Nicht falsch Zeugnis reden

Die slapstickartige kath.net-Berichterstattung über den Fall kreuz.net ist seit heute um ein Beispiel reicher: Es wird eine Pressemitteilung des Bistums Mainz veröffentlicht, in der ein Gespräch mit dem Pfarrer Hendrick Jolie geschildert wird. Jolie war von den Medien in den letzten Wochen als möglicher kreuz.net-Hintermann genannt worden. Es wurde bekannt, dass er auf dem rechtsradikalen Portal als Kommentator aktiv war, dass dort einige Texte von ihm publiziert worden waren und dass er in diversen Beiträgen lobende Erwähnung fand.

kath.net gibt nun die bistümliche Nachricht bekannt, Jolie habe „in der irrigen Meinung, dem Glauben der Kirche zu dienen, Mittel und Wege der Meinungsäußerung gesucht, die in Widerspruch zum christlichen Glauben“ stünden. Jolies Kontakte seien „auch ohne förmliche Mitwirkung bei anderen Verlautbarungen von kreuz.net, eines Priesters unwürdig“, weshalb er sein „unkluges und unüberlegtes Handeln“ auch bereut habe. Jolie bitte daher „um Entschuldigung und um Vergebung“, was der Mainzer Kardinal Lehmann als „Bereitschaft zur selbstkritischen Umkehr“ gelobt habe. Das Bistum nimmt Jolie abschließend in Schutz; die Öffentlichkeit solle „die Klärungen nach diesem Gespräch […] respektieren“ und den Geistlichen nicht mit den „verunglimpfenden, strafwürdigen und menschenverachtenden Äußerungen von kreuz.net in Verbindung“ bringen, dazu bestehe kein Anlass.

Die Erklärung des Bistums ist trotz alldem bemerkenswert. Beiläufig wird erwähnt, dass Hendrick Jolie „entgegen früheren Darstellungen auch Texte [an kreuz.net] lieferte“. Jolie stand also im Kontakt zur kreuz.net-Redaktion und schickte ihr sogar Artikel. Umso unglaublicher mutet es an, dass er offenbar keine spürbaren Konsequenzen fürchten muss.
Damit setzt sich die Salamitaktik fort: Ende Oktober stellte das Netzwerk katholischer Priester um Jolie klar, dass man sich entschieden von „jeglichen Veröffentlichungen der Internetseite kreuz.net“ distanziere. Es sei doch bekannt, dass kreuz.net „häufig auf bereits an anderer Stelle im Internet publizierte Texte“ zurückgreife und sie „direkt oder paraphrasiert“ wiedergebe. Und noch zwei Wochen später beharrte Jolie darauf, kein „ausgewiesener Autor von kreuz.net“ zu sein.

Seine Emails an die kreuz.net-Redaktion (die in einem Spiegel TV-Beitrag vom vergangenen Sonntag anschaulich visualisiert wurden) erklärte Jolie am 15. November als Versuche, „z.B. die Löschung einiger mit meinem Namen bezeichneten Beiträge auf besagter Plattform“ zu fordern. Die nun zu Tage getretene Diskrepanz zwischen diesen Äußerungen und der Wahrheit dürfte weder Jolies Glaubwürdigkeit noch der seines Priesternetzwerks zuträglich sein.

Jolie ist allerdings nicht das einzige Mitglied des Netzwerks katholischer Priester, das sich aktuell über schlechte Presse freuen darf. Auch sein Kollege Guido Rodheudt wurde vom Spiegel TV-Kamerateam besucht und vom Spiegel als möglicher kreuz.net-Autor genannt; wie Jolie trat auch Rodheudt als Gastkommentator und Interviewpartner auf kath.net in Erscheinung. Von der Süddeutschen Zeitung wurde noch der Wiener Pfarrer Christian Sieberer ins Gespräch gebracht. Sieberer ist österreichischer Kontaktmann des Netzwerks und gilt wie Jolie als vergleichsweise internetaffin. Im letzten Jahr unterhielt er auf kath.net die Kolumne „Ein ganz normaler Pfarrer in einer ganz normalen Pfarre“.

Der heutige Artikel auf kath.net passt indes zu den Beiträgen der letzten Wochen: Agenturmeldungen statt Recherche, Pressemitteilungen statt Selbstkritik. Die eigenen Kapazitäten werden unterdessen dazu genutzt, die immergleichen Beiträge über liberale Gruppen und Personen zusammenzuschustern. Vermutlich möchte man es sich mit der zahlenmäßig bedeutsamen Zielgruppe der kreuz.net- und kath.net-LeserInnen nicht verscherzen. Und wer weiß – wenn Gras über die Sache gewachsen ist, könnte kath.net Jolie ja wieder als Gastkommentator gewinnen, der sich dann über die Hetzjagden der linken Medien ereifern darf.


8 Antworten auf „Nicht falsch Zeugnis reden“


  1. 1 Julius 27. November 2012 um 14:51 Uhr

    …wenn Gras über die Sache gewachsen ist, könnte kath.net Jolie ja als Gastkommentator gewinnen…

    Das ist doch schon lange der Fall

    http://kath.net/detail.php?id=37079

  2. 2 suennerklaas 27. November 2012 um 16:53 Uhr

    Das ist lediglich der Wortlaut der Pressemitteilung. Die Vorgesetzten Jolies sind ihm in der Öffentlichkeit zur Loyalität verpflichtet – auch wenn das in so einem Fall sehr schwer fällt. Aber man sollte auch immer berücksichtigen, dass es in Kirchens immer sehr mau aussieht, was das direkte Ansprechen und ganz besonders das Austragen von Konflikten in zivilisierter Form angeht, schließlich würde man sonst „Die Einheit der Kirche“ gefährden und den „Feinden der Kirche“ Angriffsfläche geben. Derartige Verhaltensweisen gibt es in allen Konfessionen, Konflikte werden gerne von hinten herum und oft ohne Wissen des Betreffenden ausgetragen.

    Allerdings: Dem Wortlaut der Pressemitteilung nach gehe ich einmal davon aus, dass da richtig die Wände gewackelt haben, denn Jolie hat da viele Leute – auch in den oberen Etagen – in schwerste Erklärungsnot gestürzt. Und mit Sicherheit wird Jolie für ihn schmerzhafte Konsequenzen zu spüren bekommen. Bischof Walter Mixa wurde zur Strafe für einige Zeit in ein Frauenkloster gesteckt, wo er nur geduldet wurde, weil’s der Papst so angeordnet hat. Für einen Priester, erst recht für einen Bischof ist soetwas eine richtig schwere Strafe – auch wenn es nach außen nicht nach einer Maßregel aussieht.

  3. 3 Nike 28. November 2012 um 16:07 Uhr

    Da scheint auch nicht alles Gold was glänzt…

    www.wochenblatt.de/nachrichten/regensburg

    unter Kirche (kreuz net)

  4. 4 juma 28. November 2012 um 18:21 Uhr

    und seltsam, die Grafin aus Regensburg war zu Gast in Guido Rodheudts Pfarre „Honi soit qui mal y pense“

  5. 5 diskordianerpapst 28. November 2012 um 18:22 Uhr

    Seltsam, kath.net hat bisher noch nicht über den Rücktritt Jolies
    als NKP-Sprecher berichtet. Oder hab ich was übersehen?

    Wäre doch ein willkommener Anlass über Lehmann herzuziehen und als Beweis der „linksrotgrünen 68er Mainstreammedien- und Meinungsdiktatur“ hinzustellen.
    http://www.priesternetzwerk.net/grossgalerie13_9____13205.html

  6. 6 diskordianerpapst 28. November 2012 um 18:38 Uhr

    Oh, tatsächlich:
    http://www.aachener-nachrichten.de/lokales/nordkreis/gloria-von-thurn-und-taxis-bei-roemischer-messe-zugegen-1.265317
    (Die AN haben gleich mehrere Artikel dazu).

    Da braucht man den +net Artikel Nr. 6542 (sogar mit Photostrecke) gar nicht mehr zu erwähnen ;-)

    Nochmal zu kath.net: Nach der Uhrzeit der eingestellten Artikel zu urteilen hatten sie wohl von 12-16Uhr Krisensitzung :-)

  7. 7 Administrator 28. November 2012 um 22:04 Uhr

    Danke @Nike für den Link!
    Ein spannender Bericht, aber ich würde behaupten, dass sich solche Verbindungen in die meisten Bistümer/Großstädte finden ließen; in diesem Fall gibt es offenbar glücklicherweise Menschen, die die Augen offen halten.
    Ähnliches gilt wohl für die Szene um Rodheudt und Jolie… Da kann es schon mal vorkommen, dass die Fundis unter sich sind. Zumindest in der Öffentlichkeit gibt es ja nur eine begrenzte Anzahl von ihnen. Insofern würde ich ihr Interview zwar nicht bedeutungslos nennen wollen, aber 2007 war kreuz.net eben auch noch nicht (ganz) die Hetzseite von heute.

    @sünnerklaas: Ich habe mir deine Argumentation jetzt mal anderthalb Tage im Kopf herumspuken lassen und sehe die Dinge mittlerweile auch gelassener. Vermutlich hast du Recht, dass die Wände etwas mehr gewackelt haben, als die Pressemitteilung für mich vermuten ließ. Trotzdem halte ich es aus Sicht des Bistums/der DBK für ungeschickt, weil man offenbar den Symbolwert völlig übersehen hat. Jolie ist der erste in den Medien präsentierte kreuz.net-Autor und dazu mit mehrfachen Lügen zum Thema aufgefallen. Da wirkt es für die meisten Spiegel-/Süddeutsche-/welchesüberregionaleblattauchimmer-LeserInnen etwas merkwürdig, dass er offenbar mit einem Rüffel davonkommt. Das dürfte der Glaubwürdigkeit der Kirche nicht zuträglich sein.

  8. 8 an diskordianerpapst 28. November 2012 um 22:55 Uhr

    Das Problem ist das Prinzip der bedingungslosen Gehorsamkeit, die von den Geistlichen in der kath. Kirche abverlangt wird. Bedingungslose Gehorsamkeit von den Untergebenen zu fordern bedeutet umgekehrt, eben auch ihnen gegenüber bedingungslos loyal zu sein: die Untergebenen müssen sich der Loyalität ihrer Vorgesetzten sicher sein. Und da fängt dann das ganze Dilemma an: ist die Angelegenheit es wert, jemanden hinaus zu werfen und dabei in Kauf zu nehmen, dass er einige unter großem Getöse mit nimmt? Oder ist es besser, ihn intern zu maßregeln?
    Jolie hat seinen Sprecherposten inzwischen niedergelegt – oder sagen wir besser, er wurde dazu gezwungen und das wurde dann als Bitte um Niederlegung des Amtes verkauft. Ich wette, dass er in den kommenden Tagen oder Wochen seinen Bischof „um Versetzung“ bittet und der dem – natürlich – nachkommt. Und durch Bischof Mixa wissen wir ja, dass es in der kath. Kirche vielfältige „Beschäftigungsmöglichkeiten“ gibt, die man jemandem zuweisen kann. Nach außen hin mag das zögerlich und milde erscheinen – viel zu milde vielleicht – aber für den Betreffenden kann es eine echte und sehr empfindliche Strafe sein.
    Und einen Protestantenhasser kann man durchaus nach Norddeutschland in die absolute Diaspora schicken, wo er mit seinem evangelischen Amtsbruder nicht nur klar kommen muss, sondern auf ihn auch noch angewiesen ist.

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