Die lieben Zahlen lxvi

Auch wenn sich der Tonfall oft unterscheidet, so überschneiden sich häufig doch zumindest die Themen, gegen die sowohl kath.net, als auch kreuz.net anwettern: Homosexuelle, liberale Katholiken, Andersgläubige und Linke sind, so der Tenor, im Zweifelsfall pfuibäh.

Der demonstrative Gleichschritt beider Portale lässt sich aktuell wieder einmal beobachten. Vorgestern gab kath.net um 12:15 bekannt, dass die Verkaufszahlen österreichischer Kirchenzeitungen im Sinken begriffen seien. Keine 45 Minuten später zog kreuz.net mit einem umfangreichen Artikel nach.

Der auf kath.net von „rn/pl“ (mutmaßlich: Roland Noé/Petra Lorleberg) verfasste Text hebt an:

Die österreichischen Kirchenzeitungen verlieren zum Teil massiv an Leserzahlen. Dies ergibt die im Dezember veröffentlichte Statistik der Österreichischen Auflagenkontrolle (ÖAK), in der vier österreichische Kirchenzeitungen aufscheinen.

Das von kath.net einst ausgegebene Motto „All the news, all the time“ trifft hier also nur so mittel zu: Die ÖAK gab diese Zahlen bereits am 23.12.2011 bekannt. Aber so ein Thema kann in der Eile ja schon mal untergehen und einen Monat später bei flauer Nachrichtenlage ausgegraben werden.

Wichtiger als das fragwürdige Datum der Meldung ist allerdings die Art und Weise, mit der kath.net hier wieder einmal gegen die verhassten liberaleren Katholiken agiert. Zunächst wird weitgehend wertungsfrei mit Zahlen jongliert. Mit dem Sonntag etwa:

In der Statistik des 1. Halbjahrs 2011 wird beispielsweise für den „Sonntag“, der Kirchenzeitung der Erzdiözese Wien, nur mehr ein wöchentlicher Direktverkauf von 13.617 (davon 8.456 Abos) ausgewiesen. Zum Vergleich: Der „Sonntag“ hatte im 2. Halbjahr 2010 noch 14.245 Stück direkt verkauft. Noch im 2. Halbjahr 2009 war es 14.984 und ein Jahr zuvor sogar noch 15.561 Stück!

Das ist eine Abnahme von knapp 12.5% in drei Jahren. Die Auflagenlisten lassen sich übrigens hier und hier nachlesen.

Noch dramatischer sind die Zahlen des Bistumsblatt der Diözese Gurk-Klagenfurt. Für das 1. Halbjahr 2011 wurden noch 6.366 im Direktverkauf ausgewiesen, ein Halbjahr zuvor waren es 2010 noch 6520 Stück. 2009 hatte die Kirchenzeitung von Gurk-Klagenfurt 6.655 und 2008 noch 6.801 Abos.

Das ist eine Abnahme von etwa 6,4% im Beobachtungszeitraum. Interessant wird es dann bei zwei erklärten Feinden von kath.net – der Linzer Kirchenzeitung und dem Rupertusblatt:

Für das 1. Halbjahr 2011 wurden noch 33.090 Stück [der Linzer Kirchenzeitung] im Direktverkauf ausgewiesen, die akutellen Zahlen, die noch nicht veröffentlicht wurden, könnten bereits wiederum darunter liegen. Im Vergleich dazu wurden im 2. Halbjahr 2010 noch 34.002 im Direktverkauf ausgewiesen. In den Jahren zuvor waren es 2009 34.947 Stück und 2008 noch 36.334 Stück.

Eine Abnahme von 8,9%, deren Gründe kath.net genau zu kennen glaubt:

Damit verlor die Linzer „Kirchenzeitung“, die von romtreuen Katholiken kaum mehr gelesen wird, in den vergangenen Jahren etwa 1000 Abonnenten pro Jahr. Dies entspricht bei einem Abopreis von derzeit 43,50 Euro immerhin jedes Jahr etwas über 40.000 Euro an verlorenen Einnahmen.

Wie man zu der Annahme kommt, dass die Linzer Kirchenzeitung von „romtreuen Katholiken“ gemieden wird? Das verrät Roland Noé alias „Gandalf“ in der Kommentarspalte:

Ich kenne in der Diözese Linz ja doch relativ viele Gläubige, keiner hat die Kirchenzeitung mehr abonnierrt und alle, die sie einmal abonniert hatten, hatten diese in den letzten Jahren abbestellt. Noch Fragen?

Weil sich Noé offenbar auch in Salzburg genau auskennt, hat kath.net ebenfalls eine Begründung für die schwindende Leserzahl parat:

Etwas verloren, wenn auch auf sehr niedrigem Niveau, hat laut ÖAK bei den Abozahlen auch das Salzburger „Rupertusblatt“. Für die Kirchenzeitung der Erzdiözese Salzburg wurden für die 1. Hälfte 2011 nur mehr 8.839 Abos ausgewiesen, ein halbes Jahr zuvor lag die Abozahl in der 2. Hälfte 2010 noch bei 9.011 Stück. In den Jahren zuvor gab es 2009 8.307 Abos und 2008 8.425 Abonnenten. Das Ruperutsblatt sorgte in den letzten Jahren bei Katholiken für Diskussion, weil man de facto den eigenen Weihbischof Andreas Laun die wöchentliche Kolumne gestrichen hat. Die Folge waren etliche Abbestellungen durch gläubige Katholiken und noch mehr finanzielle Zuschuss durch die Kirchensteuerzahler. Diese Subvention soll sich übrigens seit Jahren in einem sechstelligen Bereich befinden.

Wann genau das Rupertusblatt Laun geschasst haben sollte, ist nicht ganz leicht nachzuvollziehen. Von 2008 lässt sich auf kath.net ein Artikel Launs finden, der offenbar auch im Rupertusblatt erschienen war. Im Sommer 2010 attackierte der Weihbischof diese Zeitschrift bereits. Wenn man also annimmt, dass Laun irgendwann zwischen 2008 und 2010 seinen Hut nehmen durfte, dann ist die von kath.net getroffene Aussage mutig: Schließlich stiegen die Verkaufszahlen in diesem Zeitraum sogar leicht an. Die postulierte Abnahme der Leser_innen ist demzufolge auch Unsinn: Zwischen 2008 und 2011 stieg sie sogar um 4,9%, eine bemerkenswerte Entwicklung.

Denn natürlich haben die Entwicklungen in den Verkaufszahlen der Kirchenzeitungen wenig bis überhaupt nichts mit ihrer vermeintlichen liberalen Haltung zu tun. Vielmehr dürften die demographische Entwicklung und die generelle Printkrise daran Schuld sein, dass die meisten Zeitschriften an Leser_innen verlieren.
Als Vergleichsgrößen seien etwa die österreichischen Wochenzeitschriften Der Ennstaler (-5,9%), Murtaler Zeitung (-9,6%) oder NÖN (-4,7%) genannt.

Der Versuch hinter diesem Artikel ist jedenfalls eindeutig: Missliebige lokale Medien sollen mit möglichst wenig Aufwand (und ohne rationale Gründe) niedergeschrieben werden – und das klappt eben nicht: Das angeblich von vielen fundamentalistischen Katholiken verlassene Rupertusblatt hat im gewählten Beobachtungszeitraum sogar zugelegt, die Verluste der Linzer Kirchenzeitung bewegen sich völlig im Rahmen des zu Erwartenden.

Das hält freilich viele kath.net-Leser nicht davon ab, in den Abgesang einzustimmen – und Alternativen anzupreisen, wie „Marcus“ es tut:

Weg mit diesen sinnlosen Kirchenzeitungen! Vox populi-vox Dei. Nicht ohne Grund werden diese Blätter
ihre Leser verlieren. Das ist in D nicht anders.

Aber mittlerweile hat sich die „Junge Freiheit“ als für Katholiken sehr gut lesbar weiterentwickelt (ohne deswegen eine katholische oder kirchenamtliche Zeitung zu sein).

Die kann hier an die ehemaligen Kirchenzeitungsleser und an alle anderen weiterempfohlen werden.

Da hat die Kampagne der letzten Wochen scheinbar nachhaltig gewirkt.


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