Warum kath.net Diktaturen feiert

Was kommt dabei raus, wenn kath.net einen idea-Text namens „Warum Dichter Diktaturen feiern“ abschreibt? Richtig, es trieft vor Doppelmoral. Der Reihe nach:

Auf dem Gelände des ehemaligen Stasi-Untersuchungsgefängnisses in Berlin-Hohenschönhausen trafen sich 150 Teilnehmer, um über den „Verrat der Intellektuellen“ nachzudenken. Die Beispiele, in denen Dichter und Denker Diktaturen feierten, sind zahlreich:

Aufgezählt werden Lenin, Stalin, Mao, Kim Il-Sung, Hitler und ihre Fürsprecher. Was dann aber folgt, ist verheerend:

Intellektuelle, die ihre Sympathien für den Nationalsozialismus bekunden, wird man heute kaum noch finden. Dagegen lebt ein anderes totalitäres Weltbild in den Köpfen vieler Denker fort: der Kommunismus. […] Es gebe kaum Intellektuelle, die sich für westliche Werte, Parlamentarismus und soziale Marktwirtschaft einsetzen, beklagt Schroeder. Unter Politikwissenschaftlern beobachtet er derzeit eine „Verklärung und Weichzeichnung der DDR“. Schroeder: „Bei allen Problemen, die die soziale Marktwirtschaft mit sich bringt: Wie kann man glauben, dass der Staatssozialismus eine ernstzunehmende Alternative bietet?“

Ja: Wie kann man nur daran glauben, dass eine gerechte Umverteilung „eine ernstzunehmende Alternative“ zum menschenverachtenden Kapitalismus sein kann? Schämen sollten sich die Linksintellektuellen! Auch die unsagbar wirr anmutende Gleichsetzung von ‚links=gegen Parlamentarismus und sog. „westliche Werte“‘ ist lächerlich.

Da ich mich aber nicht weiter aufregen will, kommen wir zum Kern des Artikels:

Eine weitere Diskussionsrunde beschäftigte sich mit den Verklärungen in der Gegenwart. […] Der Moskauer Büroleiter des Nachrichtenmagazins „Focus“, Boris Reitschuster, kritisierte den deutschen Umgang mit dem autoritär regierten Russland. In Russland herrschten Willkür und Rechtlosigkeit, die Opposition komme kaum noch zu Wort – doch dies werde in Deutschland nur wenig bemerkt. Der ehemalige KGB-Offizier Putin sei gut darin, sich gegenüber dem Westen zu tarnen. Reitschuster erinnerte daran, dass Gerhard Schröder in seiner Zeit als Bundeskanzler den russischen Präsidenten Putin als „lupenreinen Demokraten“ bezeichnet hatte. Heute verdient Schröder sein Geld beim russischen Energieriesen Gazprom.

Das Verklären totalitärer Staaten ist tatsächlich in höchstem Maße zu kritisieren. Schade nur, dass kath.net selbst auf diversen Augen blind ist. Ungarn beispielsweise ist auf einem guten Weg in eine faschistische Diktatur unter Führung der euphemistisch als „rechtspopulistisch“ beschreibbaren Fidesz-Partei und ihrer willigen rechtsradikalen Schlägertrupps (im Parlament durch die Jobbik vertreten). Dass dabei v.a. Juden und Sinti und Roma um ihr Leben fürchten müssen, ist kath.net sowas von egal – schließlich wollen die Rassisten ja Gott in der Präambel der Verfassung erwähnen!
Der SPD-Europaabgeordneten Birgit Sippel, die diesen Ausschluss aller Andersgläubigen aus der ungarischen Verfassung kritisierte, unterstellte kath.net dann auch folgerichtig einen „Angriff auf [die] christliche Verfassung von Ungarn“; in der Kommentarspalte überschlug man sich mit Lobeshymnen auf die Rechtsaußen.

Dass Robert Mugabe, autoritär herrschendes Staatsoberhaupt Simbabwes mit einer Vorliebe zum Beseitigen unliebsamer Konkurrenten, im Mai nach Rom zur Seligsprechung von Johannes Paul II. eingeladen war und auch erschien, war kath.net erstaunlicherweise auch keine Meldung wert.

Im mehrheitlich von Christen bewohnten Uganda regiert die National Resistance Movement Organization autoritär; es gibt keine Opposition. Dafür existiert die Verfolgung Homosexueller, immer wieder wird über die Einführung der Todesstrafe für sie diskutiert. Auch das veranlasst kath.net zu keinem Artikel – stattdessen ermuntert man zur Intoleranz. So zitierte man den Erzbischof Ugandas, der ohne Widerspruch ausbreiten durfte, dass Homosexualität „ein Übel“ sei, „abnormal und unnatürlich“.

Einigen Staaten sollte wegen der vorherrschenden Verfolgung Homosexueller die Entwicklungshilfe empfindlich gekürzt werden. Das gefiel kath.net samt Kommentatoren nicht, im Gegenteil wurden die homophoben Staaten in die Opferrolle gedrängt.

Es ist also einigermaßen mutig, auf linken Intellektuellen rumzuhacken, obwohl Menschenrechte für kath.net eigentlich nur dann zählen, wenn sie der eigenen Sache dienlich sind.


4 Antworten auf „Warum kath.net Diktaturen feiert“


  1. 1 Stephan 26. November 2011 um 13:32 Uhr

    Weiß eigentlich noch irgendjemand, dass wir hier in Deutschland eigentlich in einer sozialen Marktwirtschaft leben, geschaffen von CDU und FDP am Anfang der BRD? Und auch wenn die SPD sie am Anfang nicht wollte, sind auch sie sehr schnell darauf eingestiegen, weil die soziale Marktwirtschaft einen entscheidenden Vorteil hat: Sie ist nicht Fisch noch Fleisch – weder reiner Kapitalismus noch reine Umverteilung.
    Die Konzentration auf eines der beiden Extreme führt nämlich entweder in die USA (kein ausreichendes Sozialsystem) oder in die DDR (keine starke Wirtschaft).
    Perfekt ist keines der drei Dinge, das weiß ich auch. Auch in der sozialen Marktwirtschaft gibt es noch Leute, die durch alle Netze fallen, aber selbst für die gibt es glücklicherweise kirchliche und andere gemeinnützige „Auffangbecken“.

  2. 2 Administrator 26. November 2011 um 20:31 Uhr

    Ich nehme an, dass wir hier auf keinen gemeinsamen Nenner kommen werden.
    Verwerflich finde ich jedenfalls aktuell, dass zum Begleichen der Staatsschulden die Ärmsten herangezogen werden. Wenn das (weitgehende) Enteignen von Vielfachmillionären Sozialismus sein sollte, dann bin ich gerne Sozialist. ;)

  3. 3 Barkai 26. November 2011 um 20:35 Uhr

    Episodenfisch,
    du hast vergessen, dass kath.net auch den vatikan, Nicht-Unterzeichner der europäischen Menschenrechtskoncention (mit Weißrussland)hofiert. wenn ich mich richtig erinnere, ist laut Verfassung des Vatikan der Papst oberster Gesetzgeber und Richter. Von der Abwesenheit regelmäßig stattfindener, freier, gleicher und geheimer Wahlen gar nicht zu sprechen.

    @Stephan,
    nur dass die kichlichen Auffangbecken vom Steurzahler zum groen Teil finanziert werden (damit ist jetzt NICHT die Kirchensteuer gemeint, sondenr Steuern von allen steuerzahlern), wie in Frerks Buch zu den kirchenfinanzen in Deutschland nachzulesen ist.
    Etwas, was zu über der Hälfte nicht von der Kirche bezhalt/finanziert wird, sondern von der Allgemeinheit eben im Rahmen des Sozialstaates und der sozialen Markwirtschaft (da diese i.d.R. eine umfangreichere Besteuerung als die freie Marktwirtschaft vorsieht), dann den Kirchen als Auffangbecken (und eben nicht den Financiers) zuzurechnen ist eine Falschbennenung.
    Hier ist ein Artikel von Frerk in der Frankfurter Rundschau: http://www.fr-online.de/meinung/die-caritas-legende,1472602,5027372.html
    umfangreicher und mit etwas mehr Mühe verbunden, die Zahlen zu finden, aber trotzdem empfehlenswert: das Infoportal zu dne Kirchenfinanzen: http://www.staatsleistungen.de/
    Ein youtube-Nutzer hat einige Fakten des Buches zu den Kirchenfinanzen in Deutschland in einem video grafisch dargestellt: http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=MnGCdluXWmk

  4. 4 Tibor 27. November 2011 um 11:53 Uhr

    @Barkai: Zum obigen Absatz mal eine Bemerkung: Ich lese immer wieder, dass der Vatikan dieses oder jenes Dokument nicht ratifiziert habe, vor allem eben die erwähnte Europäische Menschenrechtskonvention. Das wird dann meist mit Entrüstung festgestellt bzw. soll dazu dienen, den Vatikan als nicht an Menschenrechten interessiert darzustellen. Nun ist der Vatikan meines Wissens aber kein Mitglied im Europarat, kein Mitglied der EU und auch kein Mitglied der UNO. Ich frage mich also, weshalb der Vatikan irgendwelche Dokumente von Organisationen unterzeichnen sollte, in denen er gar nicht Mitglied ist. Man könnte und sollte selbstredend den Beobachterstatus streichen, den der Heilige Stuhl in diversen Gremien genießt, aber dass der Vatikan irgendwas ratifizieren sollte, was ihn gar nichts angeht, halte ich für unsinnig.

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