Die Idee ist gut, doch kath.net noch nicht bereit

Einen Monat ist es mittlerweile her, dass die rechtsradikale Seite kreuz.net in die Medien kam und so einem breiten Publikum bekannt wurde. Auf kreuz.net wurde am 2. Oktober der verstorbene Komiker und Moderator Dirk Bach verhöhnt: Er brenne jetzt „in der Homo-Hölle“, woran sein „widernatürliche[s] und entartete[s] Homo-Treiben“ schuld sei. Neben weiteren Beschimpfungen sagte ihm die kreuz.net-Redaktion Drogenkonsum nach und kritisierte ihn, den „gewissenlose[n] Propagandist[en] der Homo-Unzucht“, für sein Engagement für die LGBT-Community.

Focus.de berichtete zwei Tage nach Erscheinen des kreuz.net-Artikels über den Fall, es folgten Spiegel Online, Welt.de, Stern.de, Süddeutsche.de und Tagesspiegel.de. Das kirchennahe Domradio widmete sich vergleichsweise rasch dem Rummel und erklärte, dass die Suche nach den kreuz.net-Betreibern nicht so einfach sei. Und auch die katholische Nachrichten Agentur (KNA) berichtete, daneben wurden unzählige Anti-kreuz.net-Gruppen auf Facebook gegründet, ungläubige Tweets abgeschickt oder schockierte Reaktionen auf Youtube hochgeladen.

Besonders flink reagierte katholisch.de, die offizielle Seite der deutschen Bischofskonferenz. Pressesprecher Matthias Kopp ließ dort am 4. Oktober wissen, dass sich die deutsche Bischofskonferenz ausdrücklich von kreuz.net distanziere: „Der Begriff des Katholischen“ werde von kreuz.net „grob missbraucht“, und: „Die Seite hat mit der katholischen Kirche in Deutschland nichts zu tun.“

Während die wiederholten Entgleisungen von kreuz.net in fast allen relevanten überregionalen deutschen Medien thematisiert und auch von offizieller kirchlicher Seite kritisiert wurden, schwieg ein Portal: kath.net.
Es ist ein fast unüberhörbar lautes Schweigen, das nur ein einziges Mal im eigenen Forum gebrochen wurde, als Administratorin „mysterium fidei“ kreuz.net „unlesbar.net“ nannte und zum SpOn-Artikel verlinkte.

Tatsächlich hat kath.net in der Vergangenheit mehrfach klarzustellen versucht, dass man kreuz.net nicht so nahe stehe, wie oft gemauschelt wird. Im kath.net-Archiv finden sich vereinzelte, fast verschämte Agenturmeldungen zum Thema. Dort heißt es etwa, dass kreuz.net „teilweise antisemitisch“ sei, dass sich ‚Radio Vatikan‘ oder Kardinal Meisner „von [der] rechtsradikale[n] Website“ distanzierten. Außerdem wurde kreuz.net in Gastbeiträgen mehrfach als Musterbeispiel für schlechten Journalismus genannt, mit dem kath.net nicht verwechselt werden möchte: Gegen missverständliche Aussagen von Paul Zulehner und Donaukurier-Autorin Gabriele Ingenthron drohte kath.net juristisch vorzugehen.

Auf dem rechten Auge blind

Auffällig ist bei diesen milden Distanzierungen, dass sie allesamt indirekt formuliert sind. Stets wird von einer Person oder Institution geschrieben, die kreuz.net kritisiert, und auch die Gastkommentare sprechen, das liegt in ihrer Natur, nicht unbedingt (oder zumindest nicht öffentlichkeitswirksam) für die gesamte Redaktion.

Dabei wäre eine vernünftige Distanzierung so einfach: Ein halbwegs glaubwürdig empörter Artikel wenige Tage nach Bekanntwerden des kreuz.net-Beitrags über Dirk Bach und alles wäre gut gewesen. Die zweifelnden Stimmen wären fürs Erste eines Besseren belehrt worden, kath.net hätte zum ersten Mal seit langer Zeit wieder für positive Nachrichten gesorgt. Stattdessen: Schweigen. Und munteres Anschreiben gegen progressivere Gruppierungen wie die Pfarrerinitiative oder die Katholische Landeskirche Chur, der kath.net aktuell gar „antikatholische Agitation“ vorwirft.

Würde kath.net nur einmal die Kapazitäten, die sonst für das Eindreschen auf liberale KatholikInnen draufgehen, auf ein klares Statement gegen kreuz.net und die dort vertretenen Positionen verwenden – viele Probleme würden sich in Luft auflösen. Zugegebenermaßen nicht alle, denn beispielsweise in den kath.net-Kommentaren gepostetete Links auf Holocaustleugnende Seiten würden dadurch freilich nicht einfach so verschwinden. Dennoch würde ein entsprechender redaktioneller Beitrag das Bild von kath.net in der Öffentlichkeit stark verbessern. Wieso also schweigt sich kath.net so verzweifelt aus?

Zunächst einmal dürften sich die Zielgruppen von kath.net und kreuz.net teilweise überschneiden. Dafür sprechen nicht nur Leserkommentare von kreuz.net-Heißsporn „Brandenburgis“, sondern auch die vielen Pro NRW-Fans, die es sich auf kath.net bequem gemacht haben. Mit Markus Beisicht und Regina Wilden veröffentlichten führende Personen der Pro-Bewegung Artikel auf kreuz.net, Islam-/ Muslimhasser sind in der kath.net-Kommentarspalte ohnehin häufig anzutreffen. Nicht zuletzt tut sich ein Großteil der kath.net-KommentatorInnen auch durch homophobe Meinungen hervor, findet dabei aber wie die Redaktion in der Regel zivilere Töne als kreuz.net. Würde sich kath.net allzu vehement gegen kreuz.net positionieren, liefe man Gefahr, dass sich viele der radikalen LeserInnen abwenden könnten.

Andererseits böte eine klare Distanzierung die Möglichkeit, neue Interessierte anzulocken – aus der „Mitte“ der Kirche, oder gar vom linken Flügel, wo man kath.net bis dato argwöhnisch betrachtete. Damit würde möglicherweise der Abgang der Fundis kompensiert werden können, allerdings um einen hohen Preis: Um die neuen LeserInnen halten zu können, müsste sich kath.net inhaltlich entradikalisieren und die alten Feindbilder, die man sich mit kreuz.net teilte, aufgeben.

Für den Fall, dass die kreuz.net-Betreiber ausfindig gemacht werden, wäre kath.net indes gerüstet: Einer Erhöhung des Traffics durch heimatlos gewordene kreuz.net-Fans stünde kein allzu kritischer Artikel im Wege. Ob eine daraus folgende etwaige Radikalisierung aber im Sinne Roland Noés ist, darf allerdings bezweifelt werden.

Der Zug ist abgefahren

Die Gelegenheit, sich von kreuz.net zu distanzieren oder gar bei der Verfolgung der Betreiber mitzuhelfen, dürfte vorerst jedenfalls vorbei sein. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es der auf homosexuelle Literatur spezialisierte Bruno Gmünder Verlag unter Mitwirkung des Theologen David Berger ist, der das unternimmt, was die deutsche Bischofskonferenz schon vor Jahren hätte anstrengen müssen: Mit dem Projekt Stoppt kreuz.net! wird versucht, die kreuz.net-Redaktion ausfindig zu machen, um sie für ihre menschenverachtende Taten vor Gericht bringen zu können.
Als kath.net vor einigen Monaten gegen Paul Zulehner mobil machte, schien man sich über dessen Interviewpartner David Berger beinahe mehr aufzuregen als über Zulehners kreuz.net-Vergleich: Zulehner starte „gemeinsam mit homosexuellem ehemaligen Religionslehrer paranoia-ähnliche Angriffe auf romtreue Katholiken“, hieß es damals, und: „Berger hatte KATH.NET in der Vergangenheit mehrere Kommentare angeboten, die im übrigen nach seinem Homo-Outing längst gelöscht wurden.“

Es ist also eher unwahrscheinlich, dass kath.net David Berger Hilfe bei der Suche nach den kreuz.net-Verantwortlichen anbieten wird. Dabei hat man aber ein großes Vorbild: Auch die deutsche Bischofskonferenz verweigert Stoppt kreuz.net! jede Unterstützung – obwohl sich die Hinweise verdichten, dass sich ein nicht unwesentlicher Teil der kreuz.net-Autoren aus Kreisen der katholischen Kirche rekrutieren könnte.


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