Die kath.net-Highlights 2012 – Platz 4

Platz 4: Gepflegter Revisionismus

Was war passiert?
Nachdem kath.net 2011 ein „lokales Medientheater“ überstehen musste, weil bekannt wurde, dass Artikel eines Neonazis veröffentlicht wurden, begann das Jahr 2012 mit zuvor nicht gekannter Vorsicht: Ein der Piusbruderschaft nahestehender Autor bot einen Gastkommentar an, was kath.net nach eingehender Google-Recherche nicht nur per Mail, sondern auch noch mit einem redaktionellen Beitrag ablehnte. Zu nah stehe der Jungjournalist Holocaustleugner Richard Williamson, und auf antisemitische oder revisionistische Äußerungen habe man so gar keine Lust.
Diese neue Richtlinie wurde in den vergangenen zwölf Monaten in der Kommentarspalte – worauf wir in den nächsten Tagen noch ausführlicher zu sprechen kommen werden – dutzendfach ignoriert; aber auch einige Artikel der kath.net-Redaktion lassen auf eine Schulzeit schließen, in der dem Geschichtsunterricht nicht die größte Priorität beigemessen wurde.
Im Juli 2011 wurde ein russisch-orthodoxer Geistlicher auf kath.net mit seiner bedingt klugen Meinung zitiert, Abtreibung sei „der schlimmste Holocaust der Geschichte“. Brav benutzte kath.net-Autor Johannes Graf den Konjunktiv, um den Anschein von Distanz zu wahren, was dann so klang: „[Abtreibung] habe mittlerweile mehr Menschenleben gefordert, als beide Weltkriege, sagte er“. Zur Kritik an der offensichtlichen Geschichtsklitterung fehlte Graf wohl die Zeit, denn die Worte des Geistlichen wurden unkommentiert im Raum stehen gelassen und fanden unter den LeserInnen so große Zustimmung, dass der Revisionist in der Kommentarspalte zu Demonstrationen eingeladen wurde.
Vor wenigen Tagen erst verblüffte kath.net dann mit einem Beitrag, in dem die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare mit rassenhygienischen Maßnahmen der Nazis verglichen wurde: Zwischen 1940 und 1941 wurden im Rahmen der sog. Aktion T4 mehr als 70.000 psychisch kranke oder behinderte Menschen getötet. Die päpstliche Kritik an der Homo-Ehe wurde von Autorin Lucetta Scaraffia explizit mit den „Worte[n] des Bischofs von Galen gegen die von Hitler gewollte Aktion T4″ verglichen. Beide sorgten sich, so Scaraffia, gleichermaßen um „eine Verteidigung der menschlichen Kultur, dessen, was sie an Höchstem hervorgebracht hat“.

Exemplarische Lesermeinung:

Holocaust als Vergleich der Schrecklichkeit passt – anders ist es auch nicht zu verstehen und ich denke es wird auch kein vernünftiger Mensch anders interpretieren.

Man kann die Abtreibung gar nicht überhart beschreiben – wir müssen diese Tötung laut anmahnen – umgekehrt sind Bezeichnungen wie Schwangerschaftsabruch eine perverse Verniedlichung.

In meiner Jugend hat man den älteren den Vorwurf gemacht – wie kann man nur Hitler gewählt haben und wie kann ein Volk nicht aufschreien bei all dieser elendigen Menschverachtung. Heute sind wir dran und wer jetzt schweigt wird in einigen Jahren von der nächsten Jugend das gleiche gefragt werden.

(„Sodale“ hier)

Nach- und weiterlesen:
- Eine unerwartete Wendung
- Über präpubertären Geschichtsrevisionismus muss man nicht diskutieren
- Das Höchste der menschlichen Kultur


10 Antworten auf „Die kath.net-Highlights 2012 – Platz 4“


  1. 1 Jean-Louis 28. Dezember 2012 um 9:21 Uhr

    Was ist denn an dieser „exemplarischen Lesermeinung“ auszusetzen? Ich würde den Text mit beiden Händen unterschreiben, obwohl ich nichts auf der Welt mehr verabscheue als Nazis. Das hat doch nichts mit Relativierung der schrecklichen Naziverbrechen, die wir doch alle, ohne wenn und aber, aufs schärfste verurteilen, zu tun. Es geht hier nur darum, das Ausmass (insbesonders zahlenmässig)der Abtreibungsverbrechen zu veranschaulichen. Abtreibungsgegner mit der Nazikeule in die rechtsextreme Ecke verbannen zu wollen ist ein alter, aber infamer Trick. Wir werden uns aber den Mund nicht verbieten lassen.

  2. 2 Nike 28. Dezember 2012 um 9:44 Uhr

    Es geht hier nur darum, das Ausmass (insbesonders zahlenmässig)der Abtreibungsverbrechen zu veranschaulichen.“

    Wenn es hier nur darum geht, stehen seriöse und differenzierte Studien mit überprüfbaren Quellenangaben zur Verfügung.

  3. 3 Administrator 28. Dezember 2012 um 11:01 Uhr

    Es geht hier nur darum, das Ausmass (insbesonders zahlenmässig)der Abtreibungsverbrechen zu veranschaulichen.

    Was Nike sagt.

  4. 4 Tibor 28. Dezember 2012 um 11:50 Uhr

    @Jean-Louis: Mit solchen Vergleichen wird impliziert, dass ein Embryo/Fötus den selben moralischen Status hat wie ein erwachsener Mensch und dass die Handlungen, die von den Nazis ausgeführt wurden, sich moralisch nicht von der Handlung einer Abtreibung unterscheiden. Wenn das so wäre, dann wären Holocaust und Abtreibung tatsächlich moralisch äquivalent und man könnte einfach die Opferzahlen miteinander vergleichen.

    Aber Holocaust und Abtreibung sind eben nicht moralisch äquivalent: Einem Embryo/Fötus fehlen wesentliche Eigenschaften, die moralisch relevant sind, etwa Selbstbewusstsein, die Fähigkeit, Wünsche auszubilden, in weiten Stadien sogar reines Schmerzempfinden, usw. Die Opfer der Nazis besaßen diese Fähigkeiten. Es ist moralisch deutlich (!) verwerflicher, einen Menschen zu töten, der diese Fähigkeiten besitzt, als einen Menschen, dem sie fehlen.

    Darüber hinaus hat jede Frau das Recht, eine Abtreibung durchführen zu lassen, während die Nazis nicht das Recht hatten, Menschen zu töten. Hier besteht also ein moralischer Unterschied zwischen beiden Handlungen, nicht nur zwischen den Opfern.

    Und genau aus diesen Gründen ist es unredlich, die jeweiligen Zahlen miteinander zu vergleichen, ohne darauf hinzuweisen, dass zwischen Abtreibung und Holocaust mannigfaltige moralisch relevante Unterschiede bestehen.

  5. 5 suennerklaas 28. Dezember 2012 um 12:29 Uhr

    @Jean-Louis

    „Abtreibungsgegner mit der Nazikeule in die rechtsextreme Ecke verbannen zu wollen ist ein alter, aber infamer Trick. Wir werden uns aber den Mund nicht verbieten lassen. “

    Sorry – aber der NS-Vergleich kommt von Seiten der sogenannten „Lebensschützer“. Die sehr viel wichtigere Frage, welche politischen Rahmenbedingungen zu Abtreibungen führen und was dort geändert werden muss, stellen die „Lebensschützer“ nicht. Es wird auch nicht die Frage gestellt, welche politischen und wirtschaftliche Rahmenbedingungen dazu führen, dass Familien im großen Stil zerbrechen. Die „vierköpfige Familie“ gilt ja heute als Inbegriff des „Sozial-Schmarotzertums“, die ohne ergänzende Sozialleistungen nicht auskommt.

    Dass sich unter solchen Rahmenbedingungen Menschen gegen Kinder entscheiden, ist normal. Dagegen hilft auch wütendes Getrampel nicht.

  6. 6 Jean-Louis 28. Dezember 2012 um 13:42 Uhr

    @Nike und Administrator
    Im Prinzip haben sie ja Recht. Aber leider ist es so, dass man heute mit nüchternen Zahlen, die Masse der Leute nicht mehr für ein Problem sensibilisieren kann. Daher der Zugriff auf andere rhetorische Mittel, wie eben Vergleiche.
    @Tibor
    Mit ihren Aussagen in den beiden ersten Abschnitten bin ich voll und ganz einverstanden. Besonders den zweiten Absatz finde ich in Inhalt und Form meisterhaft formuliert. Aber dann:“hat jede Frau das Recht, eine Abtreibung durchführen zu lassen“. Wieso? Hier scheiden sich die Geister. Selbst wenn Abtreibung moralisch legitim wäre, müsste man nicht zumindest auch den Willen des Vaters in Betracht ziehen? Sonst befinden wir uns in einer Diktatur des Feminismus.
    @Sünnerklaas
    Wenn ein Akt an sich verwerflich ist, wird er auch durch äussere Umstände keineswegs legitimiert.Zumal es ja auch noch Verhütung, Adoption, usw gibt.

  7. 7 Nike 28. Dezember 2012 um 15:19 Uhr

    „Aber leider ist es so, dass man heute mit nüchternen Zahlen, die Masse der Leute nicht mehr für ein Problem sensibisieren kann.“

    Auch wenn jemand diesen Denkansatz für sich in Anspruch nehmen möchte, ändert das nichts daran, dass „das Ausmass (insbesonders zahlenmäßig)“ mit nüchternen Zahlen dazu klar gemacht werden muß.Vor jeglichem Vergleich brauche ich argumentativ einen begründeten Sachbezug.
    Denn dieser Denkansatz liesse auch beispielsweise Hiroshima,
    6.8.45 zu, als auf einer Südseeinsel ein Flugzeug auf Hiroshima Kurs nahm mit der ersten Uranspaltbombe und ihrem Vernichtungspotential.

  8. 8 Tibor 28. Dezember 2012 um 16:40 Uhr

    @Jean-Louis: Wenn Sie meinen beiden ersten Absätzen zustimmen, dann frage ich mich, wie Sie zugleich den Vergleich von Abtreibung mit dem Holocaust für legitim halten können.

    Zum dritten Absatz: Das Recht auf Abtreibung ist meines Erachtens direkt aus dem Recht, frei über den eigenen Körper zu verfügen, ableitbar. Ich sehe aber ein, dass es hier zu einem Rechtekonflikt zwischen Frau und Embryo/Fötus kommen könnte, sofern man annimmt, dass auch ein Embryo/Fötus Träger von Rechten ist (was ich allerdings bezweifle).
    Es wäre zwar schön und nobel von einer Frau, auch die Interessen des Mannes zu berücksichtigen, verlangt werden kann das aber nicht. Ansonsten hätte man nämlich mit der untragbaren Konsequenz zu kämpfen, dass Frauen zum Austragen eines Kindes gezwungen werden können, sofern der Vater dies wünscht.

  9. 9 diskordianerpapst 28. Dezember 2012 um 18:16 Uhr

    Die meisten radikalen Abtreibungsgegner kann man einfach nicht
    ernst nehmen. Sie arbeiten mit unzutreffenden Vergleichen, sie
    versuchen wohldefinierte Begriffe neu zu definieren, sie
    arbeiten mit falschen Zahlen.
    Kurz: Sie betreiben eine widerliche, durchschaubare Propaganda.

    Des Weiteren arbeiten sie nur auf ein gesetzliches Verbot hin
    und die Folgen interessieren sie einen Scheissdreck. Ob
    tatsächlich weniger Abtreibungen stattfinden oder gar noch
    weiterer Schaden entsteht weil Frauen bei illegalen
    Abtreibungen draufgehen interessiert sie nicht.
    Im Gegenteil die Geschädigten oder Toten von derartigen, dann
    illegalen, Abtreibungen halten sie insgeheim für willkommen.
    Sie glauben es hätte eine abschreckende Wirkung und sie haben
    sowieso nichts lieber als eine saftige Strafe, am besten eine
    die als „Strafe Gottes“ daherkommt.
    Einem hohen Anteil dieser Leute ist jegliches geborene Leben
    egal, nur das ungeborene ist heilig. Besonders krass ist diese
    Einstellung in den USA zu beobachten, aber hier ist es ähnlich.

    Einen Einblick wie diese Leute ticken konnte man im Memminger
    Prozess bekommen, da wurde die Bigotterie und das
    Amtsverständnis einer ganzen Horde von Angehörigen der
    bayrischen Justiz besonders deutlich.
    Nicht nur an dem einen Richter den der Spiegel dann als
    Abtreibungsbefürworter in eigener Sache outete. Ausgerechnet
    dieser Richter fragte im Prozess geradezu inquisitorisch um
    finanzielle Notlagen als Indikation in Zweifel zu ziehen.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Memminger_Prozess

    Seit dem sind diese Leute bei mir unten durch und sie bestätigen das immer wieder. Besonders wenn man sich ansieht
    was die Organisierten sonst noch so vertreten kommt man um den
    Verdacht nicht herum das bei vielen eher völkisch/nationale
    Motive im Spiel sind als ethische.

    Das ethische Problem sieht wohl nahezu jeder Mensch, aber
    die Unfähigkeit eine notwendige Rechtsgüterabwägung zu sehen
    und ein nach wissenschaftlichen kriterien gesetztes Recht zu
    akzeptieren macht die radikalen Abtreibungsgegner zu
    potentiellen Verfassungsfeinden.

    Wer wirklich Abtreibungen verhindern will kümmert sich um
    Schwangere in Notlagen und zwar auf angemessene Art und Weise,
    nicht mit Horrorbildern und Angstmacherei.

  10. 10 suennerklaas 28. Dezember 2012 um 18:24 Uhr

    „Zumal es ja auch noch Verhütung, Adoption, usw gibt. “

    @Jean-Louis

    Sie weichen aus.

    Die Empfängnisverhütung ist nach der Lehre der katholischen Kirche verboten. Vor allem in den Ländern der 3. Welt ist dies ein riesengroßes Problem. Auch die Möglichkeit der Adoption ist dort nicht wirklich eine Alternative, da sie Kinder oft nur in Heime und anschließend in die Hände von Menschenhändlern treibt, die sie dann als Sklaven oder Kindersoldaten verkaufen.

    Der richtige Ansatz wäre hier eine Lösung bestehender sozialer Probleme – aber auch da gibt es große Schwierigkeiten: auch die römisch-katholische Kirche ist existenziell von Geldgebern und dem Wohlwollen einzelner Staaten – und hier vor allem den USA – abhängig. Wenden sich diese ab, weil man ihren Kurs nicht mitträgt, bekommt man große Probleme – und zwar nicht nur finanzieller Art: als JP II den Irakkrieg nicht mittragen wollte und George W. Bush scharf deswegen kritisierte, standen die Evangelikalen Radikalinskis in Südamerika schon lange in den Startlöchern. Die wiederum lassen sich von einem Alten Mann in Rom (wo liegt die Stadt eigentlich? die meisten in den USA wissen das gar nicht) nichts sagen.

    Nein – das Problem der Abtreibungsproblematik liegt an einer ganz anderen Stelle. Wer das Problem der Abtreibung allein bekämpft, bekämpft nur ein Symptom einer sehr viel tiefer liegenden Krankheit. Diese kann und will man nicht bekämpfen, nicht kurieren – zum einen aus den obengenannten Gründen, zum anderen aber auch, weil man selbst krude Ängst in sich hegt. Es gibt genug Leute, die dann die Sorge in sich tragen, ausgerechnet die Kirche würde die „Jakobiner“ oder gar „Lenin“ wiederauferstehen lassen. Nur erschienen diese einst auf der Bildfläche, weil – unter anderem auch die Katholische Kirche – nicht bereit waren, bestehende gravierende soziale und wirtschaftsstrukturelle Probleme zu erkennen und zu lösen, weil man viel zu abhängig von seinen Financiers war.

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