Arbeitspolitisch inkorrekt ii

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Hälfte einer Story verloren geht, wenn kath.net sie aus Großbritannien importieren muss. Fast legendär ist die Geschichte eines schottischen Collegeleiters, der von seinen dubaianischen Arbeitgebern gefeuert wurde, was kath.net implizit zu einem Fall von Christenverfolgung mitten in Europa stilisieren wollte. Der Mann gab an, aufgrund seines christlichen Glaubens entlassen worden zu sein. Tatsächlich aber hatte er ohne Rücksprache mit den Besitzern den Namen des Colleges geändert, was ursächlich für die Kündigung war.

kath.net verschwieg das – wohlwissend, dass viele unkritische Leser sowieso nicht weiter recherchieren würden, zumal für einige Leser wohlmöglich eine Sprachbarriere besteht. Vor wenigen Tagen gab es nun einen ähnlichen Sachverhalt: Ein Chefarzt eines Krankenhauses in der englischen Stadt Birmingham wurde gekündigt, weil er kath.net zufolge „fromme Emails“ an seine Mitarbeiter geschickt habe:

Ein wegen frommer E-Mails entlassener Chefarzt in Großbritannien geht arbeitsgerichtlich gegen seine Kündigung vor. Der 64-jährige medizinische Leiter am Walsall Manor Hospital bei Birmingham hatte sich nach eigenem Bekunden Aufforderungen widersetzt, religiöse Bezüge in geschäftlichen Mitteilungen zu unterlassen, wie die Zeitung «Daily Mail» (Donnerstag) berichtet.
[…]
Die arbeitsrechtliche Beanstandung ging laut der Zeitung indessen von einem Weihnachtsgruß des Klägers an einen Kollegen aus. Der Adressat habe den Wunsch einer «friedensreichen Weihnacht» als unzulässigen Eingriff in seine Privatsphäre betrachtet und sich bei der Krankenhausgesellschaft beschwert.

Dass die Emails nicht der tatsächliche Kündigungsgrund sein können, könnte der geneigte Leser erst aus dem letzten, denkbar vagen Satz schließen:

Hinzu kamen nach Darstellung der «Daily Mail» offensichtlich weitere Spannungen im Arbeitsumfeld.

Schon im Daily Mail-Artikel, der dem kath.net-Geschreibsel zugrunde liegt, wird ausführlich diskutiert, weshalb der Chefarzt gefeuert wurde. Die Vermutung liegt nahe, dass nicht die Emails ausschlaggebend gewesen sein dürften; vielmehr schien er der Klinikführung spätestens seit 2008 ein Dorn im Auge gewesen zu sein:

The tribunal heard his problems began after he raised concerns over a consultant who let a child with suspicious injuries go home, despite ‘serial warnings from other staff’.

The child was killed a week later by his stepfather, who later admitted manslaughter. In 2008 Dr Drew was stripped of his position as clinical director as a result of the dispute about the competence of the child’s consultant.

He was made aware of two incidents in 2009 when children were allegedly sexually assaulted by adult patients allowed to use ‘washing and toilet facilities’ on the children’s ward.

He said he wrote to the divisional director over the matter but ‘never had a satisfactory answer’.

He was suspended for six weeks in 2009 after complaining about a ‘very rude nurse’.

Die Kündigung ist also tatsächlich skandalös: Der Mann hat 2008 und 2009 offenbar das Wohl von Patienten über den Ruf der Klinik gestellt, seine Befürchtungen erhielten keinerlei Beachtung und nun wurde ihm eine Lapalie endgültig zum Verhängnis.

Das wäre mal eine Geschichte, über die sich kath.net-Kommentatoren zurecht aufregen könnten. Wenn sie dürften – schließlich passt die Realität schlecht auf ein Portal, das irrationale Ängste vor religiöser Diskriminierung schüren möchte.


0 Antworten auf „Arbeitspolitisch inkorrekt ii“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


sechs − = vier