Eine unerwartete Wendung ii

Mit einiger Verwunderung bestaunte ich unlängst einen kath.net-Artikel, der sich bemerkenswert offensiv an der Piusbruderschaft abarbeitete: Nach zwei aktuellen Interviews hatte sich ein Student bei kath.net gemeldet, der einen Gastkommentar anbot. kath.net lehnte dieses Angebot, wie man schrieb, „dankend“ ab – der Autor sei zuvor mit revisionistischen Thesen im Internet aufgefallen.

Dieser Fall verblüffte mehrfach: Nicht nur, dass kath.net auf einmal Gastkommentatoren vor der Veröffentlichung einmal googeln kann – hier wurden die zuvor vor allem in der Kommentarspalte hochgejazzten Piusbrüder aufs Schönste vor den Dickkopf gestoßen. Statt dem Studenten per Mail abzusagen, wurde der Fall öffentlich gemacht und (das ist vielleicht das Bemerkenswerteste) deutlich bekannt gegeben, dass antisemitische und revisionistische Thesen á la Richard Williamson auf kath.net nichts verloren hätten.

Das allerdings ist mindestens zweifelhaft: Viele Leserkommentare unter Artikeln über Judentum und Holocaust bedienen sich antisemitischer Argumentationen, der Judenvernichtung wird immer wieder die Abtreibung gegenüber gestellt, die NS-Verbrechen mit Stalins Herrschaft aufgewogen und generell als nicht so schlimm eingestuft. Diese Kommentare müssen manuell von der Redaktion freigeschaltet werden.
Im Forum versuchte eine Moderatorin über mehrere Seiten hinweg, den Piusbruder-Bischof Williamson in Schutz zu nehmen für seine Aussage, es habe keine Gaskammern und keine sechs Millionen jüdische Todesopfer gegeben.

Ein plötzlicher Meinungsumschwung bezugs der Piusbrüder mag ein Grund sein für den eingangs genannten Artikel, der zugleich aber vor allem eine neue Offenheit symbolisieren sollte – schließlich geriet kath.net in den letzten Monaten des Öfteren in die Kritik: Im vergangenen Sommer gab man einem deutschen Neonazi Platz für fünf Gastkommentare, was nach einiger Zeit auch der ORF mitbekam und öffentlich machte. Auf dem gleichen Sender lief unlängst die Sendung „Report“, die kath.net gleichberechtigt neben den radikalen Portalen kreuz.net und gloria.tv nannte und eigentlich ein Interview mit dem Linzer Portal plante. Das bereits zugesagte Gespräch kam allerdings nie zustande. Einige Bischöfe dürften zudem nicht einverstanden gewesen sein mit der ebenso aggressiven wie unsinnigen Kampagne gegen den Weltbild-Versand, die kath.net über Monate fuhr.
Der Imageverlust wird auch durch die gegenwärtige Version des Wikipedia-Artikels illustriert: Im Abschnitt „Rezeption“ wurde dieser Blog verlinkt, prominent hervorgehoben wird das auf kath.net gefundene rechte und antisemitische Gedankengut. Dass der sehr kritische Artikel mittlerweile schon seit einem Monat online ist und es anscheinend keine Bearbeitungsversuche gab, ist bemerkenswert: Der „Diskussion“ zufolge störten sich kath.net-Fans vor einigen Jahren tatsächlich schon an der Einstufung als „konservativ“.

Offenbar um diesem negativen Eindruck gegenzusteuern, sind in den letzten Tagen und Wochen vermehrt Artikel auf kath.net veröffentlicht worden, die antisemitische Ressentiments und Vorfälle dokumentieren sollen. So wurde etwa über einen palästinensischen Pastor, oder über rechtsradikale Fußballfans berichtet. Diese eigentlich sehr lobenswerte Entwicklung ist leider durch die vielen intoleranten und reaktionären anderen aktuellen Artikel und Kommentare nicht wirklich ernst zu nehmen.

Auch im kath.net-Forum wurde die gegenwärtige Diskussion aufgegriffen. Im acht Jahre alten Thread „wo steht kath.net?“ entwickelte sich in den letzten Wochen ein lebhafter Streit um die Frage, wie das Portal einzuordnen sei. Dabei kamen nicht nur begeisterte Anhänger der Seite zu Wort, sondern auch zwei kritische Leser, deren Bedenken von den Administratoren erkennbar ignoriert wurden. Als sie die Deutungshoheit zu übernehmen drohten, wurde der Thread aus dem Unterforum „Gott und die Welt“ verschoben – in den nicht-öffentlichen Bereich, der nur für angemeldete Nutzer lesbar ist.


1 Antwort auf „Eine unerwartete Wendung ii“


  1. 1 red one 06. März 2012 um 0:37 Uhr

    Oha, was ist dennn mit denen los? Da steckt bestimmt Anonymous dahinter. ;)

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