Narrenfreiheit für einen Pfarrer?

Das „Schreibverbot“ des Ichenhausener Pfarrers Georg Alois Oblinger wächst sich in der rechtskatholischen Szene wie erwartet zu einer hemmungslosen Kampagne aus. Auf kath.net erschienen seit Mittwoch fünf Artikel zum Thema, und auch kreuz.net schießt sich immer mehr auf den Augsburger Bischof Zdarsa ein, der es Oblinger untersagte, für das rechte Blatt Junge Freiheit zu schreiben. Wieso Letzteres eine gute Idee war, habe ich hier dargelegt.

In den neuen Beiträgen empören sich nacheinander Harry Potter-Hasserin Gabriele Kuby, Papst-Biograph Peter Seewald und der ehemalige WELT-Journalist Gernot Facius darüber, dass ihr Lieblingsblatt vom Augsburger Bischof Zdarsa als das erkannt wurde, was es ist: eine Rechtsaußen-Postille.

Gabriele Kuby weist auf ihre eigene publizistische Vergangenheit bei der Jungen Freiheit hin, zitiert andere Katholik_innen, die für die JF wirkten und ist sich auch für einen dieser verräterischen Seitenhiebe auf die „linkslastige Medienlandschaft“ nicht zu schade. In ebendieser sei „ein konservatives Medium hoher Qualität“, wie es die JF darstelle, eine Stütze für die „Meinungspluralität in der freiheitlich-demokratischen Rechtsordnung“. Dass sich in der JF auch diverse offen rechtsradikale Autoren tummeln, verschweigt sie lieber.
Kuby beschließt ihren Text mit der Feststellung, dass die Kirche von innen zerstört würde – als Beleg führt sie neben dem „Schreibverbot“ den Weltbild-“Skandal“ an.

Seewalds Verteidigungsschrift ist kürzer. Er zeigt sich kath.net zufolge „erschüttert“ und will sich mit Oblinger solidarisieren. Nunja.

Gernot Facius gelingt der gewiefteste Versuch: Er distanziert sich ein wenig vom rechtskatholischen Mob, indem er daran erinnert, von „Traditionalisten“ als „altliberaler Journalist“ bezeichnet worden zu sein. Mit der längst ausgeleierten Phrase der „zeitgeistigen Strömungen“, die der Kirche in der Vergangenheit geschadet hätten, gibt er sich den Lesern aber als einer der ihren zu erkennen. Die Überschrift „Das Schreibverbot ist ein Rückfall in dunkle Zeiten“ weckt allerlei Assoziationen, keine davon ist in diesem Fall zutreffend oder auch nur angemessen. Facius lobt die JF, die „ein intellektuelles Publikum“ anspreche, dafür, dass sie „kirchliche bzw. theologische Sachverhalte differenziert“ darstelle. Dezent weist er auf Konrad Zdarsas Jugend in der DDR hin, und folgert, dass ihm „Zensurmentalität“ doch eigentlich zuwider sein müsse. Außerdem vergleicht er Oblinger mit „anderen auf den Besitz der Wahrheit pochenden Schreibern aus dem ’schwarzen Block‘“. Den höheren Sinn dieser Zeilen sucht man wohl vergeblich.

Die Reaktionen auf kath.net zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass ungünstige Fakten ausgeblendet und nicht einmal am Rande erwähnt werden. Wenn also etwa Gabriele Kuby das Zugeständnis macht, dass die JF von anderen Medien als rechtsradikal bezeichnet wird, dann folgt als Gegenrede nur der Verweis auf katholische Autoren. Die ganz offen anzutreffenden rassistischen und nationalistischen Tendenzen der Zeitschrift werden nicht einmal ansatzweise angesprochen oder gar widerlegt. Stattdessen übt man sich darin, „Zensur!!!“ zu schreien und die Meinungsfreiheit einzufordern. An keiner Stelle wird reflektiert oder gar bemerkt, dass die konservativen Katholiken der Jungen Freiheit ihr „bürgerliches“ Profil erst ermöglichen könnten.

Wie sehr sich kath.net für die immer wieder geforderte Meinungsfreiheit engagiert, lässt sich übrigens an einem weiteren aktuellen Artikel ablesen. Dort wird der Würzburger Augustinerprior Peter Reinl zum Abschuss freigegeben. Nicht etwa, weil er Hass auf andere Menschen verbreitete oder Medien unterstützte, die ebendas tun. Seine Verfehlungen sind ein wenig profaner:

Der Würzburger Augustinerprior Peter Reinl hält es für „nicht entscheidend“, „welche sexuelle Orientierung, welches Geschlecht und welchen gesellschaftlichen Stand derjenige hat, der dem Gottesdienst vorsteht“.

Überschrieben ist der mit derlei schweren Vorwürfen vollgestopfte Bericht übrigens mit „Narrenfreiheit für einen Prior?“. In der Kommentarspalte wird Rein daraufhin von „nemrod“ als ‚ein jämmerlicher Mensch!!‘ tituliert, während „Waldi“ eine gute Idee hat:

Welch ein Unsinn!
So gesehen könnte man doch ohne weiteres auch einen üblen Zuhälter die Messe zelebrieren lassen.

Übrigens: Wer hat im Sommer 2010 auf kath.net eine Bannerwerbung geschaltet? Na? Na? Genau.


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