Was kath.net da schreibt, ist ziemlicher Unfug

Zum Fall Nadja Drygalla ist schon alles gesagt worden, bloß noch nicht von jedem. Nachdem die Heimreise der deutschen Ruderin besonders in der rechten Ecke des Internet für Aufsehen gesorgt hatte – kreuz.net und PI berichteten ausführlich und wütendst – stand kath.net vor einem Dilemma: Einerseits will das Linzer Portal für „katholische Nachrichten“ auch für rechtspopulistische Wutbürger mit einer Nähe zu problematischem Gedankengut attraktiv bleiben (sonst blieben schließlich die Kommentarspalten leer). Andererseits hat man gewisse schlechte Erfahrungen mit Neonazis gemacht. Ein Solidaritätsartikel für Drygalla und ihren rechtsradikalen Freund bräuchte also einen ziemlich guten Anlass, irgendeinen Anknüpfungspunkt mit dem Thema Religion.

Und da kommt Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, ins Spiel. Schneider hatte Drygalla zur „Umkehr“ aufgerufen und sich dabei auf Hesekiel 33,12 berufen. Dort heißt es: „Wenn ein Gottloser von seiner Gottlosigkeit umkehrt, so soll’s ihm nicht schaden, dass er gottlos gewesen ist.“
Das wiederum fand Welt.de-Autor Thomas Schmid nicht richtig, schrieb von einer „Unverschämtheit“ und nutzte die Gelegenheit, um der Evangelischen Kirche ein Zugeständnis an die „unbegrenzte Macht“ eines „unaufgeklärten Laizismus“ vorzuwerfen. Das zitiert kath.net genüsslich; macht sich Schmids Aussage „Was er da sagt, ist eine ziemliche Unverschämtheit“ in der Überschrift ohne Anführungszeichen zu eigen und hat damit das Kunststück vollbracht: Das Signal an die rechten Leser wird auf geradezu kunstvolle Art mit einem kritischen Bericht über die Evangelische Kirche verbunden.

Im kath.net-Artikel werden die Fakten, die zum vorzeitigen Heimflug sorgten, bestenfalls grob umrissen: Da wird von einem „Mediensturm“ gesprochen, der wegen „ihre[m] Freund, einen (ehemaligen?) Rechtsextremisten“ über Drygalla ausgebrochen sei. Bei diesem Halbwissen belässt es kath.net – vielleicht aus Faulheit, möglicherweise aber auch, um die wütenden Lesern nicht mit Fakten zu belasten, die gegen einen Bruch mit der rechten Szene sprechen.

Während es dem Text der Redaktion an Pöbeleien mangelt, wird das im Kommentarbereich nachgeholt, wo „Llokab“ die in den letzten Tagen oft zitierte „Sippenhaft“ zur Sprache bringt:

Das ist genau das, was die Nazis gemacht haben. Sippenhaft! Wir sind auf dem Weg in eine totalitäre Diktatur und haben es noch nicht einmal gemerkt.

Und „Dottrina“ schließt sich an:

Mal ganz davon abgesehen,
daß Frau Drygalla von allen im Vorfeld verurteilt wurde, weil sie mit einem Mann aus der rechten Szene liiert ist, läßt dies noch lange nicht den Schluß zu, daß die Ruderin selber der Neonazi-Szene angehört. Das war von vornherein billige Sippenhaft.

Es ist, das kann derzeit nicht oft genug wiederholt werden, keine Sippenhaft, wenn einer Sportlerin mit Verbindungen in die Neonazi-Szene der Abflug aus London nahegelegt wird. Ihr drohen keine rechtlichen Konsequenzen und Nazis sind keine verfolgte Minderheit. Vor allem aber hat es nichts mit Sippenhaft zu tun, wenn Drygalla ihre Partnerschaft mit einem bundesweit bekannten Neonazi zur Last gelegt wird, der noch im Februar 2012 eine Gedenkveranstaltung für ein Opfer des rechtsradikalen NSU störte und vor wenigen Wochen Fotos von Frauen in „White Power“– und Landser-Shirts machte und veröffentlichte. Wer mit so einem Mensch freiwillig sechs Jahre verbringt, ist vermutlich entweder dumm, blind vor Liebe und ignorant oder hegt selbst Sympathien für Rassismus und Faschismus und erfüllt somit nicht die Vorbildfunktion einer Olympiasportlerin. Sippenhaft wäre es, würde Drygalla für ein zufällig rechtsradikales Familienmitglied kritisiert, für das sie freilich nichts könnte.

If you have a racist friend / now is the time for your friendship to end.


1 Antwort auf „Was kath.net da schreibt, ist ziemlicher Unfug“


  1. 1 Stogumber 12. August 2012 um 14:20 Uhr

    Diese Vorstellung, das Sportler nicht nur eine sportliche Vorbildfunktion erfüllen müssen, sondern auch eine politische – das kennt man historisch aus den faschistischen und kommunistischen Staaten. (Mussolini: „Es darf kein Schach um des Schach willen geben.“)

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