Archiv für Januar 2012

Pro-Li(f)e

Ich hatte kürzlich erst darauf hingewiesen, welchen Bärendienst Seiten wie kath.net den seriösen Abtreibungsgegnern erweisen. Indem völlig lächerliche und/oder gefährliche Vergleiche („Babycaust“, „Massenmord“, „Krieg“) synonym für Schwangerschaftsabbrüche verwendet werden, dürfte das Ziel einer gesellschaftlichen Diskussion über das Thema in immer weitere Ferne gerückt werden.

Nun hat kath.net einen in jeder Hinsicht fragwürdigen Text veröffentlicht, der im Internet mittlerweile Allgemeingut ist: Ein aus dem Englischen übersetzter fiktiver Brief eines Babys, der es auf stolze 26.400 Google-Suchergebnisse bringt. Der „Tagebuch eines ungeboren Babys“ überschriebene Text gehört zu den erbärmlichsten Mitteln, zu denen christliche Fundamentalisten greifen:

5. Oktober: Heute begann mein Leben. Meine Eltern wissen es noch nicht, aber ich bin schon da. Ich werde ein Mädchen sein – mit blondem Haar und blauen Augen. Alle meine Anlagen sind schon festgelegt, auch dass ich eine Schwäche für Blumen haben werde.

Dieser ziemlich zahme erste Eintrag gibt die Stoßrichtung vor: Es wird auf die Emotionen der Leserinnen abgezielt, ihnen werden in ihrer im Zweifelfall sehr misslichen Lage völlig unrealistische „Fakten“ suggeriert:

19. Oktober: Manche sagen, ich sei noch gar keine richtige Person, sondern nur meine Mutter existiert. Aber ich bin eine richtige Person, genauso wie ein kleiner Brotkrümel eben Brot ist. Meine Mutter existiert. Ich auch.

Der Größenvergleich ist erfrischend realistisch: Ein zwei Wochen alter Embryo misst ca. einen Millimeter. Diesen ernsthaft mit der Mutter gleichzusetzen, erfordert dann doch etwas guten Willen.

23. Oktober: Jetzt öffnet sich schon mein Mund. In ungefähr einem Jahr werde ich lachen und sprechen können. Ich weiß, was mein erstes Wort sein wird: MAMA.

Die Zahl 18 spielt tatsächlich eine Rolle beim ersten Mundöffnen des Embryos. Allerdings wird der Mund nicht nach achtzehn Tagen zum ersten mal geöffnet, sondern in der 18. Schwangerschaftswoche. Im Übrigen scheint es auch fraglich, ob bei einem 1 Millimeter großen Embryo nach zweieinhalb Wochen tatsächlich ein Mund zu erkennen ist.

25. Oktober: Mein Herz hat heute zu schlagen begonnen. Von jetzt an wird es für den Rest meines Lebens schlagen, ohne jemals inne zu halten, etwa um auszuruhen. Und nach vielen Jahren wird es einmal stillstehen, und dann werde ich sterben.

Die erste Zeitangabe ist sogar realistisch. Die völlig unsinnige Annahme, dem Embryo stünde nun (außer er fällt der Abtreibung zum Opfer) ein langes Leben bevor, zielt wiederum auf die Emotionen der potenziellen Mutter ab.

2. November: Jeden Tag wachse ich etwas. Meine Arme und Beine nehmen Gestalt an. Aber es wird noch lange dauern, bis ich mich auf diese kleinen Beine stellen und in die Arme meiner Mutter laufen kann, bis ich mit diesen kleinen Armen Blumen pflücken und meinen Vater umarmen kann.

Mit viel gutem Willen könnte man auch dieses Datum als korrekt einstufen – der Rest freilich ist die christlich-fundamentalistische Vorstellung einer „idealen“ glücklichen Familie. Gründe der Frau, das Kind nicht bekommen zu wollen/können, werden konsequent ignoriert.

12. November: An meinen Händen bilden sich winzige Finger. Wie klein sie sind! Ich werde damit einmal meiner Mutter übers Haar streichen können.

Auch diese Zeitangabe dürfte nicht stimmen – zumal die Finger selbst in der 10. Woche noch mit einer Art Schwimmhaut verbunden und erst ab der 14. Woche eindeutig erkennbar sind.

20. November: Erst heute hat der Arzt meiner Mutter gesagt, dass ich unter ihrem Herzen lebe. O wie glücklich sie doch sein muss! Bist du glücklich Mama?

Nicht zwangsläufig, vermute ich. Und du kannst immer noch nicht sprechen und deine Mutter als Mutter erkennen, kleiner Embryo.

25. November: Mama und Papa denken sich jetzt wahrscheinlich einen Namen für mich aus. Aber die wissen ja gar nicht, dass ich ein kleines Mädchen bin. Ich möchte gern Susi heißen. Ach, ich bin schon so groß geworden!

Fraglich, ob Mädchen heutzutage tatsächlich noch Susi heißen möchten, aber auch abgesehen davon ist dieser Eintrag wieder Quatsch. Indem sich aber in diesem Text Fiktion und Realität beständig abwechseln, wird der gewünschte Effekt erreicht: Einige Mütter dürften spätestens hier vergessen haben, dass ihr Embryo weder denken, noch fühlen, noch sprechen kann. Ein Musterbeispiel dafür ist auch der folgende Eintrag:

10. Dezember: Mein Haar fängt an zu wachsen. Es ist weich und glänzt so schön. Was für Haare die Mama wohl hat?

Ähnlich fragwürdig geht es weiter:

13. Dezember: Ich kann schon bald sehen. Es ist dunkel um mich herum. Wenn Mama mich zur Welt bringt, werde ich lauter Sonnenschein und Blumen sehen. Aber am liebsten möchte ich meine Mama sehen. Wie siehst du wohl aus, Mama?

Die Iris öffnet sich in der 21. Woche, in der 26. Woche werden die Augen erst (teilweise) geöffnet. Wir befinden uns hingegen noch in Woche 8. Die Taktik, die hinter diesen bewusst falschen Angaben steckt, ist offensichtlich: Alle Eigenschaften, die den Embryo auch äußerlich wie einen Menschen erscheinen lassen würden, sollen möglichst früh – noch vor dem Ende der Abtreibungsfristen – entwickelt sein. Dass dabei gelogen werden muss, ist nur eine der vielen Schwäche des „Tagebuchs“.

Bevor es aber zum Unvermeidlichen kommt, wird noch schnell etwas geklärt:

24. Dezember: Ob Mama wohl die Flüstertöne meines Herzens hört? Manche Kinder kommen krank zur Welt. Aber mein Herz ist stark und gesund. Es schlägt so gleichmäßig: bum-bum, bum-bum. Mama, du wirst eine gesunde kleine Tochter haben!

Der Embryo ist also gesund, weshalb die bevorstehende Abtreibung, so der Unterton völlig ohne jeden Grund stattfinden wird. Die Mutter wird erneut ausgeklammert. Und so:

28. Dezember: Heute hat mich meine Mutter umgebracht. Sie hat mich umgebracht.

Das ist aus mehreren Gründen falsch, aber vor allem wieder eine Äußerung, die auf die Emotionen der Leserinnen (und der besorgten Leser) zielen soll: Nicht nur, dass man diskutieren könnte, ob „umgebracht“ wirklich eine adäquate Umschreibung ist; wieder soll durch die direkte Anrede impliziert werden, dass ein „vollständiger“ Mensch sein Leben lassen musste. So wird ein Embryo, der weder fühlen, noch denken, noch sprechen, schreiben oder Tee trinken kann, in die Rolle des Anklägers über abtreibende Frauen erhoben.

Weil diese Mischung aus manipulativen Lügen und fragwürdiger Sentimentalität für einen auf kath.net veröffentlichten Text aber noch lange nicht ausreicht, ist das „Tagebuch“ des Embryos noch lange nicht vorbei. Denn:

Liebe Mami, jetzt bin ich im Himmel und sitze auf Jesu Schoß. Er liebt mich und ist mir ganz nah. Ich wäre so gerne Dein kleines Mädchen gewesen und verstehe eigentlich nicht so richtig, was passiert ist. Ich war so aufgeregt als ich feststellte, dass ich zu existieren begann. Ich befand mich in einem dunklen, aber wohligen Raum. Ich merkte, dass ich Finger und Zehen hatte. Ich war schon ziemlich weit entwickelt, wenn auch noch nicht bereit, meine Umgebung zu verlassen. Die meiste Zeit verbrachte ich damit, nachzudenken und zu schlafen.

Wenn schon der tagesaktuelle Teil nur schwer zu ertragen war, so wird es nun tatsächlich sehr unschön. Der Embryo verbrachte „die meiste Zeit“ mit Nachdenken? Ohne funktionierendes Gehirn? Seriously?

Nachdem ein Streit zwischen Mutter und Vater nacherzählt wird – auch das natürlich unrealistisch, da das Kind frühestens im 7. Schwangerschaftsmonat die Stimme seiner Mutter zuordnen und erst viel später darüber nachdenken kann – geht es ans Eingemachte:

An genau diesem Tag passierte etwas ganz schreckliches. Ein gemeines Monster kam in diesen warmen, bequemen Ort, an dem ich mich befand. Ich hatte schreckliche Angst und begann zu schreien, aber es kam kein Laut über meine Lippen. Das Monster kam immer näher und näher und ich schrie immer wieder: „Mami, Mami, hilf mir bitte, hilf mir!“ Entsetzliche Angst war alles, was ich fühlte. Ich schrie und schrie bis ich nicht mehr konnte. Dann riss das Monster mir den Arm aus. Es tat so weh, ein unbeschreiblicher Schmerz. Und es hörte gar nicht auf. Oh wie ich bettelte, es möge aufhören! Voller Entsetzen schrie ich, als das unerbittliche Monster mir ein Bein ausriss. Trotz unsäglicher Schmerzen wusste ich, dass ich im Sterben lag. Ich wusste, dass ich nie dein Gesicht sehen oder von dir hören würde, wie sehr du mich liebst. Ich wollte alle deine Tränen versiegen lassen und hatte so viele Pläne, dich glücklich zu machen — nun konnte ich das nicht mehr, meine Träume wurden zerschlagen. Obwohl ich schreckliche Schmerzen und Angst hatte, spürte ich vor allem mein Herz brechen. Mehr als andere wollte ich deine Tochter sein.

Doch nun war es vergebens, denn ich starb qualvoll!

Man möge mir die zynischen Worte verzeihen, aber langsam wird es lächerlich. Auch wenn man Abtreibung als Mord empfindet, so ist der Unsinn dieser Zeilen kaum zu übersehen. Der Embryo kann zu diesem Zeitpunkt, ich wiederhole es nur der der Form halber, keine Schmerzen fühlen. Er kann nichts sagen. Er kann nichts sagen wollen, denn: Er kann nicht denken. Er kann also auch keine Pläne haben, und wenn, dann höchstens die, demnächst etwas zu schlafen oder zu essen. Er kann keine Träume haben, keine Angst spüren. Und er kann mit einiger Gewissheit auch nicht „unbedingt“ die Tochter der angesprochenen Mutter sein wollen.

Der Rest des Briefs ist ein Appell an die Mutter (= an alle potenziellen Mütter); durchtränkt mit simpelster naiv-christlicher Symbolik und weiteren wissenschaftlich nicht haltbaren Behauptungen:

Ich fühlte, wie ich in die Höhe stieg. Ich wurde von einem riesigen Engel zu einem großen, wunderschönen Ort hinaufgetragen. Ich weinte noch immer, aber der körperliche Schmerz war verschwunden. Ein Engel brachte mich zu Jesus und setzte mich auf seinen Schoß. Jesus sagte mir, dass er mich liebt und dass Gott mein Vater ist. Da war ich glücklich. Ich fragte ihn, was denn dieses Ding war, das mich getötet hatte. Er antwortete: „Das des Abtreibungsarztes.“ Dann meinte er noch „Es tut mir so leid, mein Kind, denn ich weiß, wie sich das anfühlt.“

Ich schreibe, um dir zu sagen, dass ich dich liebe und wie gerne ich dein kleines Mädchen gewesen wäre. Ich habe mit aller Kraft versucht, zu leben. Ich wollte leben. Den Willen hatte ich, aber ich konnte nicht, das Monster war zu stark. Es war unmöglich zu leben. Ich wollte nur, dass du weißt, dass ich es versucht habe, bei dir zu bleiben. Ich wollte nicht sterben! Also, Mami, bitte hüte dich vor diesem Monster Abtreibung. Mami, ich liebe dich und ich will auf keinen Fall, dass du die selben Schmerzen durchmachen musst wie ich.

Bitte pass auf dich auf!
In Liebe, dein Baby.

Der Brief ist, das muss man den unbekannten Urhebern zugestehen, geschickt verfasst. Den Frauen, die sich unsicher fühlen und in einer Zwickfühle befinden, werden völlig falsche „Fakten“ präsentiert, die ihnen ein schlechtes Gewissen einreden sollen: Wer will schon einen Embryo abtreiben, der doch offenbar Schmerzen und Angst fühlen und für die Zukunft planen kann? Mögliche Zwangslagen wie eine Schwangerschaft nach Vergewaltigung werden geflissentlich ignoriert und die Gründe für einen Schwangerschaftsabbruch auf einen (egoistischen?) Streit zwischen den Eltern reduziert.
Vor allem die Symbolik ist zweckgerecht gelungen: Christlich geprägte Frauen wird die abschließende Drohung vor der Hölle abschrecken, und auch eher säkularen Frauen wird die sehr simple Himmelsdarstellung etwas bedeuten. So ist es kein Wunder, dass dieses „Tagebuch eines ungeborenen Babys“ auch auf diversen religionsferneren Seiten verbreitet ist.

Seriöse Abtreibungskritik sieht jedenfalls anders aus.

Entwarnung

Beruhigend, was kath.net festgestellt hat:

Die NPD ist bei nicht kirchlich gebundenen Wählern deutlich erfolgreicher als bei Kirchenangehörigen. «Kirchenmitglieder wählen seltener die NPD», heißt es in einer am Freitag in Berlin von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung vorgelegten Analyse der vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften Partei.

Nun kann sich die Kirche also schön zurücklehnen, denn menschenfeindliche Einstellungen finden sich ja erst in der NPD – und keinesfalls in der immer wieder beschworenen „(katholischen) Mitte der Gesellschaft“.

Oder wie es der ehemalige kath.net-Gastkommentator und Neonazi Marcus B. einst formulierte, um sich von berechtigten Rassismusvorwürfen zu distanzieren:

Als Katholiken sind wir dankenswerterweise in einer Position, uns freimütiger zu Multikulti-Problemen äußern zu dürfen, wird uns als Angehörigen einer Raum und Zeit großzügig umspannenden Universalkirche, die im nordisch-germanischen Europa verkümmert, in vielen farbigen Erdteilen jedoch blüht, niemand, so er noch halbwegs bei Verstand ist, mit der Rassismus-Keule begegnen.

Nicht so schlimm

kath.net-Leser „Peter Böttcher“ schreibt:

Heute
Wieder passieren schlimme Dinge, doch die Masse schweigt!
Habe ich selbst erlebt!!

Nein, diesen Kommentar hätte ich im Normalfall nicht notiert. Das Zusammenspiel von Artikel und Inhalt dieses Leserbeitrags macht die Archivierung aber unumgänglich:

Der Häftling Wilhelm Brasse hielt das Grauen in Bildern fest. Er musste Fotos machen, wie lebenden Menschen Organe entfernt wurden.
[…]
Hinter seiner Kamera wird Brasse mit allen Grausamkeiten des Lagers konfrontiert. Für ihn am Schrecklichsten sind die Fotos, auf denen er die medizinischen Experimente von Lagerarzt Josef Mengele festhielt. «Ich musste Fotos von jüdischen Kindern machen, die Opfer von medizinischen Experimenten wurden», erzählt er: «Fotos, wie lebenden Menschen Organe entfernt wurden.» Brasse dokumentiert Experimente an Frauen, die sterilisiert werden; er fotografiert während der OP die Gebärmutter. Eine Aufnahme verweigert hat er nie – auch nicht, wenn er die Szenen kaum ertragen konnte.

kath.net und der Missbrauchsbegriff ii

Als in den letzten Jahren auch in den deutschsprachigen Medien immer breiter über die Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen in kirchlichen Einrichtungen berichtet wurde, gab es auf kath.net drei grundsätzliche Reaktionen. 1.) war die bequemste Variante: Man beschäftigte sich einfach nicht damit. Mochten Spiegel, Süddeutsche und Co. noch so viel enthüllen, kath.net schwieg meistens. Wenn man sich dann einmal des Themas annahm, fühlte man sich 2.) von den Medien verfolgt und verwies auf Missbrauchsfälle in evangelischen Gemeinden, auf Äußerungen von grünen Politikern und wollte einfach nicht verstehen, wieso eine Institution mit derart hohen moralischen Ansprüchen auch an ebendiesen gemessen wird. Als die Attacken ins Leere führten, verteidigte kath.net 3.) wenigstens noch den Status Quo: Die vielen Fälle sexuellen Missbrauchs in der Katholischen Kirche hätten nichts mit der rigiden und veralteten Sexualmoral zu tun, sondern seien vielmehr auf homosexuelle Geistliche zurückzuführen.

Das alles überzeugte freilich wenig: Während sich liberalere Katholiken im Zuge der medialen Enthüllungen beispielsweise in ihrer Opposition zum Zölibat bestärkt fühlten, sah kath.net keinerlei Änderungsbedarf. Im Gegenteil wurden die Bestrebungen von Gruppen wie „Wir sind Kirche“ immer wieder dämonisiert.

Statt sich also mit den Ursachen zu beschäftigen, ging kath.net in die Offensive. Neben den Attacken auf Kritiker des kirchlichen Umgangs mit den Fällen etablierte sich auf dem Portal eine unschöne Phrase: Missbrauch mit dem Missbrauch.
Diese wurde heute wieder aufgewärmt:

Wenn das Missbrauchsthema ‚missbraucht‘ wird

Der bekannte Jesuitenpater Klaus Mertes möchte erneut das Thema „Missbrauch“ dafür verwenden, um die katholische Lehre zur Sexualität zu relativieren

Der bekannte Jesuitenpater Klaus Mertes, der seit September 2011 Direktor des Kollegs St. Blasien ist, hat in einem aktuellen Interview erneut mit merkwürdigen Aussagen aufhorchen lassen. In einem Interview mit der KNA auf die Frage, was noch weitere Schritte der Aufarbeitung im Zusammenhang mit den sexuellen Missbrauchsfällen sein sollten, äußerte der Jesuit wörtlich: „Dass wir nochmal genau hinhören, auf das, was die Opfer über die Kirche sagen. Uns damit weiter intensiv beschäftigen, was die systemischen Kontexte der Missbrauchserfahrungen sind. Beispielsweise sagt mir ein Opfer: Ich sehe eine Mitverantwortung der katholischen Sexualmoral für den Missbrauch, weil ich auf Masturbation mit so starker Scham und Schuldgefühlen reagiert habe und daher nicht aussprechen konnte, was mir zugefügt wurde. Für mich stellt sich daran anknüpfend die Frage: Wie können wir heute in der katholischen Religionspädagogik auf sexualethische Fragen neu eingehen? Diese Frage ist bislang nicht akzeptiert – da stehen uns noch Auseinandersetzungen bevor.“

Um zu verstehen, was genau an den Sätzen Mertes‘ verwerflich sein soll, muss man wohl weitaus tiefer in die rechtskatholische Gedankenwelt eintauchen können, als es mir möglich ist. Was aber offenbar wird, ist die Scheinheiligkeit, mit der hier tatsächlich impliziert wird, Mertes „missbrauche“ die Missbrauchsfälle für innerkirchliche Angelegenheiten.

Denn das können immer noch die Fundis selbst am besten. Zum Beispiel der Salzburger Weihbischof Andreas Laun. Der durfte vor anderthalb Jahren den vermutlich eigens verfassten Brief einer angeblich 15-jährigen Schülerin einleiten, „die“ den Religionsunterricht nicht fundamentalistisch genug fand. Laun schrieb damals auf kath.net tatsächlich das Folgende:

Diesen Brief schrieb eine 15jährige Schülerin, ohne Einfluß von außen, ohne Hilfe, sie schrieb ihn in erster Linie an ihren Heimatbischof, dann auch an mich und an jeden, der ihr wirklich zuhören will! Es ist ein Schrei, der aus der Liebe zur Kirche kommt. Ich darf ihn veröffentlichen, vor allem, um die Herzen der Verantwortlichen in der Kirche zu berühren: „Wegschauen“ und „Vertuschen“ in Fragen der Wahrheit ist heute noch häufiger als im Bereich des Missbrauchs – anders und doch ebenso gefährlich, vielleicht sogar schlimmer!

(Hervorhebung von mir)

Ziemlich mutig also, Mertes hier tatsächlich „Missbrauch mit dem Missbrauch“ vorzuwerfen. Was kath.net-Leser wie „bernhard_k“ freilich nicht von Feststellungen wie dieser abhält:

In D würde man sagen…
„so ein Dünnbrettbohrer“ bzw. „so ein Leichtmatrose“.

In A würde man sagen „so ein Vollkoffer“.

Mensch, das gibt es doch nicht!!

Bericht des ORF über österreichische Rechtskatholiken

Die ORF-Sendung Report hat heute einen etwa 9-minütigen Bericht namens „Kirchenkampf im Internet“ über österreichische Portale, die der rechtskatholischen Szene zuzurechnen sind, ausgestrahlt. Neben Gloria.tv und kreuz.net wird auch kath.net thematisiert.

Zu sehen ist der Clip auch für Piefkes eine Woche lang in der ORF-Mediathek.

Begleittext:

Der Kampf um die Zukunft der katholischen Kirche wird auch im Internet geführt. Reaktionäre Kreise gewinnen dabei an Terrain. In privaten Nachrichtenagenturen und Web-TV verbreiten sie nicht nur ihre erzkonservative Weltanschauung, sondern betreiben handfeste Kirchenpolitik: gegen liberale Bischöfe, gegen kirchliche Reformgruppen, oftmals untergriffig, fern von journalistischen Grundregeln, manchmal antisemitisch. Die Öffentlichkeit nimmt sie oft fälschlich als offizielle kirchliche Medien wahr. Die Diözesen bemühen sich um Distanz, nehmen sie aber dennoch ernst, denn in Rom sind sie bestens vernetzt.

Danke für den Link an @andreame!