Diktatur, yeah!

Was gäbe es nicht alles über Ungarn zu berichten! Man könnte die Lage der Sinti und Roma thematisieren, die sich nach der Machtübernahme der Rechtspopulisten von Viktor Orbans Fidesz-Partei (und dem großen Erfolg der Rechtsradikalen Jobbik) drastisch verschlechterte. Man denke nur an die rassistischen und gewaltbereiten Bürgerwehren, die Roma terrorisieren – der Regierung fiel die tolle Lösung eines Abtransports der Opfer ein.

Ebenso könnte man darüber reden, dass Viktor Orban sich auch, weitgehend ohne Kritik von der EU, anschickt Ungarn neben Weißrussland zum zweiten totalitären Staat Europas aufzubauen. Die Süddeutsche hat heute einen sehr informativen Artikel dazu online gestellt:

Ungarn hatte die [Eu-Rats-]Präsidentschaft keine Woche vom Hals, da wurden in Budapest 550 Journalisten der staatlichen Medien entlassen. Im Herbst werden wohl nochmal 400 gekündigt.

Bislang traf es, kaum überraschend, vor allem Orbán-kritische Journalisten. Außerdem werden die staatlichen Medien in einer zentralen Nachrichtenredaktion zusammengefasst, deren politischer Chefredakteur Daniel Papp ist, ein Mann, der früher der rechtsradikalen Jobbik-Partei angehörte und beim rechtsextremen TV-Sender Echo gearbeitet hat.

Oder:

Die wenigen unabhängigen Medien, die es noch gibt, werden regelrecht stranguliert: Die letzten linksliberalen Zeitungen können teilweise ihre Leute nicht mehr bezahlen, weil wie von Geisterhand die Anzeigen ausbleiben. Dazu kommt eine gefährlich schwammige Vorgabe, die Ungarns Presse zu einer „ausgewogenen Berichterstattung“ verpflichtet.

Über deren Einhaltung sitzt der sogenannte Medienrat zu Gericht, der ausnahmslos mit Fidesz-Leuten besetzt ist und dessen Vorsitzende schon vor zehn Jahren verkündete, oberstes Ziel müsse es sein, „das hundertprozentige Meinungsmonopol in den Medien zu erringen“. All das ist verankert im neuen Mediengesetz, das die EU nach kosmetischen Änderungen abnickte.

Oder:

Zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit plant die Regierung die Einführung von Zwangsarbeit und Arbeitslagern. Wer länger als 90 Tage arbeitslos gemeldet ist, darf unter Polizeibewachung zu Hilfsarbeiten auf Baustellen verschickt werden. Laut der Tageszeitung Népszabadság werden die Arbeiter vor Ort in Containern untergebracht, die Baustellen dürfen bis zu sechs Stunden vom Wohnort entfernt sein.

Und so weiter. Detailliert listet der Blog Stargarten die grauenvolle Entwicklung auf – als gleichsam kurioses wie erschreckendes Beispiel sei ein Artikel zum Verbot Lou Reeds im staatlichen Radio empfohlen.

Es verwundert wenig, dass kath.net diese Entwicklungen nicht interessieren. Mag sein, dass man keine Vorbehalte gegen Sinti und Roma hat; es kümmert Roland Noé aber offensichtlich auch nicht, dass es ihnen an den Kragen geht. Oder den Arbeitslosen. Oder, natürlich, den liberaleren Medien.
Stattdessen gibt es auf kath.net wichtigeres – die rechtspopulistische Regierung richtet sich gegen Minderheiten, bevorzugt aber das Christentum. Die Süddeutsche listet auf:

Ferner beschloss das Parlament, dass nur noch 14 statt wie bisher rund 350 Religionsgemeinschaften staatliche Anerkennung genießen. Die übrigen Gemeinschaften müssen sich neu beim Parlament um die Anerkennung bewerben, die anerkannten Kirchen aber bekommen die doppelte Zuwendung aus Steuergeldern und müssen diese nicht abrechnen.

Das gefällt rechten Katholiken, und so fällt kath.net bestenfalls damit auf, Ungarn für die Erwähnung (des christlichen) Gottes in der Verfassung zu danken – so schon einmal im April geschehen.

Gestern dann glänzte kath.net mit einem Artikel, der einer SPD-Europaabgeordneten „Angriffe auf christliche Verfassung von Ungarn“ unterstellt:

Die SPD-Europapolitikerin Birgit Sippel hat schwere Angriffe auf die neue „christliche Verfassung“ der Ungarn geübt. In der neuen Verfassung wurde explizit ein Bekenntnis zum Christentum abgelegt. „Wir sind stolz, dass unser König, der Heilige Stephan, vor 1000 Jahren den ungarischen Staat auf festem Fundament geschaffen und unser Land zum Teil des christlichen Europas gemacht hat“, lautet die erste Aussage. Am Beginn stehen sogar die Worte: „Gott segne die Ungarn“. Für die SPD-Politikerin ist dies offensichtlich ein Problem. Die Fidesz-Partei versuche, „uns einzureden, dass sie eine neue Verfassung im Geiste des 21. Jahrhunderts gestalten. Aber die Rückbesinnung auf den christlichen Gott, die Betonung auf ein die Nationen erhaltendes Christentum, die Betonung der Besonderheit der Ungarn ist nun wirklich mit europäischen Werten, die die Rechte aller Menschen anerkennen, nicht in Einklang zu bringen.“, erklärt Sippel in der „Tagesschau“.

Das wirklich Schlimme an der neuen Verfassung ist vor allem der Umstand, dass damit alle anderen Religionen – und damit die Gläubigen – ausgeschlossen und weiter diskriminiert werden.
Die meisten kath.net-Leser allerdings können oder wollen nicht so weit denken, und so frohlockt „smaragdos“:

Gott segne Ungarn!

„Heimkehrerin“ schließt sich an:

Gott segne die Ungarn!

„JohannBaptist“ kreiiert:

Gott segne Ungarn

„St.Gabriel“ fällt auch etwas neues ein:

Gott segne Ungarn!

„IMEK“ lässt wissen:

Die Ideologie der Aufklärung hat bald ausgedient, weil sie nicht tragfähig ist. Wie gut wenn ein Land wie Ungarn wenigsten der Verfassung gemäß umkehrt.

„St.Gabriel“ kommt dann ein neuer Gedanke:

Wir brauchen eine 2. Aufklärung !!
denn die 1. ist gescheitert, sie endete mit der Terrorherrschaft Robespierres im Blutrausch und wurde Vorbild für die sozialistischen Diktaturen. Seit über 200 Jahren zieht sich der Totalitarismus durch die europ. Geschichte, der mit der EU wieder seine hässliche Fratze der charakterlichen Verkommenheit zeigt, eine Gesellschaft ohne Gott. Der egalitäre Gutmensch, das Herdentier, soll erschaffen werden, da steht das Christentum und mit ihm die gesamte abendl. Kultur im Wege. Konservative werden in die rechte Ecke gestellt, dabei gibt es keinen Unterschied zw. National- und International-Sozialismus = Kommunismus, denn auch Hitler und Goebbels waren Rote, Linke. Rechts = konservativ, traditionalistisch, christlich, patriotisch. Dieses Rechts-Links-Schema ist die größte Verwirrung eines totalitären Geistes, denn Linke können nur lügen, klittern und fälschen. Sie haben sich selbst vor die Wand gefahren und werden in ihren Relativierungen und Lügen ersticken.

Exakt, Hitler und Goebbels waren links; Linke hingegen „können nur lügen, klittern und fälschen“. Fail.
„Noemi“ schließlich ragt aus dem Gewirr vieler irrer Textchen noch, bezugnehmend auf einen anderen Kommentar, heraus:

Ihre Überzeugung durch unsere gleichgeschalteten Medien besser über die Lage in Ungarn unterrichtet zu sein,können wir leider nicht teilen. Einheitspartei nur weil nicht links ? Einheitspresse nur weil dort nicht nur linke Meinungen veröffentlicht werden? Ales in allem paßt Ihre Beschreibung mehr auf unsere Situation. Wir hingegen freuen uns, daß es in Europa noch Staaten gibt, die sich dem rotgrünen Einheits-und Meinungsdiktat des europäischen Parlamentes nicht beugen. Als Ungarn allein gegen einen übermächtigen Gegner kämpfte- da waren die jetzigen Mahner bzw. ihre damaligen Gesinnungsgenossen ganz still und kleinlaut und haben keinen Finger gerührt.

Dass Diktaturen für rechte Katholiken ihren Schrecken verlieren, sofern sie sich christliche Anstriche geben, lässt sich übrigens auch am Fall Robert Mugabe nachvollziehen. Der unterdrückt zwar sein Volk und lässt politische Gegner töten, wird aber vom Vatikan zur Seligsprechung von Papst Johannes Paul II. eingeladen. kath.net war das freilich keine Notiz wert.


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