Buchkritikkritik

Vielleicht hat Gabriele Kubys neuestes Buch einfach nicht genug LeserInnen gefunden – außer den „zweitausend Politiker[n] in Deutschland, Österreich, der Schweiz und der Europäischen Union“ sowie „alle[n] Bischöfe[n] und Vertreter[n] der Juden und Muslime in den deutschsprachigen Ländern“, an die Kuby ihre Gutenachtgeschichte fürs Abendland verschickte. Möglicherweise möchte auch nur kath.net noch einmal ein wenig Weihnachtsgeld verdienen; jedenfalls wird „Die globale sexuelle Revolution“ momentan erneut auf kath.net beworben.

Mechthild Löhr, Vorsitzende der „Christdemokraten für das Leben“, hat für kath.net einen Aufsatz über ihr schönstes Ferienerlebnis eine Rezension ihres aktuellen Lieblingsbuches verfasst. Sie bemüht sich, dem Werk in ihrer mit „Über den ‚Umbau‘ der Natur des Menschen“ überschriebenen Buchkritik neue Seiten abzugewinnen, tatsächlich hätte kath.net aber auch einfach noch einmal den Pressetext veröffentlichen können: Wo die Verlagswerbung davon schrieb, Kuby habe „den Mut, die Bedrohung unserer Freiheit durch eine antihumanistische Ideologie beim Namen zu nennen“, lobt Löhr Kubys sprichwörtlichen „beeindruckende[n] Mut“; während die Pressemitteilung frohlockte, es handle sich um ein „faktenreiches Buch“, schließt sich Löhr an: „beeindruckende Fülle der Fakten“.
Und während der Verlag warnte, „Die globale sexuelle Revolution“ „schockiert und zeigt auf, was auf uns zukommt, wenn wir uns nicht wehren“, heißt es bei Mechthild Löhr, dass Kuby Dinge aufdecke, die „viele Leser inhaltlich und innerlich bewegen, ja sogar erschüttern“ dürften.

Neben dem offensichtlichen Mangel an neuen Ideen überzeugt Löhrs Bericht auch durch die betont naive Herangehensweise. In der Tradition von Amazon-Kundenrezensionen mischen sich Platitüden („spannend“, „schonungslos“) mit verzweifelten Stilanalyse-Versuchen („mit sprachlicher Wucht“) und der äußerst unkritischen Übernahme von Kubys Thesen: Bei Gender-Mainstreaming, so schreibt Löhr – oder Kuby, so genau geht das aus dem Artikel nämlich nicht hervor – handle es sich um nichts Geringeres als „ein Zerstörungsprojekt der menschlichen und familiären Fundamente der Gesellschaft“. Außerdem seien „wir“ aktuell „Zeugen und Zeitgenossen einer beispiellosen kulturellen Revolution“, in der „bestens vernetzte, staatlich geförderte Lesben-und Schwulenorganisationen“ gemeinsam mit „ihre[n] zahllosen Kooperationspartner[n]“ und „unter Federführung radikaler Feministinnen“ eine „hypersexualisierte, promiskuitive, kinder-und familienfeindliche Gesellschaft“ anstrebten – duch „Umerziehung“, versteht sich.

Der Pressetext versprach in sarrazineskem Tonfall, das Buch enthalte Fakten über all das, „was man heute nicht mehr sagen darf“, und verriet damit, dass es sich bei „Die globale sexuelle Revolution“ um ein plumpes Best of der gängigen Verschwörungstheorien handelt. Die Lektüre hat einzig den Zweck, die vorhandenen Ressentiments der LeserInnen zu festigen; vermutlich ist es für den Erfolg des Buches sogar essenziell, dass die strikt antiintellektuellen Erklärungen ein „Hab ich mirs doch gedacht!“-Gefühl wecken.

Insofern ist es auch nicht erstaunlich, dass die rechtsradikale Seite kreuz.net – wir schreiben mittlerweile übrigens Tag 29 der Berichterstattung der gesamten deutschsprachigen Presse der gesamten deutschsprachigen Presse außer kath.net – Kubys Buch eine lobende Erwähnung in den „Kreuzmeldungen“ schenkte. Sie greife „viele heiße Eisen auf“ heißt es dort, sie zeige, „wie die UNO und die EU Drahtzieher der sexuellen Dekadenz sind“, warne „vor der Geschlechter-Gleichschaltung, vor der politischen Vergewaltigung der Sprache und der Seuche der Pornographie“ und entlarve schließlich „die Kotstecher-Bewegung und deren Hang zum Totalitarismus“.

Man kann sich seine Freunde eben nicht aussuchen.


9 Antworten auf „Buchkritikkritik“


  1. 1 diskordianerpapst 31. Oktober 2012 um 12:50 Uhr

    Ich habe den Eindruck diese Verschwörungstheorien dienen dazu die Illusion aufrecht zu erhalten man könne die andauernden gesellschaftlichen Veränderungen der letzten 50-100 Jahre stoppen oder gar rückgängig machen.
    Dahinter steckt wohl die Idee man brauche nur einen kleinen Kreis von Protagonisten erfolgreich zu bekämpfen und zu stoppen und schon würden alle wieder nach Kubys oder Katholibans Vorstellungen leben.
    Nehmen wir einmal an diese gesellschaftlichen Veränderungen wären tatsächlich aufgrund einer Verschwörung „von Oben“ ausgelöst worden. Selbst dann fällt auf das die übergrosse Mehrheit offensichtlich gar kein Problem damit hat, ja sogar diese angebliche „Umerziehung“ befürwortet.

    Aber natürlich kamen diese Veränderungen nicht von oben, Vordenker gab es seit Jahrhunderten und in den 60ern war die Zeit reif das eine kritische Masse von Menschen einfach angefangen hat frei von vielen bis dahin geltenden, oft verlogenen, Normen zu leben. Offensichtlich hat das Schule gemacht: Wer würde es heute noch für sinnvoll und rechtens halten das eine verheiratete Frau die Erlaubnis ihres Ehemannes braucht um z.B. eine Stelle anzutreten.

    Aber, so oder so, die Kubys dieser Welt haben wirklich schlechte Karten wenn sie das alles wieder Rückgängig machen wollen.
    Man bräuchte schon eine Art Umerziehung nahezu der gesamten Gesellschaft, also genau das was Kuby und Konsorten irgendeinem herbeifantasiertem Illuminatenkreis unterstellt.

    Rätselhaft bleibt warum die Kubys dieser Welt nicht einfach so leben wie sie sich das vorstellen und die Anderen einfach so leben lassen wie die sich das vorstellen. Ich meine, wer hindert sie daran sich einen Mann zu suchen der ihr das Bücherschreiben verbietet ;-)
    Da könnte sie mal „Gehorsam“ vormachen, wäre auch ein „wunderbares Zeugnis“.

    Aber soll sie halt weiter die Möglichkeiten und Freiheiten einer modernen westlichen Gesellschaft nutzen um dagegen anzuschreiben. Sie hat ja schon verloren. Nicht unbedingt weil sie von falschen Voraussetzungen ausgeht, sondern weil sie sich gegen die Vernunft und gegen die Gerechtigkeit richtet.

  2. 2 Nike 31. Oktober 2012 um 18:59 Uhr

    Natürlich weiß Frau Kuby, dass es gerade die von ihr verunglimpften radikalen Feministinnen und Lesben waren, die für die rechtliche Gleichstellung der Frau gekämpft haben und ihr.u.a. die Plattform geben, auf der sie heute ein selbstbestimmtes Leben führen kann, Scheidung inclusive. Und es ist das alte Spiel, Frauen gegeneinander auszuspielen wobei das auch längst die Männer durchschauen und abwinken.Soll sie sich doch einmal ungeschönt mit der Geschichte der Frau im Katholizismus konfrontieren und sich mit dieser frommen Sprache der alltäglichen Frauenzüchtigung befassen wie das das ganz normale Leben sehr vieler war!

  3. 3 Administrator 31. Oktober 2012 um 23:46 Uhr

    Ich glaube, einige der AutorInnen solcher Bücher werden wissen, wie aussichtslos ihre Anstrengungen sind. Aber es scheint ja einen großen Markt für derlei Unsinn zu geben, wieso also sollten sie aufhören, die immergleichen Verschwörungstheorien in dicke Schmöker zu packen?

  4. 4 diskordianerpapst 01. November 2012 um 15:24 Uhr

    Von Noé hab ich auch mal gedacht er würde kath.net und den Kram drumherum hauptsächlich aus pekuniären Motiven betreiben. Mittlerweile ist mir aber klar das da auch eine grosse Überzeugung hintersteckt.
    Nach Kubys Lebenslauf und sonstigen Aktivitäten zu urteilen scheint es bei ihr ähnlich zu sein. Wirtschaftlicher Erfolg wird gerne mitgenommen, ist wohl auch Teil der Motivation. Vielleicht wird daher auch mal wilder auf die Kacke gehauen.
    Um sich mit einem Stunt wie dem Harry Potter Dissen in gleich zwei Büchern lächerlich zu machen, muss man schon ziemlich überzeugt und/oder schmerzbefreit sein. Als Paris Hilton der RKK würde ich sie aber deswegen noch nicht einstufen.

    Immerhin hat sie es geschafft Ratzinger (noch als Kardinal) als Mitstreiter zu gewinnen:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Gabriele_Kuby#Harry_Potter

  5. 5 Administrator 01. November 2012 um 15:43 Uhr

    Ja, bei Kuby sehe ich das ähnlich. Ich meine z. B. Sarrazin, der sich (glücklicherweise) jeder politischen Vereinnahmung durch gleichgesinnte Rechte verweigert, oder Ulfkotte, der sich ja auch aus seiner selbstgegründeten Partei zurückgezogen hat.

  6. 6 diskordianerpapst 01. November 2012 um 18:10 Uhr

    OT, aber bei Sarrazin seh ich rot ;-)
    Sarrazin halte ich geradezu für den Prototypen eines Schreibtischtäters. Im Unterschied zu vielen Beamten die grösstenteils unbeobachtet Wirken hat er sich halt geoutet. Er hält sich der Bildungselite zugehörig und kombiniert sich doch nur pseudowissenschaftlichen Bullshit zusammen. Das wurde spätestens klar mit seiner zynisch-dreisten Aussage (Sinngemäss): „Solange mir keiner das Gegenteil beweist sind meine Thesen richtig“
    Ob er es will oder nicht, seine Thesen sind von der Rechten vereinnahmt worden und viel schlimer: Haben dazu beigetragen den Rassismus wieder ein wenig salonfähiger zu machen.
    Schreibstubenfähig war der schon vorher, genau so wie auch die Selbstüberschätzung was eigene Kenntnisse und Fähigkeiten angeht.
    Hat auch mit Beamtenrecht zu tun, wegen Äusserungen wird keiner versetzt, wer geht schon gegen einen Vorgesetzten vor wenn sicher ist das man den noch einige Jahre als Chef hat und er einem die Karriere versauen kann. Da hilft dann nur wegloben was auch schonmal dazu führt, dass Leute mit beschränkten Fähigkeiten recht schnell weit oben landen und dann glauben sie seien ein Verwaltungs-Superheld.
    Ich hab das mal ein paar Jahre in einer Bundesbehörde von innen miterleben „dürfen“. Sarrazin war Jahrzehnte im ÖD, für mich ist sonnenklar woher zumindest seine dreiste Selbstüberschätzung kommt. Eine Neigung zum Rassismus war aber möglicherweise schon vorher da:
    http://kritische-massen.over-blog.de/article-herr-dr-thilo-sarrazin-und-die-neger-90707723.html

  7. 7 Administrator 01. November 2012 um 22:36 Uhr

    Klar, er mag von seinem Quatsch überzeugt sein, aber er mischt sich ja nur auf der Massenmedienebene (und dann auch nur, um seine Werke zu promoten) ins Geschehen ein. Den rechten Parteien hat er untersagt, seinen Namen zu nutzen, und mit der JF hat er ja z. B. meines Wissens auch nicht (mehr als andere) kooperiert. Will sagen: Natürlich macht er mit seinen Büchern rechtes Gedankengut noch salonfähiger als es ohnehin schon ist. Aber er unternimmt immerhin ansonsten nichts, um die Situation zu ändern.

    Btw (bin heute zufällig wieder drüber gestolpert): „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen! Von Carl Schmitt zu Thilo Sarrazin. Über den publizistischen Kampf gegen sogenannte Gutmenschen und die bösen Achtundsechziger.“ http://jungle-world.com/artikel/2011/12/42887.html

  8. 8 diskordianerpapst 02. November 2012 um 22:45 Uhr

    Danke für den Link, hätte nicht gedacht das Gutmenschenbashing so eine weit zurückreichende Geschichte hat. Auch die Märtyrer der Meinungsfreiheit greifen tiefer in die konservative Mottenkiste als ich ahnte. Man könnte meinen da stecken genetische Unterschiede dahinter ;-)

  1. 1 Was 1000 Kreuze mit Werne zu tun haben « Antifaschistische Aktion Werne Pingback am 11. April 2014 um 3:46 Uhr

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