Archiv für November 2011

Der heilige Schein

Einer der Hauptkritikpunkte David Bergers nach seinem Ausstieg aus dem rechtskatholischen Milieu war der verlogene Umgang mit Homosexualität: So lange Schwule in hohen kirchlichen Ämtern ihrer Sexualität im Verborgenen nachgehen, würden sie akzeptiert. Sobald sie sich jedoch öffentlich outen, beginne die Diffamierung und die Distanzierung.

Wer bisher nicht daran glauben wollte, dass auch kath.net zu jenem bigotten Traditionalistenkreis gehört, wird spätestens jetzt eines Besseren belehrt: Man stört sich nun nämlich an den Worten des Wiener Dompfarrers Toni Faber, der durch seine vergleichsweise liberalen Ansichten durchaus beliebt ist (und einen sympathischen Auftritt bei Willkommen Österreich hinlegte). Faber hat kath.net zufolge Grauenhaftes von sich gegeben:

Der Wiener Dompfarrer Toni Faber hat in der jüngsten Ausgabe des Seitenblicke-Magazins erneut mit umstrittenen Äußerungen für Aufsehen bei Katholiken gesorgt.

In einem Interview meinte Faber (Foto) auf die Frage, was er denn als Priester zu Thomas Klein – dem Geschäftsführer von „Almdudler“ – meine, da dieser schwul sei und eine „Familie“ mit Kindern habe. Fabers Antwort. „Ich finde es toll und sehr ehrlich von ihm, dass er so dazu steht. Das Leben ist nun mal voll mit sogenannten katholischen ‚Problemfällen‘.

Zum Einwurf, dass andere dies im Verborgenen lebe, meinte der Dompfarrer: „Stimmt, und das finde ich schade. Ich lehne nichts so sehr ab wie diese Scheinheiligkeit, die zum Himmel schreit.“

Wir fassen zusammen: Kritische Worte an einem notgedrungenen Leben im Verborgenen sind also „umstrittene Äußerungen“, die „unter Katholiken“ (= in der kath.net-Redaktion) „für Aufsehen“ sorgen können. Weil man sich bei kath.net aber offensichtlich bewusst ist, dass diese Sätze nicht zu einer ausreichenden Diskreditierung Fabers beitragen können, wird noch hinzugefügt:

Faber, der von Medien bereits als „Richard Lugner der Kirche“ betitelt wird, steht in der Erzdiözese Wien aufgrund seines Societylebens immer wieder in der Kritik. In den letzten Jahren wurde er zusätzlich auch damit bekannt, dass Faber zumindest 1 x im schwer betrunkenen Zustand einen Autounfall verursacht hatte.

Das hat zwar nichts mit Fabers völlig zutreffender Kritik zu tun, aber es macht sich immer wieder gut zum Abschluss eines hasserfüllten Artikels. Die Obsession mit Faber lässt sich übrigens hier in insgesamt 28 Beiträgen nachvollziehen.

Wo Roland Noé und Co. die grobe Vorarbeit geleistet haben, lassen sich die Kommentatoren nicht lange bitten und zetern um die Wette. „Waldi“ etwa:

„Wie schön“,
jetzt haben wir neben Schüller auch noch diesen „liebenswerten“ Toni Faber, der katholisch gesehen, immer wieder entgleist und polternd auf dem Holzweg weiter humpelt. Es hat gut getan, lange nichts von ihm gehört zu haben. Nun macht er sich aber wieder, zum Leidwesen Roms und der katolischen Kirche, wie immer, sehr unangenehm als Unbelehrbarer bemerbar. Er gehört zu jenen, die für alles offen – aber gerade deshalb völlig undicht sind. Dieser Faber zählt somit selbst zu den „katholischen Problemfällen“.

Auch „Dismas“ meldet sich zu Wort:

Diese Mietlinge
schaffen es doch immer wieder die „prominentesten Posten“ einzunehmen.
Mit seinem Problem selber fertig zu werden, damit tapfer zu ringen, sehe ich nicht als scheinheilig an. Eher die die uns mit „Coming OutS“ belästigen und dadurch von der Öffentlichkeit für ihr Handeln eine Art „Absolution“ erheischen wollen… Denn in der Regel gibt es da heuter ermunternde Zustimmmung für diese „Offenen und Tapferen“….

Auch „Stephan Karl“ entrüstet sich – allerdings nicht über Faber, sondern über die Homosexualität des Almdudler-Chefs:

Pui T E U F E L
und ich habe neulich an der Uni noch „Almdudler“ getrunken. Gut zu wissen was man durch sein Geld (nicht mehr) mitträgt.

„tünnes“, mit den üblichen fundamentalistischen Phrasen:

Ah….. das ist gar kein Problem wenn homosexuelle Pärchen Familie simulieren.
Nur die katholische Kirche macht da ein Problem draus. Ach so, na ja, dann ist doch alles in Butter … und alle haben mich wieder lieb……
Nein wie herzig…
Und wenn schon, dann bitteschön öffentlich und nicht im Verborgenen….
Dadurch wird die Sünde zu etwas ganz normalen und kann also ergo doch keine Sünde sein, weil es ja öffentlich, als etwas ganz normales gelebt wird….
Es ist zum speiben!

„denkmal“ bezieht sich ziemlich sachlich auf den Beitrag von „Philosophus“, der/die die rechtskatholische Kritik zu kontern versuchte:

Tatsächlich – hat man neuerdings nicht mehr das Recht seine Meinung öffentlich zu sagen ? Ist die „große Toleranz“ schon zur Meinungsdiktatur geworden? Dann gehen wir schlechten Zeiten entgegen….. – dann sind ja Stasi- und Nazijustiz nicht weit – im neuen Mäntelchen des „guten Rufes“……

„proelio“, hilfsbereit:

Wer hilft dem Dompfarrer?
Ist denn keiner da, der diesem verwirrten Mann helfen kann?
Wenn der Ortsbischof nicht will, müsste doch Rom zur Tat schreiten.

„Johanna-Maria-Theresia Grubenbauer“ erheitert mit einer Boykott-Androhung:

Gottes Segen mit Euch allen !
Danke an die Redaktion für die Aufklärung dieses Skandales.Wir werden diese Limonade zukünftig meiden und um Herrn Kleins Erkenntnis beten.

Gott befohlen !

„peregrino“ verwechselt offenbar kath.- und kreuz.net und vergreift sich etwas in der Wortwahl:

eine öffentliche Figur wie Klein ist immer auch Vorbild. nicht er als Person, aber sein niederträchtiges Verhalten muss deshalb unbedingt öffentlich verurteilt werden. es ist Ehebruch, egal ob mit Männlein oder Weiblein und das geht gar nie, ohne Ausnahmen!

Yeah! Homosexuelle Partnerschaft = niederträchtiges Verhalten. „romanpoc“ schließt sich an:

Es ist total krank, dass ein gültig amtierender Priester öffentlich eine Todsünde propagiert und als etwas Positives darstellt.

Und warum wurde der kranke Typ „tadeusz“ eigentlich noch nicht aus den Reihen der Kommentatoren verbann?:

Und warum wurde der kranke Typ noch nicht aus den Reihen der Geistlichen verbannt?

Seltsame Weltbild-Eiferer

Von Peter Hummel:

Dass bei Weltbild in den letzten 20 Jahren nicht alles so lief, wie die Bischöfe sich das vorgestellt oder gewünscht haben, ist unbestritten. Und dass ein katholisches Unternehmen mal besser keine erotische Literatur produziert und aufkauft, ebenso. Es gibt einfach im Leben, auch im Geschäftsleben, ein paar Regeln, die man besser einhält. Deshalb sind Metzger auch keine Vegetarier. Allerdings sind die Umstände, wie es nun zum plötzlichen großen Knall beim zweitgrößten Buchversender Europas kam, schon ein bisschen seltsam. Federführend in der Anti-Weltbild-Kampagne war ein privates, erzkonservatives Internetportal aus Österreich mit dem Namen www.kath.net. Von dort wurde in den letzten Wochen immer wieder – auch berechtigt – der Finger in die Wunde gelegt. Nun, nach der Ankündigung der Bischöfe, Weltbild zu verkaufen, scheint die Redaktion alles erreicht zu haben, was zu erreichen war. Damit aber nicht genug. Inzwischen geht es den Eiferern offensichtlich darum, dass alle 6500 Mitarbeiter von Weltbild exkommuniziert werden sollen, weil sie am Verkauf bestimmter Waren beteiligt waren. Das fordert ein gewisser „Sixtus“ in einem anonymen Beitrag. In einem Beitrag, der vorher von der Redaktion gegengelesen wurde, weil kath.net alle Kommentare grundsätzlich erst nach einer vorherigen Prüfung frei schaltet! Und bei einem Kommentar mit einer solchen Brisanz wird sicher zweimal gecheckt.

Hinzu kommt, dass die Internetseite zuletzt mehrere Artikel eines rechtsradikalen Historikers veröffentlich hatte und diese erst wieder löschte, als der ORF darüber berichtete. Bis heute behauptet kath.net, dass die Inhalte der entsprechenden Artikel völlig in Ordnung gewesen seien. Die Leser dürfen sich positiv zu Pius-Bischof Williamson äußern, der den Holocaust geleugnet hat – und im gleichen Atemzug behaupten, dass so mancher römisch-katholische Bischof vom Glauben abgefallen sei, weil er über die Probleme von Wiederverheiratet-Geschiedenen nachdenkt. Da stellt sich die Frage, ob die katholischen Hirten wirklich gut beraten sind, wenn sie sich neuerdings ausgerechnet von solchen Redaktionen antreiben und beeinflussen lassen.

kreuz.net, in vielen Punkten kath.net sehr ähnlich, berichtete vergangene Woche, dass der Chefredakteur von kath.net mit anderen deutschsprachigen katholischen Journalisten jüngst vom Privatsekretär des Papstes empfangen wurde. Dem Vernehmen nach haben sich einige der Herren durchaus gut mit dem kath.net-Chef verstanden. Beruhigend finde ich das nicht.

Zuerst erschienen auf ausgburger-allgemeine.de und mit freundlicher Genehmigung hier veröffentlicht.
Peter Hummel ist Journalist.

Lachen mit kath.net-Lesern

Es ist ja ohnehin schon komisch genug, wie sich kath.net daran erfreut, dass mit Norbert Goerster ein prominenter Kopf aus der Führung der Giordano Bruno-Stiftung aussteigt:

Zur Begründung führte er in einem Beitrag für die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» (Samstag) das von der Stiftung vertretene Verständnis von «Aufklärung» und «Philosophie» an. Unter anderem wertete er die Äußerung der Organisation im Zusammenhang mit dem Deutschlandbesuch Papst Benedikt XVI. «als geradezu abwegig», dass dieser «Abermillionen von Menschen weltweit zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr mit Todesfolge anstiftet».

Besonders lustig wird es aber im Kommentarbereich, wo der rechte „Waldi“ sein breites Allgemeinwissen demonstriert. Er regt sich über Michael Schmidt-Salomon auf, einen der bekanntesten deutschen Vertreter der sog. „neuen Atheisten“:

Unverstädlich ist mir, dass Giordano Bruno diesen Chef-Atheisten seiner Stiftung vorstehen lässt.

Recht hat „Waldi“! Der seit knapp 511 Jahren tote Bruno sollte da unbedingt einmal hart durchgreifen. Und bei der Gelegenheit könnte sich Galileo Galilei auch endlich mal über die nach ihm benannte Pro7-Sendung empören!

Zwei stumme Schreie nach Liebe

Es ist ja eigentlich selbstentlarvend genug von kath.net, die rechtsradikalen Terroristen der NSU zu benutzen, um den eigenen Kampf gegen links und die Evangelische Kirche voranzutreiben. Dennoch wollen wir uns die zwei aktuellen Artikel zum Thema einmal genauer anschauen.

Gestern etwa frohlockte man: „Jetzt kann alles nur besser werden!“, illustriert mit einem Bild diverser Glatzen. Der dazugehörige Artikel beschäftigt sich vor allem damit, dass die Rechten ja eigentlich gar nicht so schlimm seien – er stammt aus der Feder Helmut Matthies‘. Matthies ist idea-Chefredakteur und ein ausgewiesener Experte für rechtes Gedankengut – steht er doch den Machern der rechten Zeitschrift Junge Freiheit nahe, von denen er 2009 auch mit dem Gerhard Löwenthal-Preis ausgezeichnet wurde. Er trat auf kath.net schon zuvor in Erscheinung, als er den baden-würtembergischen SPD-Spitzenkandidaten Nils Schmid für seine türkische Ehefrau kritisierte und von einer 1200 Jahre langen Geschichte Deutschlands schwadronierte.

Diesmal ist alles anders: noch viel schlimmer. Denn Matthies beschränkt sich nicht darauf, gegen Migranten zu hetzen. Vielmehr versucht er auch die Taten der Neonazis schönzureden:

Die mindestens zehn Morde, die in acht Jahren mutmaßlich von der Gruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ begangen wurden, schockieren, auch wenn noch vieles unklar ist. Gott sei Dank handelt es sich um keine Massenbewegung, sinkt doch die Zahl Rechtsextremer seit Jahren.

Dass die vermeintlich sinkenden Zahlen von Neonazis angesichts der offenkundigen Radikalisierung nicht unbedingt Grund zur Freude bieten, damit hält sich Matthies nicht auf. Denn er hat eine andere Absicht, er nutzt die rechten Terroranschläge dazu, die Evangelische Kirche zu diskreditieren:

Die EKD könnte nun zu Recht darauf hinweisen, dass sie mehr als andere Institutionen vor Rechtsextremismus gewarnt hat. Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider hat jetzt klargestellt, warum eine rechtsextreme Einstellung scharf abzulehnen sei: weil sie alle wesentlichen Grundsätze verleugne und verletze, die das Christentum ausmachten. Damit ist ein Kriterium benannt, das es so eindeutig bislang nicht gab und das wohl überall Zustimmung finden dürfte. Beim Vorläufer der auch „Braune-Armee-Fraktion“ genannten Mördertruppe – der „Rote-Armee-Fraktion“ – gab es im evangelischen Bereich noch manche Sympathie für den Linksterrorismus, obwohl Schlüsselpersonen der deutschen Elite in Justiz, Politik und Wirtschaft weggebombt wurden. So sorgten sich 1974 in einem Offenen Brief 77 Theologen – darunter ein späterer EKD-Ratsvorsitzender – um die Haftbedingungen der Terroristen, und immer wieder hieß es, man müsse doch auch ihre Motive bedenken: den doch gar nicht so verkehrten Kampf gegen das kapitalistische System.

Obwohl sich kein schlüssiger Zusammenhang zwischen RAF und NSU finden lässt, konstruiert Matthies einen – er braucht ihn für das, was nun folgt:

Haben „Rechte“ keine Menschenwürde?

Im Blick auf Rechtsaußen sollte sich die evangelische Kirche einmal fragen, warum es ihr nicht gelingt, irgendeinen positiven Einfluss zu nehmen. Liegt es vielleicht daran, dass „Rechte“ angesichts kirchlicher Stellungnahmen den Eindruck haben, ihnen werde ohnehin die Menschenwürde abgesprochen – im Gegensatz zu Repräsentanten von Linksaußen, die sogar bei hohen EKD-Amtseinführungen mitwirken durften?

Ja, die Evangelische Kirche sollte sich schämen, dass sie sich gegen rechts engagiert! Matthies beschwert sich hier darüber, dass innerhalb der Kirche (angebliche) Sympathien für links (wofür er natürlich die RAF als Beispiel bemüht) bestünden, für seine geliebten Rechten aber nicht. Das könnte vielleicht daran liegen, dass sich den sog. Linksextremisten mit Ausnahme der RAF gute Ziele mit bisweilen falschen Mitteln unterstellen lassen – eine gerechte und friedliche Welt jedenfalls dürfte selbst einigen noch nicht allzu abgestumpften SPD-Mitgliedern als Ziel gefallen. Christian Bangel schrieb dazu kürzlich auf ZEIT Online einen lesenswerten Artikel:

Sollte man jemanden ablehnen, weil er linksextrem denkt? Kommt darauf an. Akzeptiert er Gewalt? Schwebt ihm eine autoritäre Führung vor? Dann ja. Oder besteht sein Linksextremismus darin, gesellschaftliche Güter – Geld, Bodenschätze, Arbeitskraft – radikal umverteilen zu wollen? Dann ist er vielleicht ein Dogmatiker, vielleicht ein Träumer. Jedenfalls ist er weder menschenverachtend noch gefährlich für andere.

Sollte man jemanden ablehnen, der rechtsextrem denkt? In jedem Fall. Neonazis (dis-)qualifizieren Menschen vor allem nach angeborenen Merkmalen: Ethnie, Hautfarbe, Geschlecht. Deshalb ist ihre Weltsicht selbst dann menschenverachtend, wenn sie gewaltfrei auftreten.

Helmut Matthies kommt es natürlich nicht auf Differenzierung an, er will pöbeln. Und provozieren:

Was es künftig geben müsste

Umso dankbarer kann man jetzt für den neuen Maßstab der EKD sein, schützt er doch vor falscher Einseitigkeit. Wenn also alles abzulehnen ist, was wesentliche christliche Grundsätze verletzt, dann wird es künftig – neben der vor allem, was rechts ist, warnenden Bundesarbeitsgemeinschaft „Kirche und Rechtsextremismus“ – auch eine vor links mahnende Arbeitsgemeinschaft „Kirche und Linksextremismus“ geben müssen. Schließlich ist 2010 laut Innenministerium die Zahl linksextremer Gewaltdelikte mit 2.803 zehnmal so hoch wie die der Rechtsextremen (285) gewesen. Und die zahlreichen Bahnanschläge im Oktober in Berlin wurden nicht umsonst von Bundesverkehrsminister Ramsauer als „terroristisch“ bezeichnet.

Was es also nach einer Terrorserie und von 1990-2011 insgesamt 182 Opfern rechter Gewalt geben muss: Einen stärkeren Kampf gegen links.

Helmut Matthies ist aber nach der besorgten Frage um die rechte Menschenwürde noch nicht fertig – in schönster Tradition rechter Wirrköpfe rechnet er abgetriebene Föten gegen unter Todesangst gestorbene Menschen auf und verhöhnt dabei die Opfer der Neonazis:

Nach dem Maßstab der EKD ist auch bald eine „Arbeitsgemeinschaft Kirche und Kindestötungen im Mutterleib“ zu gründen, werden sie doch sogar in einzelnen kirchlichen Krankenhäusern vorgenommen. Und hier liegt dann ja ein Fall von besonders schlimmer Fremdenfeindlichkeit vor, werden doch auch Kinder von Migranten ungefragt am Leben gehindert. Und wenn Menschen mit rechtsextremer Einstellung keine Ämter in der Kirche haben sollen, weil sie eben „die Gottesebenbildlichkeit aller Menschen und die Verpflichtung gegenüber Bedürftigen, zu denen die Fremden gehören“ (so die EKD) verletzen, dann müssten jetzt auch Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger ihre kirchlichen Ämter verlieren, wenn sie an Abtreibungen beteiligt sind. Nach der begrüßenswerten Klarstellung des EKD-Ratsvorsitzenden – was das Christentum ethisch ausmacht – kann es also mit der kirchlichen Glaubwürdigkeit nur aufwärtsgehen!

Eine Terrorserie von Rechtsradikalen zu Seitenhieben auf die Linke und die Evangelische Kirche nutzen – sympathisch.
In dieselbe Kerbe schlägt Wolfgang Polzer, der die NSU auch für idea kommentiert und dessen Artikel kath.net heute ebenfalls veröffentlichte. „Ist die evangelische Kirchengemeinschaft sehbehindert?“ titelt er, und gibt zu bedenken:

Deshalb ist und bleibt es unsere Aufgabe, unsere Sinne gegenüber jeder Form von menschenverachtender Ideologie und Gewalt zu schärfen und uns an der friedensstiftenden Kraft des Evangeliums zu orientieren.“
Klagen über Gorleben und Geflügelschlachthof sind lauter
Deshalb greift es zu kurz, Extremismus nur rechts zu verorten und Gewalt von linken Anarchisten zu verschweigen.

Auch Polzer findet also eine Gleichsetzung von links und rechts angesichts der monströsen rechtsradikalen Taten angemessen. Krissi Schröder wär stolz.
Ebenfalls schlägt er einen Bogen zur Abtreibung:

Der Protest und Widerstand sollte für Christen, ungeachtet jeder politischen Himmelsrichtung, noch weiter gehen. Denn im höchsten Maße menschenverachtend ist es auch, wenn Kindern schon im Mutterleib das Recht auf Leben verwehrt wird oder wenn sie bei einer diagnostizierten Behinderung bis kurz vor der Geburt abgetrieben werden, wie es in einem Diakoniekrankenhaus in Hannover geschieht. Menschenverachtend ist es auch, wenn behindertes menschliches Leben aussortiert wird wie bei der Präimplantationsdiagnostik (PID).

Freilich darf man, wie Meister betonte, auch die verzweifelte Lage der betroffenen Eltern nicht übersehen. Aber das Dilemma, so oder so in Schuld geraten zu können, gehört ebenso deutlich angesprochen, wie es beispielsweise im Blick auf Bundeswehreinsätze getan wird. Doch in der Öffentlichkeit ist ein Aufschrei der evangelischen Kirche gegen die vorgeburtliche Tötung etwa von Kindern mit Down Syndrom kaum zu vernehmen. Viel lauter sind in der hannoverschen Landessynode die Klagen über das Atommülllager in Gorleben (Wendland) oder einen großen Geflügelschlachthof in Wietze bei Celle. Der Einsatz von Christen gegen die Verachtung von Gottes Geschöpfen duldet aber keine Selektion.

Das erinnert unwillkürlich an einen sehr dummen Leserkommentar auf kath.net, der auf die schrecklichen Taten Breiviks folgte und von „Smaragdos“ artikuliert wurde:

Abtreibung ist ein noch größeres Übel als dieses in sich schon schreckliche Blutbad von Oslo, denn die Embryos sind total ausgeliefert: sie können sich vor ihren Angreifern weder (hinter Felsen) verstecken noch (übers Wasser) fliehen. Doch da schreit keiner auf. Nur weil die Kleinen eben noch schutzloser sind und keine Stimme haben. Wirklich schizophren, unsere Gesellschaft.

Auffällig ist, dass beide Artikel vergleichsweise wenig Kommentare erhalten haben, jeweils 10 Meinungen wurden bisher zugelassen. Vielleicht regt sich unter den Usern Protest, den Noé nicht zulassen will? Oder gibt es Kommentare, die die folgenden in Sachen Menschenverachtung, Rassismus und Dummheit noch toppen können?
Die Latte jedenfalls liegt hoch – „Matthäus 5″ etwa macht sich keine Sorgen um eine Erstarkung der rechten Szene:

Hexenjagd
Liebe Mitchristen,
wir müssen aufpassen, dass Staat und Gesellschaft nicht eine Hysterie gegen alles was – vermeintlich – rechtsradikal bzw. -extrem ist. Ich sehe in Stellungnahmen der Medien und der Politiker ein großes Potential der Volksverhetzung.

Und auch „Bonna“ zeigt sein/ihr wahres Gesicht mit einer selten dämlichen Wortmeldung:

Zustimmung
Rechtsextremens Gedankengut ist un-, ja sogar antichristlich und daher zu bekämpfen.

Was mich an der derzeitigen Art des öffentlichen Diskurses und der Medienberichterstattung regelrecht ank…tzt: Man wird das Gefühl nicht los, das sich gewisse „Gutmenschen“ über jeden ermordeten Türken freuen, weil man das so schön gegen die „Gefahr von Rechts“ instrumentalisieren kann…

„JungeChristin“, die in den letzten Wochen mit extrem rechten Gedankengut bereits auffiel, weiß, wo die Gefahr lauert: links.

Während das rechte Auge der deutschen Öffentlichkeit überall „Extremismus“ sieht, ist das linke Auge so gut wie blind. – Jedoch sind beide, der braune wie der rote Sozialismus, eine Hand in Hand gehende Erscheinung.

„Markus-NRW“ sorgt sich ebenfalls eher um sich:

In einer auf Konsens und Gleichmacherei angelegten Gesellschaft, fallen extreme Einstellungen umso mehr auf. – Wir sollen jedoch aufpassen, daß nicht eines Tages, auch die kath. Kirche wegen vermeintlicher nicht zu tolerierenden Extremen, dämonisiert und verfolgt wird. Die Mainstream gepolte Öffentlichkeit würde so etwas durchaus mitmachen !

„BergKarmel“ will einen Kampf gegen Rechts verhindern:

So grausam die Taten der Naziterroristen waren, und so dringend solche Umtriebe mit aller Härte des Gesetzes verfolgt werden müssen, so müssen wir uns doch höllisch davor hüten, nicht „auf der anderen Seite vom Pferd zu fallen“. Die momentanen Diskussionen lassen Ungutes erahnen – nämlich dass, wie schon nach den rechtsextremen Untaten Anfang der 90er Jahre – Gewalt instrumentalisiert wird, um Meinungen, die von denen der Gewalttäter meilenweit entfernt sind, zu kriminialisieren. Aus „Kampf gegen Rechts“ darf kein „Kampf gegen Recht“ werden!

„Matthäus 5″ meldet sich mit einer lupenreinen Verschwörungstheorie zu Wort, die sich auch auf Altermedia, PI oder im Kommentarbereich der NPD-Facebookseite nicht verstecken müsste:

Liebe Mitchristen,
erst nach der Aufdeckung der zugegebenermaßen völlig undurchsichtigen Geschichte ist erstmals von rechtsEXTREMEN (so viel Zeit muss sein) Terror die Rede. Davor wies nichts aber auch rein gar nichts darauf hin. Ergo kann man das nicht unter rechtsEXTREMEN Terror verbuchen sondern lediglich unter Serienmord. Dem Terror fehlte es an dem zeitnahen Bekenntnis, wie es weiland die RAF betrieben hat und damit das Volk ängstigen wollte. Dieses haben die vermeintlichen Mörder eben nicht getan und somit keinen Terror auf mögliche Opfergruppen ausüben können. Das macht auch die Geschichte eher unglaubwürdig. Daher sollte man die Entwicklung weiter beobachten, da es nicht gänzlich ausgeschlossen ist, dass die Mordserie diesen Leuten untergeschoben wurde.

„Bodmann“ erinnert an die Extremismustheorie:

eindeutig Schlagseite
mögen die Beweggründe für terroristische Aktionen auch unterschiedlich sein,so sind die inhumanen Denkstrukturen und die Brutalität auf beiden Seiten ( ob links oder rechts ) doch weitgehend identisch..So sollte jeder zivilisierte Mensch dies einhellig ablehnen.Sollte man meinen. Doch nicht so bei unseren linksgrünen Gutmenschen.Während rassistisch motivierte Gewalt -zu recht- vehement abgelehnt wird , beginnt in der Regel bei linksextremistischen Gewalttaten das große Differenzieren, und damit die Relativierung, meist unter Hinweis auf das pseudoreligiöse Wort sozal.( siehe RAF,Castro,Che Guevara etc..) Daß selbst vermeintlich ??gut gemeinte Absichten dann aus ideologischen Gründen in millionenfachen Mord ausgeartet sind ( siehe Stalin und Mao ), stört diese Herrschaften offensichtlich nicht.

Und „anninci“ schließt sich an:

Wer meint hier zu differenziern, die Linken der Rechten,
der irrt gewaltig. Bleide Extreme sind gottlos und menschenverachtend. Natürlich schlägt das Pendel mal nach links dann mal rechts stärker, aber die Verabscheuung bleibt gleich.

„Adsum“ bezieht sich auf den einzigen vernünftigen Kommentar:

Mit beiden Augen sieht man besser
@Wolfgang63
Der Vorwurf, dass es Freude der „Gutmenschen“ gäbe über getötete Türken ist natürlich überzeichnet. Anders wird man in D leider kaum noch gehört.
Dass die Morde selbst, jetzt als Vehikel gegen alles auch nur Halbrechte überdramatisiert werden ist aber leider auch wahr. Diese Untaten werden nun auch dazu benutzt, die Haltung des Staats gegenüber gewaltätigen islamistischen Gruppierung anzuklagen und dort Mäßigung zu verlangen. Das ist falsch! Ich darf nicht eine Augenklappe verschieben, ich muss sie gänzlich abnehmen.
Was mich weiterhin betroffen macht und im Artikel auch thematisiert wird: Abtreibung kommt tendenziell von Links, nicht mal Extrem…!?. Dieser 100tausend-fache Mord regt unsere Gesellschaft/Medien nicht halb so auf.

Matthies und Polzer ist das implizite Nichtglaubenwollen gemein: Da schreibt man ein Leben lang gegen die Linken an, dämonisiert den Islam – und dann sind es auf einmal Rechte, die Menschen töten. Wer konnte das schon ahnen! Und wenn man sich schon in der moralischen Zwickmühle fühlt, geht man eben in die Offensive und verbindet Sachverhalte, die nichts miteinander zu tun haben.
Traurig, dass die geistigen Vorreiter eines gesellschaftlichen akzeptierten Rassismus nicht einmal jetzt die Klappe halten können.

Letztgültiges zu Weltbild

Was war das für eine umfangreiche Kampagne, die kath.net in den letzten Wochen gegen Weltbild fuhr! Weil ich dazu schon alles schrieb, was es zu schreiben gibt, sei an dieser Stelle abschließend aus der aktuellen Titanic zitiert:

Jesus Maria, Weltbild-Verlagsgruppe!

Nur weil Du als einer der größten deutschen Buchhändler zufällig der katholischen Kirche gehörst, musstest Du Dir wegen Deines Angebots jetzt viel Hässliches vorwerfen lassen: „Weltbild-Verlag: Katholische Kirche macht mit Pornos ein Vermögen“ (Welt Online), „Pornos aus dem Kirchenverlag“ (Kölner Express), „Verbreitung von Sexbüchern, Gewaltverherrlichung, Esoterik, Magie und Satanismus“ (Berliner Morgenpost Online). Aber weshalb, Weltbild Verlagsgruppe, verteidigst Du Dich mit dem müden Hinweis, solche Titel entstammten lediglich dem Großhandelsangebot des deutschen Buchhandels und würden deshalb auf Kundenwunsch geliefert?
Warum nicht offensiv: Mit Sex- und Gewaltexzessen, Esoterik, Magie und Satanismus kennt sich seit jeher niemand besser aus als die katholische Kirche, weshalb diese Themen selbstredend ins Portfolio ihres Buchhandels gehören!

Aus: Titanic 12/2011. Briefe an die Leser, S. 6/7.