Kein iPhone, kein Messias, (k)ein Grund zur Aufregung

Man kann über kath.net ja sagen, was man will, aber immerhin ist das Linzer Portal auch von Zeit zu Zeit für echte Überraschungen gut: Völkische Artikel eines Neonazis veröffentlichen, sie nach Bekanntwerden seiner Identität löschen und darauf bestehen, dass sie inhaltlich ok gewesen wären – das war schon ziemlich kreativ. Das Pochen darauf, dass Ausdrücke wie „Neger“ in Kinderbüchern kein Problem seien. Artikel über Antisemitismus, unter denen sich LeserInnen judenfeindlich äußern dürfen, das ist ebenfalls ganz großes Kino. Und Beiträge von Andreas Unterberger, der eine rechte Zeitung für „Neger“-Beschimpfungen von Migranten in Schutz nahm, neben Gastkommentaren, die angesichts der NSU-Terrorserie einen schärferen Kampf gegen links fordern --

Nein, langweilig wird es mit kath.net nie. Dazu trägt aktuell auch ein redaktioneller Beitrag von Johannes Graf bei. Graf beschwert sich über eine Karikatur im ‚Standard‘, wo die drei heiligen Könige in der Ausgabe vom 24. Dezember die Krippe zu Bethlehem besuchen, von Josef aber mit „Ohne I-Phone kein Messias!! Basta!!!“ abgewiesen werden. Das Bildchen ist so egal, wie es sich anhört, wird von Graf aber zu einer „antichristliche[n] Karikatur“ aufgeblasen, die „das Weihnachtsfest, die Heilige Familie und die Heiligen Drei Könige“ verhöhne, was „viele Christen“ schmerze. „Dem Karikaturisten“, stellt Graf fest, „ist eine Beziehung zwischen einem gläubigen Christen und Gott wahrscheinlich völlig fremd“, andernfalls „würde er eine solche Zeichnung, die gläubige Christen zumindest kränkt, hoffentlich nicht veröffentlichen.“

Weil Graf aber ahnt, dass diese Vorwürfe ziemlich unhaltbar sind, sucht er vorsichtshalber nach weiteren Kritikpunkten: Josef gehöre zur Gruppe „jüdischer Geschäftsleute (Zimmermann)“, weshalb der Wunsch nach einem iPhone „Habgier“ ausdrücken könne, was wiederum ein „beliebtes antisemitisches Vorurteil“ sei. Da der Verweis auf antisemitische Stereotype zwar grundsätzlich korrekt, in diesem Fall aber sehr, sehr weit hergeholt ist, sichert Graf sich vor etwaigen Klagen ab:

Dem Standard und seinem Karikaturisten soll hier kein Antisemitismus vorgeworfen werden. Dies würde im völligen Widerspruch zur Ausrichtung des Blattes und seines Gründers Oscar Bronner stehen.

Richtig liegt Graf indes bei seiner Bewertung der Darstellung des in der Mitte der Karikatur abgebildeten Königs „dunkler Hautfarbe“. Dieser wird mit überlebensgroßen Lippen und Augen gezeichnet, was Graf zu Recht mit „rassistischen Darstellungen“ vergleicht, bloß um den Vorwurf daraufhin ebenfalls rhetorisch abzumildern.

Der kath.net-Beitrag ist nicht nur aufgrund seiner Scheinheiligkeit bemerkenswert; der letzte Absatz beschäftigt sich mit ‚Standard‘-Werbespots im Programm des Wiener Kirchensenders ‚Radio Stephansdom‘: Die Spots seien „schwer zu erklären“ und „mögen einer persönlichen Verbindung geschuldet sein“, sollten aber „spätestens nach dieser Karikatur“ überdacht werden. Das wird in auf einer Seite namens kreuz-net.info, die erst gestern bekannt wurde, sehr ähnlich, wenn auch weniger diplomatisch formuliert. Dort findet sich ein Beitrag, der angeblich vom 26. Dezember stammen soll und sich, da antisemitisch, nur mit den vermeintlich antikatholischen und rassistischen Gesichtspunkten der Karikatur beschäftigt. kreuz-net.info fordert, dass Kardinal Schönborn „einmal den Medien gegenüber Rückgrat“ zeigen und „die unzumutbare „Standard“-Werbung“ abstellen solle – „Wir werden nachfragen!“.

In der kath.net-Kommentarspalte sind die Reaktionen gemischt. Während die bekannten Hardliner wie „Dismas“ oder „goegy“ über eine rote Diktatur nachgrübeln, gibt selbst „Morwen“ zu bedenken, dass es kontraproduktiv sei, „sich wegen jedem kleinen unfrommen Witz aufzuregen“. Und „Seramis“ schließt:

Meine Güte – man kann es auch übertreiben…
Die Zeichnung scheint zwar nicht besonders witzig zu sein, aber der Vorwurf, antichristlich zu sein, ist völlig überzogen. Auf die Idee, Joseph würde damit die Heiligkeit abgesprochen, muss wirklich erst mal kommen. Auch der Vorwurf, das antisemitische Klischee von habgierigen Geschäftsleuten würde hiermit bedient, wirkt konstruiert, zumal diese Stereotypen sich eher auf Bankiers und ähnliches bezogen. Einen Handwerksberuf wie den des Zimmermanns durften Juden nämlich im christlichen Europa jahrhundertelang gar nicht ausüben!

Die Weihnachtsgeschichte gehört nun mal zu unserer Kultur und ist auch Nichtchristen bestens bekannt. Folglich darf sie auch in Karikaturen verwendet werden, ohne dass sich daraus ein spezifisch religiöser Bezug ergäbe. Eine „Verhöhnung der Heiligen Familie“ kann ich somit nicht erkennen. Allerdings ist die beschriebene Zeichnung dann auch ziemlich beliebig: Man kann sie jedes Jahr mit einem neuen „must-have“ variieren: iPhone, Computer, HD-Tv et


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