Zwei stumme Schreie nach Liebe

Es ist ja eigentlich selbstentlarvend genug von kath.net, die rechtsradikalen Terroristen der NSU zu benutzen, um den eigenen Kampf gegen links und die Evangelische Kirche voranzutreiben. Dennoch wollen wir uns die zwei aktuellen Artikel zum Thema einmal genauer anschauen.

Gestern etwa frohlockte man: „Jetzt kann alles nur besser werden!“, illustriert mit einem Bild diverser Glatzen. Der dazugehörige Artikel beschäftigt sich vor allem damit, dass die Rechten ja eigentlich gar nicht so schlimm seien – er stammt aus der Feder Helmut Matthies‘. Matthies ist idea-Chefredakteur und ein ausgewiesener Experte für rechtes Gedankengut – steht er doch den Machern der rechten Zeitschrift Junge Freiheit nahe, von denen er 2009 auch mit dem Gerhard Löwenthal-Preis ausgezeichnet wurde. Er trat auf kath.net schon zuvor in Erscheinung, als er den baden-würtembergischen SPD-Spitzenkandidaten Nils Schmid für seine türkische Ehefrau kritisierte und von einer 1200 Jahre langen Geschichte Deutschlands schwadronierte.

Diesmal ist alles anders: noch viel schlimmer. Denn Matthies beschränkt sich nicht darauf, gegen Migranten zu hetzen. Vielmehr versucht er auch die Taten der Neonazis schönzureden:

Die mindestens zehn Morde, die in acht Jahren mutmaßlich von der Gruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ begangen wurden, schockieren, auch wenn noch vieles unklar ist. Gott sei Dank handelt es sich um keine Massenbewegung, sinkt doch die Zahl Rechtsextremer seit Jahren.

Dass die vermeintlich sinkenden Zahlen von Neonazis angesichts der offenkundigen Radikalisierung nicht unbedingt Grund zur Freude bieten, damit hält sich Matthies nicht auf. Denn er hat eine andere Absicht, er nutzt die rechten Terroranschläge dazu, die Evangelische Kirche zu diskreditieren:

Die EKD könnte nun zu Recht darauf hinweisen, dass sie mehr als andere Institutionen vor Rechtsextremismus gewarnt hat. Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider hat jetzt klargestellt, warum eine rechtsextreme Einstellung scharf abzulehnen sei: weil sie alle wesentlichen Grundsätze verleugne und verletze, die das Christentum ausmachten. Damit ist ein Kriterium benannt, das es so eindeutig bislang nicht gab und das wohl überall Zustimmung finden dürfte. Beim Vorläufer der auch „Braune-Armee-Fraktion“ genannten Mördertruppe – der „Rote-Armee-Fraktion“ – gab es im evangelischen Bereich noch manche Sympathie für den Linksterrorismus, obwohl Schlüsselpersonen der deutschen Elite in Justiz, Politik und Wirtschaft weggebombt wurden. So sorgten sich 1974 in einem Offenen Brief 77 Theologen – darunter ein späterer EKD-Ratsvorsitzender – um die Haftbedingungen der Terroristen, und immer wieder hieß es, man müsse doch auch ihre Motive bedenken: den doch gar nicht so verkehrten Kampf gegen das kapitalistische System.

Obwohl sich kein schlüssiger Zusammenhang zwischen RAF und NSU finden lässt, konstruiert Matthies einen – er braucht ihn für das, was nun folgt:

Haben „Rechte“ keine Menschenwürde?

Im Blick auf Rechtsaußen sollte sich die evangelische Kirche einmal fragen, warum es ihr nicht gelingt, irgendeinen positiven Einfluss zu nehmen. Liegt es vielleicht daran, dass „Rechte“ angesichts kirchlicher Stellungnahmen den Eindruck haben, ihnen werde ohnehin die Menschenwürde abgesprochen – im Gegensatz zu Repräsentanten von Linksaußen, die sogar bei hohen EKD-Amtseinführungen mitwirken durften?

Ja, die Evangelische Kirche sollte sich schämen, dass sie sich gegen rechts engagiert! Matthies beschwert sich hier darüber, dass innerhalb der Kirche (angebliche) Sympathien für links (wofür er natürlich die RAF als Beispiel bemüht) bestünden, für seine geliebten Rechten aber nicht. Das könnte vielleicht daran liegen, dass sich den sog. Linksextremisten mit Ausnahme der RAF gute Ziele mit bisweilen falschen Mitteln unterstellen lassen – eine gerechte und friedliche Welt jedenfalls dürfte selbst einigen noch nicht allzu abgestumpften SPD-Mitgliedern als Ziel gefallen. Christian Bangel schrieb dazu kürzlich auf ZEIT Online einen lesenswerten Artikel:

Sollte man jemanden ablehnen, weil er linksextrem denkt? Kommt darauf an. Akzeptiert er Gewalt? Schwebt ihm eine autoritäre Führung vor? Dann ja. Oder besteht sein Linksextremismus darin, gesellschaftliche Güter – Geld, Bodenschätze, Arbeitskraft – radikal umverteilen zu wollen? Dann ist er vielleicht ein Dogmatiker, vielleicht ein Träumer. Jedenfalls ist er weder menschenverachtend noch gefährlich für andere.

Sollte man jemanden ablehnen, der rechtsextrem denkt? In jedem Fall. Neonazis (dis-)qualifizieren Menschen vor allem nach angeborenen Merkmalen: Ethnie, Hautfarbe, Geschlecht. Deshalb ist ihre Weltsicht selbst dann menschenverachtend, wenn sie gewaltfrei auftreten.

Helmut Matthies kommt es natürlich nicht auf Differenzierung an, er will pöbeln. Und provozieren:

Was es künftig geben müsste

Umso dankbarer kann man jetzt für den neuen Maßstab der EKD sein, schützt er doch vor falscher Einseitigkeit. Wenn also alles abzulehnen ist, was wesentliche christliche Grundsätze verletzt, dann wird es künftig – neben der vor allem, was rechts ist, warnenden Bundesarbeitsgemeinschaft „Kirche und Rechtsextremismus“ – auch eine vor links mahnende Arbeitsgemeinschaft „Kirche und Linksextremismus“ geben müssen. Schließlich ist 2010 laut Innenministerium die Zahl linksextremer Gewaltdelikte mit 2.803 zehnmal so hoch wie die der Rechtsextremen (285) gewesen. Und die zahlreichen Bahnanschläge im Oktober in Berlin wurden nicht umsonst von Bundesverkehrsminister Ramsauer als „terroristisch“ bezeichnet.

Was es also nach einer Terrorserie und von 1990-2011 insgesamt 182 Opfern rechter Gewalt geben muss: Einen stärkeren Kampf gegen links.

Helmut Matthies ist aber nach der besorgten Frage um die rechte Menschenwürde noch nicht fertig – in schönster Tradition rechter Wirrköpfe rechnet er abgetriebene Föten gegen unter Todesangst gestorbene Menschen auf und verhöhnt dabei die Opfer der Neonazis:

Nach dem Maßstab der EKD ist auch bald eine „Arbeitsgemeinschaft Kirche und Kindestötungen im Mutterleib“ zu gründen, werden sie doch sogar in einzelnen kirchlichen Krankenhäusern vorgenommen. Und hier liegt dann ja ein Fall von besonders schlimmer Fremdenfeindlichkeit vor, werden doch auch Kinder von Migranten ungefragt am Leben gehindert. Und wenn Menschen mit rechtsextremer Einstellung keine Ämter in der Kirche haben sollen, weil sie eben „die Gottesebenbildlichkeit aller Menschen und die Verpflichtung gegenüber Bedürftigen, zu denen die Fremden gehören“ (so die EKD) verletzen, dann müssten jetzt auch Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger ihre kirchlichen Ämter verlieren, wenn sie an Abtreibungen beteiligt sind. Nach der begrüßenswerten Klarstellung des EKD-Ratsvorsitzenden – was das Christentum ethisch ausmacht – kann es also mit der kirchlichen Glaubwürdigkeit nur aufwärtsgehen!

Eine Terrorserie von Rechtsradikalen zu Seitenhieben auf die Linke und die Evangelische Kirche nutzen – sympathisch.
In dieselbe Kerbe schlägt Wolfgang Polzer, der die NSU auch für idea kommentiert und dessen Artikel kath.net heute ebenfalls veröffentlichte. „Ist die evangelische Kirchengemeinschaft sehbehindert?“ titelt er, und gibt zu bedenken:

Deshalb ist und bleibt es unsere Aufgabe, unsere Sinne gegenüber jeder Form von menschenverachtender Ideologie und Gewalt zu schärfen und uns an der friedensstiftenden Kraft des Evangeliums zu orientieren.“
Klagen über Gorleben und Geflügelschlachthof sind lauter
Deshalb greift es zu kurz, Extremismus nur rechts zu verorten und Gewalt von linken Anarchisten zu verschweigen.

Auch Polzer findet also eine Gleichsetzung von links und rechts angesichts der monströsen rechtsradikalen Taten angemessen. Krissi Schröder wär stolz.
Ebenfalls schlägt er einen Bogen zur Abtreibung:

Der Protest und Widerstand sollte für Christen, ungeachtet jeder politischen Himmelsrichtung, noch weiter gehen. Denn im höchsten Maße menschenverachtend ist es auch, wenn Kindern schon im Mutterleib das Recht auf Leben verwehrt wird oder wenn sie bei einer diagnostizierten Behinderung bis kurz vor der Geburt abgetrieben werden, wie es in einem Diakoniekrankenhaus in Hannover geschieht. Menschenverachtend ist es auch, wenn behindertes menschliches Leben aussortiert wird wie bei der Präimplantationsdiagnostik (PID).

Freilich darf man, wie Meister betonte, auch die verzweifelte Lage der betroffenen Eltern nicht übersehen. Aber das Dilemma, so oder so in Schuld geraten zu können, gehört ebenso deutlich angesprochen, wie es beispielsweise im Blick auf Bundeswehreinsätze getan wird. Doch in der Öffentlichkeit ist ein Aufschrei der evangelischen Kirche gegen die vorgeburtliche Tötung etwa von Kindern mit Down Syndrom kaum zu vernehmen. Viel lauter sind in der hannoverschen Landessynode die Klagen über das Atommülllager in Gorleben (Wendland) oder einen großen Geflügelschlachthof in Wietze bei Celle. Der Einsatz von Christen gegen die Verachtung von Gottes Geschöpfen duldet aber keine Selektion.

Das erinnert unwillkürlich an einen sehr dummen Leserkommentar auf kath.net, der auf die schrecklichen Taten Breiviks folgte und von „Smaragdos“ artikuliert wurde:

Abtreibung ist ein noch größeres Übel als dieses in sich schon schreckliche Blutbad von Oslo, denn die Embryos sind total ausgeliefert: sie können sich vor ihren Angreifern weder (hinter Felsen) verstecken noch (übers Wasser) fliehen. Doch da schreit keiner auf. Nur weil die Kleinen eben noch schutzloser sind und keine Stimme haben. Wirklich schizophren, unsere Gesellschaft.

Auffällig ist, dass beide Artikel vergleichsweise wenig Kommentare erhalten haben, jeweils 10 Meinungen wurden bisher zugelassen. Vielleicht regt sich unter den Usern Protest, den Noé nicht zulassen will? Oder gibt es Kommentare, die die folgenden in Sachen Menschenverachtung, Rassismus und Dummheit noch toppen können?
Die Latte jedenfalls liegt hoch – „Matthäus 5″ etwa macht sich keine Sorgen um eine Erstarkung der rechten Szene:

Hexenjagd
Liebe Mitchristen,
wir müssen aufpassen, dass Staat und Gesellschaft nicht eine Hysterie gegen alles was – vermeintlich – rechtsradikal bzw. -extrem ist. Ich sehe in Stellungnahmen der Medien und der Politiker ein großes Potential der Volksverhetzung.

Und auch „Bonna“ zeigt sein/ihr wahres Gesicht mit einer selten dämlichen Wortmeldung:

Zustimmung
Rechtsextremens Gedankengut ist un-, ja sogar antichristlich und daher zu bekämpfen.

Was mich an der derzeitigen Art des öffentlichen Diskurses und der Medienberichterstattung regelrecht ank…tzt: Man wird das Gefühl nicht los, das sich gewisse „Gutmenschen“ über jeden ermordeten Türken freuen, weil man das so schön gegen die „Gefahr von Rechts“ instrumentalisieren kann…

„JungeChristin“, die in den letzten Wochen mit extrem rechten Gedankengut bereits auffiel, weiß, wo die Gefahr lauert: links.

Während das rechte Auge der deutschen Öffentlichkeit überall „Extremismus“ sieht, ist das linke Auge so gut wie blind. – Jedoch sind beide, der braune wie der rote Sozialismus, eine Hand in Hand gehende Erscheinung.

„Markus-NRW“ sorgt sich ebenfalls eher um sich:

In einer auf Konsens und Gleichmacherei angelegten Gesellschaft, fallen extreme Einstellungen umso mehr auf. – Wir sollen jedoch aufpassen, daß nicht eines Tages, auch die kath. Kirche wegen vermeintlicher nicht zu tolerierenden Extremen, dämonisiert und verfolgt wird. Die Mainstream gepolte Öffentlichkeit würde so etwas durchaus mitmachen !

„BergKarmel“ will einen Kampf gegen Rechts verhindern:

So grausam die Taten der Naziterroristen waren, und so dringend solche Umtriebe mit aller Härte des Gesetzes verfolgt werden müssen, so müssen wir uns doch höllisch davor hüten, nicht „auf der anderen Seite vom Pferd zu fallen“. Die momentanen Diskussionen lassen Ungutes erahnen – nämlich dass, wie schon nach den rechtsextremen Untaten Anfang der 90er Jahre – Gewalt instrumentalisiert wird, um Meinungen, die von denen der Gewalttäter meilenweit entfernt sind, zu kriminialisieren. Aus „Kampf gegen Rechts“ darf kein „Kampf gegen Recht“ werden!

„Matthäus 5″ meldet sich mit einer lupenreinen Verschwörungstheorie zu Wort, die sich auch auf Altermedia, PI oder im Kommentarbereich der NPD-Facebookseite nicht verstecken müsste:

Liebe Mitchristen,
erst nach der Aufdeckung der zugegebenermaßen völlig undurchsichtigen Geschichte ist erstmals von rechtsEXTREMEN (so viel Zeit muss sein) Terror die Rede. Davor wies nichts aber auch rein gar nichts darauf hin. Ergo kann man das nicht unter rechtsEXTREMEN Terror verbuchen sondern lediglich unter Serienmord. Dem Terror fehlte es an dem zeitnahen Bekenntnis, wie es weiland die RAF betrieben hat und damit das Volk ängstigen wollte. Dieses haben die vermeintlichen Mörder eben nicht getan und somit keinen Terror auf mögliche Opfergruppen ausüben können. Das macht auch die Geschichte eher unglaubwürdig. Daher sollte man die Entwicklung weiter beobachten, da es nicht gänzlich ausgeschlossen ist, dass die Mordserie diesen Leuten untergeschoben wurde.

„Bodmann“ erinnert an die Extremismustheorie:

eindeutig Schlagseite
mögen die Beweggründe für terroristische Aktionen auch unterschiedlich sein,so sind die inhumanen Denkstrukturen und die Brutalität auf beiden Seiten ( ob links oder rechts ) doch weitgehend identisch..So sollte jeder zivilisierte Mensch dies einhellig ablehnen.Sollte man meinen. Doch nicht so bei unseren linksgrünen Gutmenschen.Während rassistisch motivierte Gewalt -zu recht- vehement abgelehnt wird , beginnt in der Regel bei linksextremistischen Gewalttaten das große Differenzieren, und damit die Relativierung, meist unter Hinweis auf das pseudoreligiöse Wort sozal.( siehe RAF,Castro,Che Guevara etc..) Daß selbst vermeintlich ??gut gemeinte Absichten dann aus ideologischen Gründen in millionenfachen Mord ausgeartet sind ( siehe Stalin und Mao ), stört diese Herrschaften offensichtlich nicht.

Und „anninci“ schließt sich an:

Wer meint hier zu differenziern, die Linken der Rechten,
der irrt gewaltig. Bleide Extreme sind gottlos und menschenverachtend. Natürlich schlägt das Pendel mal nach links dann mal rechts stärker, aber die Verabscheuung bleibt gleich.

„Adsum“ bezieht sich auf den einzigen vernünftigen Kommentar:

Mit beiden Augen sieht man besser
@Wolfgang63
Der Vorwurf, dass es Freude der „Gutmenschen“ gäbe über getötete Türken ist natürlich überzeichnet. Anders wird man in D leider kaum noch gehört.
Dass die Morde selbst, jetzt als Vehikel gegen alles auch nur Halbrechte überdramatisiert werden ist aber leider auch wahr. Diese Untaten werden nun auch dazu benutzt, die Haltung des Staats gegenüber gewaltätigen islamistischen Gruppierung anzuklagen und dort Mäßigung zu verlangen. Das ist falsch! Ich darf nicht eine Augenklappe verschieben, ich muss sie gänzlich abnehmen.
Was mich weiterhin betroffen macht und im Artikel auch thematisiert wird: Abtreibung kommt tendenziell von Links, nicht mal Extrem…!?. Dieser 100tausend-fache Mord regt unsere Gesellschaft/Medien nicht halb so auf.

Matthies und Polzer ist das implizite Nichtglaubenwollen gemein: Da schreibt man ein Leben lang gegen die Linken an, dämonisiert den Islam – und dann sind es auf einmal Rechte, die Menschen töten. Wer konnte das schon ahnen! Und wenn man sich schon in der moralischen Zwickmühle fühlt, geht man eben in die Offensive und verbindet Sachverhalte, die nichts miteinander zu tun haben.
Traurig, dass die geistigen Vorreiter eines gesellschaftlichen akzeptierten Rassismus nicht einmal jetzt die Klappe halten können.


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