Gegen die Politik der Verharmlosungen

Das Motiv der Blindheit auf dem rechten Auge ist eine, gerade in Bezug auf kreuz.net, furchtbar abgenutzte und vielzitierte Phrase. Dennoch lässt sich die kath.net-Berichterstattung zum Thema damit noch immer treffend beschreiben: Mit mehrwöchiger Verspätung veröffentlichte das Linzer Portal zu Beginn des Monats eine Agenturmeldung und die Distanzierung des Wiener Erzbischofs Schönborn, der kreuz.net für „nicht katholisch“ befand. Die LeserInnen durften sich derweil in den Kommentarspalten austoben und über die Initiative Stoppt kreuz.net! meckern, was vor wenigen Tagen einen traurigen Höhepunkt fand: Bei einem Verteidigungsartikel für den in den Medien der Mitarbeit an kreuz.net verdächtigten Geistlichen Hendrick Jolie gibt es unter 78 Leserkommentaren nur eine Handvoll, die ohne Solidaritätserklärung und Lob für Jolie auskommen oder in denen nicht über David Berger und Volker Beck geschimpft wird.

Gestern zitierte kath.net dann einen Beitrag aus der konservativen katholischen Zeitung Die Tagespost, in dem sich Tagespost-Chefredakteur Markus Reder gegen eine von David Berger betriebene „Politik der Verdächtigungen“ ausspricht. Nach einem selbstverständlichen Absatz zur kreuz.net-Problematik wird Reders Argumentation skizziert: Berger wolle „‚die causa kreuz.net‘ zum Vatikan-Skandal umdeuten“, indem er das von Jolie mitgeführte Priesternetzwerk zum „Lieblingsprojekt des Papstes“ erklärt habe. Ebenso falsch sei Bergers Aussage, „dass kreuz.net aus dem tiefsten Inneren der katholischen Kirche komme und die Website „vielleicht keine christliche, aber eine durch und durch katholische Internetseite“ sei“. Die Behauptung sei „ohne jeden Beweis“ ausgesprochen worden, belehrt kath.net die LeserInnen, woraufhin wieder Reder das Wort erteilt wird. Bergers Ausführungen passten zur aufgewirbelten „Politik der Verdächtigung“, die zu einer „Hexenjagd“ führen könne. Reder malt ein Schreckensszenario an die Wand, demzufolge „künftig jeder, der Soutane trägt, Mundkommunion spendet und die lateinische Messe liest, unter kreuz.net-Verdacht“ geraten könne, während die tatsächlichen kreuz.net-Betreiber „im Nebel der Verdächtigungen […] weiter ihr Unwesen treiben können“.

Sowohl Reder als auch kath.net signalisieren also einerseits den Wunsch nach Aufklärung, andererseits ist dem Artikel eine Furcht vor allzu energischer Recherche anzumerken. Durch Reders Warnung vor einer „Hexenjagd“ werden alle traditionalistischen Geistlichen prophylaktisch in Schutz genommen; gleichzeitig verortet er die kreuz.net-Redaktion außerhalb der katholischen Kirche, indem er Bergers These vehement widerspricht, die Seite sei durch und durch katholisch.
Der von kath.net in den Raum geworfene Hinweis, dass Berger „in Köln die Lehrerlaubnis als katholischer Religionslehrer entzogen worden war“ tut in diesem Zusammenhang eigentlich nichts zur Sache, erfüllt aber dennoch eine Funktion: Auf diese Weise wird den LeserInnen die Möglichkeit gegeben, Bergers Engagement als „Rachefeldzug“ zu lesen. Es wird nicht darauf eingegangen, dass kreuz.net jahrelang gegen Berger hetzte, was sogar zu Morddrohungen führte. Stattdessen reduziert kath.net Stoppt kreuz.net! auf Bergers angebliche Feindschaft zur katholischen Kirche.

Vorbild und Abbild

Diese Strategie der Ablenkung schlägt sich auch in der mehr oder minder lose mit kath.net verbundenen Bloggerszene nieder, wo die Vorgehensweise des großen Vorbilds aufgegriffen wird: Auf dem Blog Non Draco Sit Mihi Dux etwa wird gegen „eine Allianz aus Linken, Schwulenorganisationen und Feministinnen“ gepoltert, die „sich in den letzten Jahren die Deutungshoheit über Moral, Lebensstil und Anstand erkämpft“ und sich nun auf den „engagierte[n] Priester“ Hendrick Jolie eingeschossen habe. Die Autorin bekundet, sie habe die Website des Bruno Gmünder Verlags aufgerufen und „mindestens so schnell wieder geschlossen wie ich das mittlerweile bei Kreuznet tue“. So findet eine Täter-Opfer-Umkehrung statt, homosexuelle Literatur wird mit rechtsradikaler Propaganda gleichgesetzt.
Parallel beschwert sich die Autorin über „eine katholische Kirche in Deutschland, die seit Jahrzehnten Papsttreue bestraft und frommen Priestern schon in den Priesterseminaren das Leben schwer“ mache. Angesichts der „in vieler Hinsicht gleichgeschaltet[en]“ katholischen Presse sei es doch nur naheliegend gewesen, sich im Internet auszutauschen – so wird die Verbindung zu einem Portal wie kreuz.net als selbstverständliche Konsequenz der (nicht wörtlich ausgesprochenen) „Diktatur“ der verhassten Liberalen dargestellt. Die problematische Nähe von konservativen und rechtsradikalen Gruppierungen wird also nicht als Gelegenheit zur Reflexion über gemeinsame Schnittpunkte begriffen, sondern zur Abrechnung mit einer nicht mehr ausreichend reaktionären Kirche genutzt.

Ähnlich sieht es auf dem Blog Kathermometer aus. Dort dient die in einschlägigen Kreisen verhasste Claudia Roth als Einstiegsfeindbild für einen Artikel, der sich mit „große[n] Kübel[n] an Schmutz, und Riesen-Eimer[n] voll Häme“ beschäftigt, „die die Qualitätspresse über honorige Priester und Prälaten kippt“. Anders als bei Non Draco Sit Mihi Dux wird die Täter-Opfer-Umkehr nicht durch die vermeintliche Widerwärtigkeit von Homosexualität suggeriert, der Autor hat sich einen anderen Kniff überlegt: Nicht kreuz.net, sondern Stoppt kreuz.net! wird als kriminell dargestellt, da die Gruppe das Fernmeldegeheimnis verletze. Der Besitz der Liste von Mailkontakten der kreuz.net-Redaktion könne mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden – da ist es reine Formsache, dass der Autor stolz bekannt gibt, „die örtliche Staatsanwaltschaft aus dem Schlaf des Gerechten“ geweckt zu haben.

Persönliche Vermutungen statt strafrechtlichen Verfolgungen

kath.net betont zwar die Notwendigkeit, die kreuz.net-Hintermänner ausfindig zu machen, doch offenbar ist man unzufrieden mit der Art und Weise, wie dies aktuell geschieht. Angesichts der homophoben Hasstiraden, die kreuz.net erst in den Mittelpunkt des Medieninteresses brachten, verbietet es sich für kath.net, öffentlich darüber zu lamentieren, dass ein homosexueller Theologe und ein auf homosexuelle Medien spezialisierter Verlag die Verfolgung der kreuz.net-Autoren übernommen haben. Deshalb werden an den Haaren herbeigezogene Kritikpunkte vorgebracht, während kath.net andeutet, am besten solle doch die Kirche selbst ermitteln.

Tatsächlich müssen sich die jeweiligen Bischöfe fragen lassen, wieso sie sich in den letzten Jahren nicht um die vollständige Klärung der „causa kreuz.net“ gekümmert haben. Der Wiener Erzbischof Schönborn wurde gestern mit der Aussage zitiert, er „habe seit langem persönliche Vermutungen über Personen, die dahinter stecken könnten“. Es bleibt sein Geheimnis, wieso er dieses Wissen bisher offensichtlich für sich behalten hat.


1 Antwort auf „Gegen die Politik der Verharmlosungen“


  1. 1 sünnerklaas 22. November 2012 um 19:58 Uhr

    Ich sehe das Problem, dass man bei Kath.net nicht weiß, wie man sich verhalten soll und dass man große Angst davor hat, richtigen Ärger zu bekommen, sollten da irgendwelche entscheidenden Leute in Österreich, Deutschland und vor allem in Rom bei kreuz.net involviert sein. Also wagt man sich nicht aus der Deckung und lässt lieber Sympathisanten der Piusbruderschaft und – das ist jetzt eine Vermutung meinerseits – der noch weiter rechts stehenden Sedisvakantisten sprechen. Jeder, der sich mit der Seite auskennt, weiß doch, dass die Leser-Kommentare handverlesen sind und erst nach einer strengen Zensur durch die Moderation freigeschaltet werden. Nun darf Roland Noe die Moderation auf der ihm gehörenden Seite handhaben, wie er möchte, das ist seine Freiheit und diese Freiheit sei ihm auch zugestanden. Fakt ist aber auch, dass er durch die allgemein zu beobachtende Freischaltungspraxis selber die Verantwortung für das übernimmt, was gepostet wird. Ich glaube, wir sollten einmal Rücksprache mit dem österreichischen Presserat halten, den es ja inzwischen wieder gibt.

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