Archiv für November 2012

Eitelkeit und Selbstmitleid ii

Der Schweizer Abt Martin Werlen hat momentan das zweifelhafte Vergnügen, als kath.net-Feindbild herzuhalten. Er hatte eine Broschüre verfasst, in dem er unorthodoxe Gedanken zur Rolle von Kardinälen äußerte und sich dagegen aussprach, Frauen für alle Zeiten von (höheren) Ämtern innerhalb der Kirche auszuschließen.

Es folgte ein Shitstorm: Am 13. November fragte kath.net ergebnisoffen, ob Werlen nicht etwa „Wirre Gedanken?“ hege, eine Woche später mutmaßte Petra Lorleberg an gleicher Stelle, er habe „das Ei des Kolumbus“ gefunden. Weil kath.net-Chef Roland Noé bis zum 23. noch keine positive Interviewrückmeldung erhalten hatte, polterte er, Werlen sei ein „Brandstifter“ und „Dialogverweigerer“, der Angst vor „Gegenwind“ habe. Drei Tage später wollte Werlen unverständlicherweise immer noch nicht mit kath.net sprechen, weshalb das Linzer Portal „den Vorgang jetzt transparent“ machte: Ausführlich wurde die Email-Korrespondenz zitiert, Kontaktadressen für wütende LeserInnen genannt und Unverständnis vorgespielt. Außerdem wurden die 11 Fragen genannt, die Werlen zu beantworten hatte. Heute folgte noch ein kilometerlanger Gastkommentar von Michael Gurtner, dem Werlens Ideen nicht so gut gefallen.

Die kath.net-Redaktion glaubt offenbar, die Kooperation mit ihr sei reine Formsache. Als sei es selbstverständlich, mit einem Portal zusammenzuarbeiten, das Artikel eines Neonazis nur wegen dessen Vergangenheit und nicht ob des rassistischen Inhalts im Nachhinein löschte, das im Kommentarbereich regelrechte Hasspredigten im Stil von kreuz.net zulässt und das für seine unseriösen Kampagnen gegen unliebsame Geistliche berühmt-berüchtigt ist. Widerspruch duldet kath.net nicht, aus journalistischen Alltäglichkeiten wie abgesagten Interviews werden Skandale gebastelt.

kath.net benimmt sich wie ein Grundschüler, der den anderen Kindern täglich Hagebutten in den Nacken schmiert und sich dann wundert, wieso niemand zu seiner Geburtstagsparty erscheint. Anders als der Schüler lernt kath.net aber nichts aus der Sache, sondern echauffiert sich öffentlich, präsentiert den privaten Emailaustausch, wirft mit Beleidigungen um sich und liefert Martin Werlen so das beste Argument, zukünftig weder als Interviewpartner noch als Gastautor tätig zu werden.

Dabei dient die Berichterstattung über Martin Werlens Interviewabsage vermutlich auch als Ventil für die angestaute Wut auf alles Liberale, die kath.net in regelmäßigen Abständen loswerden muss. Unglücklicherweise gäbe es dafür bessere Zeitpunkte; denn durch diese völlig unverhältnismäßige Kampagne werden einmal mehr die Prioritäten deutlich. kath.net könnte ausführlich über den Fall kreuz.net berichten und die personellen Überschneidungen – z. B. Hendrick Jolie – selbstkritisch hinterfragen. Stattdessen wird der selbe irrationale, lächerliche Pseudo-‘Journalismus‘ praktiziert. Mikrometer über dem sprachlichen Niveau von kreuz.net beschimpft kath.net Werlen als „Brandstifter“ und „Dialogverweigerer“, stellt ihn bloß und wirft ihn den empörten LeserInnen zum Fraß vor.

Die letzte der elf Fragen, die kath.net an Werlen richtet, könnte man, leicht geändert, auch Roland Noé stellen:
Sie haben sehr viele Fähigkeiten, die Sie ja auch medial einsetzen. Doch hat man das Gefühl, dass Sie Ihre Fähigkeiten in den letzten Jahren vor allem dann verwenden, wenn es darum geht, Ressentiments zu schüren und gegen Liberale, Homosexuelle, Anders- und Ungläubige zu hetzen. Aber warum erklären Sie den Menschen nicht die wunderbare Frohbotschaft der Kirche, aber ohne Wenn und Aber?

Expertenmeinung zu ‚Stoppt kreuz.net‘

kath.net-Fan „Antonius Bacci“ gibt, stellvertretend für viele weitere kath.net-LeserInnen, einen Überblick auf das rechtskatholische Gefühlsleben: kreuz.net schreibt das Richtige, drückt es nur ungeschickt aus; David Berger ist blöd und auf Rache aus; die Suche nach Unterstützern einer menschenverachtenden Website ist in Wahrheit ein Kampf der „Homolobby“, deren Protagonisten sich genauso unreif verhalten wie rechtsradikale Katholiken, die den Holocaust leugnen und Andersdenkende verunglimpfen:

Zickenkrieg als Realsatire
Einig sollte man sich darin sein, dass der Tonfall und die Art der Präsentation auf Kreuz-net so nicht akzeptabel ist. Die Auseinandersetzung von Herrn Berger mit Kreuz-Net zeigt aber auch etwas anderes, nämlich seinen Hass. Wenn zB. Herr Beck glaubt, sich mit der Forderung, die Akte Jolie nicht zu sclhießen, in kirchliche Angelegenheiten einmischen zu müssen, ist dies schon ein sehr grenzwertiges Verhalten. Irgendwie erinnert mich der Streit der „Homolobby“ mit „Kreuz-net“ auf beiden Seiten an einen Zickenkrieg, der von ein wenig unreifen und narzistischen Persönlichkeiten hüben wie drüben geführt wird. Es nimmt hier wie dort groteske und unfreiwillig komische Züge an. Dass sich die Initiatoren der Kampagne unter Federführung eines einschlägigen Verlages dann wundern, dass die DBK sie nicht unterstützt oder mit ihnen zusammenarbeitet, bzw. so etwas andenken, ist nahezu eine Realsatire. Denn an postpubertären verbalen Schlägereien sollte nicht nur die DBK nicht teilnehmen…

Da kath.net in den letzten Tagen fast ausschließlich derartige Kommentare freischaltete und Artikel veröffentlichte, die – minimal zugespitzter formuliert – auch auf kreuz.net hätten erscheinen können, darf man wohl annehmen, dass „Antonius Bacci“ mit seiner Meinung nicht allzu weit von der Redaktionslinie abweicht.

Nicht falsch Zeugnis reden

Die slapstickartige kath.net-Berichterstattung über den Fall kreuz.net ist seit heute um ein Beispiel reicher: Es wird eine Pressemitteilung des Bistums Mainz veröffentlicht, in der ein Gespräch mit dem Pfarrer Hendrick Jolie geschildert wird. Jolie war von den Medien in den letzten Wochen als möglicher kreuz.net-Hintermann genannt worden. Es wurde bekannt, dass er auf dem rechtsradikalen Portal als Kommentator aktiv war, dass dort einige Texte von ihm publiziert worden waren und dass er in diversen Beiträgen lobende Erwähnung fand.

kath.net gibt nun die bistümliche Nachricht bekannt, Jolie habe „in der irrigen Meinung, dem Glauben der Kirche zu dienen, Mittel und Wege der Meinungsäußerung gesucht, die in Widerspruch zum christlichen Glauben“ stünden. Jolies Kontakte seien „auch ohne förmliche Mitwirkung bei anderen Verlautbarungen von kreuz.net, eines Priesters unwürdig“, weshalb er sein „unkluges und unüberlegtes Handeln“ auch bereut habe. Jolie bitte daher „um Entschuldigung und um Vergebung“, was der Mainzer Kardinal Lehmann als „Bereitschaft zur selbstkritischen Umkehr“ gelobt habe. Das Bistum nimmt Jolie abschließend in Schutz; die Öffentlichkeit solle „die Klärungen nach diesem Gespräch […] respektieren“ und den Geistlichen nicht mit den „verunglimpfenden, strafwürdigen und menschenverachtenden Äußerungen von kreuz.net in Verbindung“ bringen, dazu bestehe kein Anlass.

Die Erklärung des Bistums ist trotz alldem bemerkenswert. Beiläufig wird erwähnt, dass Hendrick Jolie „entgegen früheren Darstellungen auch Texte [an kreuz.net] lieferte“. Jolie stand also im Kontakt zur kreuz.net-Redaktion und schickte ihr sogar Artikel. Umso unglaublicher mutet es an, dass er offenbar keine spürbaren Konsequenzen fürchten muss.
Damit setzt sich die Salamitaktik fort: Ende Oktober stellte das Netzwerk katholischer Priester um Jolie klar, dass man sich entschieden von „jeglichen Veröffentlichungen der Internetseite kreuz.net“ distanziere. Es sei doch bekannt, dass kreuz.net „häufig auf bereits an anderer Stelle im Internet publizierte Texte“ zurückgreife und sie „direkt oder paraphrasiert“ wiedergebe. Und noch zwei Wochen später beharrte Jolie darauf, kein „ausgewiesener Autor von kreuz.net“ zu sein.

Seine Emails an die kreuz.net-Redaktion (die in einem Spiegel TV-Beitrag vom vergangenen Sonntag anschaulich visualisiert wurden) erklärte Jolie am 15. November als Versuche, „z.B. die Löschung einiger mit meinem Namen bezeichneten Beiträge auf besagter Plattform“ zu fordern. Die nun zu Tage getretene Diskrepanz zwischen diesen Äußerungen und der Wahrheit dürfte weder Jolies Glaubwürdigkeit noch der seines Priesternetzwerks zuträglich sein.

Jolie ist allerdings nicht das einzige Mitglied des Netzwerks katholischer Priester, das sich aktuell über schlechte Presse freuen darf. Auch sein Kollege Guido Rodheudt wurde vom Spiegel TV-Kamerateam besucht und vom Spiegel als möglicher kreuz.net-Autor genannt; wie Jolie trat auch Rodheudt als Gastkommentator und Interviewpartner auf kath.net in Erscheinung. Von der Süddeutschen Zeitung wurde noch der Wiener Pfarrer Christian Sieberer ins Gespräch gebracht. Sieberer ist österreichischer Kontaktmann des Netzwerks und gilt wie Jolie als vergleichsweise internetaffin. Im letzten Jahr unterhielt er auf kath.net die Kolumne „Ein ganz normaler Pfarrer in einer ganz normalen Pfarre“.

Der heutige Artikel auf kath.net passt indes zu den Beiträgen der letzten Wochen: Agenturmeldungen statt Recherche, Pressemitteilungen statt Selbstkritik. Die eigenen Kapazitäten werden unterdessen dazu genutzt, die immergleichen Beiträge über liberale Gruppen und Personen zusammenzuschustern. Vermutlich möchte man es sich mit der zahlenmäßig bedeutsamen Zielgruppe der kreuz.net- und kath.net-LeserInnen nicht verscherzen. Und wer weiß – wenn Gras über die Sache gewachsen ist, könnte kath.net Jolie ja wieder als Gastkommentator gewinnen, der sich dann über die Hetzjagden der linken Medien ereifern darf.

Der kurze Gedankengang des Zauberers

Aus der beliebten Reihe Artikel von Roland Noé, in denen inhaltliche Mängel durch aufrührerisches Wutbürger-Vokabular wettgemacht werden sollen‘:

Pro-Abtreibungs-Propaganda der übelsten Sorte […] Wieder einmal missbraucht in Österreich eine Studentenvertretung ihre Position […] linkslinker Ideologie […] umstrittenen Filmvorführung […] In dem angeblichen Dokumentarfilm […] in diesem angeblichen Dokumentarfilm […] das umstrittene Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch im 15. Wiener Gemeindebezirk […] Zwangs-Mitgliedsbeitrag der Studenten

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Gudrun Kugler ist außerordentlich begabt beim Aufdecken perfider Verschwörungen der linksgrünatheistischen Antichrist-Fraktion. Als Initiatorin des Dokumentationsarchivs der Diskriminierung von Christen in Europa will sie Aufklärungsarbeit leisten und „vor einer zunehmenden rechtlichen Diskriminierung von Christen und der vermehrten Intoleranz gegenüber christlichen Positionen in Europa“ warnen. Dabei vermengt sie Gewaltdelikte gegen Christen mit Abtreibungsgesetzgebungen, „Vandalismus gegen christliche Stätten, Friedhöfe und Kirchen“ mit „staatlich festgelegter Sexualmoral“ und „die Berichterstattung über den norwegischen Mörder Andres (sic!) Breivik“ mit „sehr breit ausgelegte[n] Hassredebestimmungen“.

Vor einigen Tagen erteilte kath.net Kugler wieder das Wort: Diesmal durfte sie sich über das österreichische Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur empören, das ein Heft für den Sexualkundeunterricht vorgelegt hatte: „Finanziert durch unsere Steuern: Ideologie auf dem Rücken unserer Kinder.“ In typischer Manier poltert Kugler gegen die in der Broschüre angeblich propagierte „Zerstörung des traditionellen Familienbildes“ und verzweifelt an der „Aufhebung […] von Mann und Frau“: „Das Kalkül […]: Wenn wir das natürliche Geschlechts von Mann und Frau in Frage stellen, dann erscheint Homosexualität und jede andere Form der sexuellen Vorliebe gleichsam als der Normalfall!“

Besonders ärgert sie sich allerdings über das „Schaffen einer neuen Realität für in Österreich verbotene Praktiken“: In der Broschüre würden Leihmutterschaft und „Samendatenbanken“ als normal dargestellt, was nicht nur gefährlich, sondern auch mit dem österreichischem Recht unvereinbar sei. Dazu bemüht Kugler das Österreichische Fortpflanzungsmedizingesetz, das festlegt, dass bei einer „medizinisch unterstützte[n] Fortpflanzung […] nur die Eizellen und der Samen der Ehegatten oder Lebensgefährten verwendet werden“ dürfen.
Das zitiert sie zwar korrekt, lässt aber die nicht ganz unwesentliche Regelung für den Ausnahmefall außen vor, derzufolge auch „der Samen eines Dritten verwendet werden [darf], wenn der des Ehegatten oder Lebensgefährten nicht fortpflanzungsfähig ist.“

Dass die von Kugler angeführten „Samendatenbanken“ in Österreich eher selten anzutreffen sind, liegt übrigens nicht an ihrer vermeintlichen Illegalität: Als „Samendatenbanken“ bezeichnet man landläufig Saatgutbanken – Projekte, bei denen Pflanzensamen an einem geeigneten Ort (z. B. Norwegen) gelagert werden, um sie gewissermaßen als Sicherheitskopien für alle Zeiten erhalten zu können.

Danke an Franz für die Hinweise.