So unfreundlich sein, wie es das Gesetz gerade noch zulässt

Wie sähe die kath.net-Berichterstattung wohl aus, wäre Hendrick Jolie ein progressiver Geistlicher, der über Jahre in Internetforen der Pfarrerinitiative kommentierte? Was, hätte er sich dort für die kirchliche Gleichberechtigung von Frauen und die gesellschaftliche von Homosexuellen eingesetzt? Wie hätten die Reaktionen von kath.net ausgesehen, falls das Mainzer Bistum dann nicht sofort auf Proteste reagiert hätte?
Es braucht nicht viel Phantasie, um sich die Leserkommentare und redaktionellen Beiträge zum Thema auszudenken. Von „antikatholischer Propaganda“ wäre dann vermutlich die Rede, vom „linksgrünen Meinungsterror“, der auch vor der Kirche nicht halt mache, oder von einer „Diktatur der political correctness“.

Hendrick Jolie hat Glück: Er stand bloß jahrelang mit kreuz.net in Verbindung, kommentierte fleißig, freute sich über die vielen Werbeartikel für sein Priesternetzwerk und hatte offenbar keine Probleme mit den täglich frischen antisemitischen und homophoben Entgleisungen der Seite.

kath.net hat nichts gelernt. Gar nichts.

Heute erschien ein von der kath.net-Redaktion verfasster Beitrag zum Thema Jolie. kath.net zitiert ausgiebig eine Stellungnahme des Bistums Mainz, warnt vor „Vorverurteilungen“ und hebt Jolies Fähigkeiten als „engagierter Seelsorger“ hervor. Er sei, obwohl auf kreuz.net Texte von ihm erschienen, „kein ausgewiesener Autor von kreuz.net“, und seine vielen Beiträge im Kommentarbereich seien doch auch nicht so tragisch: Schließlich würden „Gegner und Befürworter von kreuz.net [dort] seit Jahren wie in einem Forum üblich“ kommentieren. Abschließend nutzt kath.net die Gelegenheit, um Volker Beck zu kritisieren: Sein Brief an die deutsche Bischofskonferenz zeuge „von Unkenntnis der kirchlichen Strukturen“. Natürlich wird im Artikel indes verschwiegen, dass Jolie auch für kath.net schrieb.

In der kath.net-Kommentarspalte kommen dann auch ausschließlich Jolies Fans zu Wort. Er solle „sich bitte nicht unterkriegen“ lassen, meint „DerSuchende“, der hinzufügt: „Wir beten für sie.“ „Hotzenplotz“ wittert eine „Hexenjagd gegen Pfr. Jolie“, „AlbinoL“ bekundet „Nur Mut Herr Pfarrer Jolie! Man kann Ihnen nichts vorwefen“, und „kaiserin“ jubelt: „Hochachtung vor Herrn Pfr. Jolie !“ „Gembloux“ ist sich sogar für einen Jesus-Vergleich nicht zu schade: „Ein Mann Gottes, der sich nicht von den Sündern fernhält und damit Anstoß erregt… Hatten wir doch schon einmal vor 2000 Jahren.“

kath.net demonstriert heute wieder einmal die enorme Sehschwäche auf dem rechten Auge. Beiträge eines Pfarrers auf einem Portal, wo immer wieder der Holocaust geleugnet wird, Homosexuelle als in der „Homo-Hölle“ brennende „Kotstecher“ verunglimpft und Protestanten zu „Protestunten“ getauft werden – alles halb so wild. Denn er hat sich ja viel zu spät und halbherzig entschuldigt, das muss reichen. Vergeben und vergessen. Nicht so schlimm, dass Jolie als vermeintlich seriöser, in der konservativen Szene anerkannter Pfarrer kreuz.net durch seine bloße Präsenz aufwertete. Noch viel weniger schlimm, dass er seine Autorität nicht für Kritik an kreuz.net verschwendete.

Da sich Jolie nun in einer Klarstellung von „rassistischem, anti-jüdischem oder homophobem Gedankengut“ distanziert, bleibt es sein Geheimnis, wieso er sich im Kommentarbereich nie gegen die zur Schau getragene Menschenfeindlichkeit aussprach und kreuz.net stattdessen zur Selbstdarstellung und als Werbeplattform nutzte.

Derweil gilt für kreuz.net, frei nach Max Goldt:

Diese Seite ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen. Jemand, der zu dieser Seite beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem ihrer Redakteure freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muß so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz gerade noch zuläßt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun.

Wenn die kath.net-Redaktion das nicht verstehen kann oder will, ist ihr wohl nicht mehr zu helfen. Um Gerüchte über Verbindungen zu kreuz.net zu dementieren, gibt es jedenfalls souveränere Wege als die Veröffentlichung einer Mitleidsbekundung für involvierte Geistliche. Vielleicht möchte kath.net die LeserInnen aber auch nur etwas desensibilisieren, schließlich wird im kreuts.net-Forum bereits von einem Vatigate gesprochen – weitere Überraschungen sind nicht ausgeschlossen.


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