I‘ll sue ya!

Kürzlich frohlockte kath.net über eine Richtigstellung des Theologen Paul Zulehner, der seine im Standard-Interview geäußerte Passage über eine mögliche Renaissance der Scheiterhaufen widerrief. Vor etwa zwei Monaten war das Interview veröffentlicht worden, und angesprochen auf kreuz.net erklärte Zulehner: „[D]iese Gruppen“ (die nicht näher konkretisiert wurden), seien am „rechten Flügel“ der politischen Landschaft beheimatet und würden, wenn sie denn könnten, Scheiterhaufen für ihre Gegner errichten. Ferner seien „diese Gruppen“ „völlig intolerant“, da antisemitisch, antimuslimisch und fremdenfeindlich.

Nun ruderte Paul Zulehner zurück und erklärte auf derstandard.at, bei kath.net sei das Gegenteil der Fall: nicht antisemitisch, nicht antimuslimisch und nicht fremdenfeindlich. Damit entging Zulehner, wie aus dem kath.net-Artikel durchscheint, einer Klage.

Dass es zu dieser Richtigstellung kommen musste, ist aus zwei Gründen bedauerlich: Zum einen bezog sich Zulehner im Interview vermutlich eher auf das Portal kreuz.net, das alle wesentlichen Punkte bekanntlich locker erfüllt. Zum anderen geht kath.net nun als moralischer Sieger aus der Sache hervor.

kath.net ist natürlich nicht antisemitisch, antimuslimisch oder fremdenfeindlich; auch und besonders nicht rechtsextrem. Diese Attribute sind zu generalisierend, in diesem Fall nicht angebracht und werden einer Seite, die sich im Gegensatz zu kreuz.net in der Tat hauptsächlich mit Glaubensthemen auseinandersetzt, ohnehin nicht gerecht. Besonders die Begriffe „rechtsextrem“ oder „rechtsradikal“ sind auch deshalb unsinnig, weil sie durch ihre gesellschaftlich etablierte Konnotation in die falsche Richtung weisen und kath.net in die Nähe von NPD und ähnlichen Parteien rücken.

Und doch wäre es falsch, kath.net eine weiße Weste auszustellen und für unbedenklich zu erklären – zumal aktuell, wo kath.net immer aggressiver gegen Kritiker vorgeht, wie sich am Donaukurier-Artikel zeigte: Sowohl gegen die Autorin, als auch gegen zwei Pressesprecher erwägt man offenbar rechtliche Schritte, was umso lächerlicher ist, als dass die Pressesprecher lediglich von „Hass“ und über dem Rechtsradikalismus nahstehende Kommentatoren sprachen.

Der „Hass“ auf die einschlägigen Feindbilder, den der Freiburger BDKJ-Sprecher Dominik Schäfer anführte, äußert sich im redaktionellen Bereich von kath.net in der Tat eher implizit. Es werden keine rassistischen Phrasen gedroschen, es wird bloß arg einseitig berichtet. Während Thilo Sarrazin etwa seine Hochphase erlebte und von Neonazis bis zum SPD-Stammtisch Beifall erhielt, hätte kath.net seriöse Wissenschaftler zitieren und auf die rassistischen eugenischen Visionen des ehemaligen Berliner Finanzsenators hinweisen können. Stattdessen gab es Jubelbericht um Jubelbericht, was den kath.net-Lesern in der Kommentarspalte die Möglichkeit zur Unterstützung Sarrazins und zum Herumkrakehlen rechten Gedankenguts gab. Durch die grundsätzlich ausschließlich negative Berichterstattung über den Islam wird überdies ein fatales Bild gezeichnet, selbst interreligiöse Gottesdienste werden spätestens in der Kommentarspalte indirekt als verachtenswert gebrandmarkt. Vor kurzem erschien auf heise.de ein Artikel über die Verzerrung, die kath.net insbesondere beim Thema Islam durch das Verschweigen von Fakten schafft.

Ähnliches ließe sich übrigens zu Themen wie Evolution und Klimawandel anführen; auch hier kommen keine Experten zu Wort, sondern Kreationisten oder andere Laien, die einen kalten mitteleuropäischen Winter für den ultimativen Beweis gegen eine Erderwärmung halten.

Ebenso hanebüchen sind die Klagedrohungen für die Anführungen von Markus Kremser, Pressesprecher des Bistums Augsburg, dem zufolge einige kath.net-Kommentatoren dem rechtsradikalen Umfeld zugehörig seien. Darüber kann es schon bei Betrachtung der Kommentarspalte überhaupt keine Zweifel geben, dort wird die von Schäfer angesprochene Verachtung immer wieder aufs Trefflichste zelebriert:
- Sinti und Roma wurden abfällig „Zigeuner“ genannt und dem rassistischen Stereotyp folgend pauschal der Kriminalität verdächtigt;
- die laut Verfassungsschutz rechtsextreme Partei Pro NRW wurde von den Lesern als seriös verteidigt;
- der Holocaust mit dem „Babycaust“ verglichen;
- der Hassblog PI in Schutz genommen;
- Muslime wurden als „Muselmanen“ verunglimpft;
- Grüne zu „Linksfaschisten“ gemacht, Feindbilder wie in rechten Kreisen üblich als „Gutmenschen“ bezeichnet, die „Gesinnungsterror“ ausüben und „Rassismuskeulen“ schwingen würden;
- eine „Islamisierung“ wird immer wieder herbeifantasiert;
- es wurde erklärt, viele Afrikaner hungerten nicht aus Mangel, sondern aus Faulheit und – zumindest kurzzeitig online –
- es wurde die Wiedererrichtung von KZs für Homo- und Asexuelle gewünscht (und das ist nur eine sehr kurze Zusammenfassung des ganzen Elends).
All diese Leserbeiträge werden von der Redaktion zuvor manuell freigeschaltet, durchlaufen also eine Prüfung. Selbstverständlich fallen längst nicht alle User mit derartigen Kommentaren auf; sollte es sich bei den Übeltätern allerdings um eine Minderheit handeln, so wäre sie unverhältnismäßig laut.

Überhaupt funktionieren die Distanzierungsversuche zu den eigenen Lesern, wie sie in der wilden Polemik nach der Donaukurier-Berichterstattung unter Hinweis auf ähnliche Kommentare auf der Seite der Frankfurter Rundschau folgten, nicht: Im Gegensatz zu etablierten Medien werden auf kath.net Kommentare nur nach einer redaktionellen Prüfung zugelassen, zudem erfüllen sie einen anderen Zweck: Während SpOn und Co. die Funktion nur dazu nutzen, um den Lesern Beteiligung vorzugaukeln, sind die User auf kath.net (wie im Übrigen auch etwa bei PI) Teil einer wirklichen Community – zumal sich die Moderatoren und Redakteure immer wieder selbst in die Diskussionen einschalten. Auch die Menge an Kommentaren ist bei kath.net im Vergleich zu anderen Plattformen eher übersichtlich, selten gibt es mehr als 30 Leserbeiträge pro Artikel.

Rassistische Ausfälle in „Mainstream“-Foren sind im Zweifelsfall mit dem Versagen der Moderation zu erklären: Sie kommen relativ selten vor, werden meist gelöscht und stehen der Position des jeweiligen Artikels und der Plattform selbst erkennbar gegenüber. Das ist bei kath.net schon deshalb anders, weil etwa islamophobe Lesermeinungen unter Artikeln zum Thema normalerweise in der Überzahl sind. Außerdem werden sie von den anderen Lesern auf der Bewertungsampel meist mit Giftgrün belohnt. Sachliche Gegenreden hingegen erhalten, sofern sie nicht gleich zensiert werden, in der Regel die schlechteste Bewertung.

Übrigens ist auch die Behauptung, einzelne Autoren von kath.net stünden zumindest in der Nähe des rechten Randes, nicht völlig aus der Luft gegriffen; es sei nur an den deutschen Neonazi erinnert, dessen Texte man zwar löschte, obwohl man sie dem ORF zufolge inhaltlich nicht für bedenkenswert hielt. Außerdem veröffentlichte ein auch auf PI in Erscheinung getretener Autor bei kath.net eine Fernsehkritik zum Thema Islam.
Ebenfalls kritisch zu betrachten sind Artikel, in denen extrem rechten Katholiken nachgetrauert wird – so etwa in einem Nachruf auf den „Pornojäger“ Martin Humer, der sich mit einem Neonazi solidarisierte, welcher die Existenz von Gaskammern im KZ Dachau leugnete. Auf der von kath.net geführten Online-Enzyklopädie Kathpedia werden rechtsradikale und im Nationalisozialismus umjubelte Autoren ohne jede kritische Einordnung als Quellen zitiert, dazu werden die in der rechten Infokrieg-Szene beliebten Verschwörungstheorien über eine von der „Hochfinanz“ gesteuerte neue Weltordnung aufgegriffen und vermeintliche Zeichen der Illuminaten auf dem Dollarschein „entlarvt“.

Der beste Weg für kath.net, sich zukünftig nachhaltig dem Verdacht auf rechte Umtriebe zu entziehen, wäre also saubere journalistische Arbeit. Dazu böte sich auch der Verzicht auf Kooperationen mit Zeitschriften wie der Jungen Freiheit, die von Wissenschaftlern als dem Rechtsextremismus nahestehend bezeichnet werden ebenso an wie die Einführung einer rigorosen Zensur menschenverachtender Lesermeinungen. Übrigens sind auch kurz nach Bekanntwerden der NSU-Terrorserie publizierte Artikel, die angesichts rassistisch motivierter Morde ein stärkeres Engagement der Evangelischen Kirche gegen Linksextremismus fordern, eher kontraproduktiv.
Klagen wegen sachlicher Kritik hingegen dürften der Außendarstellung nicht besonders dienlich sein.


4 Antworten auf „I‘ll sue ya!“


  1. 1 Barkai 14. Juni 2012 um 11:05 Uhr

    Muslime wurden als „Muselmanen“ verunglimpft
    Bei Muselmane scheint es sich um eine Eindeutschung des französischen Wortes „musulman“, was schlecht und einfach Muslim bedeutet, zu handeln.
    Es ist klar, dass die (meisten) kath.net-Kommentatoren Muslimen nicht neutral oder freundlich gegenüber stehen und das Wort Muselman in eher unfreundlichem Zusammenhängen verwenden, aber das macht das wort, was sich wie gesagt von einem ganz normalen Französischen Wort herzuleiten scheint, nicht schlecht.

    Als analoges Beispiel würde ich das Wort „Mischpoke/Mischpoche“ sehen, was im Jiddischen ein ganz normales Wort für Familien (sowohl Klein- als auch Großfamilie) ist. Leider wird dieses Wort im deutschen Sprachgebrauch oft abwertend für größere Familien oder Familien mit Problemen verwendet. – Es ist nicht das wort, was schlecht ist oder verunglimpft, es ist die Intention des Sprechers und der Zusammenhang.

  2. 2 diskordianerpapst 14. Juni 2012 um 13:06 Uhr

    So ähnlich wie „Polacken“ wohl von der Selbstbezeichnung der Polen kommt und im deutschen Sprachraum schon länger abwertend benutzt wird, war wahrscheinlich auch Muselman ursprünglich Selbstbezeichnung:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Muselmann
    http://en.wikipedia.org/wiki/Musulman

    Vielleicht erleben wir gerade wie aus der veralteten Eindeutschung ein Schimpfwort wird.

  3. 3 Administrator 14. Juni 2012 um 19:20 Uhr

    Ja, das stimmt schon. „Muselman(n)“ mag einmal ein wertfreies Wort gewesen sein, ist es aber eben nicht mehr. Nur darum ging es mir hier bei der Aufzählung; das Wort wird heutzutage eben nur noch abwertend und in islamfeindlichen Kreisen genutzt.

  4. 4 Barkai 15. Juni 2012 um 15:04 Uhr

    @diskordianerpapst
    kann gut sein, dass wir/der deutsche Sprachraum das gerade (leider) erleben.

    @admin
    gut, ich lebe nciht (mehr) im deutschen Sprachraum und kann es von daher nur noch aus Distanz verfolgen.

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