Peter Pans falsche Freunde

Anlässlich der aktuellen kreuz.net-Affäre schrieb „mysterium fidei“, Administratorin des kath.net-Forums, „manche Nachrichten liegen einfach in der Luft, und dann wird eben darüber berichtet“. Sie bezog sich damit auf Kritik, dass kath.net und kreuz.net häufig die selben Themen aufgreifen und ähnlich bewerten. Als Beispiel gab sie „die Haftstrafe für den Kammerdiener“ des Papstes an, über die auch der Spiegel berichte. Daraus könne man doch auch nicht schließen, dass kath.net mit dem Spiegel zusammenarbeite.

Offenbar ebenfalls in der Luft lag eine Nachricht der Daily Mail. Die britische Zeitung berichtete am vergangenen Mittwoch darüber, dass die EU gegen Geschlechts-Klischees vorgehen wolle und in Zuge dessen allzu rückwärtsgewandte Familien- und Rollenbilder aus dem Unterricht zu entfernen plane. Dazu zitierte man diverse europaskeptische Rechtspopulisten, die vor dem Untergang des Abendlandes warnten und das apokalyptische Grauen in greifbarer Nähe wähnten: Setzte sich die EU durch, würde „Millionen von Jugendlichen das Vergnügen versagt“, Bücher wie ‚Paddington Bear‘, ‚Peter Pan‘ oder ‚The Tiger Who Came to Tea‘ lesen zu dürfen.

Die Story wurde zwei Tage später von der Zeitschrift Jungen Freiheit aufgegriffen, die nach Ansicht diverser PolitikwissenschaftlerInnen eine Schanierfunktion zwischen Rechtskonservatismus und Rechtsextremismus erfüllt. Der JF-Artikel inspirierte die rechtsradikale Seite kreuz.net, wo noch am selben Tag ein Artikel über die „linke Gedankenpolizei“ erschien, die Kinder möglichst früh „versauen“ wolle. Durch den Plan der EU werde „das natürliche Wesen der Geschlechter abgewürgt“, damit „die Kleinen möglichst früh dem Geschlechterwahn verfallen“.

Am nächsten Morgen dann widmete kath.net sich dem Thema. Der Beitrag orientiert sich stark am JF-Artikel, die einzelnen Sätze sind zum Teil nur notdürftig abgeändert oder gleich wörtlich übernommen worden. Völlig spekulativ werden die von erwähnten Rechtspopulisten in den Raum geworfenen Beispiele aufgegriffen und über einen „EU-Kampf“ gegen wahlweise „‚fünf Freunde‘ und ‚Peter Pan‘“ oder „Gender mainstreaming-unkonforme Inhalte“ schwadroniert.

Völlig fassungslos ob der Aussicht, dass die Inhalte des Schulunterrichts im Laufe der Jahrhunderte etwas angepasst werden könnten, trauen die kath.net-LeserInnen unter dem Artikel ihren Augen nicht. „geistlicher rat“ etwa findet, dass „die hure babylon“ als „gestalt der endzeit“ sehr an die EU erinnere, und fragt dann: „wird es hausdurchsuchungen geben, ob nicht irgendwer noch so ein „böses“ buch zu hause hat? werden die autoren aus den annalen der literatur gestrichen werden? wird es wieder „bücherverbrennungen“ geben?
„Marienzweig“ verzweifelt, die EU werde „immer mehr zu einer diktatorischen Institution“, und „I love jesus“ träumt vom nächsten Krieg: „Also werden in Zukunft bei Kathastrophen Alte, Frauen und Kinder auf der Strecke bleiben, weil den Männern der Beschützerinstinkt ausgetrieben wurde. Außerdem werden dann die labilen Weicheier, die man so züchtet nicht mehr imstande sein, Frau, Haus, Kind oder Land zu verteidigen, falls andere Völker, denen die traditionellen Rollenbilder noch präsent sind, ihre Chance zu nutzen.“
Auf der Facebook-Seite von kath.net, auf die zur Diskussion eingeladen wurde, wird es dann noch deutlicher. Ein User stellt fest: „EU und NsDaP sowie Kommunisten zeigen immer mehr das gleiche Profil.“, und ein anderer schreibt: „Ganz ehrlich? EU! Halt’s Maul!“ Der kath.net-Account verspricht gar, man werde ‚Fünf Freunde‘ und ‚Peter Pan‘ in Kürze „besonders empfehlen :).

Dieser Aktionismus ist einerseits symptomatisch für die irrationale Furcht vor der Moderne, andererseits für die vorherrschende Doppelmoral – schließlich kann es für kath.net gar nicht genug Zensur geben, solange bloß missliebige Publikationen wie ‚Harry Potter‘ davon betroffen sind. Vor allem aber ist der Artikel ein weiteres Indiz für die – wenn schon nicht personelle, so doch – inhaltliche Nähe zwischen kath.net und kreuz.net. Die angeblichen Pläne der EU über die Literaturauswahl an Schulen sind kein Thema, das „einfach in der Luft“ liegt und essentiell für eine Seite mit katholischen Nachrichten ist. Dafür veranschaulicht der Fall wieder einmal, wie ähnlich sich die Zielgruppen beider Portale sind.

Ebenfalls fragwürdig ist die Behandlung der Jungen Freiheit, die offenbar nicht nur kreuz.net, sondern auch kath.net als seriösere Quelle als die Daily Mail gilt. Auch hier zeichnet sich eine gewisse Ähnlichkeit ab: Während kath.net Werbebanner an die JF verkauft und zu Beginn des Jahres für die Unbedenklichkeit des rechten Blattes warb, rühmt kreuz.net die Junge Freiheit regelmäßig als „frei“ und „unabhängig“.
Wieso die JF im Zweifelsfall keine gute Quelle ist und nicht beworben werden sollte, habe ich übrigens bereits im Januar hier darzulegen versucht.


2 Antworten auf „Peter Pans falsche Freunde“


  1. 1 diskordianerpapst 12. November 2012 um 14:05 Uhr

    Wie kommen die auf die genannten Kinder- und Jugendbücher? In dem EU-Papier sind gar keine Beispiele genannt.
    Fraglich ist auch ob die genannten Bücher als Unterrichtsmaterialien überhaupt eine Rolle spielen.
    Das nenne ich seriösen Journalismus: Einer zieht sich einen Strohmann aus dem Hintern und alle rechten Medien schreiben ab.
    Wahrscheinlich ist der Artikel deshalb auch nicht namentlich gekennzeichnet. Man könnte ja den Autor darauf festnageln rein spekulative Behauptungen wiederzugeben.

    Ich spekuliere jetzt auch mal:
    Vielleicht hat eine gewisse Jugendbuchautorin innerhalb der Redaktion Angst um ihre Tantiemen. Auch wenn ich mir nicht vorstellen kann dass ihre Werke irgendwo im Unterricht verwendet werden. Die fallen als Ponyhof-Romane mit Titeln wie „Ricci – Ein Reitertraum wird wahr“ und „Zirkusgirl sucht Traumpferd!“ eher in die Kategorie Geschmacksmainstreaming von Mädchen.

    In meiner Schulzeit gabs durchaus noch Schulbücher in denen z.B. rassistische Stereotypen bedient wurden, die sind wohl mittlerweile verschwunden. Und das ist auch gut so. Genauso haben Bücher, die überholte heutzutage unrealistische Rollenklischees propagieren, im Unterricht nichts mehr zu suchen wenn es nicht gerade um die Darstellung historischer Tatsachen und den Wandel der Verhältnisse geht.

    Ich finde übrigens im Geschichtsunterricht wird die Rolle der Kirchen als Zementierer monarchistischer, absolutistischer und diktatorischer Machtverhältnisse nicht genügend behandelt.

  2. 2 sünnerklaas 14. November 2012 um 20:56 Uhr

    „Ich finde übrigens im Geschichtsunterricht wird die Rolle der Kirchen als Zementierer monarchistischer, absolutistischer und diktatorischer Machtverhältnisse nicht genügend behandelt. “

    Nicht ohne Grund hat man auch auf Kath.net, besonders aber auch auf Kreuz.net große Probleme mit Angelo Roncalli. Seine Wahl zum Papst Johannes XXIII. gilt selbst heute noch in Rom als größte Katastrophe in der Kirchengeschichte. Nur war Roncalli erklärter Antifaschist und erbitterter Gegner der Nazis. Man hat es ihm auch nie verziehen, dass er den Erzbischof von Canterbury in einer Form empfing, wie es eines Kardinals würdig war. Man hat es ihm auch nie verziehen, dass er sich direkt an den Kreml gewandt hat.

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