Zwangsheirat

Es gäbe sovieles, was man an Joachim Gauck und an seiner Kandidatur zum Bundespräsidenten aussetzen könnte! Seine (man muss es betonen:) nicht aus dem Zusammenhang gerissenen Zitate etwa, in denen er Sarrazin Mut attestiert, obwohl er sein Buch nicht einmal gelesen habe. Seine offen rassistischen Einlassungen, nach denen Deutschland „Überfremdung“ drohe, zumal er keine Stadtviertel möge, wo „allzu viele Zugewanderte und allzu wenige Altdeutsche“ wohnten. Die beängstigende Einigkeit zwischen CDU, CSU, FDP, SPD und Grünen (und Rechtspopulisten). Oder natürlich Gaucks militanten Antikommunismus, der reflexhaft jede Kritik am Kapitalismus verbietet.

Joachim Gauck wird, wenn nichts mehr dazwischen kommt, der konservativste Bundespräsident aller Zeiten sein. Und doch gibt es in der rechten Ecke Unmut, wie kath.net berichtet:

Der Rechtsexperte der Unionsfraktion, Norbert Geis (CSU), hat den designierten Bundespräsidenten Joachim Gauck aufgefordert, seine persönlichen Lebensverhältnisse schnell in Ordnung zu bringen. Dies dürfte bestimmt auch in dessen eigenem Interesse sein, um keine Angriffsfläche zu bieten, sagte der Bundestagsabgeorndete der «Passauer Neuen Presse» (Dienstag).

Diese „Angriffsfläche“ dürfte sich wiederum nur CSU-Mitgliedern bieten – niemand sonst wird Joachim Gauck ernsthaft die Eignung zum Bundespräsidenten absprechen wollen, nur weil er sich von seiner ersten Ehefrau nicht scheiden ließ (und seine neue Lebensgefährtin nicht heiratete).
kath.net-Chef Roland Noé alias „Gandalf“ allerdings zeigt in der Kommentarspalte Verständnis für Geis:

Die Lebensverhältnisse von Gauck sind definitiv NICHT seine Privatsache. Da führt Deutschland seit Wochen Debatten über den Privatkredit von Wulff etc. und dann wird ausgerechnet beim Thema Ehe ernsthaft behauptet, dass dies jetzt seine Privatsache sei… Die Ehe sollte doch etwas über den materiellen Dingen stehen. Das ist dann wirklich die größte Heuchelei: Bei Wulff ist alles quasi ÖFFENTLICH und NICHT PRIVAT und bei Gauck soll dies dann nicht sein. Wenn schon so hohe Anforderungen, dann für alle und auch bei den deutlich wichtigeren Dingen wie z. B. Ehe.

Manche würden vermtlich auch mit der Privatsache kommen, wenn Gauck wöchentlich sich im Bordell auslebt.

Und weil „die Ehe“ eben auch „etwas über den materiellen Dingen“ steht, geht sie niemanden außer den Beteiligten etwas an. Und solange Joachim Gauck in seiner Freizeit keine Kinderopfer darbietet, niemanden gegen seinen Willen in seinem Keller einsperrt oder sonstige illegale Dinge macht, ist sein Privatleben für die Öffentlichkeit völlig irrelevant. Das ist der kleine, aber nicht unwichtige Unterschied zur Causa Wulff – der sich den am Untenrum anderer Menschen interessierten fundamentalistischen Katholiken aber wohl kaum erschließen dürfte.


0 Antworten auf „Zwangsheirat“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


− fünf = drei