Vergangenheitsbewältigung

Vor genau einem Jahr, am 6. Oktober 2011, gab der ORF bekannt, dass sich der deutsche (ehemalige?) Neonazi Marcus B. auf kath.net eingeschlichen und mehrere Gastbeiträge geschrieben hatte. Marcus B. teilte auf kath.net gegen Migranten und „menschenverachtende Multikulti-Ideologen“ aus und beschimpfte „Masseneinwanderung“ sowie die „Propagandaabteilungen der Meinungsindustrie“. Er erklärte, dass der „kulturelle Hintergrund“ Einfluss auf „die individuelle Tüchtigkeit“ habe und träumte von einer Volksgemeinschaft: „Menschen sind verschieden und suchen die Gemeinschaft mit Ihresgleichen. Kein Supernanny-Staat und keine UNO-Behörde wird sie dazu zwingen können, sich ineinander aufzulösen. Bisweilen erhalten Grenzen auch die Freundschaft.“

kath.net reagierte auf die Vorwürfe des ORF so unsouverän wie nur irgend möglich. In einem trotzig formulierten Artikel namens „kath.net und ein lokales Medientheater“ wies man jede Schuld von sich und erklärte, nach Rücksprache mit Marcus B. habe man die Beiträge „vorläufig bis zur weiteren Prüfung der Sachlage“ deaktiviert, da man „grundsätzlich keine Kommentare aus dem rechtsradikalen Bereich“ publiziere.
Um das Debakel komplett zu machen, führte Roland Noé dem ORF gegenüber zu seiner Verteidigung an, dass man an den fraglichen Texten „nichts Bedenkliches“ gefunden habe.

Für kath.net endete diese Angelegenheit doppelt ärgerlich: Liberalere Leser_innen wurden durch den Vorfall abgeschreckt, die rechtsradikalen Fundis reagierten entsetzt. kreuz.net deutete Noés Entschuldigung als „Winseln“ und unkte, das „feige Portal“ sei „erwartungsgemäß“ und „wie auf Kommando in Sack und Asche“ versunken. Auf PI schrieb Krawallmacher „kewil“, kath.net habe Marcus B. „auf Befehl von ORF“ gefeuert, weshalb die Seite nun „bei den Roten Socken“ angelangt sei. „kewil“ sorgte auch für den ersten echten Shitstorm in der Geschichte dieses Blogs, indem er mich als „Marburger Antifant“ beschimpfte und verlinkte. Die zahlreichen verbalen Entgleisungen selbsternannter Vaterlandsbeschützer sind hier nachzulesen.

Dass kath.net die fünf Gastkommentare des rechten Autors in den vergangenen 365 Tagen nicht mehr freischaltete und den Vorfall nie wieder erwähnen sollte, spricht für sich. Vorübergehend schien man aus der Angelegenheit sogar gelernt zu haben und verweigerte im Februar 2012 einem den Piusbrüdern nahestehenden Journalisten öffentlichkeitswirksam die Möglichkeit eines Gastbeitrags: Er hatte sich, das ergab eine intensive Google-Recherche der kath.net-Redaktion, nicht ausdrücklich genug vom Holocaust-Leugner Richard Williamson distanziert.

Berührungsängste zur extremen Rechten bestehen auf kath.net aber nach wie vor nur punktuell: Im Kommentarbereich wird die vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestufte Kleinstpartei Pro NRW bejubelt, nach Bekanntwerden der NSU-Mordserie wurde in einem Gastbeitrag der verstärkte Kampf gegen Links statt Rechts angemahnt, auf der von kath.net betriebenen „Wissenssammlung“ Kathpedia werden Nazis und andere Antisemiten zustimmend und ohne kritische Einordnung zitiert. Und während der Wunsch eines Lesers, Homo-, Trans- und Asexuelle in ein KZ zu verfrachten, immerhin nach einigen Stunden gelöscht wurde, ist der Mordaufruf eines Lesers aus dem Frühjahr 2011 noch immer auf kath.net einsehbar.

Der Fall Marcus B. wäre für kath.net eine wirklich gute Gelegenheit gewesen, sich endgültig vom rechten Rand zu distanzieren und zu lösen. Die Chance wurde grandios vertan.


1 Antwort auf „Vergangenheitsbewältigung“


  1. 1 Nike 08. Oktober 2012 um 19:00 Uhr

    Dieser Beitrag spricht wirklich für sich.!

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