Breivik und die Folgen

Es ist banal, besserwisserisch und angesichts der monströsen Taten nicht angebracht, aber: Wer in den letzten Jahren die islamophobe Szene im Internet beobachtete, konnte erahnen, dass diese rechten Terroranschläge nur eine Frage der Zeit waren. Gleichzeitig steht zu hoffen, dass Personen wie Thilo Sarrazin oder PI-Autoren zukünftig nicht mehr als Verkünder „unangenehmer Wahrheiten“ gehandelt werden, sondern als Rassisten und Idioten.

Als am Freitagnachmittag erstmals von einem Bombenanschlag im Osloer Regierungsbezirk berichtet wurde, überboten sich die sog. „Terrorexperten“ im Fernsehen in ihren Mutmaßungen, nur Islamisten könnten hinter dem Anschlag stecken. Obwohl es keine Anzeichen dafür gab und im letzten Jahr von 249 in der EU verübten Terroranschlägen „nur“ 3 von Islamisten verübt wurden, konnte es nur einen Täter geben: Muslime. Besonders hervor tat sich dabei der rechtsradikale Blog PI-News (Link führt nicht zur Seite, sondern zu einem Screenshot), der – bevor der Täter feststand – munter darüber spekulierte, wieso die Islamisten ausgerechnet Oslo zum Ziel auserkoren hätten. Auch von vermeintlich zivilisierterer Seite, der Fuldaer Zeitung, wurden ausgesprochen dumme Bemerkungen gemacht – Manfred Schermer nutzte den Anlass, um gegen eine angeblich zu liberale Einwanderungspolitik zu wettern und die Beschränkung von Freiheiten zu fordern.

Als dann bekannt wurde, dass mit Anders Behring Breivik ein blonder, (nach Selbstaussage) konservativer Christ mit Hass auf den Islam und auf Linke für die Bomben in Oslo und die Erschießung von 68 Personen auf der Insel Utoya verantwortlich war, hatte die rechtspopulistische Szene ein Problem: Es war einer der ihren, der den Terror erzeugte. In seinem über 1500 Seiten „starken“ Manifest, das sich wenige Stunden nach der Identifizierung des Täters im Internet fand, wurde dann offenbar, worauf sich Breivik berief: Henryk M. Broder war eine Inspiration (Broder sollte später auf die Frage, ob er sich wegen seiner Nennung im Pamphlet Sorgen mache, die niveauvolle Äußerung „Das einzige, worüber ich mir Sorgen mache, ist, woher ich Ersatzteile für meinen Morris Traveller aus dem Jahre 1971 bekomme“ machen), ebenso PI-News.
In Deutschlands Rechtspopulisten-Szene gab es daraufhin zwei Tendenzen: Die Rechtsaußen-Partei Pro Deutschland marschierte zum öffentlichkeitswirksamen Trauerlauf vor der norwegischen Botschaft auf. Große Teile aber reagierten weitestgehend ratlos, und verklärten Breivik entweder zum Verrückten, oder zum Demokraten. Netz gegen Nazis stellt übrigens einen sehr lesenswerten Überblick auf die rechten Reaktionen zusammen. Exemplarisch der Absatz zur von kath.net gern zitierten jungen freiheit:

Größere Teile der neurechten und rechtspopulistischen Szene in Deutschland haben allerdings nur um eins Angst: Um sich selbst. So veröffentlichte etwa die neurechte Zeitung „Junge Freiheit“ einen Kommentar, der exemplarisch ist: Autor Fabian Schmidt-Ahmad kommt in seinem Kommentar anlässlich des Attentats in Norwegen als erste Idee der Reichstagsbrand in der Nacht vom 27. auf den 28. Januar 1933. Das bringt ihn zu seiner Kernthese: Nun würde das Attentat genutzt, um einen „christlich-konservativer Terroristen“ zu konstruieren (als hätte der nicht sehr real 93 Menschen das Leben genommen). Schmidt-Ahmad stellt über das Facebook-Profil des Attentäters fest: „Mit anderen Worten: es hätte auch mein Steckbrief sein können.“ Das bringt ihn allerdings nicht zum Nachdenken über die Inhalte seiner Überzeugungen, sondern zum Klagen: „Die kolportierte Lüge vom „Extremismus aus der Mitte der Gesellschaft“, jetzt ist sie endlich wahr geworden.“ Ähnlich argumentieren auch Rechtsextreme in einschlägigen Foren, die sich selbst nun als – natürlich zu Unrecht – „verfolgt“ ansehen, weil einer von ihnen 93 Menschen ermordet. Dementsprechend klingt Schmidt-Ahmads Schlussatz „Der Schrecken dieser furchtbaren Tragödie dürfte nur der Auftakt gewesen sein“ wie eine Drohung.

Hans Peter Schütz fiel auf stern.de indes nichts Besseres ein, als darauf aufmerksam zu machen, dass auch die „linksradikale Szene“ angeblich Potenzial für einen solchen Terroranschlag böte. Innenminister Hans-Peter Friedrich beeilte sich mitzuteilen, dass in Deutschland keine Gefahr von rechtem Terrorismus ausginge – ironischerweise gab es am Montag in Leverkusen einen Brandanschlag auf ein von Sinti bewohntes Haus, der medial natürlich unterging. Dass die CDU/CSU dank Hardlinern wie Friedrich oder Kristina Schröder auf dem rechten Auge blind sind, ist leider keine neue Erkenntnis.

kath.net stellt im Fall des rechten Terroristen Anders Behring Breivik einen Spiegel der rechten Gesellschaft dar: Fassungslosigkeit, Anteilnahme, Trauer (nehmen wir an, die zu jedem Anlass geposteten Kerzenbilder und „kath.net gedenkt…“-Sprüche sind aufrichtig gemeint), andererseits aber Wut auf die Medien, Relativierung der Taten und, natürlich, Distanzierung. Schnell berichtete kath.net darüber, dass die „Kirchen erschüttert über [die] sinnlose Gewalt“ seien – als ob es sinnvolle Gewalt gäbe. In diesem ersten Artikel stellte man zur Beruhigung aller aber das Wichtigste fest:

Die Diözese Oslo hat unterdessen bekannt gegeben, dass der Terroranschlag in der norwegischen Hauptstadt offenbar keine baulichen Schäden an der Domkirche St. Olaf oder diözesanen Verwaltungsgebäuden angerichtet hat.

Am Montag veröffentlichte kath.net einen idea-Artikel, der etwas klarstellen sollte: „Der Täter ist kein frommer Christ“ will bereits die Überschrift wissen; dann kommen die (nicht so guten) Argumente:

Breivik wurde in ersten Berichten als unter anderem als „fundamentalistischer Christ“ charakterisiert, aber seine Interneteinträge offenbaren ein wirres Gemisch fremdenfeindlicher, nationalistischer, gewaltverherrlichender, religiöser und philosophischer Einstellungen. Der evangelikal-pietistischen Frömmigkeit ist er nicht zuzuordnen.

Internetbeiträge, die „ein wirres Gemisch fremdenfeindlicher, nationalistischer, gewaltverherrlichender, religiöser und philosophischer Einstellungen“ offenbaren, finden sich im Übrigen auch zuhauf auf kath.net – auch deren Urheber lassen sich nicht „evangelikal-pietistischer Frömmigkeit“ zuordnen. Einen kleinen Überblick bietet meine Kategorie Kommentare des Tages.

Wie aus seinen teilweise inzwischen geschlossenen Internet-Einträgen hervorgeht, wurde Breivik im Alter von 15 Jahren evangelisch getauft und nicht als Säugling, wie im lutherisch geprägten Norwegen üblich. In jüngster Zeit wandte er sich vom Protestantismus ab: Die evangelische Kirche sei ein „Witz“, schrieb er – mit Geistlichen in Jeans, die für Palästina auf die Straße gingen, und Kirchen, die wie umfunktionierte Einkaufszentren aussehen. Er unterstütze einen kollektiven Übertritt zum Katholizismus. Breivik gehörte Presseberichten zufolge wohl auch einer Freimaurerloge an.

Auch der Versuch, mit Breiviks Kritik an der Kirche seinen fehlenden Glauben nachzuweisen, scheitert; gerade der Punkt mit den „Geistlichen in Jeans“ erinnert an kath.net-Kritik an vermeintlich liberalen Geistlichen. Breivik waren die vorhandenen Institutionen nicht radikal genug, das schließt aber nicht aus, dass er sich auf christliche Traditionen stützt.
Bizarrerweise stürzen sich die kath.net-Leser auf den Umstand, dass Breivik einer Freimaurerloge angehören soll; das werde ich wie alle weiteren nennenswerten Kommentare in einem gesonderten Post behandeln.

Marxistische Einstellungen akzeptabel

Sein Hass und seine Kritik richten sich vor allem gegen Muslime und Kommunisten sowie eine multikulturelle Gesellschaft. Hingegen verharmloste er die Verbrechen der Nationalsozialisten. Der Islamismus habe in der Geschichte rund 300 Millionen Tote hinterlassen, der Kommunismus 100 Millionen und der Nationalsozialismus sechs bis 20 Millionen. Alle Hass-Ideologien sollten gleich behandelt werden. Marxistische Einstellungen seien in Schweden und Norwegen akzeptabel geworden, während Patriotismus und konservative kulturelle Werte als extrem gälten.

Die Überschrift soll wohl in die Irre führen, Breivik erscheinen „marxistische Einstellungen“ natürlich keineswegs als akzeptabel. Auch hier fallen die frappierenden Übereinstimmungen seiner Ausführungen mit denen von kath.net-Lesern auf.

Nach diesem nicht wirklich aufgegangenen Versuch, jede eigene Ähnlichkeit mit Breivik zu verwischen, folgte heute der Überschrift „Der Täter ist kein frommer Christ“ die Steigerung „Norwegischer Attentäter definitiv kein gläubiger Christ“:

Der norwegische Attentäter ist definitiv kein gläubiger Christ. Dies hat Anders Behring Breivik in seinem im Internet veröffentlichten Manifest sogar selbst zugeben. Auf der Seite 1307 schreibt Breivik dazu: „Ein religiöser Christ ist man, wenn man eine persönliche Beziehung mit Jesus Christus und Gott hat. Ich selbst und viele andere, welche wie ich sind, haben nicht unbedingt eine persönliche Beziehung mit Jesus Christus und mit Gott. Trotzdem glauben wir an das Christentum als eine kulturelle, soziale, identitätsstiftende und moralische Plattform. Dies macht uns christlich.“

Einer ähnlichen Argumentation folgt auch die FAZ, wenngleich Reinhard Bingener dort festhält:

Sich selbst bezeichnet Breivik in einer Selbstauskunft, die Teil des Pamphlets ist, als „100prozentigen Christen“, der zunächst mäßig religiös gewesen sei, später Agnostiker und nun wieder mäßig religiös.
[…] Breivik ruft zu einer Zerstörung der evangelischen Kirche auf, deren Mitglieder zum Katholizismus konvertieren und eine europäische Einheitskirche bilden sollten.

kath.net fährt indes fort:

„Breiviks Vision ist ein Christentum ohne Christus. Im Manifest wird Jesus nur als Widerpart zum Islam erwähnt.“ Für Breivik ist das Christentum nur „ein Mittel, europäische Selbstidentität zu erhalten“, dazu steht es „nicht einmal im Widerspruch zu ‚heidnischen’ Elementen, etwa aus Breiviks eigenem nordischen, auf Odin ausgerichteten Erbe, wenn er auch selbst argumentiert, dass das Kreuz eine stärkere Symbolkraft habe als Mjölnir, der Hammer Thors. Doch die Initiationszeremonie, welche Breivik für ‚Tempelritter‘ plante, sah kein Kreuz vor, nur Kerze, Schwert und Totenkopf.“

Diese Versuche, Breivik krampfhaft als nicht-christlich zu entlarven, sind lächerlich. Er mag nicht der Definition Noés entsprechen, der christliche Glauben hat allerdings bekanntlich viele Gesichter. Wären die kath.net-Macher empathiefähig, sie könnten sich just in diesem Moment in die Gedanken der Muslime versetzen, die seit 9/11 (gerade auf christlichen Seiten) unter Generalverdacht stehen. Ähnlich den Islamisten benutzt Breivik seine Religion für politische Ziele – man könnte sich nun die Frage stellen, wieso das in der heutigen Zeit noch ohne weiteres möglich ist, und wieso sich Breiviks Äußerungen kaum von denen deutschsprachiger Rechtspopulisten unterscheiden.
kath.net hat aber eine andere Vermutung, wie es zu den Taten kommen konnte:

[Theologieprofessor] Schmalz wies auch auf den Einfluss des Computerspiels „Warcraft“ mit dessen Walhalla-Gedankengut hin.

Genau. Im Zweifelsfall sind immer die Computerspiele schuld.

kath.net belässt es aber nicht bei diesen Artikeln, heute erschienen noch zwei sich gegenseitig widersprechende weitere. Zuerst wird der Osloer Bischof Bernt Eidsvig zitiert:

Eidsvig mahnte, im Zusammenhang mit den Attentaten „sehr vorsichtig“ mit Begriffen wie christlichem Fundamentalismus umzugehen. Der Attentäter habe versucht, den christlichen Glauben für seine Zwecke zu vereinnahmen, betonte der Bischof: „Man muss die Begriffe auseinanderhalten.“ In Norwegen lebten auch fundamentalistische Christen, so Eidsvig, „aber die würden so etwas nie tun und sie sympathisieren auch nicht mit ihm“.

Knapp zwei Stunden später postete man einen Artikel, in dem der welterfahrene CSU-Politiker Thomas Goppel das Gegenteil behauptet:

Fundamentalistische Christen gibt es nicht, kann es nicht geben. Zu einer solchen Schlussfolgerung kann jemand nur kommen, wenn er ein völlig falsches Bild vom christlichen Glauben hat.“ Ausgangspunkt der „Frohen Botschaft“ und von daher des christlichen Lebensauftrags für den Menschen ist das Wohl des Nächsten, nicht seine Gängelung oder gar Vernichtung. Wir alle, jeder Mensch hat seinen Wert und seine Würde, als Abbild der Liebe Gottes. Er und sie können damit individuell ganz anders, ganz unterschiedlich sein, so eben, wie es die persönliche Lebensführung vorgibt. Jede(r) von uns steht dabei für den Anderen/die Andere mit in der Pflicht: In der Gemeinschaft den individuell besten Grad der Tüchtigkeit zu erreichen, ist und bleibt das Ziel – ein Leben lang und für alle.

Wie liebevoll die angeblich nicht fundamentalistischen Christen auf der Basis ihres friedvollen Glaubens mit ihren Mitmenschen umgingen, darüber geben Geschichtsbücher Aufschluss. Oder die Evangelikalen in den USA, die Abtreibungsärzte ermorden. Oder die Hasstiraden gegen Homosexuelle/Muslime auf kath.net.

Ich will mit diesem Post kath.net selbstverständlich keine Mitschuld an den Terroranschlägen geben – nicht nur, weil Breivik kein Deutsch lesen kann. Dennoch, und damit möchte ich schließen, sind die Lesermeinungen bei kath.net keinesfalls weit von den Ansichten des rechtsradikalen Terroristen aus Norwegen entfernt. Unter einem im Februar erschienenen Artikel, in dem kath.net darüber berichtete, dass Asylbewerber in Norwegen „Homo-Ideologie“ ausgesetzt würden, schrieb User „mystic“ den folgenden Kommentar:

wenn die westliche Kultur als Homo-Kultur dargestellt wird, werden die Muslime erst recht Gründe
haben, den Westen zu verachten.

Niedergang des Abendlandes ist bereits vollendet.

Keine Kultur mehr, nur Dekadenz und Konsum.

Kommentare der kath.net-Leser zum Thema folgen in einem separaten Post.


4 Antworten auf „Breivik und die Folgen“


  1. 1 Glamypunk 27. Juli 2011 um 5:32 Uhr

    Als ich damals das erste Mal kath.net ansurfte, dachte ich zuerst, das wäre eine Satireseite, mit der sich jemand über die Katholiken lustig machen wollte. Ich war ziemlich erschrocken, als ich feststellte, dass der Blödsinn dort wirklich so gemeint ist. Ich bin es heute noch.

  1. 1 Breivik und die Folgen ii « Episodenfisch Pingback am 28. Juli 2011 um 0:48 Uhr
  2. 2 Die beständige Furcht vor dem Barbarischen « schmalhansküchenmeister Pingback am 28. Juli 2011 um 17:42 Uhr
  3. 3 Probiers mal mit Gelassenheit « Episodenfisch Pingback am 18. August 2011 um 9:52 Uhr

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