Prioritäten setzen

Als vor wenigen Wochen die Costa Concordia mit europäischen Touristen vor Italien kenterte, war die Aufregung groß: Wahrscheinlich 33 Menschen waren gestorben, nachdem das Schiff mit einem Felsen kollidierte. Wochenlang bekamen die Medien sich vor lauter Schnappatmung nicht mehr ein, genüsslich wurden angebliche Liebschaften des Kapitäns ausgebreitet, parallel wurde um die deutschen Opfer getrauert.

Im gesamten Jahr 2011 starben mehr als 1500 Bootsflüchtlinge vor Europas Küsten im Mittelmeer. Außer einigen Menschenrechtsgruppen nimmt davon niemand Notiz. Wer es nach einer abenteuerlichen Überfahrt vom afrikanischen Kontinent bis ans Land, meistens Italien, schafft, wird wieder abgeschoben.

Nun ist es nicht so, dass die Solidarität mit Flüchtlingen eine gänzlich linke Sache wäre: Auch Papst Benedikt XVI mahnte 2010 an:

Die Flüchtlinge, die um Asyl bitten und vor Verfolgung, Gewalt und lebensbedrohlichen Situationen geflohen sind, brauchen unser Verständnis und unsere Aufnahmebereitschaft.

Das freilich interessiert die Meisten wenig: Mit Unbehagen schaut man weg. Deutschland wird eben auch vor Lampedusa verteidigt.

Besonders ausgeprägt ist diese Ignoranz unter den Konservativen und extrem Rechten. Die islamfeindliche Plattform PI etwa hetzt in regelmäßigen Abständen gegen Asylsuchende und unterstellt ihnen, aus Bequemlichkeit ins deutsche Paradies reisen zu wollen und den guten deutschen Steuerzahlern auf der Tasche zu liegen.

Heute berichtet kath.net über das Thema, und erwartungsgemäß sind auch einige kath.net-Leser nicht wirklich daran interessiert, Flüchtlingen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen:

Als „Botschafter der Ungerechtigkeit“ bezeichnete der deutsche Menschenrechtsaktivist Elias Bierdel (Foto) beim Diözesanmännertag im Bildungshaus St. Hippolyt die zahlreichen Bootsflüchtlinge, die bei ihren Versuchen nach Europa zu gelangen oft unter dramatischen Umständen ums Leben kommen. Ursache für die Entscheidung eine Fahrt ins Ungewisse auf sich zu nehmen, sei letztlich die immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich, wie Bierdel betonte: „Unser Lebensstil ist unzumutbar für die Welt, für die Schöpfung. Wir wissen es, aber ändern nichts.“
[…]
„Gegen die Flüchtlinge wird Krieg geführt“, betonte Bierdel, der selbst nach einer dramatischen Rettungsaktion von Flüchtlingen in Seenot wegen angeblicher Schlepperei angeklagt gewesen war. Die Überwachung der EU-Außengrenzen geschehe mit Unterstützung von Satelliten der Europäischen Raumfahrtsbehörde ESA, die alle Bewegungen noch so kleinen Bootes im Mittelmehr erfassen. Bierdel: „Wenn ein Boot mit Flüchtlingen in Seenot gerät und Menschen ertrinken, geschieht dies willentlich.“ Andere Schiffe würden daran gehindert werden, zu helfen. „Wer es wagt, das europäische Versprechen auf Menschenrechte einzulösen, verschwindet.“

No border, no nation? Nicht mit kath.net-Lesern wie „BergKarmel“:

Unzumutbar…
…ist nur eines, nämlich dieses unerträgliche Geschwätz dieses Schleppers und Propagandisten einer überbordenden Zuwanderung.
Woher nimmt er die Annahme, dass unser Wohlstand nur „auf Kosten der armen Länder“ möglich wäre? Das ist hanebüchener Unfug!
Und dann das Gewäsch von der „Festung Europa“. Was wäre denn die Alternative? Grenzen auf für alle? Dann sollte man dem Herrn vielleicht einmal eine Ausgabe von Jean Raspails sehr treffendem Roman „Das Heerlager der Heiligen“ schenken.

Gott schütze uns davor, dass solche Wirrköpfe jemals an verantwortliche Stellen kommen oder sich ihre krude zivilisationsfeindliche Ideologie in irgendeiner Form durchsetzt!

„willibald reichert“ ist ebenfalls kein großer Freund von Solidarität:

Mir sind alle Menschen willkommen, für die der Herr
Bierdel p e r s ö n l i c h aufkommt! Im übrigen schaut
er nicht unbedingt so aus, daß er sich besondere
Einschränkungen bei dem Verbrauch von Nahrungs-
mitteln und dergleichen auferlegen würde.

Flüchtlinge, die im Meer ertrinken? Aber uns Deutschen gehts doch auch schlecht! Findet jedenfalls „Waeltwait“:

Unser Lebensstil?
was ist das Herr Bierdel ? Es gibt in Deutschland ca 80 Millionen Menschen. Jeder hat seinen eigenen Lebensstil. Viele haben einen sehr bescheidenen, Lebensstil. Auch in Deutschland geht die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinander. Wohin wollen Hartz 4 empfänger mit Familie und Kindern, die es nötig haben sich Nahrung von der Tafel zu holen ? In welches Land wollen die fahren ?
Ich verwahre mich gegen ein „Unser Lebensstil“.

Ich kann gut verstehen, warum sich Menschen auf den Weg nach Deutschland machen. Aber für die Gründe können wir nichts. Kein Mensch hungert weil ich nicht hunger. Menschen hungern aus den verschidensten Gründen. Oft sind es politische Gründe, oft werden sie beraubt. Oft ist es auch Faulheit. Oder Mängel in der Bildung.
Es gibt Menschen und Organisationen, die könnten gegen unverschuldete Armut energisch vorgehen. Sie tun es nicht.Statt dessen fordern sie die, die auch mit ihren Familien grade so leben, auf für die Armen zu spenden.

Ja, die Menschen hungern, weil sie faul sind. Das muss wohl die berühmte christliche Nächstenliebe sein, die aus „Waeltwait“ und den anderen spricht.


7 Antworten auf „Prioritäten setzen“


  1. 1 Moritz 07. Februar 2012 um 0:06 Uhr

    Also der allerdümmste Satz, den ich seit langem gelesen habe, ist dieses „Menschen hungern aus Faulheit“. Ich folgere daraus: 12 Stunden täglich, sechs Tage die Woche am Fließband/T-Shirts nähen/Whatever – sowas bezeichnet der Kommentator als „faul“.

  2. 2 prinzkeks 07. Februar 2012 um 2:21 Uhr

    ja warum sollte man sich denn mit flüchtlingen solidarisch zeigen, wenn die auch zu hause hätten bleiben und arbeiten können?

    @ moritz
    da bleiben schließlich noch 12h pro tag, in denen man arbeiten könnte…wenn der hunger doch so groß ist…wird man ja wohl mal sagen dürfen!!!

  3. 3 Volker 07. Februar 2012 um 9:27 Uhr

    Was Bigotterie aus einem Christenmenschen nur machen kann. Es ist erschreckend!

  4. 4 el_vizz 07. Februar 2012 um 16:44 Uhr

    @prinzkeks
    „da bleiben schließlich noch 12h pro tag, in denen man arbeiten könnte…wenn der hunger doch so groß ist…wird man ja wohl mal sagen dürfen!!!“

    Haben Sie es noch ein klein wenig menschenverachtender?

  5. 5 Administrator 07. Februar 2012 um 16:51 Uhr

    @el_vizz: Das dürfte Sarkasmus angesichts der unfassbar dummen Behauptung von „Waeltwait“ gewesen sein ;)

  6. 6 el_vizz 07. Februar 2012 um 19:25 Uhr

    @admin und keks: sorry. ich war heut stundenlang auf kath.net und in der community unterwegs. da muss ja zwangsweise meine sarkasmuseinheit abstürzen. brauch erstmal ein paar bier, um aus dem paralleluniversum wieder rauszukommen. :D

    im moment bin ich einfach nur fasziniert, wie ekelhaft leute sein können, die sich selber als paradechristen sehen. gruselig.

  7. 7 diskordianerpapst 08. Februar 2012 um 2:56 Uhr

    Mit dem Selbstbild als „Paradechrist“ gehts doch schon los.
    Das impliziert doch schon die Abgrenzung von anderen, eben „schlechteren“ Menschen. Das ist ja das Grundproblem bei Religionen, es befördert den (durchaus im Menschen angelegten) Wunsch nach Abgrenzung und sich selbst als „besser als die anderen“ anzusehen. Da kann noch so viel von Nächstenliebe und Barmherzigkeit geschwurbelt werden (und von einigen tatsächlich gelebt werden), das ficht aber diese Schlechtmenschen nicht an.
    Diese Leute brauchen sogar Menschen denen es schlechter geht als ihnen um ihr Selbstbild zu bestätigen. Man glaubt halt „richtig“ und erhält dafür Gottes Lohn. So gesehen passt es doch.
    Von aussen gesehen ist das natürlich das genaue Gegenteil von christlichen Werten, da könnte man glatt in Versuchung kommen sich irgendwie doch einen strafenden Gott zu wünschen ;-)
    Andererseits taucht natürlich die Frage auf wer diesen Leuten überhaupt erst ins Gehirn geschissen hat.
    Eine mögliche (blasphemische) Antwort spar ich mir aber ;-)

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