Wieso man die Junge Freiheit guten Gewissens doof finden darf

Das „Schreibverbot“, das der Augsburger Bischof Konrad Zdarsa dem Ichenhausener Pfarrer Georg Alois Oblinger auferlegt haben soll, wird von kath.net zur neuen Kampagne, zum nächsten Kräftemessen aufgebauscht. Kaum war die Nachricht mit einem ersten Artikel in die Welt gesetzt (vgl. auch hier), schon folgte der zweite Streich. Atemlos berichtete kath.net am Nachmittag von „Zensur im Bistum Augsburg“. Um den Vorfall noch weiter zu skandalisieren, erklärte man gleich im ersten Satz, es gebe „weiterhin“ – nicht einmal einen halben Tag nach Bekanntwerden der Meldung – „Aufregung“ im Bistum Augsburg. kath.net will „erfahren“ haben, dass Oblinger eigentlich weiterhin Artikel verfassen dürfe – nur nicht für die Junge Freiheit. Zudem müssten sie dem Ordinariat Augsburg vorgelegt werden. Ferner wird Martin Lohmann, Sprecher des Arbeitskreises Engagierter Katholiken in der CDU, zitiert, der die Zeitschrift vehement verteidigt. Dass er selbst Autor der JF war, verschweigt kath.net sicherheitshalber.

Dass es sich beim von kath.net herbeigeschriebenen „Schreibverbot“ also um gar keines handelt, soll aber nicht Thema dieses Postings sein. Vielmehr möchte ich auf Roland Noés Kommentare unter den Artikeln eingehen. Noé, Chef von kath.net und im Community-Bereich als „Gandalf“ unterwegs, versteht nämlich die Welt nicht mehr. Und auch keinen Spaß. Als Leser „Friedemann Bach“ dem Bischof dankt und sich gegen eine Zusammenarbeit von Katholiken und Rechtsextremisten ausspricht, reagiert „Gandalf“ etwas säuerlich:

@Bach: Du behauptest hier folgendes: „Wir haben es doch gar nicht nötig, mit Presseorganen zusammenzuarbeiten, die Schwierigkeiten haben, sich vom Rechtsextremismus abzugrenzen.“ Bach, Du wirst hier sicherlich einen Nachweis bringen, denn für Verleumdungen könntest Du auch rechtlich belangt werden und da wird man sich nicht auf irgendwelche einseitigen Wikipediaartikel rausreden können.

Und kurz darauf schreibt Noé:

Bin auch mal gespannt, ob Bach & Konsorten jetzt auch Radio Vatikan boykottieren, denn die arbeiten ja auch mit der linken TAZ zusammen.

Eine tolle Serviceleistung, Leser auf mögliche strafrechtliche Konsequenzen ihrer Kommentare aufmerksam zu machen. Weil man aber kaum erwarten kann, dass in der kath.net-Kommentarspalte eine offene Diskussion über die rechten Verflechtungen der Jungen Freiheit erfolgt, werde ich hier ein paar Indizien sammeln.

Zunächst ein dezenter Hinweis darauf, welche Internetseiten sich ebenfalls darüber empören, dass der Augsburger Bischof die Zeitschrift als kein so gutes Medium betrachtet: PI faselt von einem „Kirchenk(r)ampf gegen rechts“, während kreuz.net „linke Medienbosse“ am Werk vermutet. Sowohl kreuz.net als auch PI darf man vorwerfen, sich nicht entschieden genug von rechtsradikalem Gedankengut zu distanzieren (im Gegenteil).

Weil sich Roland Noé davon aber kaum beeindrucken lassen dürfte, werfen wir einmal einen Blick auf die Autorenliste, die die Junge Freiheit online dankenswerterweise anbietet. Dort finden sich einige illustre Namen.
Da wäre etwa der französische Publizist Alain de Benoist zu nennen. Dessen politische Karriere begann schon vielversprechend mit der Mitgliedschaft in der rechtsterroristischen Organisation Jeune Nation, nach deren Verbot gründete er in seiner Studienzeit die militante neofaschistische Fédération des Étudiants Nationalistes. Er war eng mit dem 1980 gegründeten rechtsextremen deutschen Thule-Seminar verbunden und wurde Beiratsmitglied der Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung, der NPD-Mäzen Jürgen Rieger vorstand. Im Verlag Junge Freiheit erschienen von de Benoist Bücher mit so schönen Titeln wie Kritik der Menschenrechte, Die Schlacht um den Irak. Die wahren Motive der USA bei Ihrem Kampf um Vorherrschaft oder Aufstand der Kulturen. Außerdem wirkte er in Zeitschriften wie Europa vorn oder Nation und Europa mit, den Holocaust-Leugnern von Journal of Historical Reviews gab er mehrfach Interviews.

Oder JF-Autor Alfred Schickel. Der Historiker erhielt noch 1989 das Bundestverdienstkreuz am Bande, 1996 erklärte die Bundesregierung, Schickel vertrete Auffassungen, die „teilweise denen entsprechen, wie sie von Rechtsextremisten vertreten werden“. Ja, das kann man schon so sehen: Schickel ist Leiter der Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt, in dieser Funktion erklärte er 1980, dem Holocaust seien keine 6 Millionen Juden zum Opfer gefallen, diese Zahl würde „heute in der zeitgeschichtlichen Wissenschaft nicht mehr ernsthaft vertreten“.

Alles nicht rechts genug? Wie wäre es dann mit Horst Rudolf Übelacker? Der ehemalige Direktor der Bundesbank war bis 2006 Vorsitzender des Witikobundes, einer sudetendeutschen Organisation, die wie viele andere auf die Rechte der „Vertriebenen“ pochen und damit aus deutschen Tätern Opfer machen. Übelacker schreibt nicht nur für die JF, sondern auch für die rechten österreichischen Zeitschriften Die Aula und Zur Zeit und den Hohenrain-Verlag.

Oder Claus Wolfschlag. Der promovierte 2001 mit der vielsagenden Arbeit Das antifaschistische Milieu. Vom ’schwarzen Block‘ zur ‚Lichterkette‘– Die politische Repression gegen ‚Rechtsextremismus‘ in der Bundesrepublik Deutschland, die sogar von der Jungen Union Berlin kritisiert wurde. Dazu kamen Beiträge in Europa, dem Organ des NPD-nahen Nationaleuropäischen Jugendwerkes. JF-Autor Wolfschlag nennt sich selbst einen „Bewahrer nationaler Identität“.

Usw. Albrecht Jebsens schrieb für die Junge Freiheit und war Referent für die NPD-nahe Gesellschaft für Freie Publizistik. Auch Heinrich Lummer, in den 80gern Bürgermeister von Berlin, wird von der JF als Autor geführt. Er ist Mitglied des vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften Vereins Die Deutschen Konservativen. 1999 erschien sein dem Titel nach ziemlich ausgewogenes Buch Deutschland soll deutsch bleiben: kein Einwanderungsland, kein Doppelpaß, kein Bodenrecht im rechten Hohenrain-Verlag. Günter Zehm schrieb an einer Festschrift für den Holocaust-Leugner David Irving mit. Als sich das Kriegsende zum 50. mal jährte, meldete sich JF-Autor Karlheinz Weißmann zu Wort und kritisierte, dass dieser Tag zu „einseitig“ als Befreiung aufgefasst würde.
Achja: und kath.net-Gastautor Marcus B..
Unter den Interviewpartnern der Jungen Freiheit finden sich Namen wie Udo Voigt – zu dem Zeitpunkt noch NPD-Parteivorsitzender.

Eine sehr detaillierte Liste mit fragwürdigen JF-Autoren und ein ausführliches Glossar finden sich übrigens hier.

Nein, die Junge Freiheit kann man guten Gewissens als eine rechte Zeitschrift bezeichnen, die mit der Mischung aus knallhartem Revisionismus, auch unter PI-Lesern mehrheitsfähigem Rassismus und vorgeschobener Bürgerlichkeit das Kunststück vollbringt, gleichzeitig Neonazis wie CDU-Lokalpolitiker für sich zu begeistern.
Fairerweise muss erwähnt werden, dass nicht alle JF-Autoren eine explizit rechte Karriere oder Gesinnung vorzuweisen haben. Dass der Augsburger Bischof Zdarsa aber keinen seiner Pfarrer in der Nähe von Rassisten sehen will, ist verständlich. Und es ist ein gutes Zeichen, wo viele andere Katholiken doch ganz offenbar auf dem rechten Auge blind sind.


2 Antworten auf „Wieso man die Junge Freiheit guten Gewissens doof finden darf“


  1. 1 Anonymous 20. Januar 2012 um 8:11 Uhr

    Noe

  2. 2 Administrator 20. Januar 2012 um 12:44 Uhr

    Hm?

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