Die kath.net-Highlights 2011 – Platz 1

Platz 1: Der braune Gastkommentator Marcus B.

Was war passiert?
Als am 10. August ein Gastkommentator namens Marcus B. auf kath.net in Erscheinung trat, war kaum abzusehen, welche Welle seine fünf Beiträge schlagen würden. Er wurde den Lesern als „Historiker, Absolvent der Katholischen Uni Eichstätt und derzeit im EDV-Dienstleistungsgewerbe tätig“ vorgestellt – was offenbar der Wahrheit entsprach, dennoch einige Kapitel seines Lebens aussparte. Denn Marcus B. war/ist, was die rassistischen Kommentare erklären mag, ein deutscher Neonazi, der sich bei den Republikanern engagierte, an einem Buch über Großdeutschland mitwirkte und ein Faible für das Horst Wessel-Lied besitzt. Zudem schrieb er für diverse rechte Gazetten wie die Junge Freiheit, Europa vorn oder die von der NPD-Jugendorganisation gegründete Wir selbst.
Seine fünf auf kath.net veröffentlichten Artikel hatten teils kirchliche, teils weltliche Themen zum Inhalt. Der erwähnte erste, am 10. August publizierte Beitrag, arbeitete sich an den London Riots ab. B. stellte fest, dass „die Propagandaabteilungen der Meinungsindustrie“ mit ihrer Beobachtung falsch lägen, die Unruhen resultierten aus sozialen Spannungen einer gescheiterten Sozialpolitik. Dabei fabuliert er von einer „Umerziehung der autochthonen Bevölkerung“ – bei dieser Formulierung hätte kath.net aufhorchen können. Tat man aber nicht, weil B. sogleich eine unfassbar gute Verteidigung auffährt:

Als Katholiken sind wir dankenswerterweise in einer Position, uns freimütiger zu Multikulti-Problemen äußern zu dürfen, wird uns als Angehörigen einer Raum und Zeit großzügig umspannenden Universalkirche, die im nordisch-germanischen Europa verkümmert, in vielen farbigen Erdteilen jedoch blüht, niemand, so er noch halbwegs bei Verstand ist, mit der Rassismus-Keule begegnen.

Die NPD könnte ein Parteiverbot also bequem umgehen, sofern man geschlossen zum Katholizismus übertreten würde. Das ist so schlüssig, dass sich B. damit lieber nicht allzu lange aufhält. Er nennt die wahren Schuldigen, die „geistigen Brandstifter solcher Mißstände und Gewaltexzesse“: „die menschenverachtenden Multikulti-Ideologen, Utopisten, Schönredner, Verharmloser, Dialogverweigerer und Ausgrenzer „unkorrekter“ Gegenmeinungen“. Die Perspektivlosigkeit der jungen Menschen in England erklärt B. also mit einem „Gesellschaftsexperiment“, das, so der wenig subtile Unterton, aufgrund der vielen Migranten nicht funktionieren könne. Dass die neoliberale Sozialpolitik Schuld an der Unzufriedenheit der Jugend sein könnte, will ihm nicht in den Sinn kommen. Passt auch schlecht in eine rechtsradikale Argumentation.
B.s zweiter eindeutig rassistischer Ausfall behandelte den Islam. Unter dem Titel „Die rosa Islamlegende“ leitet kath.net ein:

Gemäß den inoffiziell-offiziellen Vorgaben zur Selbstzensur in Wahrnehmung, Denken und Sprechen darf Fremdes nur als „Bereicherung“ rezipiert werden

B. verzweifelt daran, dass Begriffe wie „DAS christliche Abendland“ oder „DER Islam“ fern der rechten Szene differenziert diskutiert werden und bedauert, dass „alles Fremde zwanghaft nur von einer rosigen Seite“ betrachtet würde. Wie es in der perfekten Welt des Neonazis Marcus B. aussehen würde, möchte ich mir nicht ausmalen. Da sich kath.net später allerdings vom Autor, nicht aber vom Inhalt seiner Texte distanzierte, lässt sich auch für die ideale Welt Roland Noés eher Unschönes erahnen.
Die anderen Artikel B.s behandelten innerkirliche Thematiken, er übt Kritik am „progressiven Flügel“ und wundert sich, dass „kirchlich ‚konservative‘ Ideen […] nur einige unter vielen denkbaren“ seien. In einem anderen Beitrag fordert er die Aufhebung von „Tabus und Denkverboten“, um „vermeintliche Selbstverständlichkeiten“ zu hinterfragen. B. wendet sich damit explizit gegen die „Protestkatholiken“, die „Linkskatholiken“ und das „post-68er-Deutschland der rot-grünen Mehrheiten“. Auffällig ist hier, wie auch in den anderen Texten, eine pseudo-intellektuelle Ausdrucksweise, die die Schwäche seiner seltsamen Argumentationen und Positionen offenbar verdecken soll. Exemplarisch für seine wirren Worte dieser Auszug:

Bedingt nur taugt Jesus als Ökofreak. Wer nicht nur auf die Vögel des Himmels und die Lilien im Felde verweist, sondern auch Dämonen in eine Schweineherde fahren lässt, die sich dann geschlossen in den Tod stürzt, landet unweigerlich auf der Abschussliste militanter Tierschützer. Und zu behaupten, der Mensch sei mehr als ein Sperling, besagt nichts anderes als einer hierarchisch-diskriminatorischen Weltsicht das Wort zu reden – heutzutage DIE ultimative Todsünde wider den Geist der Zeit schlechthin.

Mir fiel dann am 10. September bei einer kleinen Google-Recherche auf, dass es einen deutschen Neonazi gleichen Namens gibt, der in den oben aufgezählten rechten Zeitschriften publizierte. Zugegeben: Diesen mit dem auf kath.net aktiven Marcus B. zu identifizieren, war etwas gewagt, ist der Name doch vermutlich durchaus ein wenig verbreiteter. Die Geschichte gab mir allerdings recht – der ORF folgte knapp einen Monat später und stellte kath.net vor gewisse Probleme. Roland Noé beeilte sich in unnachahmlicher Manier klarzustellen, dass man keinen Rechtsextremisten eine Plattform bieten wolle und löschte alle seine Beiträge. Den zugehörigen Artikel nannte man allerdings „kath.net und ein lokales Medientheater“, kürzte Marcus B. nur noch mit „M. B.“ ab und erweckte auch sonst nicht den Eindruck, als hätte man ein gesteigertes Interesse an einer lückenlosen Aufklärung.
Der Imageschaden allerdings war gewaltig: Die liberalen Leser dürften aufgeschreckt worden sein, die rechten reagierten enttäuscht. „kewil“ etwa empörte sich bei PI, kath.net habe einen „Rechten auf Befehl des ORF“ gefeuert“, kreuz.net amüsierte sich über den Trubel.

Der Preis für den schlechtesten Gastkommentator des Jahres, für den erbärmlichsten Umgang mit Gegenwind und für die größte Unbedarftheit im Umgang mit Rechtsradikalen geht damit an Marcus B. & kath.net. Herzlichen Glückwunsch.

Funfact:
- Als der ORF am 6.10. berichtete, dass ein „mutmaßlicher Rechtsextremist“ bei kath.net geschrieben habe, erwischte man mich denkbar unvorbereitet: Meine Mutter feierte Geburtstag, sodass ich mir immer wieder gute Ausreden suchen musste, um an das Notebook zu rennen und die aktuelle Situation zu beobachten. Die Verlinkung durch PI am folgenden Tag brachte mir dann mit mehreren tausend Leser_innen nicht nur meine bisherige Höchstmarke ein, sondern auch einige der freundlichsten Kommentare aller Zeiten und katapultierte mich für einen Tag in die Top 10 der Blogsport-Blogs.

Exemplarischer Leserkommentar:

Entschuldigung, was heißt „rechtsradikal“? Ich konnte in keinem einzigen kath.net-Artikel
„rechtsradikales“ Gedankengut entdecken.

Aus der Sicht der Marxisten ist aber alles, was nicht links ist, schon „rechtsradikal“.

Irgendwo war zu lesen, dieser Kommentarschreiber sei bei den „Jungen Republikanern“ gewesen. So what? Eine demokratische Partei, die für Wahlen kandidiert.

Ich rege an, die Sperrung der Artikel wieder aufzuheben, sonst wird man die Druckausübung durch die anderen nur ermutigen.

(„Marcus“ am 7.10. hier)

Nach-/ Weiterlesen:
- Lass den Nazi reden
- Lass den Nazi reden?
- Lass den Nazi doch nicht reden!
- Was M. B. hinterlässt (die Links funktionieren nicht mehr)
- fyi
- Die Ausnahme Marcus B.
- Die Ausnahme Marcus B. ii

-> ORF: Mutmaßlicher Rechtsextremer bei „kath.net“


1 Antwort auf „Die kath.net-Highlights 2011 – Platz 1“


  1. 1 Xavi 01. Januar 2012 um 18:20 Uhr

    Gandalf am 7.10.2011
    „Liebe Leute! Bitte um eure Geduld, wir überprüfen gerade vers. Sachtatbestände und dann könnten weitere Schritte in die eine oder andere Richtung folgen“

    Da man bis heute nichts mehr gehört hat, dürfte die Überprüfung der Sachtatbestände noch andauern.

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