Archiv für September 2012

Wutbürgerromantik

Die Finanzkrise hat den Vatikan erreicht: Der Päpstliche Rat für Gerechtigkeit und Frieden hat ein Papier veröffentlicht, das die Bildung einer globalen Regulierungsbehörde anregt.

Das gefällt Christof T. Zeller-Zellenberg, Autor im über die österreichischen Grenzen hinaus bekannten Wirtschaftsressort von kath.net, überhaupt nicht. In einem Kommentar berichtet er von der Konferenz des Bundes katholischer Unternehmer, wo der vatikanische Entwurf verrissen worden sei: Zwar hätten sich „einige wenige Referenten“ für das vorliegende Dokument ausgesprochen, der Großteil „der über 32 teils sehr hochkarätigen“ Redner habe hingegen deutlich gemacht, dass der Vatikan „einmal mehr das Thema verfehlt“ hätte.

Warum „unter all den positiven Ideen“ ausgerechnet „die einzig unbrauchbare“ der globalen Finanzregulierungsbehörde ausgewählt wurde, bleibt für Zeller-Zellenberg „unverständlich“. Andererseits sei der Päpstliche Rat für Gerechtigkeit und Frieden bereits in der Vergangenheit durch Themen aufgefallen, „die der katholischen Soziallehre, die sie eigentlich vertreten sollte, keinen guten Dienst“ getan hätten.

Wie katholische Soziallehre wirklich geht, weiß Zeller-Zellenberg zum Glück genau, und so doziert er über die tatsächlichen Ursachen der Krise: „Unser unkontrollierbar wucherndes Geldsystem, ohne jegliche Rückbindung an reale Werte“ stecke ebenso hinter der Finanzkrise wie „eine ausufernde Staatsverschuldung durch“, klar, „unser Anspruchsdenken“ und selbstverständlich „den damit verbundenen überbordenden Sozialstaat“. Statt „neuer Steuerideen“ müssten die „immer größere[n] staatliche[n] Eingriffe in den Markt“ gestoppt werden, so dass es zu einem Ende der „Einschränkung der Freiheit des Einzelnen“ kommen könne.

Zeller-Zellenberg muss es wissen, denn:

Der Autor dieser Zeilen erntete bei einer diesbezüglichen Wortmeldung Applaus von vielen der Anwesenden.

Hartnäckig hält sich übrigens das Gerücht, der Autor dieser auf kath.net erschienenen Zeilen habe nach der Konferenz eilig mehrere Dutzend Leserbriefe verfasst, die alle mit „Armes Deutschland!“ endeten.

Der Ton macht die Musik ii

Im Oktober 2011, zu Beginn der langsam anrollenden Kampagne gegen Weltbild, schrieb Gabriele Kuby einen Kommentar für kath.net, in dem sie die deutschen Bischöfe zu einer Reaktion aufrief. Sie sollten „das Gesetz des Handelns wieder in die Hand“ nehmen und gegen die vorgeblich pornografischen Bücher, die Weltbild verkaufte, vorgehen. Sie vermutete eine „Verstrickung der Bischöfe ins Pornogeschäft“ und zählte auf: „2500 pornografische Titel, dazu Satanismus, Magie, Esoterik, kirchenfeindliche, atheistische Propaganda und jede Art von Schund, mit dem man Kasse machen kann“.

In dem mit „Umkehr statt Heuchelei“ überschriebenen Artikel findet sich auch die Wendung „Eiterbeulen am Leib der Kirche“. Damit meinte sie „nicht nur“ die „Weltbild-Affäre“, sondern – u. a. – auch „die hedonistische Sexualisierung der Kinder und Jugendlichen“ in katholischen Verbänden und den Religionsunterricht, der „zum Ort der Glaubenszerstörung“ geworden sei.

Diese Wendung einer Eiterbeule, die sich am Körper einer beliebigen Institution befinde und deren Betrieb behindere, ist nicht besonders höflich und glücklicherweise auch nicht sehr weit verbreitet. Zwei Beispiele, die das kritikfreie Benutzen dieser Floskel überdies erheblich verhindern wenn nicht verbieten, finden sich in nicht allzu grauer Vorzeit:
Die deutsche Schriftstellerin Kuni Tremmel-Eggert, die ab 1933 im NSDAP-eigenen Eher-Verlag veröffentlichte, 1945 zum Schreibverbot verurteilt und posthum, 2007, Namensgeberin einer Straße in ihrer Heimatsstadt wurde, schrieb 1938 in „Freund Sansibar“: „Das Judentum ist eine Eiterbeule im Volkskörper, aus der quillt alles Unglück, alles Elend, aller Jammer, Not und Krieg.“
Tremmel-Eggerts großes Vorbild Adolf Hitler hätte dem Satz wohl ohne zu zögern zugestimmt, von ihm ist aber eine andere Variante überliefert: Er bezeichnete die Schweiz als „Eiterbeule an Europa“.

Auf diesen Umstand wiesen vor einigen Tagen die kath.net-Forist_innen „Ut unum sint“ und „Melanchthon“ hin. In den allein schon wegen der rigiden Moderation lesenswerten Threads „Meinungsvielfalt und Diskussionskultur im Forum“ und „Katechese: Ein selbstgemachter Glaube ist wertlos“ (vgl. auch hier) hatte sich die etwas liberalere Seite mit den Fundamentalisten verkracht und in einer grundsätzlichen Diskussion war auch die Nähe von kath.net und Gabriele Kuby thematisiert worden.

Dem Hinweis auf die Problematik der Eiterbeulensymbolik setzte Moderatorin „mysterium fidei“ entgegen, für sie „als Familienmutter“ sei Eiter „etwas relativ Alltägliches“. Wieso das „Gewaltsprache“ darstellen solle, bleibt ihr unklar, schließlich handle es sich bei „Eiterbeulen am Leib der Kirche“ doch „nur [um] eine Bildsprache, welche von Krankheiten ausgeht.“ Die Antwort von Userin „Petra“, die der etwas begriffsstutzigen Moderatorin eine anschauliche Erklärung liefert und mit „Klingelt’s endlich?“ schließt, nutzt „mysterium fidei“ dann dazu, vom eigentlichen Thema abzuschweifen und ein freundlicheres Miteinander einzufordern.

Auch den Einwurf von „Melanchthon“, dass die Eiterbeulenmetapher auch ohne Kenntnis über die Nutzung im 3. Reich menschenverachtend sei und dass sich auch kath.net über eine entsprechende Betitelung zurecht empören würde, kontert „mysterium fidei“ ausweichend: „Ich hab über „unsere“ Richtung schon derart Schlimmes gehört, dass ich froh wäre, wenn es bei „Eiterbeulen“ bleiben würde.“
Und weil „Petra“ nicht auf den Wunsch nach einer angenehmeren Atmosphäre antwortete, sondern sich dem eigentlichen Thema widmete, greift „mysterium fidei“ schließlich hart durch: Sie fordert „Petra“ auf, sich zu entschuldigen und weist die Allgemeinheit an, nicht mehr über Gabriele Kuby zu diskutieren.

Da das aber nicht funktioniert und weil „Melanchthon“ provokante Vorschläge wie „entartete Theologie“ oder eine vom Papst ausgehende „Endlösung“ vorschlägt, muss sich „mysterium fidei“ dem eigentlichen Thema dann doch noch stellen. Sie erklärt:

Also das Wort „Eiterbeule“ als Nazivokabular zu bezeichnen, das ist schon etwas gekünstelt. Obwohl es wahrscheinlich auch mal Nazis gab, die es benutzt haben. Wie sie auch das Wort „Autobahnen“ benutzt haben und, oh Schreck, Autobahnen sogar gefördert haben.

Lieber Doppelmoral als gar keine iii

kath.net beschwert sich heute, dass das neue Buch über die Vatileaks-Affäre nicht bei Weltbild verkauft würde: Immerhin wird das Linzer Portal dort, wie es vor einigen Tagen atemlos selbst bekannt gab, doch erwähnt! Eine Weltbild-Sprecherin begründete den Verkaufsstopp damit, dass sich das Buch Seine Heiligkeit gegen die eigenen Gesellschafter wende und einen Vertrauensbruch darstelle.
Im Umkehrschluss hält kath.net es für einen Skandal, dass der „Sadomaso-Bestseller“ Shades of Grey, den man für pornografisch hält, „hingegen weiter im Angebot“ von Weltbild.de stehe. Zum Beweis wird ein Screenshot angefügt, der das vermeintliche Vergehen des Versandhauses für die Nachwelt festhalten soll.

Dass der „kathshop“, mit dem kath.net laut Impressum kooperiert und dessen Werbebanner die Seite des Portals zieren, fragwürdige Bücher verkauft, ist kath.net hingegen offenbar egal: Der Salzburger Weihbischof Andreas Laun hatte im Juli eine „Warnung vor der ‚Warnung‘“ veröffentlicht. In dem Artikel rief er zur Vorsicht auf gegenüber den angeblich göttlichen Botschaften einer anonymen Frau: Sie sei „nicht vom Himmel beglaubigt“ und publiziere in ihren Warnungen Dinge, die nicht im Einklang mit „der Lehre der Kirche“ stünden.

Die Bücher der „Die Warnung“-Reihe werden auf kathshop.at weiterhin vertrieben und mit unkritischen Pressetexten beworben. Weltbild übrigens hat sie hingegen nicht im Angebot.

In der Not trägt der Teufel Geldscheine

kath.net-Chef Roland Noé hat heute einen Kommentar über den jüngsten Beschluss der deutschen Bischofskonferenz verfasst, an dem er scharfe Kritik übt. In dem mit dem Papst abgestimmten Dekret der Bischöfe heißt es, dass all jene, die – etwa, um keine Kirchensteuer mehr zahlen zu müssen – aus der Kirche austreten, auch nicht mehr wie Katholik_innen behandelt werden sollen. So darf ihnen etwa ein kirchliches Begräbnis verweigert werden; und sofern sie nicht, noch unter den Lebenden weilend, wieder in die Kirche eintreten, haben sie auch kein Anrecht auf den Empfang der Kommunion. Wörtlich heißt es, der Austritt verstoße „gegen die Pflicht, die Gemeinschaft mit der Kirche zu wahren“, und darüber hinaus auch „gegen die Pflicht, seinen finanziellen Beitrag dazu zu leisten, dass die Kirche ihre Aufgaben erfüllen kann“.

In seinem auf kath.net veröffentlichten Beitrag wendet Noé ein, das Schreiben sei ein „fatales Signal“: Heute stehe nicht mehr „die Sünde“ im Mittelpunkt der Frage, ob eine Person „die heilige Eucharistie empfangen darf oder nicht“, sondern „das Geld“. Die Argumentation gleicht in diesem Punkt der von kreuz.net, wo der Missmut allerdings noch etwas deutlicher formuliert wird: „Bei den Deutschen Christen geht alles: Ehebruch, Homo-Unzucht, Häresie, Blasphemie und Sakrileg. Doch wehe den jährlich weit über 100.000 Menschen, die ihre Kirchensteuer nicht mehr bezahlen. Sie werden gnadenlos ausgestoßen.“

Der Kommentar von Roland Noé wäre indes nicht weiter auffällig, schließlich irritiert die Kopplung von Seelenheil und Mitgliedsbeitrag tatsächlich. Problematisch wird der Artikel jedoch durch das Begleitbild: Dort ist ein Teufel abgebildet, der mit einem Geldschein im Arm fröhlich durch die Gegend schlendert.

Auf einem Portal wie kath.net, wo die Existenz Satans als Fakt gilt, kann man das Bild auch dahingehend deuten, dass die deutschen Bischöfe mit dem Teufel im Bunde sein sollen. Das wäre umso erstaunlicher, als dass der Beschluss, wie kath.net am Mittag bereits zähneknirschend einräumen musste, vom Vatikan abgesegnet wurde.

Eine derart harsche und irrationale Kritik würde kath.net, käme sie von liberaler Seite, wohl als „antikatholische Propaganda“ abtun.

Der Ton macht die Musik

kath.net berichtete gestern vom „Marsch für’s Läbe“, einer auch von kreuz.net gelobten Demonstration der selbsternannten Lebensschützer, die am vergangenen Wochenende in Zürich stattfand. Neben allerlei Sätzen über einzelne Redebeiträge wird auch auf Proteste eingegangen, die den „Pro-Life-Marsch“ begleiteten. Dabei ist die Rede von „Linkschaoten“, die „erneut“ versucht hätten, „die Veranstaltung zu stören“.

Dieser Begriff der „Linkschaoten“ wirkt im ersten Moment zwar abwertend, aber harmlos. Eine Google-Suche klärt dann aber über die Haupt-Benutzer dieser Vokabel auf: Einen recht aktuellen Artikel des ausländerfeindlichen Blogs PI-News führt Google als Toptreffer. Direkt darunter liegt das Forum „reconquista-europa“, das einer ähnlichen Szene zuzurechnen ist, es folgt die „AG Rheinland“, ein Zusammenschluss rechtsextremer „nationaler Sozialisten“. Weiter geht es u. a. mit der NPD Sachsen, der NPD NRW, der NPD Stade und der Gruppe „NS Rostock“. Auch ein Youtubevideo über einen „Islamisierungskongress“ wirbt mit der Floskel, ebenso der „Nationale Aktions-Planer“, der im Januar 2012 dazu aufrief, sowohl „Linkschaoten“ als auch „den deutschen Volkstod“ zu stoppen.

Wahrschein-/ hoffentlich haben die zuständigen kath.net-Redakteure das Wort von der einzigen halbwegs seriösen Quelle, dem deutsch-israelischen Onlinemagazin haolam.de, wo der Begriff 2011 einmal verwendet wurde.

Trotzdem ist die Verwendung eines allem Anschein nach rechtsradikalen Kampfbegriffs mindestens unreflektiert und dämlich. Andererseits bietet das verbale Eindreschen auf den gemeinsamen Gegner auch die bekannten Anknüpfungspunkte für jene Leser, die sich jenseits einer imaginären bürgerlichen Mitte wähnen und die ihren Hass im aktuell sonst recht unspektakulären kath.net-Alltag nicht befriedigen können.