Von nichts gewusst

2009 verlief, im Rückblick betrachtet, vergleichsweise unspektakulär. Barack Obama erhielt aus zweifelhaften Gründen den Friedensnobelpreis, der Eisvogel wurde in Deutschland völlig zu Recht zum Vogel des Jahres gewählt und das Betriebssystem Windows 7 bereicherte die Computerwelt.

Angela Merkel, die im selben Jahr noch zum zweiten Mal zur Bundeskanzlerin gewählt werden sollte, verscherzte es sich 2009 mit den katholischen Fundamentalisten: Sie wagte es tatsächlich, Papst Benedikt anlässlich seiner Bemühungen um die reaktionäre Piusbruderschaft zu kritisieren. Deren Bischof Richard Williamson hatte zuvor im schwedischen Fernsehen mal wieder den Holocaust geleugnet.

Das gefiel kath.net nicht besonders: Wie konnte sich Angela Merkel (Frau! Protestantin! Angela Merkel!) einbilden, den Papst mit guten Ratschlägen versorgen zu müssen? Vorsichtshalber erstellte Roland Noé am 3.2. unter seinem Community-Nick „Gandalf“ im zugehörigen Forum den Thread „Angie gegen Benedikt“, der es auf die respektable Zahl von 974 Posts bringen sollte. Neben allerlei üblichem Geplauder darüber, dass die CDU ja spätestens jetzt für echte Katholiken unwählbar geworden sei, finden sich dort auch einige tatsächlich bemerkenswerte Beiträge.

Dass Linz, Standort von kath.net, just im Jahr 2009 zur Europäischen Kulturhauptstadt erklärt wurde, ist im Thread nicht zu bemerken. Stattdessen fallen Posts auf, die mit ’saublöd‘ noch nett beschrieben sind. Voran schreitet dabei die Moderatorin (!) „Philothea“, die mit mehr als 6000 Postings hinter „Gandalf“ auch zu den Vielschreiberinnen des Forums gehört. Weil „Philothea“ vor kurzer Zeit verstorben ist, verzichte ich an dieser Stelle auf Screenshots und unnötige Polemik gegen sie und zitiere nur ihre Beiträge.

Richard Williamson jedenfalls hatte 2008 im schwedischen Fernsehen folgende Sätze zu Protokoll gegeben:

Ich glaube, dass es gar keine Gaskammern gab […] Ich denke, dass 200.000 bis 300.000 Juden in nationalsozialistischen Konzentrationslagern umgekommen sind […] aber keiner von ihnen durch Gaskammern

Dafür hat „Philothea“ eine eigenartige Erklärung:

Bitte bedenkt das Williamson Engländer ist.
Für Engländer hat der Holocaust eine andere Bedeutung als für uns Deutsche.
Aber vor allem in England spielen andere Sachen eine wichtigere Rolle im Geschichtsuntterricht.
bitte nicht meinen, das was wir Deutschen in Geschichte lernen wäre in anderen Ländern auch so

Auf Proteste anderer User antwortet sie:

Ich denke, wir Deutschen – oder deutschsprachigen- meinen immer alle müssten über den Holocaust so informiert sein wie wir. Aus anderen Ländern die sind aber darüber meist nur schlecht informiert.
Das kann man sich auch leicht überlegen: Wieviel wissen wir über den Armeniermord in der Türkei oder über die ETA oder oder oder
…oder schauen wir in unsere eigene geschichte – wieviel wissen wir über die Rassenunterddrückung und den Ermordungen des Kaiserreiches in den Kolonien?

Abgesehen von den Unterschieden der Verbrechen und vom Umstand, dass Richard Williamson den Holocaust nicht aus Unkenntnis, sondern aus eindeutig antisemitischen Gründen leugnete, ist das noch gar nicht so schlimm. Jedenfalls verglichen mit dem, was „Philothea“ einige Tage später schreibt:

ich hab mich mit meinem Vater untehalten und da kam raus
Es gab in den 80er einen amerikanischen Wissenschaftler der Auschwitz untersucht hat und festgestellt hat das in den Gaskammern niemand umgebracht wurde, da die Wände Gasfrei waren.
Es war ein angesehener Wissenschaftler der auch Untersuchungen in den Todeskammern der USA machte.
Er stellte fest dass die Wände der Räume in denen die Wäsche von Ungeziefer befreit wurde, 10 cm tief verseucht waren, in den Gaskammern für die Menschen aber gar keine Verseuchung war.
Das publizierte er zum Schrecken für die Polen und auch Deutschen.
Es kam zum Prozeß wegen Holocaustleugnung in Deutschland. Erst hier wurde dann klar dass Auschwitz von den russischen Panzern komplett zerstört wurde und von Deutschen rekonstruiert wurde. Mein Vater hat damals für diesen Prozeß übersetzt und weiß von daher was da los war.

Wenn Williamson dieses Buch gelesen hat, dann sind seine Aussagen zu verstehen.
Und Williamson beruft sich, wenn ich das richtig mitbekommen habe auf ein amerikanisches Buch aus dieser Zeit.

Und dann eben nochmal
Engländer und Amerikaner sind lange nicht so firm in Deutscher Geschichte wie wir Deutschen ;)

Sie bezieht sich dabei auf den sog. Leuchter-Report, ein Prozessgutachten von Fred Leuchter. Es ist, wie Wikipedia schreibt, „in der Bundesrepublik Deutschland als Volksverhetzung strafbar.“
Dass „Philothea“ diesen längst widerlegten Mist nicht nur als mildernde Umstände für Williamson wertet, sondern gar als Tatsache darstellt, ist ziemlich ungeheuerlich. Immerhin widerlegt „Franziska“ diesen Unfug daraufhin. Als sich die kritischen Stimmen mehren, stellt „Philothea“ fest:

ich habe nicht geschrieben dass es richtig ist sondern dass es zu verstehen ist, dass er nicht so bescheid weiß.
Mensch Leute nur weil wir in den deutschsprachigen Ländern ab der 6. Klasse immer wieder über den Holocaust informiert werden, heißt das doch nicht dass alle Menschen auf der Welt darüber genauso gut Beschied wissen. Wir wissen über die Geschjichte anderer Länder auch nicht wirklich Bescheid.

Natürlkich ist es furchtbar, dass die Menschen über so schreckliches nicht Bescheid wissen aber es ist so.
Nur das wollte ich klar machen, ich wollte damit niemand in Schutz nehmen der den Holocaust leugnet – ok?

Und bezugnehmend auf „Franziska“:

Ach weil ich zu verstehen versuche, warum ein Mensch den Holocaust leugnet bin ich selber nicht firm in der deutschen GEschichte?
Du scheinst mich besser zu kennen als ich mich kenne ;) ;)
Es ging einfach darum mal zu versuchen aufzuzeigen dass nicht alle Menschen soviel von deutscher Geschichte wissen (und wissen müssen) wie wir deutschen.
OK?
Natürlich kann jeder mehr wissen aber nicht jeder irgendwo auf der Welt muss die deutsche Geschichte kennen – wir kennen uns ja auch nicht in den Gräueltaten aller anderen Nationen aus.

Nein es ist nicht der Prozeß gewesen den du dort aufführst – ich weiß auch gar nicht warum du nun auch noch meinst zu wissen wo und wann mein Vater bei einem Holocaustleugnerprozeß übersetzt hat ;) :P

Auf den Einwurf von „Benedictus“, von einem Bischof könnte man ein bisschen Allgemeinwissen schon verlangen, antwortet „Philothea“:

Für uns deutschen ist das Thema Holocaust ein Thema was viel beschrieben wird und viel in den Köpfen ist in allen anderen Nationen um uns herum ist das aber nicht so.

Ob ein Bischof wirklich alles wissen muss? ich finde nicht.

Und auf die Feststellung, dass der Leuchter-Report einen „zweifelhaften Ruf“ besitze, entgegnet sie:

Was heißt zweifelhafter Ruf

bis Ende der 80er war er eben nicht unbedingt in zweifelhaftem Ruf

„Anglican“, der/die im gleichen Atemzug Eva Hermann in Schutz nimmt, glänzt danach mit einem eher kruden Vergleich:

Zu Williamson: Seine Ansichten sind absurd. Ebenso ist aber diese internationale Hexenjagd absurd, die jetzt auf diesen Mann veranstaltet wird. Da wirft man der Kirche vor, in den vergangenen Jahrhunderten Andersgläubige und Ungläubige verfolgt zu haben. Und was erlebt man gerade mit Williamson? Bloß daß hier nicht die Kirche die verfolgende Institution ist, sondern die Medien in Verbindung mit den offenen, westlichen Demokratien.

Wie gesagt, ich möchte in diesem Zusammenhang auf unnötige Spitzen gegen „Philothea“ verzichten, und deshalb halte ich mich abschließend etwas allgemeiner: Es ist bezeichnend, dass eine Moderatorin, die Vorbildfunktion besitzen sollte, derartigen Unfug in ein Forum schreiben kann, während andere User für liberale Ansichten gesperrt werden. Aktuell lässt sich diese absurde Bigotterie übrigens im Thread „Christen und Erziehung“ verfolgen, in dem Posts von „tweety“ gelöscht werden, weil sich diese gegen körperliche Gewalt gegenüber Kindern ausspricht.

Mit Dank an Wilhelm für den Hinweis.


2 Antworten auf „Von nichts gewusst“


  1. 1 red one 30. Oktober 2011 um 20:01 Uhr

    Wer seine Kinder nicht schlägt ist ja auch ein Faschist! Würde er hingegen Juden schlagen wäre alles in Ordnung, aber so weit denken diese liberal-rot-grünen Gutmenschen von der Gender-Mafia ja nicht!

    …..

    Mir fällt langsam echt nichts mehr ausser diese kath-net-look-a-like Äusserungen.;)

  2. 2 Xavi 31. Oktober 2011 um 23:37 Uhr

    Ich habe einmal mit besagter Moderatorin, Gott hab sie selig, einen längeren Emailaustausch zur Hohmann-Affäre geführt. Unglaublich mit welcher Leidenschaft sie für Hohmann eintrat und wie Unrecht ihm doch getan wurde.
    Wie ein roter Faden zieht sich das durch:
    Von Hohmanns unschuldigem Vergleichen vom Tätervolk, über Fred Leuchter als einen angesehenen Wissenschaftler, bis zu den mildernden Umständen für Williamson.

    Wenn das nicht eine eindeutige Sprache spricht, welche Gesinnung sich da offenbart. Welche Leute bei Kath.net beschäftigt sind und das Sagen haben.

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