Archiv für Juni 2012

Eine homophobe Identität ist nicht natürlich oder gegeben

Versuche christlicher Fundamentalisten, ihre Verachtung gegenüber Homosexuellen wissenschaftlich zu untermauern, sind wie Autounfälle kath.net-Berichte über Unheilig: Das Schauspiel ist lächerlich, komisch und unsagbar traurig zu beobachten, den Blick davon lösen kann man allerdings auch nicht.

Heute probiert es kath.net mal wieder mit einer geballten Dosis Homophobie: In einem Interview darf die Ärztin Christl Vonholdt darlegen, wieso sie Homosexualität doof findet. Vonholdt, die bereits auf kreuz.net verteidigt wurde, ist Vorsitzende des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft, dessen Wirken Zeit.de 2009 „Schwulenhetze, streng wissenschaftlich“ nannte.

Ursachenforschung

Die von Vonholdt im Interview geäußerten Behauptungen sind dabei symptomatisch: Seriöse Forschungen werden völlig ignoriert, Sachverhalte falsch bewertet und hanebüchene Schlüsse gezogen. Das zeigt sich schon bei der Beantwortung der ersten Frage: Sie wird gefragt, ob die Entscheidung, Homosexualität nicht mehr als emotionale Störung aufzufassen, rückblickend betrachtet eine gute Sache gewesen sei. Die Antwort, die natürlich Nein! lautet, verpackt Vonholdt in eine Verschwörungstheorie: Es sei eine „politische Entscheidung“ gewesen, „die in einem bestimmten ideologischen Klima und unter enormem politischem Druck gefällt“ worden sei. Es habe keine neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse gegeben, die diese Entscheidung gerechtfertigt hätten.

Außerdem gebe es nun keine Möglichkeit mehr, über Therapiemöglichkeiten für Homosexuelle zu informieren, „die mehr darüber wissen möchten, weil sie sich eine Abnahme ihrer homosexuellen Gefühle wünschen“. Diese Behauptung ist zwar falsch, wie schon das öffentlich zugängliche Interview beweist, aber auf diese Weise wird der Opfermythos der armen aufrechten Christen, die von der grausamen und gottlosen „Homo-Lobby“ diskriminiert würden, weiter bedient. Dass es im Übrigen ohne den christlichen Hass auf Homosexualität auch keine Menschen mehr gäbe, die sich „eine Abnahme ihrer homosexuellen Gefühle wünschen“ – wer kann schon auf solch gewagte Ideen kommen? Christl Vonholdt jedenfalls nicht.

Besonders am Herzen liegt Vonholdt die Feststellung, dass Homosexualität auf keinen Fall angeboren sei. Dazu führt sie ausgerechnet den „Homosexuellenaktivist[en] und Sexualwissenschaftler“ Martin Dannecker an, der es mit der Aussage „Alle in der Vergangenheit angestellten Versuche, die Homosexualität biologisch zu verankern, müssen als gescheitert bezeichnet werden“ in einschlägigen Fundamentalistenkreisen zu zweifelhafter Popularität gebracht hat. Dannecker dürfte mit dieser Meinung in der Szene eine Minderheitsposition haben, der zitierte Satz lässt sich jedoch auch anders lesen: In einem Artikel des Profil macht er darauf aufmerksam, dass die gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexualität nicht mit dem Finden eines „schwulen Gens“ abgeschlossen sei.

Tatsächlich ist die genetische Veranlagung von Homosexualität heute allgemeiner Konsens – da helfen auch Vonholdts traurige Versuche nichts, kaputte Familien und Missbrauch zu den Hauptursachen von Homosexualität zu stilisieren.

Gute Gründe gegen Homosexualität

Ein Freund von ihr, so Vonholdt, erlebe „seine Homosexualität als unerwünscht“ und müsse nun „eine lange Strecke fahren“, weil ihm sein vorheriger Therapeut den Besuch einer „Schwulenbar“ empfohlen habe. Er empöre sich darüber, dass ihn seine Familie zwar bei einem Coming-Out unterstützen würde, nicht aber bei seinem „Kampf“ gegen die Homosexualität. Ob die „Lobbygruppen der Homosexuellen“, die kath.net-Interviewer Johannes Graf ergebnisoffen erwähnt, recht hätten mit der Annahme, dass ein homophobes gesellschaftliches Klima Schuld an Problemen Homosexueller sei? Natürlich nicht, versichert Vonholdt:

Die immer wieder gehörte Behauptung, die Probleme seien nur durch eine ablehnende Haltung der Gesellschaft gegenüber Homosexualität verursacht, ist durch nichts zu belegen. Vieles spricht dafür, dass sie intrinsischer Teil homosexueller Lebensstile sind.

Beflissen zählt sie auf, dass „homosexuelle Lebensstile“ mit „einer deutlich höheren Rate an psychischen Erkrankungen (tiefliegende Ängste, Zwänge, Depressionen)“ einhergingen und dass Schwulen auch körperliche Erkrankungen blühen würden. Überhaupt gebe es „neue Studien aus der Schweiz“, denen zufolge „psychische Erkrankungen bei homosexuell Lebenden zunehmen“ würden. Dabei bezieht sie sich offensichtlich auf die fundamentalistische „Familienlobby Schweiz“.
Dass die Akzeptanz von Homosexualität im Gegenteil mit einer verbesserten Gesundheit korreliert, wie tatsächlich seriöse Studien belegen, verschweigt Vonholdt lieber.

Weiter:

Menschen, die homosexuell leben, haben eine deutlich höhere Gefährdung für promiskes und zwanghaftes sexuelles Verhalten und innerhalb männlicher Partnerschaften auch eine höhere Gefährdung für Gewalt. Jugendliche, die sich homosexuell verhalten, sind häufiger Täter und Opfer bei sexuellen Verabredungen.

Was sind eigentlich „Täter und Opfer bei sexuellen Verabredungen“? Und welche konkrete Gefährdung bei „promiske[m] Verhalten“ existiert, bleibt ebenso nebulös wie die Antwort auf die Frage, woher die Ergebnisse mit der Gewalt stammen sollen. Im Zweifel wohl aus der Schweiz.

Einen weitaus unterhaltsameren, wenngleich freilich ebenfalls gescheiterten Versuch, Homosexualität zu verdammen, hat übrigens Gabriele Kuby unternommen.

Der Ex-Gay-Mythos

kath.net-Interviewer Graf jedenfalls wurde überzeugt, sodass ihm natürlich keine Frage zu den Quellen einfällt. Stattdessen leitet er zum Herzstück des Artikels über: der hemmungslosen Werbung für die Ex-Gay-Bewegung. Ob „homosexuelle Neigungen veränderbar“ seien fragt er, und als ahnte er bereits die Antwort, schiebt er hinterher: „Wenn ja, unter welchen Voraussetzungen?“
Vonholdt gibt gerne Auskunft: Die Wandelwilligen bräuchten „eine starke Motivation, Ausdauer und Mut“, „ein unterstützendes, zugewandtes Umfeld“ und (natürlich) „einen – wenn möglich gleichgeschlechtlichen – feinfühligen, bindungsorientierten und in der Thematik bewanderten Therapeuten oder Therapeutin“. Das völlig lächerliche Bild, das christliche Fundamentalisten von Homosexuellen eben so haben, wird an der Betonung deutlich, sie bräuchten „das feste Vorhaben […], auf homosexuellen Sex verzichten zu wollen“. Der Homo schnackselt halt gern, wie man unter Katholikinnen so zu sagen pflegt.

Sie rät, jungen Homosexuellen offen zu begegnen und klarzustellen: „Du bist kein „Homosexueller“. Das ist eine Ideologie. Auch du bist geschaffen, um dich durch das andere Geschlecht ergänzen zu lassen. Leg dich nicht auf die Homosexualität fest.“
Dass die Erfolgsaussichten der christlichen Umpolung aber eher durchwachsen sind, gesteht sie selbst ein: Nur etwa ein Drittel werde dauerhaft geheilt, ein weiteres Drittel zeige „eine gewisse Veränderung“ und die restlichen 33,3% blieben homosexuell. Sie schränkt ein, dass „Veränderung“ kein „alles oder nichts“ sei, sondern ein schleichender Prozess, in dem es „auch Rückschläge“ gebe. Das ist ein schönes Stichwort:

Große Teile der prominenten Ex-Gay-Propagandisten haben sich im Laufe der Jahre von der Szene distanziert oder distanzieren müssen. John Paulk etwa, eine der bekanntesten Figuren in diesem Dunstkreis, wurde im Jahr 2000, 13 Jahre nach seiner „Heilung“, beim Besuch einer Schwulenbar fotografiert. Daraufhin musste er seinen Posten beim Ex-Gay-Zirkus Exodus International räumen. Seine Frau, die sich zuvor jahrelang als ehemalige Lesbe ausgab, räumte später ein, dass es sich dabei nicht um die Wahrheit gehandelt hatte.
Peterson Toscano wurde 17 Jahre lang von einer Ex-Gay-Organisation zur nächsten herumgereicht und konnte dabei erfahren, dass es den christlichen Seelsorgern oft nicht um seine „Heilung“ ging, sondern um sein Geld. Mittlerweile hat er seine Homosexualität akzeptiert und geht offen mit seiner Vergangenheit um.
Auch John Smid, der ehemalige Leiter einer Ex-Gay-Gruppe, nahm 2011 Abstand von seinem dortigen Wirken, bekannte sich zu seiner Homosexualität und gab an, nie einen Mann getroffen zu haben, der „geheilt“ worden sei.

Tatsächlich sind die Heilerfolge den fundamentalistischen Versprechen zum Trotz nicht nur moralisch zweifelhaft: Die „Erfolgsaussichten“ gelten als äußerst gering, „Erfolge“ sind demnach oft bestenfalls temporär.

Steine werfen

Am Ende des Interviews wird Christl Vonholdt zu ihrer völlig überraschenden Haltung zur Homo-Ehe (oder wie kath.net zu schreiben pflegt: Homo-‘Ehe‘) befragt. Die sei natürlich abzulehnen, denn „eine homosexuelle Identität ist keine natürliche oder gegebene Identität“ – im Gegenteil zu einer „heterosexuelle[n] Identität“. Dazu zitiert sie den 2005 verstorbenen US-Psychologen Charles Socarides, der Homosexualität verdammte und der Vonholdtschen Logik zufolge schwere Fehler als Vater beging: Einer seiner Söhne ist schwul. Socarides soll gesagt haben, dass eine Gesellschaft, „die den Unterschied zwischen Heterosexualität und Homosexualität“ nicht kenne, eine Gesellschaft sei, die „den Unterschied zwischen Leben und Tod“ nicht kenne. Versöhnliche Zeilen zum Ende also.

Dieses völlig unkritische Interview ist jedenfalls typisch für kath.net: Wissenschaft ist nur dann interessant, wenn sie die eigenen Standpunkte zu bestätigen scheint. Und selbst dann wird eher einer Kinderärztin geglaubt, als seriöser Forschung. Das Interview steht damit in stolzer Tradition: Die Evolution gab es nie, da ist man sich mit den Lesern weitgehend einig und zitiert daher auch mit Vorliebe kreationistische Pseudoexperten wie Werner Gitt. Den Klimawandel, auch in diesem Punkt besteht eine beeindruckende Übereinstimmung mit der Leserschaft, kann es schon allein deshalb nicht geben, weil der Winter 2010/2011 in Mitteleuropa ganz schön kalt war. Und Antisemitismus, das zu sagen trauen sich immerhin einige User, den gebe es hierzulande doch überhaupt nicht mehr, deshalb seien auch Studien mit anderslautenden Ergebnissen Blödsinn. Der ehemalige Verteidigungsminister zu Guttenberg hatte große Teile seiner Doktorarbeit abgeschrieben, aber: na und? Jeder macht doch Fehler, da werfe der den ersten Stein, der ohne Sünde sei.

Während andere Positionen also extrem kritisch betrachtet und mit Verschwörungstheorien von „Homo-Lobbygruppen“ unterfüttert werden, ist zur Stärkung der eigenen Sichtweise jede noch so obskure Studie, die womöglich noch nicht einmal existiert, recht.

Bei den Lesern kommt das Interview jedenfalls gut an, „Thomas71″ etwa fühlt sich zu einer Expertenmeinung zur „Gender-Diktatur“ berufen und geht betont sachlich mit dem einzigen sachten Kritiker des Artikels um:

Danke für diesen Artikel; danke auch für den Mut sich offen gegen den politisch korrekten Mainstream zu stellen. Alleine an der Tatsache, dass Hilfsangebote und Forschungen schon als homophob bezeichnet werden, zeigt die hässliche Fratze der Gender-Diktatur. Wie man bei einem Kommentar sieht, gibt es auch hier Verfechter der Gen- und Biologie-Lüge, die ihre Thesen in Überheblichkeit und Unsachlichkeit verteidigen wollen…

Expertenlösung für den Nahostkonflikt

Es könnte alles so einfach sein! kath.net-Forist „Bernhardus“ war schon 2006 seiner Zeit voraus und erkannte im Nahost-Thread, dass die gute alte Judenmission der einzig wahre Weg zum Frieden im nahen Osten ist:

realistisch gesehen
Dauerhafter Frieden wird leider erst herrschen, wenn sich die Mehrheit der Palaestinenser und der Juden zum Christentum bekehren. Vorher kann es keinen Frieden geben.

Warum? Weil nur das Christentum die Feindesliebe und die Vergebung kennt.
[…]
Wer also Frieden will muss missionieren! Sagt es weiter …

Zustimmung erhielt er dabei übrigens von „Gandalf“ alias Roland Noé, der im Thread ansonsten eine überraschend gute Figur machte. Weiteres dazu in einigen Tagen.

Expertenmeinung zur EU ii

kath.net-Leser „krak des chevaliers“ toppt den gestrigen Beitrag von „Markus-NRW“ unter einem neuen Artikel zum Beschneidungsurteil:

neue Diktatur – 1984
Europa steht am Rande einer neuen Diktatur, das wird immer deutlicher. Der EU Machtapparat hat sich längst verselbständigt und ist nicht mehr zu kontrollieren. Schon lange haben die Leute den Eindruck, dass „die da oben“ machen, was sie wollen. Dahinter steht die Homo- und Abtreibungslobby sowie dezidiert kirchenfeindliche Kräfte. Diese sich schleichend etablierende Diktatur geht einher mit einer Umerziehung der Menschen, die in den Schulen und Kitas beginnt. Diese Diktatur ist perfider als alles, was Europa bisher an Diktaturen erlebt hat. Ich werde auch den Eindruck nicht los, dass die „Eurokrise“ eine einzige Verarsche der Leute ist. Um den angeblich gefährdeten Euro zu retten, sollen nun die Schulden auf alle umgelegt und die Nationalstaaten platt gemacht werden. Am Ende schaut uns der Big Brother von riesigen Plakaten an, vor dem George Orwell schon 1948 gewarnt hat.

Expertenmeinung zur EU

„Markus-NRW“ unter einem kath.net-Artikel zum Beschneidungsurteil:

[…] Eine Ausrottung der Religionen ist in der EU der Plan um die Menschen zu funktionierenden, seelenlosen Maschinen werden zu lassen. Verteidigen wir, zusammen mit den Juden und Mohammedanern, die Freiheit der Religion und die Freiheit des Gewissens, gegen die Grün-Links-Atheisten !

Von bestimmten Dingen

Es gibt von der Hamburger Schule-Band Tocotronic (der, das nur nebenbei, fast die Hälfte der Überschriften dieses Blogs entliehen sind) den alten Song Über Sex kann man nur auf Englisch singen. Dort wurden unbequeme Wahrheiten wie „Über Frauen kann man schlecht im Deutschen fluchen / man sollte es nicht versuchen“ betont, ferner wurde dem Titel die Zeile „allzu leicht kann’s im Deutschen peinlich klingen“ hinzugefügt. Das Lied bildete den Schlusspunkt des Debütalbums „Digital ist besser“ (1995); der erste Song des im selben Jahr veröffentlichten „Nach der verlorenen Zeit“ schloss sich an und hörte auf den Namen Ich muss reden, auch wenn ich schweigen muss.

Man kann getrost davon ausgehen, dass der 18-jährige Abiturient, der auf kath.net begeistert von den Jonas Brothers berichtet, noch nie von Tocotronic gehört hat. Das ist entschuldbar. Leider sind ihm aber auch die von Dirk von Lowtzow besungenen Gedankengänge fremd – in seinem Text über Sexualität und Jugend stolpert er einigermaßen ahnunglos und unbeholfen von einer Peinlichkeit in die nächste.

„‚Dorfmatratzentum‘ oder wahre Liebe?“ fragt die Überschrift, und was wie die Diskussionsgrundlage einer der vor wenigen Jahren eingestellten Nachmittags-Talkshows klingt, findet ihre Fortsetzung im Schüler, der die Rolle des erzürnten Zuschauers im Publikum übernimmt, welcher die Moderatorin um eine Wortmeldung bittet. „Sex gehört in die Ehe“ wird schon in der Einleitung klargestellt, die auf die Fragestellung hinausläuft, ob sich unter Jugendlichen eine „Trendwende“ hinsichtlich der Moralvorstellungen abzeichne.

Im Artikel wird zunächst auf die Probleme hingewiesen, die bibeltreue Schüler eben so haben: Man werde schnell lächerlich gemacht oder „in die Schublade der „Verklemmten“ und „Ewig Gestrigen““ gesteckt. Besonders empörend: Sogar Weltklasseleistungen in Sachen Schlagfertigkeit werden nicht honoriert:

Für den Konter „Lieber konservativ als Präservativ“ erhält man maximal ein müdes Lächeln.

Studien haben ergeben, dass 94% aller Studien, die von religiösen Menschen zur Untermauerung ihrer Weltbilder angeführt werden, ausgedacht oder hoffnungslos veraltet sind. Auch die vorgeblich wissenschaftlichen Argumente gegen Kondome, die der 18-jährige anführt, sind so ein Fall:

Bereits in der sechsten Klasse wurden wir „aufgeklärt“, auf die Gefahren sexuell übertragbarer Krankheiten wie AIDS hingewiesen und es wurde unter anderem das Kondom als Lösungsmittel dieses Problems vorgestellt. Dabei wurde uns glatt verschwiegen, dass nach Untersuchungen etwa 40% der Präservative virendurchlässig sind und die restlichen meist poröse Stellen aufweisen, durch die ebenfalls Krankheiten übertragen werden können.

Weil diese Untersuchungen freilich nicht existieren, werden sie auch nicht näher beschrieben. Stattdessen kommt die nächste haarsträubende Behauptung:

Neueren Forschungsergebnissen zufolge sollen AIDS-Viren überhaupt so mikroskopisch klein sein, dass sie ohnehin durch die Poren der Latexhaut eines Kondoms hindurchtreten können.

Oh, ich lese gerade: Neueren Forschungsergebnissen zufolge sollen nun schon 95% aller Studien, die von religiösen Menschen zur Untermauerung ihrer Weltbilder angeführt werden, ausgedacht oder hoffnungslos veraltet sein.

Weiter geht es mit dem Bericht, der eine verblüffende Ähnlichkeit zum Brief einer 15-jährigen Schülerin aufweist: Wie im 2010 von Weihbischof Andreas Laun zitierten Brief werden anekdotenhaft mehr oder minder authentische Begebenheiten aufgezählt, die jeweils eine moralische Wertung erfahren: „Die Folgen einer solchen „Aufklärung“, die eher einer verfrühten Sexualisierung gleichkommt, sind verheerend“ oder „Und schlimmer noch: Sex wird zur Ware, die immer und überall verfügbar ist, solange man(n) „was dabei“ hat“ oder „Die Devise lautet also nicht nur „Wegschauen“ (dabei hat man als Lehrer erstens Aufsichtspflicht und zweitens eine Verantwortung nicht nur den Eltern, sondern auch der persönlichen Entwicklung des Jungen gegenüber!), sondern sogar Schützenhilfe geben!“

Besonders unverständlich ist dem Abiturienten die Tatsache, dass minderjährige Mädchen ungern Mütter werden möchten, was ihn zur Schlussfolgerung verleitet, Schwangerschaften würden mittlerweile als Krankheiten begriffen: „Welch ein Zynismus“.
Teenagerschwangerschaften würden ihm indes nicht passieren, wie er angeblich sogar seinen digitalen Freunden zwischen Freundschaftsanfrage und Anstupser mitteilte:

Als ich vor Monaten auf Facebook verkündete, wirklich nur dann Sex zu haben, wenn ich verheiratet bin, gab es neben den üblichen Reaktionen aus Unverständnis und Spott viele Leute, die diesen Entschluss offen bewunderten oder manche, die ihn sogar begeistert teilten.

Was ihn immerhin zum Schluss bringt und zum Beweis der eingangs aufgestellten These einer Neujustierung unter Jugendlichen. Als Zeugen zitiert er die kurzzeitig berühmt gewordene Kinder-Boygroup Jonas Brothers, deren Mitglieder sich nicht zuletzt aus Marketinggründen medienwirksam Purity Rings ansteckten – fundamentalistische Eltern und ihre Kinder sind in den USA eben ein nicht zu vernachlässigender Markt. Außerdem führt er ein skurrilerweise zuvor noch kritisiertes Plakat der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung an: Dort sei ein Mädchen mit dem Spruch „Ich nehme die Pille, aber ich nehme nicht jeden.“ abgebildet worden, was der Autor als ultimativen Nachweis interpretiert, dass

immer mehr junge Frauen den Wert der eigenen Geschlechtlichkeit wiederentdecken und nichts so sehr verabscheuen wie das landläufig so bezeichnete „Dorfmatratzentum“. Während viele männliche Altersgenossen im Geschlechtsverkehr oft noch die rücksichtslose Befriedigung der eigenen Triebe sehen, keimt vor allem unter den weiblichen Jugendlichen die Sehnsucht nach der wahren und reinen Liebe neu auf.

Und es wird nur eine Frage der Zeit zu sein, bis sich diese Tendenz auch bei den jungen Männern durchsetzt.

Na gut, das Mädchen könnte auch nur ein Model; der Spruch nie von ihr gesprochen worden, sondern von einer Werbeagentur erdacht und in der Absicht geschrieben worden sein, Mädchen mehr Selbstvertrauen und Durchsetzungsvermögen einzuimpfen, um sich gegen Übergriffe und sexistisches Gerede zur Wehr zu setzen. Oder natürlich, um sie auf die Bedeutung von Verhütung aufmerksam zu machen.
Aber pssst. Das kann man schon mal übersehen, wenn man zu sehr damit beschäftigt ist, „den Bananen Kondome“ überzuziehen.