Der Extremismus der Mitte

Während man die politischen Aussagen der kath.net-Leser guten Gewissens als „diffus“ bezeichnen kann und vielleicht gar sollte, so bleibt doch ein gewisses Unwohlsein: Was, wenn solche Menschen eines Tages vielleicht tatsächlich einmal das Sagen bekämen?
Wie es einst auch in Deutschland aussehen könnte, führen unsere Nachbarn vor: In Dänemark, den Niederlanden, Belgien, Frankreich, der Schweiz und in Österreich sind rechtspopulistische bis -extreme Parteien stark im Kommen oder eben schon etabliert.
Ganz offenbar sind nicht nur die Leser auf dem rechten Auge blind – kath.net selbst berichtete in den letzten Wochen begeistert über die Entwicklungen des europäischen Rechtsrucks.
Am 30. März glänzte man etwa mit einem kritiklosen Artikel über Ungarn:

Ungarns Regierung unter Premier Viktor Orbán (siehe Foto) hat einen Entwurf einer überarbeiteten Verfassung vorgelegt, der die linke Opposition in Aufregung versetzt. Davon berichtet Welt Online. „Sie wollen eine Art totale Diktatur schaffen“, wettert etwa Attila Mesterhazy, Chef der oppositionellen Sozialisten. Die Fidesz-Partei, die mit einer Zweidrittel-Parlamentsmehrheit regiert, plane die Einsetzung der neuen Verfassung bereits zu Ostern.

Die Präambel beginnt mit den Worten: „Gott segne die Ungarn.“ Der Stolz der Ungarn auf ihr Land und auch auf seine christliche Prägung kommt deutlich zum Ausdruck: „Wir sind stolz, dass unser König, der Heilige Stephan, vor 1000 Jahren den ungarischen Staat auf festem Fundament geschaffen und unser Land zum Teil des christlichen Europas gemacht hat“, lautet die erste Aussage.

Wahnsinn: Gott in der Verfassung! Da kann es einem ja völlig egal sein, dass in dem extrem rechten Klima mit Unterstützung von Fidesz und Jobbik Roma nicht mehr sicher und im Gegenteil Zielscheibe rassistischer Überfälle sind. Aber, hey! denken sich die kath.net-Leser, und so schreibt „roxana“ nur:

Respekt!

„Marcus“ interpretiert „Linksoppositionelle“ auf unnachahmliche Art und Weise:

Danke Viktor Orban! Das ist ein wunderbares Vorhaben.
Und wer zum Kuckuck ist Mesterhazy? Der mit der „totalen Diktatur“?

Die Marxisten sollen in Ungarn überhaupt den Mund halten nach jahrzehntelangen Verbrechen.

„Sudeticus“ glänzt mit gänzlich unreflektiertem Volks-Begriff:

m Land der Krone des Hl. Stephan
Die Ungarn sind eben noch ein „Kulturvolk“ mit ungebrochenem Selbstverstaendnis, einer langen Geschichte und tiefen christlichen Traditionen.
Fuer wahr: Gott segne die Ungarn!

„Lukas Martin K.“ hat noch Visionen:

Glückliches Ungarn – armes Deutschland
Angesichts solcher Pläne können wir Deutsche doch nur vor Neid erblassen. Welcher Politiker hätte bei uns den Mut und das Rückgrat, solche Ideen auch nur zu äußern?

Aber um der harten Realität ins Auge zu schauen: Würde eine solche Verfassung überhaupt noch zu unserem durchsäkularisierten Post 68-Deutschland passen?

„Waldi“ findet:

Es ist schon ein gewaltiger Irrsinn, wenn man, um den Schwulen, Lesben und der millionenfachen Abtreibung zum „Recht“ zu verhelfen, Gott entrechtet und seine Gebote missachtet.

„JohannBaptist“ schließlich entlarvt die deutschtümelnde Romantik:

Gott segne die Ungarn
die Keimzelle des künftigen christlichen Europa.

Wobei das Verständnis von „christlich“, das kath.net-Leser so pflegen, hierzulande tatsächlich glücklicherweise nicht mehrheitsfähig wäre.

Schauplatzwechsel. Am Wochenende triumphierte in Finnland eine Partei, die schon im Namen verrät, wieso sie nicht ideal für eine Regierungsbeteiligung ist: Die „Wahren Finnen“, die ihren Wahlkampf vor allem mit nationalistischen, EU-kritischen und fundamentalchristlichen Parolen bestritt und letztlich fast 20% der Stimmen erreichte. Auch dieser Tiefpunkt in der finnischen Demokratie findet bei kath.net Anerkennung:

Zum Wahlerfolg der „Wahren Finnen“ bei den Parlamentswahlen am 17. April in Finnland haben offenbar viele Christen beigetragen. […]
Im Wahlkampf hatte sich die Partei unter Führung des Katholiken Timo Soini gegen den EU-Rettungsschirm für finanzschwache Länder wie Griechenland und Portugal gewandt sowie für einen Ausstieg Finnlands aus der EU ausgesprochen. Im Parteiprogramm stehen aber auch einige Punkte, die für Christen interessant sind, etwa die Ablehnung von Abtreibungen und gleichgeschlechtlichen „Ehen“. Das hat sie für Konservative attraktiv gemacht, sagte der Vorsitzende der Finnischen Evangelischen Allianz, Timo Keskitalo, gegenüber idea. Seiner Ansicht nach ist der Erfolg der „Wahren Finnen“ zu einem Großteil eine Reaktion darauf, dass die etablierten Parteien in ethischen Fragen weitgehend liberale Positionen vertreten. Dazu komme die Sorge vieler Bürger vor einem wachsenden Einfluss von Muslimen.

Absolut verständlich – 8.200 Muslime bei über 5 Millionen Einwohnern können ja durchaus Anlass zu Sorgen darstellen – keinesfalls darf man also von Panikmache oder gar „Rechtspopulismus“ sprechen. Meint jedenfalls User „st.michael“:

Deutsche Sicht
Deshalb werden die „Wahren Finnen“ hier auch so schlecht beleumundet.
Unsere Hetzpresse geht halt mit Anders Falschdenkenden sehr rabiat um.
Ein zeichen das solche Patrteien gute Ziele haben.

Auch „Eichendorff“ denkt so:

Es ist erfreulich
dass sich die Finnen, wie auch die ihnen verwandten Ungarn, nicht der E-Diktatur des Relativismus beugen. Beschämend sind die negativ-intoleranten Kommentare in deutschen und östereichischen Medien, zumal den Ungarn gegenüber, die soviel zur Überwindung des eisernen Vorhangs beitrugen

„Kajo“ macht sich eigene Gedanken:

Nicht intolerant
Die Kommentare in den „Deutschen Medien“ sind nicht intolerant, sondern bewusst negativ, ja man möchte schon fast sagen bösartig, da der erwähnten Presse ein christlich geprägtes Europa einfach zuwider ist. Besonders beliebt sind bei dieser Presse Angriffe auf die kath. Kirche und hier besonders auf den Papst und ihm nahe stehende Bischöfe.

„krak des chevaliers“ schließlich glänzt mit wundervoll unbedarfter Sprachwahl bezugs z.B. „Homosexualisierung“, „Diktatur“ oder eben „Volk“:

warum nicht aus bei uns?
Eine solche Partei wie die „wahren Finnen“ müsste es auch bei uns in Deutschland gehen. Es geht ja nicht um einen billigen Nationalismus oder um Fremdenfeindlichkeit, es geht schlicht und einfach darum, die natürlichen Lebensgrundlagen und die nationale Identität zu bewahren und alles abzuwehren, was diesen Anliegen schadet. Dazu gehört natürlich auch der Kampf gegen die Homosexualisierung und Genderisierung eines Volkes und gegen das Verbrechen der Abreibung. Leider aber finden gerade diese Verirrungen ihre größten Förderer in der EU. Es ist gut zu sehen, dass in einigen europäischen Ländern wie Ungarn und Finnland nun der Widerstand gegen die Brüsseler Bürokratendiktatur wächst. Die Völker sind nicht so dumm, wie manche Leute es meinen. Finnen und Ungarn geben ein gutes Beispiel. Hoffentlich erwacht der Widerstand auch bald in den anderen europäischen Nationen.

Dass kath.net und Leser extrem rechtes Gedankengut in der Politik nicht erst seit einigen Wochen gutheißen, lässt sich übrigens besonders gut an älteren Artikeln mit USA-Bezug rekonstruieren. Im November des vergangenen Jahres etwa erschien ein Artikel, der bewusst die komplette Irrationalität und den Rassismus der us-amerikanischen Tea Party-Bewegung ausklammerte und sie auf vermeintlich christliche Werte reduzierte.

Eine kleine Hoffnung allerdings gibt ein kath.net-User namens „Irustdim“:

@Welch ein Unterschied
In Baden-Württemberg trugen die Christen für den Sieg antichristlichen Positionen entscheidend ab. In Finnland das Gegenteil!!!


1 Antwort auf „Der Extremismus der Mitte“


  1. 1 Diktatur, yeah! « Episodenfisch Pingback am 02. August 2011 um 22:39 Uhr

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