Kunstkritik mit kath.net

Es gibt so vieles, worüber sich kath.net echauffieren kann: zu Linke, zu Rechte (neuerdings), Muslime, Protestanten, Homosexuelle, Muslime, Buddhisten, Atheisten, Reformer, Traditionalisten, Angela Merkel, Barack Obama, Google, schlecht gewürztes Mittagessen (vermutlich). Der Grad der Erregung lässt sich jeweils indes nicht nur am jeweils unter den Artikel tobenden Mob rechter Katholiken ablesen: Es gibt mindestens zwei weitere Indizien für die rechtskatholische Wut:

Da wäre erstens ein Kontakt-Button, der zwischen Redaktions- und Publikumsreaktionen angebracht wird und in der Regel auf den Internetauftritt der Beschuldigten führt. Wenn also beispielsweise Claudia Roth die Aussagen eines Bischofs kritisiert, nach denen die Kirche keine Demokratie sei, wird per „Kontakt Claudia Roth“ auf ihre Parteiseite verlinkt, wo sich sämtliche Kontaktdaten finden lassen. Lustig, dass kath.net tatsächlich zu glauben scheint, die emotionalisierten Leser wären gute Botschafter für die konservative Sache.
Zweitens, und dieses Stilmittel wird weitaus seltener eingesetzt, gibt es die Anführungszeichen. Sie sollen verächtlich machen, wogegen es außer einem rechten Bauchgefühl eigentlich gar keine Argumente gibt – die Homo-Ehe, pardon: Homo-‘Ehe‘, ist dafür ein Paradebeispiel. Homosexuelle, so der Gedanke, könnten oder dürften ja gar nicht heiraten, weshalb ‚Ehe‘ eben so zu schreiben sei. Das ist so beneidenswert hilflos, dass es eigentlich keiner Gegenrede bedürfte und man diese Schreibweise als Kuriosum abhaken und vergessen könnte.

Gäbe es nicht aktuell eine kleine Kampagne gegen Kunst. Pardon: gegen ‚Kunst‘. Den Anfang macht ein Artikel vom 29. Februar:

Für die einen ist es Kunst, für nicht wenige Gläubige ein Gräuel an heiliger Stätte. Die Rede ist von dem „Fastentuch“, das seit Aschermittwoch im Presbyterium des Innsbrucker Domes hängt.

Das mehr als sechs Meter breite Bild der deutschen Künstlerin Julia Bornefeld trägt den Titel „The Burning Supper“ (dt. „Das brennende Abendmahl“). Die Fotoinstallation ist deutlich an Leonardo da Vincis berühmte Wandmalerei „Das letzte Abendmahl“ angelehnt. Zwölf Männer und eine Frau sitzen am Tisch. Der Tisch selbst steht in Flammen und verbrennt. Schwarz verkohlte Holzbalken umrahmen das Bild. Die Jünger tragen Metal-T-Shirts und Motorradjacken. Sie scharen sich „um einen grau- und langhaarigen Jesus mit dem Anschein eines Alt-68ers, dem das Feuer so etwas wie spirituelle Erleuchtung ins Gesicht malt“, schreibt die „Tiroler Tageszeitung“.
[…]
Das Lehramt der Kirche sagt über die sakrale Kunst, diese sei dann „wahr und schön, wenn sie durch die Form ihrer Berufung entspricht: im Glauben und in der Anbetung das transzendent Mysterium Gottes erahnen zu lassen und zu verherrlichen – die unsichtbare, über alles erhabene Schönheit der Wahrheit und Liebe, die in Christus erschienen ist. … Die wahre sakrale Kunst versetzt den Menschen in Anbetung, in Gebet und Liebe zu Gott dem Schöpfer und Retter, dem Heiligen und Heilig machenden.“ (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2502)

Der Stein des Anstoßes findet sich hier und ist in etwa so provokant wie das Foto eines Robbenbabys auf einer Eisscholle. Während kath.net sich hier noch beinahe argumentativ mit dem Werk auseinander zu setzen versucht (und nicht verrät, was an einem alten Mann, diversen jüngeren mit Biker-Outfit und einer Frau nicht „wahr und schön“ sein soll), verzichtet man in den beiden nächsten Artikeln zu ähnlichen Themen komplett auf tiefere Beschäftigung mit den Kunstwerken. Und nennt sie stattdessen eben „Kunstwerk“, wie in einem am selben Tag veröffentlichten Text zu einem anderen Abendmahlsbild:

Auch im Bistum Würzburg gibt es Aufregung rund um ein anstößiges „Kunstwerk“, dass jetzt dauerhaft im Würzburger Dommuseum aufgestellt wird. Das „Abendmahl und zwölf Begleiter“ mit zahlreichen Nacktszenen sorgt für Kopfschütteln bei Katholiken.
[…]
Das umstrittene Bild stammt übrigens von Henning von Gierke, der seit 2005 an der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien lehrt.

Darunter, natürlich, ein Link zum verantwortlichen Bischof. Auf der hauseigenen Medienplattform kathTube indes wurde das Bild hochgeladen: Ein nackter Mann liegt unter dem Tisch, dazu steht u.a. eine Frau (!) mit nacktem (!!) Oberkörper (!!!) herum. Ein Skandal, oder wie es „kaiserin“ sehr richtig erkennt:

GOTTESLÄSTERUNG PUR !!!

Im dritten Bericht zum Thema „Kunst“ geht es wiederum zurück nach Innsbruck, wo sich Gläubige über eine „merkwürdige Skulptur“ empören. kath.net überschreibt routiniert mit „‚Ecce homo‘ – Noch eine ‚Kunst‘-Aufregung in der Diözese Innsbruck“ und hebt an:

Nach der Aufregung rund um einen Fotoinstallation im Innsbrucker Dom berichten Gläubige aus der Diözese Innsbruck jetzt auch von einer merkwürdigen Skulptur vor der Stiftskirche Wilton, die bei einigen Gläubigen für Unmut sorgt. Die Installation „Ecce homo“ des Südtiroler Künstlers Lois Anvidalfarei wurde anlässlich der Fastenzeit vor der Wiltener Stiftskirche aufgestellt. Begleitet soll die Skulptur mit einem Glaubenskurs des Innsbrucker Theologen Roman Siebenrock werden. Siebenrock hat übrigens bei Peter Hünermann an der Theologischen Fakultät in Tübingen promoviert und ist Unterzeichner des antirömischen Theologen-Memorandums.

Zu sehen sind drei nackte, mehr oder minder leblose Körper. Auf eine inhaltliche Kritik verzichtet kath.net völlig, stattdessen der Hinweis auf den Künstler – ein böser Liberaler, so wird impliziert. Leser „Waldi“ versteht die Welt nicht mehr:

Ja sind denn diese Theolunken…
schon so vom Schwachsinn infiziert, dass sie mit so einem Dreckskram, den sie auch noch als Kunst bezeichnen, die letzten kümmerlichen, christlichen Glaubensreste besudeln. Was sind denn das für abgewrackte Theologen, die mit ihrer Abartigkeit unsere Gotteshäuser und den Glauben besudeln. Wo ist denn der Bischof Scheuer, der diesen haltlosen Verwüstern die rote Karte zeigt, bevor sie das „Heilige Land Tirol“ vollends in die Gosse ziehen. Welcher Teufel hat denn einen erheblichen Teil von unserem katholischen Klerus geritten, dass er sich zum gefährlichsten Schädling der katholischen Kirche entwickeln konnte. Diese Abartigkeiten scheinen immer mehr Nachahmer zu finden. Wo führt das noch hin???

Ja, wohin denn??? Vielleicht zur radikalen Kunstkritik des Kölner Kardinals Meisner, der 2007 die unschöne Nazifloskel der entarteten Kunst wieder aufwärmte:

„Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kult im Ritualismus und die Kultur entartet.“

Ein ganz besonders totalitäres Kunstverständnis offenbart auch kath.net-Chef Roland Noé alias „Gandalf“, der den Ausstellungsgegenstand in der Kommentarspalte als „Pseudokunstbild“ bezeichnet. Kunst, so scheint kath.net zu denken, ist nur das, was uns gefällt.


5 Antworten auf „Kunstkritik mit kath.net“


  1. 1 Roland Breitenbach 02. März 2012 um 7:48 Uhr

    Eine kleine Auffälligkeit bei kathnet am Rande:
    Bei den Leseräußerungen „Auflösung der Jesuiten in Aachen“
    äußert sich ein Poster eine Stunde vorher auf das, was ein anderer erst eine Stunde später veröffentlichen wird.
    Hellsehen?

  2. 2 Klaus 03. März 2012 um 11:09 Uhr

    Nicht nur gotteslästerliche Kunst echauffiert Kath.net. Auch Kinofilme mit „erotischen Inhalten“ stehen auf der Verbotsliste der Sittenhüter.
    Toni Faber, der Dompfarrer von St. Stephan in Wien, hat in einem Interview für eine Frauenzeitung gemeint: „Erotikfilme sind keine schwere Sünde“ http://www.kath.net/detail.php?id=35460

    Und schon wird Toni Faber für seine offenen Worte nach Strich und Faden zerlegt, was denn das für ein Priester ist der solches von sich gibt. Ehrliche und offene Worte, vor allem wenn sie von einem Priester kommen, sind nicht sehr beliebt bei Kath.net.
    Abgesehen davon, dürften Kath.net-Katholiken heutzutage überhaupt nicht mehr ins Kino gehen. Filme, ob Beziehungsfilme, gesellschaftskritische etc. ohne „erotischen Inhalt“ gibt’s kaum. Wenn’s nach Kath.net ginge, müsste man für Katholiken nahezu alle Filme unter schwere Sünde stellen.

  3. 3 Administrator 03. März 2012 um 15:12 Uhr

    @Roland: Der Kommentar wurde mittlerweile wohl ganz gelöscht, oder? Jetzt ist es nur noch bizarrer, wie „edo“ richtig feststellt.

    @Klaus: Ja, dazu wollte ich auch noch was notieren. Das ist alles so unfassbar lächerlich…

  4. 4 Sophie Kesselberg 03. März 2012 um 17:25 Uhr

    Ich finde diese Arbeit von Frau Bornefeld, eine wiederholte Szene,welche bereits Dolce & Gabbana, Benetton, Mugler in ihren Werbespots sowie sowie viele andere Künstler dargestellt haben. ecc…… Ich finde diese Kunst, mittlerweile sehr langweilig und dekorativ.Es fällt nur auf, daß es im Dom ausgestellt wurde. Die Interpretationen der jeweiligen Kunstwerke, kann man dann wiederum künstlerisch uns sehr tiefgründig interpretieren.
    Außerdem finde ich so eine Art von Kunst depressiv und düster.

  5. 5 Administrator 04. März 2012 um 1:38 Uhr

    Langweilig? Hm. Natürlich ist das Abendmahl mittlerweile in allen möglichen Kontexten neu bearbeitet zu betrachten, aber macht es das schlecht? Ich finde es sogar ein wenig ehrenwert, wenn ein wie hier von der Werbung oder der Populärkultur genutztes Werk wieder in dem ursprünglichen Sinn gedeutet werden kann. Jedenfalls ist es, da stimmen wir wohl überein, äußerst unsinnig, das Bild aus den von kath.net angeführten Gründen abzulehnen.

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