Eine schaumige Mischung

Wer kennt das nicht? Man ist Gegner des „Pro-Death-Präsidenten“ Barack Obama, hält dessen Gesundheitsreform für „Staatssozialismus“ und fühlt sich vom rechten, verschwörungstheoretischen und fundamentalistisch-christlichen TV-Sender Fox News bestens informiert. Nun nähert sich die entscheidende Wahl, doch richtige Vorfreude will sich nicht einstellen: Seltsamerweise überbieten sich die ins Schema passenden republikanischen Kandidaten in Sachen Blödheit immer wieder gegenseitig, sodass man öfter umschwenken muss als Akte 2012-Kameraleute während einer durchschnittlichen Anmoderation.

Roland Noé, seines Zeichens Chef von kath.net und im Community-Bereich als „Gandalf“ unterwegs, muss es so gehen. Erst zeigte er sich als Fanboy der unsagbar dämlichen Tea Party-Bewegung, deren tragende Säulen wie Michelle Bachmann sich mit ihrer Stumpfheit aber selbst für die neokonservativsten Amerikaner als unwählbar herausstellten. Dann sympathisierte Noé mit dem über seine Seitensprünge und mutmaßlichen sexuellen Belästigungen Angestellter gestolperten Herman Cain, der zwar eine Pizzeria-Kette aufbaute, aber keine Ahnung hatte, ob Obama die libyschen Aufstände befürwortete. Und der sich unschlüssig war, was er über Gaddafi zu denken hatte.

In der Freakshow, die sich „republikanische Vorwahlen“ nennt, stechen aktuell jedenfalls drei Männer heraus: Mitt Romney, der die erste Vorwahl in Iowa knapp für sich entscheiden konnte, für kath.net und Roland Noé aber wegen seinen vergleichsweise gemäßigten politischen Ansichten und aufgrund seiner Religion – er ist Mormone – nicht als geeigneter Kandidat für die Wahl gegen Obama gilt. Auch der 76-jährige Ron Paul, der noch Chancen besitzt, kommt für kath.net nicht in Frage. Seine libertären Wunschträume und die Forderung nach einer Legalisierung von Marihuana decken sich nicht wirklich mit den Vorstellungen Noés. Der hat seine Augen vielmehr auf einen dritten Kandidaten geworfen, der Romney in Iowa nur um 8 Stimmen unterlegen war: Rick Santorum.

Zwei Tage nachdem Santorum sich Mitt Romney knapp geschlagen geben musste, erschien auf kath.net ein von der Katholischen Presseagentur verfasster Artikel zum Thema:

US-Präsidentschaftsbewerber Rick Santorum hat Lob in der vatikanischen Tageszeitung «Osservatore Romano» gefunden. Der Republikaner sei als «moralischer Sieger» aus der Vorwahl im US-Bundesstaat Iowa hervorgegangen, schreibt das Blatt (Donnerstag). Der Ex-Senator aus Pennsylvania sei ein erklärter Anwalt für den Schutz des Lebens und der Familie. Santorum, ein praktizierender Katholik, hatte seinen Wahlkampf in dem Bundesstaat im Mittleren Westen auf die Themen Glaube und Familie konzentriert.

Weil sich amerikanische Konservative in ihrem Kampf für die rechte Sache in der Regel nicht auf Religion und „Schutz des Lebens und die Familie“ beschränken, ließen sich über Rick Santorum auch ein paar negative Dinge sagen. So ist er ein Gegner der Evolutionstheorie und im Gegenzug Fan des unwissenschaftlichen und unsinnigen Kreationismus, den er per Gesetzentwurf auch an die Schulen der USA zu tragen versuchte. Muslime hält er für die Feinde Amerikas, ferner will er jede Form von Abtreibung unter Strafe stellen. In einem Interview stellte Santorum auch seine Empathiefähigkeit zur Schau – Kinder sozial Schwächerer sollten nicht mit dem Gefühl aufwachsen, dass der Staat sie bezahle. Stattdessen sollten sie leiden (wörtlich: suffer), schließlich sei Leiden ein Teil des Lebens aller Christen. Ahja.
Sein Hass auf Homosexuelle ist legendär, 2003 etwa verlautbarte er, Homosexualität sei vergleichbar mit sexuellem Missbrauch von Kindern, Inzest und Sodomie. Diese und andere Worte führten dazu, dass sein Nachname Santorum durch ihm wenig wohlgesonnene Blogger einen gänzlich neuen Sinn bekam:

santorum: „the frothy mixture of lube and fecal matter that is sometimes the byproduct of anal sex“

Um nicht zu erröten, verzichte ich auf eine Übersetzung. Die neue Bedeutung des Namens führte zu einer sog. „Google-Bombe“ – durch vermehrtes Verlinken auf Seiten, die santorum im zitierten Kontext benutzten, wurde die Google-Suche manipuliert. Wer sich über den Politiker Rick Santorum informieren wollte, stieß zunächst auf viele, viele Webauftritte mit etwas anderem Inhalt. Eine schöne Idee.

Rick Santorum mag der Mann der Stunde sein, mit ziemlicher Sicherheit wird er als rechter Hardliner aber keine Chance gegen Obama haben – alles läuft auf Mitt Romney hinaus. Roland Noé alias „Gandalf“ hat er trotzdem von sich überzeugt. Vorhang auf zu einer weiteren leidenschaftlichen Verteidigungsrede eines amerikanischen Rechtsaußen!
Im Kommentarbereich erhebt nämlich „Ulrich Motte“ Widerspruch gegen Santorums Qualitäten:

Danke, Vatikanzeitung! Gut so!
Ob allerdings die Auffassungen Santorums zur Sozialpolitik, zur Außen- und Militärpolitik, zur Todestrafe, zur Einwanderung päpstlichen und bischofskonferenzlichen Vorgaben entsprechen? Er liegt da wohl eher auf üblicher Us-evangelikaler Linie.

Das kann Noé aka „Gandalf“ nicht auf sich sitzen lassen:

@Ulrich Motte: Wieso, Santorum ist klar gegen die Todesstrafe für ungeborene Kinder? Diese wird in den USA am häufigsten vollzogen. Damit liegt der klar auf der Linie des Vatikans und der Bibel.

Vermutlich merkt Noé nicht einmal, wie dämlich diese drei Sätze sind. „Ulrich Motte“ schon – wenngleich er es nur noch schlimmer macht:

Herr Gandalfi
BITTE – Abtreibung ist Tötung und nicht Todesstrafe. Wollen Sie wirklich dieses schreckliche Verbrechen in sprachlichen Zusammenhang mit der Hinrichtung von schlimmsten Tätern setzen? Und ich erwähnte ja noch andere Punkte…

Herrje. Darauf geht nicht einmal „Gandalf“ mehr ein. Dafür antwortet er „Waldi“, der/die zunächst fordert:

Entweltlichung
Die Kirche sollte sich aus dem US-Wahlkampf heraushalten! Erinnern wir uns an die Predigt des Papstes in Freiburg!

Noé schreibt:

@Waldi: Die Kirche soll Politiker, die katholische Werte vertreten, sehr wohl ermutigen und unterstützen. Dies hat aber Null mit der Entweltlichungsrede von Freiburg zu tun. Immerhin hat hier das offiz. Medium des Papstes den Politiker gelobt und das ist gut sei. Vermutlich würde der L‘Osservatore Romano auch eine deutschen Politiker loben, tja, welche nur?

„Hl.Hilarius“ kritisiert unterdessen:

Wolf im Schafspelz
Rick Santorum ist ein Befürworter der Todesstrafe. Somit nimmt er schweren Sündern die Chance auf Reue. Todesstrafe ist Mord – und jemand, der diesen toleriert, befindet sich nicht mehr im katholischen Raum.

„Gandalf“ reagiert:

@Hilarius: Ich bin selber persönl. gegen die Todesstrafe. Nur zu 100 % ist nicht einmal die kath. Kirche gegen die Todesstrafe, dh. man kann hier wirklich dann nicht unbedingt jmd. einen Vorwurf machen, wenn er in Extremfällen dafür ist und hier weicht Santorum (siehe Artikel aus dem Jahr 2005) nicht unbedingt von der Linie der Weltkirche ab. Das weitaus größere Verbrechen unserer Zeit ist allerdings die Abtreibung und da ist Santorum aber sowas von klar auf kirchlicher und humaner Linie, dies im Gegensatz zum Anti-Life-Präsidenten Obama.
[Link zu Fox News]

„Willigis“ merkt an:

Die republikanischen Kandidaten…
…sind alle gegen Abtreibung. Bloß ist das ein irrelevantes Kriterium, da der Präsident daran wenig ändern kann, oder hat Abtreibungsgegner Bush in acht Jahren da etwas Signifikantes geschafft?

Ansonsten fallen die Kandidaten leider durch den üblichen amerikanischen Hurra-Patriotismus auf, der jede Selbstreflektion über den Weg Amerikas im letzten Jahrzehnt vermissen lässt. Die außenpolitischen Ansichten und Wissenslücken einiger Kandidaten sind beängstigend. Es reicht eben für dieses Amt nicht, Abtreibungsgegner zu sein.

Wieder antwortet „Gandalf“ prompt:

@Willigis: Bitte ein wenig besser informieren ;-) Im Gegensatz zu and. Ländern hat der Präsident hier sehr wohl einige MÖlgichkeiten. Er kann Höchstrichter ernnen, die eine Gesetzgebung auf Jahrzehnte beeinflussen. Er hat die Möglichkeit, Geldflüsse zu ermöglichen. Eine der ersten Amtshandlungen von Obama war, dass er Internat. Pro-Abtreibungsgruppen wieder finanz. Unterstützung ermöglich hat.

//

@Willigis: Hier gehts aber um Santorum und nicht um einigeWissenslücken von manchen Kandidaten, die aber überhaupt nicht relevant sind. Es geht um die Werte, die jmd. vertritt und hier ist Santorum eindeutig ein Kandidat, der seinen katholischen Glauben ernst nimmt und der für Katholiken auch wählbar ist.

Und so geht es immer weiter. Noé liest sich die einzelnen Beiträge geduldig durch und geht auf sie ein. Exemplarisch noch der bis dato aktuellste Dialog:

„Florentius“:
Santorum & Krankenversicherung
Ich stehe diesem Mann zwiegespalten gegenüber. Kann ein guter Katholik wirklich behaupten, dass durch fehlende Krankenversicherung keine Amerikaner sterben? Meiner Meinung nach werden hier die Schwächsten unserer Mitmenschen verhöhnt und weiterhin gezielt unterdrückt.

„Gandalf“:
@Florentius: Die wirklich Schwächsten unserer Mitmenschen sind sicherlich mal primär die ungeborenen Kinder, die zum Abschuss freigegeben wurden. In den USA sind viele skeptisch gegenüber einer Pflichtkrankenkasse wie es dies bei uns gibt, ganz einfach, weil dort das Freiheitsverständnis doch ein völlig anderes ist als in Europa. Über das kann man geteilter Meinung sein, eine Glaubensfrage ist dies sicherlich nicht.

Es ist ja nicht einmal das Inhaltliche, das an Roland Noés Reaktionen so spannend zu beobachten ist. Vielmehr fällt auf, wie groß sein Interesse er an der amerikanischen Politik zu sein scheint. Auch sein weltberühmter Ausbruch 2010 fand unter einem Artikel über die US-Rechtsaußen statt. Die außerordentliche Anzahl der zugelassenen, eher kritischen Lesermeinungen lässt vermuten, dass sich Noé aktiv in den amerikanischen Wahlkampf einzumischen versucht und die Leser von seinem Favoriten zu überzeugen versucht – was auf einem deutschsprachigen Portal naturgemäß ein wenig aussichtslos ist.

Angesichts der eher düsteren Aussichten Santorums, Obamas Gegenspieler oder gar dessen Bezwinger zu werden, darf man sich auf die nächsten von kath.net und Noé gepushten Kandidaten freuen: Wird es Newt Gingrich, der rassistische ehemalige Sprecher des Repräsentantenhauses, sein? Rick Perry, dem bei einer TV-Debatte nicht mehr einfiel, welche Behörden er abschaffen wollte?
Oder muss Roland Noé wieder einmal alles selber machen?


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