Genuflect, genuflect, genuflect

Der Footballspieler Tim Tebow von den Denver Broncos hat eine rasante Karriere hinter sich. Der 1987 geborene Quarterback spielte von 2006 bis 2010 College Football, wurde 2007 gar zum besten Spieler seiner Liga gewählt. Seit 2010 nun steht er beim zweimaligen NFL-Sieger aus Colorado unter Vertrag.
Und obwohl er offenbar ein hochtalentierter Sportler ist, macht er die größten Schlagzeilen mit anderen Themen. Er inszeniert sich als gläubiger Christ, dessen Vorliebe für unter die Augen gemalte Bibelverse ihm eine eigene Regel im College-Football einbrachte. Des Weiteren engagiert sich Tebow in der Homeschooling-Bewegung und machte für die fundamentalistische Organisation „Focus on the Family“ TV-Werbung.

kath.net verehrt Tim Tebow allerdings aus einem anderen Grund:

Ein Sportler macht in den USA das öffentliche Beten und das öffentliche Bekenntnis zu Jesus Christus populär. Der Begriff «tebowing» wird zu einer neuen Bezeichnung für das kurze öffentliche Gebet. […]
Die Kameras richten sich in letzter Zeit vor fast jeder potenziell entscheidenden Szene im Spiel des Football-Teams Denver Broncos auf Tim Tebow, den Quarterback des Teams. Der 24-jährige Sohn eines Missionarsehepaares, das seinerzeit auf den Philippinen tätig war, pflegt dann niederzuknien und zu beten. Zwar kennt man von Profisportlern durchaus, dass sie sich bekreuzigen – zum Beispiel brasilianische Fußballer, wenn sie eingewechselt werden oder ein Tor erzielt haben. Doch ein kurzes Innehalten zum Gebet – dies ist im harten Profisport eher ungewöhnlich; vor allem dann, wenn es mit einer solchen inneren Überzeugung wie bei Tebow geschieht.

Öffentliches Beten – eine gute Sache? Das las sich wenige Tage zuvor auf kath.net noch ganz anders. Aber klar: Hier geht es um Christen, die dürfen öffentlich beten. Bzw.: Sollen öffentlich beten dürfen. Denn heute berichtet kath.net von einem wahrhaft erschütternden Fall religiöser Diskriminierung:

Vier New Yorker Schüler wurden für je einen Tag vom Unterricht suspendiert, nachdem sie in einer Gruppe von 40 Schülern in einem Schulflur zum sogenannten „Tebowing“ niedergekniet waren. Das Tebowing ist eine Gebetsgeste, die auf den evangelischen Footballstar Tim Tebow zurückgeht und sich derzeit rasant verbreitet. […]
Die Schulleitung der Riverhead High School auf Long Island begründete ihre Entscheidung damit, dass der Durchgang für andere Schüler blockiert gewesen sei und deshalb Schüler nicht pünktlich zur nächsten Unterrichtsstunde hätten erscheinen können. Außerdem hätten die beiden Schüler die Anweisungen, die sie nach früherem Tebowing von der Schule erhalten hatten, nicht befolgt.

Ich habe diese Vorgehensweise schon mehrfach kritisiert, muss es hier aber erneut tun: Indem diese eigentlich sowieso völlig irrelevante Meldung in wenigen Sätzen abgehandelt wird und im Konjunktiv verfasst ist (was wahrscheinlich kath.nets Verständnis von Journalismus entspricht) und ohne verlinkte Quelle auskommt, gibt man diesen Vorfall zum munteren Spekulieren der Leser frei.
Die von kath.net erwünschte Lesart: Da wollten gute, hoffnungsvolle, junge Christen beten, ihrem großen, guten, hoffnungsvollen Vorbild Tim Tebow nacheifern. Dann kam die antichristliche Schulleitung und zeigte, wie fortgeschritten die Christenverfolgung in den USA bereits ist.

Und einige Kommentatoren glauben das tatsächlich, so etwa „Markus-NRW“:

Da ist eine Schulleitung mal wieder mutig gewesen – gegen einen ausgerollten Teppich einer anderen Religion hätten die sich das nicht getraut, geschweige denn gegen die „Unberührbaren“. — Zwei freie Tage für die Schüler, hoffentlich hatten die eine schöne Zeit. Eine mutige Geste der Schüler in einer schwierigen Zeit – Respekt !

Oder „Johannes Evangelista“:

[…] Christliche Schüler können wahrscheinlich so rücksichtsvoll „tebowen“, dass keiner über sie stolpert und alle rechtzeitig in der Klasse sind. Will man alle, die sich vor dem Essen bekreuzigen, jetzt reglementieren? Hoffentlich macht sich die Schulleitung nicht länger lächerlich mit solchen Maßnahmen.

Hätten sie sich im Internet ein wenig über den Fall informiert, wären sie möglicherweise auf den von kath.net zitierten Bericht des Riverhead News Reviews gestoßen, der das folgende Video von Youtube verlinkt:

Wie nur unschwer zu erkennen ist, versperren sie tatsächlich den anderen Schülern den Weg, wenngleich auch der eintägige Schulverweis möglicherweise etwas übertrieben anmuten mag. Was kath.net allerdings ebenfalls ausblendet: Diese Aktion hat nichts mit einer von christlichen Fundamentalisten erhofften Erweckungsbewegung zu tun – die Jugendlichen ahmen nur ihr sportliches Vorbild nach.

Immerhin: Es gibt bei kath.net den aufmerksamen Kommentator „Wolfgang63″, der als eine der ganz wenigen vernünftigen Stimmen immer wieder durch die Zensur kommt und die anderen Leser auf die tatsächliche Situation hinweisen kann:

Anschauen
Bevor jemand über Unterdrückung religiöser Praxis spekuliert (was in einem extrem von Religion geprägtem Land wie den USA unsinnig wäre), sollte man sich anschauen, was dort wirklich geschah: Eine Gruppe junger Leute setze sich mitten in einen Flur und immer wieder wurde der Name ihres Footballstars Tebow gerufen.

Das ganze macht nicht den Eindruck eines Gebets, sondern den einer Aktion dummer Jungen. Hier der Link zu einem Video, das während der Aktion aufgenommen wurde:

http://www.youtube.com/watch?v=WCeSD-7DzDI

Das überzeugt allerdings nicht alle – bei „Kajo“ etwa hat sich die kath.net-Lesart vollständig durchgesetzt:

Lieber Wolfgang63
so unsinnig wie Sie schreiben ist das ganze leider nicht wenn es gegen die kath. Kirche in den USA geht. Beteiligt man sich nicht an der Befürwortung der Tötung menschlichen Lebens, wird den Beratungsstellen schlicht und einfach der Geldhahn zugedreht.


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