ist vielleicht nicht gut, aber verständlich. Zudem darf die Sprache nicht kastriert werden.Das ist alles nicht neu: schon Voltaire musste wegen seiner unangepassten Meinungen nach England flüchten. Es tut mir leid, aber wer kath.net, oder katkolisches info, oder gloria tv, oder…, oder…, als „Hassportal“ charakterisiert, der hat ein gestörtes Verhältnis zur Meinungsfreiheit.

  4. 4 suennerklaas 15. Januar 2013 um 22:18 Uhr

    Hier noch einmal eine Quelle zum Thema sexueller Missbrauch und ABTREIBUNG bei religiösen Sektierern:

    http://www.ardmediathek.de/hr-fernsehen/horizonte/die-zehn-gebote-2-in-gottes-namen?documentId=12983624

    Im vorliegenden Fall fand die Abtreibung im Badezimmer statt. Und das ist mit Sicherheit kein Einzelfall.

  5. 5 Max 17. Januar 2013 um 22:45 Uhr

    @Jean-Louis: Es gibt erstaunlich viele Verrückte, die Hitler nach wie vor bewundern oder den Holocaust leugnen oder verharmlosen (ich erinnere mich an die Fenster, die uns einst geliefert wurden, wo der Handwerker sich den „Spaß“ erlaubt hatte, in origineller Abwandlung unseres Namens „Eva Braun“ in die Innenkante zu drucken statt des richtigen Namens – seinen Job hat er nicht verloren, aber wohl eine Abmahnung erhalten). Und ein paar von diesen Verrückten äußern sich nun einmal auch auf den o.g. Portalen, die das katholische im Namen führen, ohne dass dies von Administratorenseite verhindert wird.
    Je nachdem wo jemand arbeitet, ist es übrigens schon ok, wenn er oder sie seine Homophobie o.ä. auf der Arbeit unterdrückt und nur im Privaten auslebt. Schade, dass es Leute gibt, die sich mit sowas ausgerechnet auf Jesus berufen. Und was die „(von Medien gesteuerten) Mainstream-Meinungen“ angeht, so frage ich mich, wie die insgesamt dann doch recht pluralistische Medienlandschaft die Mainstream-Meinungen steuern soll und ob Ihnen offenbar nicht genehme Toleranz eher ein Effekt dessen ist, dass die meisten das Grundgesetz unseres Landes im Großen und Ganzen zu schätzen wissen.

  6. 6 Remo 15. Januar 2015 um 6:17 Uhr

    Haben Sie mal Fotos davon gesehen, wie abgetriebene Kinder aussehen?

    Kaum jemand, der solche Fotos gesehen hat, wird sagen können,daß ihn das nicht berührt.

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