Eitelkeit und Selbstmitleid ii

Der Schweizer Abt Martin Werlen hat momentan das zweifelhafte Vergnügen, als kath.net-Feindbild herzuhalten. Er hatte eine Broschüre verfasst, in dem er unorthodoxe Gedanken zur Rolle von Kardinälen äußerte und sich dagegen aussprach, Frauen für alle Zeiten von (höheren) Ämtern innerhalb der Kirche auszuschließen.

Es folgte ein Shitstorm: Am 13. November fragte kath.net ergebnisoffen, ob Werlen nicht etwa „Wirre Gedanken?“ hege, eine Woche später mutmaßte Petra Lorleberg an gleicher Stelle, er habe „das Ei des Kolumbus“ gefunden. Weil kath.net-Chef Roland Noé bis zum 23. noch keine positive Interviewrückmeldung erhalten hatte, polterte er, Werlen sei ein „Brandstifter“ und „Dialogverweigerer“, der Angst vor „Gegenwind“ habe. Drei Tage später wollte Werlen unverständlicherweise immer noch nicht mit kath.net sprechen, weshalb das Linzer Portal „den Vorgang jetzt transparent“ machte: Ausführlich wurde die Email-Korrespondenz zitiert, Kontaktadressen für wütende LeserInnen genannt und Unverständnis vorgespielt. Außerdem wurden die 11 Fragen genannt, die Werlen zu beantworten hatte. Heute folgte noch ein kilometerlanger Gastkommentar von Michael Gurtner, dem Werlens Ideen nicht so gut gefallen.

Die kath.net-Redaktion glaubt offenbar, die Kooperation mit ihr sei reine Formsache. Als sei es selbstverständlich, mit einem Portal zusammenzuarbeiten, das Artikel eines Neonazis nur wegen dessen Vergangenheit und nicht ob des rassistischen Inhalts im Nachhinein löschte, das im Kommentarbereich regelrechte Hasspredigten im Stil von kreuz.net zulässt und das für seine unseriösen Kampagnen gegen unliebsame Geistliche berühmt-berüchtigt ist. Widerspruch duldet kath.net nicht, aus journalistischen Alltäglichkeiten wie abgesagten Interviews werden Skandale gebastelt.

kath.net benimmt sich wie ein Grundschüler, der den anderen Kindern täglich Hagebutten in den Nacken schmiert und sich dann wundert, wieso niemand zu seiner Geburtstagsparty erscheint. Anders als der Schüler lernt kath.net aber nichts aus der Sache, sondern echauffiert sich öffentlich, präsentiert den privaten Emailaustausch, wirft mit Beleidigungen um sich und liefert Martin Werlen so das beste Argument, zukünftig weder als Interviewpartner noch als Gastautor tätig zu werden.

Dabei dient die Berichterstattung über Martin Werlens Interviewabsage vermutlich auch als Ventil für die angestaute Wut auf alles Liberale, die kath.net in regelmäßigen Abständen loswerden muss. Unglücklicherweise gäbe es dafür bessere Zeitpunkte; denn durch diese völlig unverhältnismäßige Kampagne werden einmal mehr die Prioritäten deutlich. kath.net könnte ausführlich über den Fall kreuz.net berichten und die personellen Überschneidungen – z. B. Hendrick Jolie – selbstkritisch hinterfragen. Stattdessen wird der selbe irrationale, lächerliche Pseudo-‘Journalismus‘ praktiziert. Mikrometer über dem sprachlichen Niveau von kreuz.net beschimpft kath.net Werlen als „Brandstifter“ und „Dialogverweigerer“, stellt ihn bloß und wirft ihn den empörten LeserInnen zum Fraß vor.

Die letzte der elf Fragen, die kath.net an Werlen richtet, könnte man, leicht geändert, auch Roland Noé stellen:
Sie haben sehr viele Fähigkeiten, die Sie ja auch medial einsetzen. Doch hat man das Gefühl, dass Sie Ihre Fähigkeiten in den letzten Jahren vor allem dann verwenden, wenn es darum geht, Ressentiments zu schüren und gegen Liberale, Homosexuelle, Anders- und Ungläubige zu hetzen. Aber warum erklären Sie den Menschen nicht die wunderbare Frohbotschaft der Kirche, aber ohne Wenn und Aber?


3 Antworten auf „Eitelkeit und Selbstmitleid ii“


  1. 1 suennerklaas 30. November 2012 um 19:38 Uhr

    Dank Arkanum aus dem Freigeisterhaus habe ich mir diesen Link zu Gemüte geführt:

    http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/themen/166421/index.html

    …das dürfte das Herumeiern von kath.net erklären: würde man sich konsequent von kreuz.net distanzieren, dürfte es massiven Ärger in Rom geben: keine Interviews, keine Audienzen, keine Insiderinformationen.

    Eigentlich kann man den Gliedern der RKK, die die Position von kreuz.net ablehnen nur eines empfehlen: Austreten. Für’s eigene Seelenheil, vor allem aber auch für’s eigene Gewissen ist das allemal besser.

  2. 2 Dr. Arnd 01. Dezember 2012 um 11:08 Uhr

    Ich denke nicht, dass es eine flächendeckende Billigiung oder Förderung von kreuz.net im Vatikan gibt. Es wird dort wie im deutschsprachigen Raum traditionalistisch eingestellte Katholiken geben, deren Zahl insgesamt eher überschaubar ist. Das Problem von kath.net scheint eher zu sein, dass (fast) sämtliche der Mitarbeit oder Veröffentlichung von Texten Verdächtigte auch auf kath.net veröffentlicht haben. Man kann also gar nicht umfassend über die Angelegenheit berichten, ohne an die eigene Nase zu fassen. Das Problem ist also eher, dass klar wird, dass kath.nets Fassade der Romtreue und der konservativen katholischen Observanz mit den Enthüllungen bröckelt und offen zutage tritt, dass sie von den rechtsextremistischen Traditionalisten kaum zu unterscheiden sind.

  3. 3 suennerklaas 01. Dezember 2012 um 19:53 Uhr

    @Dr.Arndt

    Ich würde Kath.net und seinen Betreiber eher eher als neokonservativ und durch und durch opportunistisch charakterisieren. Sehr bemerkenswert finde ich Epesodenfischs’s Artikel über einen Beitrag von Christof T. Zeller-Zellenberg:

    http://episodenfisch.blogsport.de/2012/09/22/wutbuergerromantik/

    hier der dazugehörige Artikel auf kath.net:

    http://kath.net/detail.php?id=38188

    Bemerkenswert ist Roland Noés – aka „Gandalf“ – Kommentar:

    „Es muss einem klar werden, dass manche Vatikanbehörden in der Vergangenheit immer wieder völlig eigenmächtig gehandelt haben und hier (auch ohne Rücksprache mit dem Hl. Vater oder dem Staatssekret.) alles mögliche veröffentlicht haben. Es spricht dann hier nicht der Vatikan, auch wenn es in manche Medien so verkauft wird, sondern eine Behörde des Vatikans.“

    Aha – wenn aus Rom etwas kommt, was einem nicht passt, dann ist es eben mit der „Romtreue“ nicht weit bestellt. Und damit das nicht all zu viel Ärger gibt, lässt man – natürlich – „vox populi“ im Kommentarbereich toben.

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


acht + = vierzehn