Eine einfache Rechnung

Es gibt gute Ideen und eher schlechte. Zu den guten zählen Erdbeereis, Weltfrieden und Pakete mit Luftpolsterfolie. Zu den schlechten sind mathematische Erklärungsmodelle zu rechnen, die im kath.net-Forum gepostet werden und den Einfluss von „‚missionierende[m] Atheismus‘ auf Glauben und Weltanschauung hierzulande“ untersuchen sollen.

Dem kathnews-Foristen „el_presidente“ sind solche Beiträge gelungen. Er studiert nach eigenen Angaben Mathematik auf Diplom und will sein an der Universität erworbenes Wissen einem breiteren Publikum vorführen: Er möchte in drei Postings Näheres über die Lebensbilanz eines „atheistische[n] Avantgardist[en] vom Giordano-Bruno-Club“ herausfinden und teilt dazu die Menschen in zwei Gruppen:

Es seien uns zwei Populationen gegeben, eine Raubpopulation R der Größe x(t) und eine Beutepopulation B der Größe y(t) (t bedeute die Zeit). R und B könnten Tierpopulationen sein, etwa Löwen & Antilopen, Wölfe & Schafe, Insektenarten, Zellen. Wesentlich ist jedenfalls, daß R unter Abwesenheit von B schrumpft – es herrscht Futtermangel bei den Löwen! Wenn der große Egon Friedell den Materialismus als den größten Teufel im Menschen bezeichnete, dann identifiziere ich R kurzerhand mit den Materialisten und B mit den Gottesfürchtigen (…Menschen in Deutschland).

Doch das ist „el_presidente“ noch etwas zu undifferenziert und so wird er konkreter:

Zu B zähle ich gute Katholiken, Moslems. In B nichts verloren haben Kulturprotestanten, Wellness-Buddhisten (western buddhism), Kartenleger, Hexentheoretiker, kath. Pharisäer, Heuchler.

Schwer zu sagen, wer schlimmer ist: Fundamentalistische Christen, die alle Muslime hassen – oder fundamentalistische Christen, die mit ebenso fundamentalistischen Muslimen eine Querfront des Schreckens anstreben, um gegen alle „Kulturprotestanten, Wellness-Buddhisten (western buddhism), Kartenleger, Hexentheoretiker, kath. Pharisäer, Heuchler“ zu kämpfen. „el_presidente“ beschäftigt sich derweil naturgemäß mit anderen Sachen:

Insgesamt erhalten wir x‘(t)=-a1x(t)+b1x(t)y(t) . Durch ganz entsprechende Überlegungen gewinnen wir die Gleichung y‘(t)=a2y(t)-b2x(t)y(t) (a2,b2 positive Konstanten) und damit folgendes System von Differentialgleichungen:

x‘=-a1x+b1xy , y‘=a2y-b2xy (1)

Und das bedeutet in der Welt von „el_presidente“:

Am Beispiel von Populationen wilder Tiere, z.B. Löwen und Antilopen sehen wir, daß unser mathematisches Modell überraschend schlagkräftig ist (man zeiche eine Ellipse in ein xy-Koordinatensystem und überzeuge sich selbst): Wir beginnen im Uhrzeigersinn am äußersten linken Punkt der Ellipse (minimale Raubpopulation). Hier kann sich zunächst B vergrößern und damit auch R (dank wachsender Nahrungsvorräte). Mit Überschreitung des Schwellenwertes p wird R übermächtig und das führt zu einer Verminderung von B. Unterschreitet B nun den Schwellenwert q, so vermindert sich plötzlich auch R (wegen schwindender Nahrungsvorräte).

Materialisten fressen also, man ahnte es, nicht bloß kleine Kinder, sondern auch „gute Katholiken“. Allerdings besitzen sie immerhin den Anstand, eine Schonzeit zu beachten:

Sinkt R unter p herab, so beginnt die sogenannte „Schonzeit“ für B, sodaß sich B nun wieder bis zum Wert q vergrößern kann. Nun ist B groß genug, um wieder ein Wachstum von R anzuregen. Das ganze Spiel wiederholt sich nun immer wieder: Ein Kreislauf der Natur, der die einzelnen Tierpopulationen im Gleichgewicht hält!

Der Kreislauf des Lebens: Materialistische Räuber gegen rechtgläubige Monotheisten – so war es schon immer und so wird es gewiss bis zum Ende aller Zeiten bleiben. Wer sich aber nach dieser weltexklusiven Deutung der Realität am Ende des Erkenntnisprozesses wähnt, liegt fast so falsch wie „el_presidente“. Denn der läuft gerade erst zu Hochform auf und macht sich, „da nunmehr die Grundverhältnisse geklärt sind“, ans Eingemachte: Die Materialisten (R) sind, so ist zu erfahren, zwar böse und mit geschätzten „85%“ in der Überzahl, aber nichts im Vergleich zur „kleine[n] aber feine[n] Gruppe missionierender Atheisten“.

Um deren Einfluss zu messen, führt „el_presidente“ die Konstante d ein – den „Dawkins-Faktor“, wobei das d auch für „dezimierend“ stehen könnte:

wir lassen von Außen einen dezimierenden Einfluss auf unser System einwirken, welcher beide (Erklärung folgt!) Populationen mit einer gewissen Rate d*x(t)bzw. d*y(t) vermindert (ich bezeichne die Konstante d als Dawkins-Faktor). Wären R und B Insektenarten, so könnte dies etwa durch das Versprühen von Insektiziden geschehen.

Wie sich das atheistische Gift auf das gute deutsche Volk auswirkt? Da ist „el_presidente“ ganz Realist:

Wie wirkt eigentlich das Gift – Pardon! – ich meine die Überzeugungskraft der „missionierenden Atheisten“ auf unser Volk? Die kleine Gruppe der Gottesfürchtigen, das zeigt die Erfahrung, scheint jedenfalls recht resistent dagegen zu sein. Aber wir wollen nicht kleinlich sein und dem atheistischen Missionar seinen Bekehrungserfolg auch in B zugestehen. Aber was ist mit R? Interessanterweise werden hier Menschen ganz unverhofft mit Problemen konfrontiert, von denen sie gar nicht wussten, daß sie sie hatten – Gott! und natürlich auch: Die Hölle! Nun, da ich ziemlich desillusioniert bin, gehe ich davon aus, daß 90% von R dauerhaft auch die grenzwertigsten Thesen eines Giordano-Bruno-Fritzen ohne größeren Einspruch hinnehmen, und beruhigt jegliche Sorgen über Sünde und Hölle genauso schnell vergessen werden, wie sie aufgekommen sind. Es schmeichelt schließlich den Ohren eines Materialisten, wenn ihm gebetsmühlenartig versichert wird, daß er sich nichts vorzuwerfen hat und sich obendrein noch zu den denkenden, aufgeklärten Menschen zählen darf! Aber für andere ist diese Konfrontation gerade der Impetus für einen entgegengesetzten Denkprozess, zusätzlich herausgefordert durch eine vielleicht als sehr abstoßend empfundene Süffisanz und Dreistigkeit dieser im Grunde kleinformatigen Demagogen, die sich vorbeugend und vorzugsweise genau dann der Einschüchterungsmethode (Ja wer glaubt denn an Kobolde? Sie etwa?!?) und Plattitüden (sapere aude) bedienenden, wenn sie eine Entblößung ihres zutiefst esoterischen Denkfundaments zu befürchten haben. Bei einigen Materialisten wird dieser Denkprozess schließlich zu einer Abkehr vom Materialismus und zu einer Hinwendung zum Idealismus (einer dritten Gruppe) führen.

Und so geht es dann weiter mit einem Formelwirrwarr, das „el_presidente“ schließlich – immerhin das ist ein Zeichen von Barmherzigkeit – auflöst:

Verblüffenderweise hat sich R verkleinert und B vergrößert! Wenn ich in meiner Wut ein Feld mit Insektiziden besprühe, um auch die letzten Schädlinge auszurotten, so muß ich eben auch damit rechnen, daß ich am Ende sogar mehr Schädlinge habe als vorher, nämlich dann, wenn ich die natürlichen Fressfeinde der Schädlinge gleich mitbekämpfe.
Meine Überlegungen führen mich also zu der Behauptung: Der Missionierend Atheismus in Deutschland ist ein Phänomen, das durch die Verringerung der Anzahl der dort lebenden Materialisten und die Erhöhung der Anzahl der Gottesfürchtigen einen wervollen Beitrag zur Rechristianisierung leistet. Gott schreibt nicht nur auf krummen Linien grade, er schreibt auch auf den krummsten Linien noch gerade!

Dieses Manifest des Wahnsinns erinnert wohl nur zufällig an jene kalte Berechenbarkeit, die Atheisten immer wieder vorgeworfen wird.

Aber apropos:
Sei a die Ignoranz und b die Menschenverachtung und bezeichne ferner c den Quatsch, der beim Verquirlen von religiösem Fanatismus und Wissenschaft entsteht, dann ergibt
a²+b²=c².

Mit Dank für den Hinweis an „Diskordianerpapst“.


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